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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 75
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authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Zehntes Kapitel

Mit ganz besonderem Eifer gab sich der »Erneuerer der Götter« der Erneuerung des Schönen hin, das von jeher mit der Verehrung der Olympier und von da aus über das gesamte Leben der Hellenen und der Römer so viel Schimmer verbreitet hatte.

Die künstlerisch angelegte Seele Julians – mit allen Fehlern dieses Vorzugs reich behaftet – fühlte sich von dem Christentum, abgesehen von dem Inhalt der Lehre, abgestoßen durch das düstere, freudlose, ja der schönen Form Feindliche in der Gestaltung des Gottesdienstes »der Gräber«, wie er grollte.

Noch gab es keine eigenartige christliche Kunst, die Gotteshäuser, die »Basiliken«, waren ja ursprünglich zu weltlichen Zwecken bestimmt gewesen, und weder von christlicher Tonkunst noch von christlicher Malerei konnte damals die Rede sein; am wenigsten aber von christlicher Bildhauerei, die ja von dieser Religion – schon wegen der naheliegenden Versuchung zur Darstellung des Nackten, das heißt des durch die Erbsünde verteufelten Fleisches – geraume Zeit streng abgewiesen und verworfen ward.

Der Künstler in Julian empfand von den mancherlei Unbilden, die unter Constantius dem Heidentum von der bei Hofe begünstigten Lehre zugefügt wurden, am bittersten, daß gar oft christliche Eiferer aus Glaubenswut, aus todfeindlichem Haß gegen das Schöne, aus Furcht vor dem verführerisch schönen Sinnlichen, oft aber auch ganz einfach aus Habsucht, aus Raubgier die schönsten Kunstwerke der Antike, Bildsäulen der Götter und Göttinnen, Reliefs, Mosaiken, Gemälde, zumal aber zahllose Gebilde des Kunsthandwerks, die Darstellungen aus dem Götterglauben darwiesen, doch auch wohl ohne solche fromme Beweggründe oder Vorwände zerschlagen, verbrannt, ihres Schmucks von Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen entkleidet hatten.

Mit unnachsichtiger Strenge ließ der Wiederhersteller der Schönheit diesen entführten Tempelschätzen nachspüren und sie auf Kosten der Schädiger oder Räuber wiederherstellen und an die Weihstätten zurückschaffen. Aber das meiste blieb doch unwiederbringlich zerstört oder verloren. Mit Seufzen sah der Herrscher bei dem Wandeln durch die Straßen und die Umgebung von Byzanz, wie in allen Städten, die er in diesen Jahren von Paris, von Wien bis an den Bosporus hin durchzog, in gar vielen Tempeln, die er wieder öffnen ließ, die Nischen oder die Fußgestelle der Götterbilder leer, ihres schönen Inhalts, ihrer ehrwürdigen Lasten beraubt, die Altäre zertrümmert, auch die Säulen durch Beilhiebe beschädigt. Ebenso vermißte er in den Hainen, in den öffentlichen Bädern, in den Gärten der Gymnasien der Städte, gar oft den Schmuck der Kunstwerke, deren Zerstörung oder Entführung manche Spuren oder die Klagen der zurückkehrenden Götterpriester bezeugten. Tief griff der Freund der Götter, der Kunst und der Künstler in den Säckel des Staates, auch auf dessen Kosten diese Lücken auszufüllen, diese Verluste zu ersetzen. Die starken Einsparungen, die er an der verschwenderischen Hofhaltung erzwang, erleichterten diese Ausgaben.

Allein der feinsinnige Kunstverständige hatte noch bitterer über anderes zu klagen: über den Mangel an Künstlern. Hätte ihm nicht sein leidenschaftlicher Wahn in der Hauptfrage, dem tragischen Hauptkampfe seines Lebens, den sonst so scharfen Blick verfinstert, er hätte die innere Unmöglichkeit der Göttererneuerung auch daraus schon erkennen müssen, daß jetzt, bei aller Begünstigung durch den Herrscher, bei aller Anspornung durch Ehren und Gold, sich nirgends echtes Künstlertum in den Dienst der Olympier und des Imperators stellte.

Die Götter waren tot.

Und tot der fromme, der begeisterte Sinn, der ihnen in der Kunst gedient hatte. Stümper, Nachahmer, Übertreiber in Menge drängten sich zu den lockenden, reichbezahlten Aufträgen – dieses Kunstgesindel ward bald ebenso frech und goldgierig, wie das von seinen Freunden mit Recht gescholtene der »Philosophen« und »Rhetoren« –, aber echte Künstler blieben aus.

In trüber Stimmung hatte Julian wieder einmal in seiner »Kunsthalle«, einem Säulengang des Palastes, gemustert, was jene Afterkunst in Ausführung seiner letzten Aufträge da eingeliefert hatte, als sein Blick zuletzt auf eine Bildsäule fiel, die sich, bescheiden, in einer Ecke verbergen zu wollen schien. Es war eine herrliche Venusstatue. Julian trat bewundernd, bald entzückt, näher.

Da entdeckte er unter dem Fußgestell halb hervorragend einen schmalen Streifen Papyrus. Neugierig zog er ihn heraus und las: »Ihrem Erretter die gerettete Venus von Arles!« – »Artemidor!« rief er voller Freude. »Ja, wahrlich! Freilich, es ist nur eine Nachbildung der hohen Göttin. Aber wie wunderschön! – Artemidor! Überall hab ich nach ihm forschen lassen, mir zu helfen bei jedem Werk für die Schönheit. Nirgends war er zu finden! Wo mag er nur stecken?«

»Hier«, antwortete eine liebenswürdige Stimme, und hinter dem dunkelgelben Vorhang der Säulenhalle trat der junge schöne Korinther hervor. Julian eilte auf ihn zu und faßte ihn an beiden Händen. »Hab ich dich endlich! Warum kommst du so spät zu mir?« – »Die Kunst soll zu den Herrschern nicht mit leeren Händen kommen – und noch weniger der Künstler. Wir müssen geben – ihr – mit Dank – empfangen. Es ist besser, daß ihr Fürsten undankbar seid, als daß wir Künstler aufdringsam scheinen. Ich ward nicht früher fertig. Mußte ich doch aus der Ferne – nach den damals flüchtig aufgezeichneten Maßen – arbeiten. Es ist nur eine Nachahmung. Allein ich meine: Wer nicht Vollendetes neu schaffen kann, soll lieber, als Stümperhaftes schaffen, Vollendetes vollendet nachbilden. So müssen Epigonen sich bescheiden. Ich schenke dir die schöne Göttin, Herr.«

Und der Jüngling neigte sich anmutig und stolz und wandte sich zum Gehen. Aber Julian hatte ihn schon am Mantel gehascht; dabei sah er, daß dieser Mantel und das Gewand darunter recht alt und traurig abgetragen waren. »Halt, Freundchen! Weh dem, dem die Götter erscheinen und der sie sich entgleiten läßt. Du bleibst fortab hübsch bei mir, bis dich der Gott ... welcher ist dein besonderer Schützer?« – »Phöbos Apollo.« – »Bis unser Gott dich abholt. Ich habe unabsehbare Arbeit für dich! Ich kann nur die Herrschaft, du sollst die Schönheit der Götter erneuern. Ungezählte leere Tempel harren der Ausfüllung, trauernde Fußgestelle der Wiederkehr der schönen Last. Wie ich Heermeister habe, sollst du mein Kunstmeister sein, mein ›magister artium‹ neben den ›magistri militum‹. Auf! Schaffe selbst, bilde nach! Suche überall nach den entführten Göttern – bis in den Krypten der Basiliken! Nach den verstümmelten Göttinnen, denen sie, diese unreinen Priester, die Sklaven ihrer unterdrückten Begierden, die stolzen, keuschen Brüste abgeschlagen haben; aus Furcht vor ihren eignen Sinnen, aus bösem Bewußtsein ihrer durch ›Fleischabtötung‹ wahnsinnig gewordnen, befleckten Phantasie. Und stelle du sie her in ihrer jungfräulichen Reinheit, ihrer fraulichen Weibesherrlichkeit! Vollmacht geb ich dir, unbeschränkte Vollmacht, das Reich des Schönen auf der Erde wiederaufzubauen. Kaufe, enteigne, mit einer Hand, die aus dem Vollen schöpft! Zu dem Wahren und dem Starken füge sich das Schöne! Bekränzt soll mir das Schwert des Römers von dem Kranz hellenischer Anmut sein! Sprich! Was forderst du zuerst – wie viele hunderttausend Solidi? Aber, du selbst, du siehst elend, darbend aus! Ich erfuhr doch... man sagte, du bist der Sohn des reichsten Kaufherrn zu Korinth ...« – »Ich war's. Aber ...« – »Nun, aber?« – »Der Vater ... er ist sehr fromm ...! Der Bischof von Korinth ist sein Bruder; der will jenen Reichtum für seine Kirche sichern.« – »Nun, was ist's?« – »Der Vater hat ... mich verstoßen und enterbt.« – »Warum?« – »Weil ich nicht von den schönen Göttern lassen kann. Und ich kann's doch nicht! Lieber verhungern. Ja, lieber seinen Fluch ertragen.« Tränen traten in die dunklen Augen des Jünglings; er wankte. »Vergib die Schwäche. Es ist nur ... der Mangel. Ich hatte vorgestern die letzte Münze den Lastträgern bezahlt, dir die Göttin in dein Haus zu bringen.« Da fing Julian den Sinkenden in den Armen auf. »Getrost, Artemidor! Hat dich dein Vater um der Götter willen verstoßen, nehm ich dich um der Götter willen an als Sohn. Komm mit mir. In die Bäder des Palastes! Und dann zum Abendschmaus in dem göttergeschmückten Saal. Dort – unter ihren Augen – wollen wir planen, die entgötterten Tempel und Haine wieder zu erfüllen mit sieghafter Schöne. Dir, geliebter Sohn, übergebe ich – als meinem Statthalter für das Schöne – mein ganzes Reich – vom Rheine bis zum Nil, von den fernsten Atropatenen bis in Britanniens Nebelgestade. All dies Unermeßliche, das ich einst nicht fassen konnte, zu denken, es ward nun mein, es zu beglücken! Noch ist es entstellt, aber du sollst es mir wieder schmücken!«

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