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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 80
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Fünfzehntes Kapitel

Tiefe, lange, in ihrer Dauer peinlich wirkende Stille folgte auf den Vortrag. Julian barg die glühende Stirn in beiden Händen, sein Herz klopfte gewaltig. Lang lag er so – für seine Ungeduld, seine Erregung allzulang währte das eisige Schweigen seiner Hörer. Endlich sprang er leidenschaftlich auf: »Menschen«, rief er, »Freunde, ich habe euch (euch zuerst, euch allein!) mein Innerstes, mein Bestes, ja mein alles gegeben (die Frucht des Grübelns von sieben Jahren!), und ihr – ihr habt kein Wort darauf? Ich bitte euch, ich flehe euch an, redet! Nur nicht dies starre Schweigen! Sprich, Jovian, mein Jovian, was hast du mir darauf zu sagen?«

Tief aufseufzte der Treue, dann sprach er kopfschüttelnd, traurig: »Vergib mir. Du weißt ja, ich bin kein Gelehrter. Ich – ich hab es nicht verstanden!« – »Nicht verstanden? Was mir, wie ich voraussetzte, bald jeder Bauer hinter dem Pfluge, jeder Winzer mit der Hippe verstehen soll? Aber du, mein Grübler, mein Zweifler, Serapio, was sagst du?«

Jedoch Serapio schwieg und schloß die Augen; auch er seufzte. »Antwort will ich, Germane!« rief Julian ungeduldig. »Was – was hast du mir darauf zu sagen?«

Da sah der Gefragte auf mit ernstem Blick, und nach langem Zögern sprach er: »Armer Freund!«

»Was soll das heißen?« rief Julian, außer sich, mit pochenden Schläfen. »Das soll heißen...« Der Franke sprang auf: »O Julian! Freund! Freund meiner Seele! Du bist verloren. Du und all dein Trachten.« – »Was fällt dir ein?«

»O zürne nicht, daß ich die Wahrheit sage. Das Ganze, o Julian, ist dein eigenstes Hirngespinst. Aber auch nur dir eigen! Dichtung, Philosophie, Mystik und – Aberglaube. Kunstvoll und glänzend zusammengesponnen. Es schimmert wie in Tau und Sonnenschein ein Spinngewebe. Aber es verträgt wie dieses nicht die leiseste Berührung! Du bist und wirst bleiben dein einziger Bekehrter. Du bist zugleich dein Oberpriester und deine ganze Gemeinde. Den Philosophen muß deine mystische Phantastik abstoßen, den frommen Heiden deine Verflüchtigung der altgeliebten Götter in bloße Symbole, den Juden, den Christen schon deine Vielgötterei, während doch der Begriff der Gottheit die Mehrzahl ausschließt. Was also bringst du? Wissenschaft? Von Beweisen hast du nicht die Spur eines Schattens eines Scheins! Religion? O Freund, soll die Mutter, deren Kind in toddrohendem Fieber liegt, zu deiner ›Idee‹ beten oder zu Gott ›Helios Nummer Eins‹ oder zu ›Helios Nummer Zwei‹? Soll der Blinde diesem deinem Helios danken? Welches deiner Götter-Symbole hat ein Ohr, ein Herz für Hoffnung, Wunsch und Furcht? Und damit willst du das Christentum und das Heidentum ersetzen? Armer Freund! Du bist verloren!«

Abermals entstand ein langes, banges, schmerzliches Schweigen.

Tief, nicht in seiner Eitelkeit, diesmal in seinem edelsten Kern, war Julian getroffen. Er ging an das Fenster, sah zu dem dunklen Nachthimmel empor und zerdrückte eine Träne in den Augen.

»Ganz allein – auf Erden! Nur Helena ... dort ... auf jenem Stern.«

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