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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 74
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authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Neuntes Kapitel

Julian hatte die schwierigen, umfassenden Gesetzentwürfe über die Behandlung der Christen und die Wiedereinführung des Götterdienstes, des »Hellenismus«, wie er den geläuterten Götterglauben amtlich nannte, mit Lysias zusammen beraten wollen. Absichtlich ließ sich der Schlaue lang erwarten: Die Sehnsucht nach ihm sollte wachsen, seine Unentbehrlichkeit sich schmerzlich aufdrängen. Aber er war diesmal allzuschlau; oder vielmehr zog er Julians feurige Ungeduld nicht in Rechnung.

Erfüllte doch nichts mehr als dies des jungen Herrschers Geist! Jeder Tag der Säumnis schien ihm ein Undank gegen die Götter. Und da nun sein Berater immer noch nicht kam, da beriet er sich selbst.

Als Lysias endlich eintraf, legte ihm Julian die fertigen Entwürfe vor; zornig erkannte der Priester seinen Fehler. Vor dem Entschluß hätte der ehemalige Schüler sich manches von ihm sagen lassen, jetzt an dem Beschlossenen Erhebliches ändern, das widersprach seiner sehr hohen Meinung von sich selbst. So mußte sich Lysias widerstrebend, knirschend, fügen in alles, wovon ihm das meiste verhaßt war in tiefster Seele. Als er Einwendungen gegen Hauptsachen vorzubringen wagte, merkte er mit Schrecken, daß diese langen Jahre aus dem Knaben einen Mann, aus dem Schüler einen sich überlegen erachtenden Gelehrten und vor allem einen an widerspruchslosen Gehorsam gewöhnten Cäsar und Imperator gemacht hatten.

In stummer, ohnmächtiger Wut ging er an dem ersten Abend dieser Besprechungen zurück in seine Wohnung bei den Bädern Constantins. »Unabänderlich«, grollte er, »unabänderlich sind – so hat er geprahlt – der Götterleugner im Purpur, diese meine Beschlüsse.« – So? Laß sehen, ob sie nicht – in der Ausführung – zu ändern sind, nach der Götter und meinem Willen. Die Vollstreckung hat er mir vertraut, und allgegenwärtig ist er nicht in seinem Reich. Sollen diese gottlosen Christen jeder Strafe für das Vergangene entgehen? Nein, ihr großen Götter, ich hab's geschworen, euch zu rächen, und ich halte meinen Schwur, sei's mit, sei's gegen seinen Willen. Und mein Ägypten – ich legt es ihm so nah, mich als seinen Vertreter in allen göttlichen und in allen staatlichen Dingen hinzusenden... er wich aus! Er wollte nicht verstehen. Aber er soll! Ich will ihm dort am Nil bei dem Völklein, das ich kenne und beherrsche wie mich selbst, ich will ihm dort einen Sturm anblasen, daß er mich bei Isis und Osiris bitten soll, hinzueilen und das Toben zu beschwören. Und dann erfüllt sich doch an mir noch das Wort der Sterne: »Ägyptens königlicher Priester.«

 

Bald nach seiner Ankunft ward Lysias abermals, wegen einer Besprechung über die neuen Maßregeln, in den Palast berufen. Hierbei ward er zum erstenmal in das Schreibgemach des Herrschers geführt, auf dessen Erscheinen er zu warten hatte. Julian fand den Priester ganz versunken in dem Anstarren einer weißen Marmorbüste, die oberhalb des Ruhebettes an der Wand angebracht war. »Wer ... wer? O sprich, Herr! Wen stellt dieses Bildnis dar? Ist es eine erfundene ...?«

»O nein«, seufzte der Witwer. »Es ist das wohlgelungene, das sprechend ähnliche Bild meines geliebten Weibes. Kurz vor ihrem Tode...« – »Zu Paris, nicht wahr?« – »Von geschickter Hand eines Freigelassenen aus Rom geschaffen. Ich sah noch niemals solche Ähnlichkeit.« – »Ich... ich... auch nicht!« stammelte Lysias, in brütendes Sinnen versunken. »Was sprichst du da? Du hast sie ja nie gesehen.« – »Nein, freilich nicht. Vergib! Aber ... ich kenne ... eine andere ... ein Mädchen, das ihr ... das dieser Büste zum Verwechseln gleicht.« – »Dann möge sie mein Auge niemals schauen! Es wäre mir zu schmerzlich! Unertragbar war es.« Betroffen, bestürzt sah ihn der Priester an. »Wer weiß«, flüsterte er dann vor sich hin. »Die Zeit ändert manches.«

»Hier kommen schon durch das Atrium«, sprach Julian, »die Freunde, die ich mit zu unsern Beratungen ziehen werde.« – »Welche Freunde?« – »Nun, selbstverständlich Jovian und Serapio.« Mit schlecht verhohlenem Mißmut vernahm es der Priester: »Wozu, Julian? Einst – im Kloster, in Rom, in Macellum – genügten wir beide.«

»Gewiß«, lächelte dieser, »dort war ein Schüler und ein Lehrer. Hier ist ein Herrscher und ein Berater, warum nicht deren drei? Und ich habe meine besonderen Gründe. Du und ich – allzu einseitig eifern wir für die Götter –, wenn wir sie auch sehr verschieden denken! Leider noch, bis ich dich ganz bekehrt habe!« Lysias schloß die Augen, deren grimmigen Ausdruck zu verbergen.

»Serapion aber ist unbefangen gegen alle Arten von Glauben; und Jovian, nun, er ist – vermöge seiner nüchternen Gerechtigkeit – der Anwalt der Galiläer.« – »Er ist doch ungetauft?« – »Gewiß! Das will ich meinen! Aber er haßt doch nicht alles Galiläische wie du – und wie ... im tiefsten Vertrauen«, lächelte er, »sei's gesagt, das meiste davon – der Imperator Julianus hasset. Siehe, da sind die Freunde! Willkommen, Serapio. Hast du Nachricht aus der Heimat?« – »Mein Vater leidet unter dem Alter, meldet Mälo, der treue Nachbar. Entlaß mich bald. Was kann ich dir hier in Byzanz – im tiefen Frieden – nützen?«

»Die Last der Arbeit erdrückt mich nahezu, ich muß getreue Helfer haben; und geschickte. Zwar bin ich jetzt so weit, daß ich den Ersten anhören, dem Zweiten antworten, zugleich dem Dritten schreiben, an den Vierten und Fünften ein Schreiben diktieren kann. Aber ach, wie langsam schreiben die Schreiber! ›Den Blitz‹ schelten und rühmen mich Feinde und Freunde. Meine Diener müssen jeden andern Tag völlig ruhen, sie können nicht Schritt halten mit dem Flug meiner Arbeit; darum müssen die Freunde mir beispringen. Du mir im Frieden helfen? Mehr als du ahnst. Auch ruft vielleicht schon bald der Perser uns ins Feld, gegen den zu kämpfen du dich ja nicht weigerst. Und du, Jovian? Hast du Antwort auf den Brief, den ich dir an die Meinen nach Marseille auftrug? Wann kommen sie?«

»Sie zögern immer noch. Die edle Mutter scheut die Reise und den Lärm des Hofs. Ihre Augen...« – »Ich lade sie demnächst dringend noch mal. Nun nehmt Platz auf den Polstern dort und laßt uns beginnen. Also ich bitte euch, die Punkte, wie ich sie aus dieser Zusammenstellung euch vortrage, kurz aufzuzeichnen und die Ausarbeitung der Vorschläge unter euch zu verteilen.

Meine Grundgedanken sind hierbei: durchaus nicht – wahrlich – will ich etwa meine Lehre allen meinen Untertanen aufzwingen. Ich ehre jeden Gott, der eines Volkes ist! Jeder Volksgott duldet die andern neben sich. Aber der Gott der Christen ist unduldsam, er will der Alleinige sein. Ja, mehr noch, alle Götter, die Hellas schön und Rom ganz groß gemacht haben – böse Dämonen, Teufel sollen sie sein. Und alle gläubigen Heiden, wie mein Lysias dort, und alle ungläubigen Zweifler, wie dieser Serapio hier, sollen auf ewig zu höllischen Qualen verdammt sein. Aber mehr, mehr noch! Diese Lehre ist im höchsten Maße staatsfeindlich, die ganze Menschheit, durch die Erbsünde verderbt, soll sich von der Erde reuig abwenden, nicht hier ist ihre Heimat; Arbeit ist eine Strafe, eine Folge des Sündenfluches, ebenso aber sind Recht und Staat nur notwendige Folgen des Sündenfalls, Krücken, die der Kranke braucht, der Genesene verächtlich wegwirft. So hat ein Papst mich belehrt! Uns aber sind Recht und Staat notwendige Güter der Vernunft, nicht notwendige Übel. Wie kann der Galiläer ein Herz haben für den durchteufelten Staat, da ja des Menschen Sohn doch demnächst niedersteigen wird – er wird jetzt schon dreihundert Jahre erwartet – aus den Wolken, dem ganzen sündhaften Heidenstaat ein Ende mit Schrecken zu bereiten, zugleich mit dem Teufel! Diese Lehre ist – mehr noch als staatsfeindlich – staatsverächtlich. Ich bekämpfe sie als Schildhalter des Staates. Gewiß werd ich sie nie mit Gewalt verfolgen, aber mit aller Kunst, mit allen Mitteln des Geistes bekämpfen. Nicht Haß, Mitleid verdienen diese Armen, denen das Herrlichste: Staat, Philosophie, Kunst nur gefährliche Versuchungen sind. Daher zuerst und vor allem ein Edikt, das volle Duldung aller Bekenntnisse verheißt, aller, ohne Ausnahme.«

»Auch unsittlicher Übungen?« fragte Lysias. »Es gibt Sekten der Christen, die sich selbst verstümmeln, um sich die Erbsünde auszutreiben.« – »Ja«, entgegnete Serapio. »Es gibt aber auch Tempel der Aphrodite, der Astarte, der Isis – jawohl, Lysias, auch der Isis – wie der Kybele, in welchen die Preisgebung der Jungfrauen zum Gottesdienst gehört.« Lysias wollte heftig antworten, jedoch Julian unterbrach: »Gemach! Selbstverständlich straft das Recht eine Tat, die ein Verbrechen ist nach weltlichem Recht, auch dann, wenn der Beweggrund ein Irrglaube ist.« – »Und wenn die Christen sich weigern«, fragte Lysias; – »sie haben's schon zuweilen getan – im Kriege Blut zu vergießen?« – »So werde ich sie zwingen. Denn dies Muß ist staatsnotwendig.« – »Und wenn sie sich – wie von jeher – weigern, dem Genius des Imperators zu opfern?« fuhr Lysias fort. »So wird Julian sie hoffentlich nicht zwingen!« rief Jovian. »Gewiß nicht! Denn das ist nichts weniger als staatsnotwendig. Im Gegenteil, abgeschafft wird die Verehrung des Imperators als eines fast göttlichen Wesens, eines »Numen«, wie der fromme Constantius noch sie hingenommen hat. Ich weiß zu gut, wie wenig »göttlich«, wie traurig menschlich ich bin. Aber haltet mich nicht auf mit solchen Querfragen. Weiter! Die jenen Priestern von meinen beiden Vorgängern gewährten besonderen Vorrechte und die ihnen aus der Staatskasse bezahlten Geldbezüge hören auf. Die Hellenisten bezahlen die Kosten ihres Gottesdienstes selbst und allein, ich will die Galiläer nicht von gleicher Frömmigkeit abhalten. Und zudem ist ja der Armut und Niedrigkeit das Himmelreich verheißen; wohlan, ich will sie nicht davon aussperren, indem ich sie reich und ansehnlich mache.

Ferner, die Galiläer haben herauszugeben alles Tempelgut, Liegenschaften, Gebäude, Gelder, Weihgeschenke und Gerät von Gold und Silber, die sie unter Constantius mit Gewalt an sich gerissen oder bei diesem Herrscher erschlichen haben, sie müssen allen Schaden ersetzen, den sie durch Zerstörung von Tempeln und Hainen und Götterbildern in diesen angerichtet haben; die Strafe für die Tempelschändung sei ihnen erlassen. Aber schon jener Ersatz wird ihnen teuer zu stehen kommen, den Bischöfen!

Hat doch schon Constantin das Gold und Silber, das er zur Erbauung dieser seiner Hauptstadt brauchte, zum großen Teil dadurch gewonnen, daß er in ganz Griechenland und Asien die goldenen und silbernen Götterbilder aus den Tempeln und Hainen reißen und einschmelzen ließ. Schadet ihnen nicht, den Rundlichen, von unserem Raube Gemästeten, werden sie ein bißchen magerer und ärmer. Im Gegenteil. Die Reichen kommen ja, wie gesagt, nur mit solchen Schwierigkeiten durch die Himmelspforte wie die Kamele durch ein Nadelöhr. (Was ich mir für das Nadelöhr, also das Himmelreich, noch unbehaglicher vorstelle als für die reichen Kamele! Ich erleichtere ihnen also den Eintritt!) Du, Lysias, schreibe zum Beispiel den durch Hungersnot bedrängten Galiläern von Pessinus, ich wolle ihnen gern helfen, ihnen Vorräte aus meinen Speichern schicken. Aber vorher müssen sie die große Göttermutter versöhnen, deren Erzbild, von mir im Winter errichtet, einige galiläische Glaubenswütriche umgestürzt haben im Frühling, der darauffolgende Mißwachs des Sommers ist ohne Zweifel die von Kybele gesendete Strafe. Erst wenn die zürnende Göttin wieder versöhnt ist, helfe ich den Leuten dort; denn, wie sagt Homer in der Odyssee?

›Denn ein frevelndes Tun ist's, solchen gütig zu helfen, welche in Feindschaft und Haß zu den seligen Göttern entbrannt sind!‹

Auch alle galiläischen Sekten – ›Ketzer‹ nennen sie die Rechtgläubigen – haben gleiche Rechte mit diesen; alle Kirchen, die ihnen Constantius zugunsten seiner Lieblinge, der Arianer, weggenommen, werden ihnen zurückgegeben, alle von Constantius verbannten, eingekerkerten Bischöfe und Priester der

Rechtgläubigen sowie der nicht arianischen Ketzer werden befreit und zurückberufen auf ihre Bischofsstühle.«

»Aber nicht Athanasius!« rief erschrocken Lysias.

Staunend wandte sich Julian zu ihm. »Warum der eine nicht? Fürchtest du ihn?« – »Ich fürchte nur die Schuld der Götterlosigkeit. Aber dieser Mann! Laß dich warnen, Imperator. Ich kenne ihn, er ist gefährlich, er ist – bisher – unüberwindlich gewesen. Ruf ihn nicht in Amt und Würde und in seine große Macht zurück – in meinem Ägypten!«

»So ist er schuldig?« – »Das ... das will ich nicht sagen. Aber...« – »Dann gibt's kein Aber.« – »Nicht du hast ihn verbannt, es ist also nicht deine Schuld; aber laß es dabei.« – »Damit es meine Schuld werde? Nein! Er komme nur! Womöglich auch... nach Byzanz!« – »Niemals. Du weißt nicht, was du tust.« – »Doch! Ich lade ihn zum Geisterkampf und der unbesiegte Sonnengott wird auch diesen Gefürchteten besiegen. Weiter. Auch die Juden sollen unbekümmert ihrem Jehovah dienen. Ich habe die schweren Anklagen, welche die Galiläer wider sie erheben, geprüft und sie meistens unbegründet gefunden; ungerechte Steuern, mit denen man sie belastet hatte, hebe ich auf ... Ja, mit diesen Hebräern hab ich etwas ganz Besonderes vor.« Er blätterte in seinen Aufschreibungen und lächelte vor sich hin, erfreut über seinen Vorsatz. »Sie sind zerstreut über die Erde, seit Titus Jerusalem zerstört hat und den Tempel. Wohlan, ich will sie wieder zu einem Volke machen. Dann werden sie viele ihrer Fehler ablegen und viele ihrer Vorzüge entfalten. Aus allen Provinzen des Reiches sollen sie zurückwandern nach Palästina, die Armen von ihnen auf meine Kosten, ja sie sollen wieder ein Volk sein neben anderen Völkern. Und«, fuhr er leuchtenden Auges fort, »hat nicht der Galiläer geweissagt, der Tempel solle nie mehr wieder hergestellt werden? Wohlan, ich werd ihn Lügen strafen, aufbauen sollen die Juden ihren Tempel zu Jerusalem; unter meinem Schutz. Und damit das Werk gewiß aufs eifrigste gefördert wird, habe ich die Leitung des Ganzen einem frommen und geschickten Juden aus ihrem Priesterstamme der Leviten, Simon Alypius, übertragen, einem gar kundigen Baumeister und treuerprobten Mann; unsern Freund Simon – ihr erinnert euch an den halben Gelehrten und halben Helden von Naissus? – hab ich ihm als Beschützer beigestellt. Steht der Tempel herrlich wieder da, dann ist diese Weissagung widerlegt, wie längst schon die andre, daß noch bevor das Geschlecht ausgestorben, das die Kreuzigung sah, des Menschen Sohn wiederkehre in den Wolken, zu richten die Lebendigen und die Toten.«

»Das hat er so, so nicht ganz gesagt«, meinte Jovian. »Doch«, widersprach Serapio, »er hat es gesagt!« – »Ja«, schloß Julian, »Matthäus XVI, 28 steht es: ›Wahrlich ich sage euch, es stehen hier etliche, die werden des Todes nicht sterben bevor sie gesehen haben werden des Menschen Sohn kommend in seiner Königsmacht.‹ Und ähnlich Marcus XIII, 26 und 30.«

»Das geht auf die Zerstörung von Jerusalem«, wandte Jovian ein. »So sagen die Apologeten«, lächelte Julian. »Aber da kam doch nicht der Sohn Jehovahs, sondern der Sohn Vespasians.«

»Oder es geht auf Johannes, der nicht starb, sondern entrückt ist bis zum Jüngsten Tage.« Julian staunte: »Woher auf einmal, o Jovian ...? Aber es heißt ›etliche‹, nicht ›einer‹.« Jovian verstummte, doch er schüttelte seufzend das Haupt.

Aber der Imperator fuhr fort: »Das ist dein erstes Amtsgeschäft, Lysias. Du verfassest diese Aufforderung an alle Juden des Reiches, läßt sie anschlagen an die Tore meiner Paläste, an ihre Synagogen, auch – hörst du – an alle Tore der Kirchen.« – »Das ist boshaft«, sprach Serapion. »Und es reizt zwecklos«, warnte Jovian. »Ja freilich«, brach Lysias los, »und diese Lämmlein darf man nicht reizen, auch wenn sie dreißig Jahre wie Wölfe gewütet haben.« – »Haben sie nicht getan«, entgegnete Jovian. »Nur Constantius und ein paar Bischöfe...« – »Schlag's nur an«, lachte Julian. »Sie werden sich ärgern. Aber wie sagt der Spruch: ›Es ist notwendig, daß Ärgernis in die Welt kommt‹.« – »Aber wehe dem«, fiel Jovian ein, »durch den da Ärgernis in die Welt kommt.« – »Ei, ich staune immer mehr! So bibelfest? Seit wann? Der Briefwechsel mit Marseille ist wohl lebhaft? Aber noch mehr, Lysias, du versammelst morgen schon die Hebräer hier in Byzanz (es sind ihrer viele!), verkündest ihnen meinen Willen, meinen Aufruf bei Trompetenschall, daß alles Volk herbeiläuft, hörst du? Um die zehnte Stunde, wenn die Leute aus den Bädern kommen, und geleitest ihre Lehrer und Ältesten zu mir hierher in den Palast. Ich schenke ihnen die Hälfte der Baukosten.

Aber weiter. Auch vom Feinde muß man lernen. So verhaßt mir vieles, das meiste an dem Galiläertum, es ist nicht zu leugnen; sie haben auch gute, nützliche, heilsame Einrichtungen, freilich nicht erfunden! Denn auch ihr berühmter Satz, auf den sie sich soviel zugute tun, von der Feindesliebe, von der Nächstenliebe, von der Pflicht des Mitleids, sie haben ihn wahrlich nicht zuerst gedacht und geübt.

Wie sagt doch schon der göttliche Homer?

›Nahet ein Fremdling sich, auch ein Ärmerer, meinem Gehege,
Gerne nehm ich ihn auf: denn den armen Gast wie den reichen, – Beide sendet sie Zeus ...‹

Wir haben Witwen- und Waisen- und Armen- und Kranken-Stiftungen, ungezählte, von frommen Heiden, guten Bürgern ihrer Vaterstädte, errichtet. Aber die Nazarener tun viel darin in Worten, auch in Werken; wohlan, tun wir es ihnen nach.

Sie haben gar viele Seelen gewonnen durch wohltätige Werke und Einrichtungen. So durch die Fürsorge für Fremde; schon habe ich nun ebenfalls solche Xenodochien errichten lassen, in welchen auch Galiläer und Juden unentgeltlich zu verpflegen sind, denn das tun die Galiläer auch unsern Glaubensgenossen. 30 000 Scheffel Weizen und 60 000 Sextarien Wein habe ich jährlich bloß für die Provinz Galatien hierzu angewiesen. Und auch wir wollen sorgen für Kranke, ja auch für Tote, um deren Bestattung sich niemand kümmern will.

Aber auch einen ehrbaren, keuschen Lebenswandel der Priester verlange ich, wie ihn die Geistlichen der Galiläer alle führen sollen und viele wirklich führen; so schrieb ich jüngst an Arsacius, den Pontifex für Galatia, er solle seinen Priestern den Besuch der Schauspiele und der Wirtshäuser untersagen. Hierbei ist auch aus der Kirchenzucht der Bischöfe manches herüberzunehmen. So habe ich jüngst über einen Priester des Poseidon, der sich mit einem Weibe vergangen hat, als sein Pontifex maximus eine dreimonatliche Enthebung von jeder priesterlichen Verrichtung ausgesprochen und werde dies auch für die Priester des Hellenismus zur Regel machen.

Jedoch mit dem Hochmut und mit der Hoffart der Bischöfe sollen unsere Priester nicht auftreten; verboten hab ich ausdrücklich, daß ihnen, auch den Oberpriestern, bei ihrer Ankunft in einer Stadt die Beamten feierlich entgegenziehen und daß sie sich von unseren Kriegern in die Tempel geleiten lassen.

Ferner: Die Klöster der Feinde wirken zwar sehr schädlich (ich hab's erfahren!), aber jedenfalls sehr stark, zumal in den mit ihnen verbundenen Erziehungsanstalten für das heranwachsende Geschlecht. Hier wird der falsche Glaube planmäßig und geschickt gelehrt. Wohlan, machen wir's nach! Ich werde hier in Byzanz und in jeder größeren Stadt des Reiches, in Verbindung mit einem Tempel, solche Erziehungsschulen für den Unterricht im Hellenismus ins Leben rufen; und zwar nicht nur für Kinder, auch für Jünglinge und Jungfrauen, welche von Philosophen und von Priesterinnen in die tieferen Geheimnisse unseres Glaubens, in die sinnbildliche Bedeutung der Mythen eingeführt werden sollen. Mir schwebt vor, zum Beispiel ein Mädchen wie meine Schwester (die mir wieder bedenklich von den Tempeln hinweg zu den Gräbern, das heißt den Kirchen, zu neigen scheint!) in einer solchen Anstalt in der Wahrheit festigen zu lassen. Was meinst du dazu, du, ihr Freund, Jovian?«

»Ich glaube, sie würde sich nicht wohl fühlen in einer solchen Bekehrungsanstalt, sowenig wie du im Kloster.«

»Das darf man nicht vergleichen! Aber weiter. Galiläer dürfen an den Hochschulen und den andern öffentlichen Lehranstalten nicht Lehrer sein. Denn sie lehren, was mit dem Zweck und mit dem Strafrecht des Staates unvereinbar ist. Räuber und Ohrfeigenausteiler dürfen nicht ermutigt werden durch die Einschärfung, daß man jenem zu dem geraubten Mantel das Wams, diesem nach der geschlagenen rechten die linke Wange darzureichen habe. Dabei kann kein Staat bestehen!«

»Wer mich schlägt, den schlag ich wieder«, nickte der Germane, »und müßt ich darum stracks zur Hölle fahren.«

»Galiläer dürfen auch nicht mehr als Schüler oder als Lehrer an den öffentlichen Anstalten Unterricht nehmen und Forschungen betreiben in Grammatik, Rhetorik, Philosophie, Dialektik, Logik. Wollen sie die Götter Homers und Hesiods für Teufel halten, so sollen sie auch nicht ihrer Schönheit froh werden, sondern sich begnügen, in ihren Basiliken immer und immer wieder Matthäus und Lukas auszulegen und mit Johannes, Petrus aber mit Paulus in Übereinstimmung zu bringen. Nach ihrer eigenen Lehre ist das Himmelreich nur derer, die da arm an Geist und einfältigen Herzens sind. Ich sorge also für ihr Seelenheil, indem ich sie vor höherer Bildung schütze. Die Logik vollends könnte ihnen das Glauben zuweilen erschweren. Wie schreibt Paulus an die Korinther (im ersten Brief, ich meine, im ersten Kapitel, im 19. Vers)? ›Oh, ich bin bibelfester als mancher Bischof!‹«

»Ja«, unterbrach Jovian, »auch der Teufel beruft sich auf die Bibel, sagen die Christen.«

»›Ich will umbringen‹, heißt es dort, ›die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen‹, und im folgenden: ›Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu Schande machet.‹ Und wie heißt es bei Matthäus V, 3? ›Selig sind, die da arm sind am Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich‹. Wir wollen sie also beileibe nicht am Geiste bereichern und damit des Himmelreichs berauben. Ihr Paulus hat ihnen verboten, von Opferfleisch zu kosten. Er hätte ihnen auch verbieten sollen, an der Literatur der Griechen zu naschen. Die ist für ihren Glauben viel gefährlicher. In allen Stücken ferner will ich die altrömischen Gesetze und Einrichtungen aufrechterhalten wissen, denn die Götter haben sie geschaffen, sonst hätten sie sich nicht so trefflich bewähren und die Größe Roms begründen können.«

»Solche Erneuerung des Altrömischen«, wandte Serapion ein, »hat schon vor zweihundert Jahren dein Vorgänger im Purpur, Hadrian, versucht. Hat es gefruchtet? Nein! Denn er konnte nur die alten Gesetze, nicht die alten Römer wieder lebendig machen.«

»Aber die großen Götter können die jetzigen Römer mit dem alten Geist erfüllen.« – »Wir wollen's abwarten«, schloß Serapion ruhig. »Ferner. Selbstverständlich kann ich nicht plötzlich der vielen Galiläer entraten, die im Heer und als Richter hohe Stellen einnehmen. Allein in Zukunft werden sie nur noch ausnahmsweise zugelassen; verbietet ihnen doch ihre Lehre, das Schwert des Kriegers oder des Richters zu führen.« – »Das ist nicht wahr«, entgegnete Jovian laut. »Doch!« – »Wer Blut vergießt ...« – »Das will nur sagen ...« – »Ah bah! Es kann so gedeutet werden, das genügt!« – »Aber«, sprach Lysias ungeduldig, »das soll nun alles sein? Wo bleibt die Rache, die Strafe für die Frevel, welche die Christen all diese Jahre gegen uns verübt haben? Du verlangst nur Herausgabe des Entrissenen, aber Wiedervergeltung, Strafe, Rache, davon wollen deine Edikte schweigen?«

»Kein Wort von Rache! Auch Strafe nur in den ärgsten Frevelfällen! Hierüber wie über die Wiederherausgabe muß, von Fall zu Fall, in jeder Provinz in jeder Stadt, Untersuchung gepflogen, dann, nach sorgfältiger Prüfung, entschieden werden. Dies Amt ...«

»Gib mir, Julian!« rief Lysias leidenschaftlich, mit wild funkelnden Augen. Warnend sah Serapion auf den Herrscher. Jovian, der ihm zunächst lag, wagte heimlich, bittend, die Hand auf seine Schulter zu legen.

Doch Julian schüttelte schon mit seinem Lächeln die dunklen Locken: »Im ganzen Reich? Du allein? Das wäre wohl der Arbeit allzuviel.«

»Nun denn, für ein paar Provinzen. Für Ägypten vor allem, mein Heimatland! Ich heische das, es ist meine erste Bitte, Julian, als Lohn für meine Lehren im Kloster Hagion.« – »Nun gut! Es sei: Ägypten, auch Kilikien und andere Provinzen des Orients.« – »Nicht auch einige des Abendlandes? Gallien?« Allein Julian fuhr fort: »Jenes Kloster war auch auf altem Tempelgrund erbaut, aber du brauchst es nicht in den Kreis deiner Untersuchungen zu ziehen.« – »Weshalb? Die Zucht dort... das heißt, die Unzucht...« – »Es ist der Erde gleichgemacht und an seiner Stelle wird ein Tempel der Vesta errichtet. Es war mein erster Befehl aus Byzanz. Abt Konon ist tot. Weißt du, wer jetzt Abt war? Theodoretos!« sprach Julian schaudernd. »In der Wasserleitungsgrube wurden sie (wie damals!) auf frischer Tat ergriffen. Sie sind in die Bergwerke von Sardinien verurteilt. Widernatürliche Enthaltung predigen sie, und jedes widernatürliche Laster ist die Folge. Scheußlich ist sie, jene heilige Fleischabtötung. Wartet, ihr Schandbuben! Keusch ist das Licht, keusch ist der Mensch, der ihm dient. Drum hört weiter! Du, Serapio, das ist deine Sache (schon Tacitus rühmt euch um eure Reinheit) du entwirfst mir ein Edikt gegen die Hetären. Was die Bischöfe lehren, aber oft selbst verletzen, der Imperator wird's erzwingen mit dem Schwerte des Rechts. Und nun vernehmt zum Schluß!« sprach er, einen Papyrus vom Tische nehmend, »diese Ansprache an Galiläer und Hellenisten, die ich euch jetzt verlese, wird morgen in allen Städten meines Reiches auf dem Marktplatz angeschlagen.

Die Galiläer hassen das Menschengeschlecht und das Leben! Während doch schon der Stagirite gelehrt hat, daß der Mensch ein notwendig auf den Staat, die Gemeinschaft angewiesenes Geschöpf ist, fliehen die Galiläer aus Stadt und Staat in die Wüste. Sie suchen den Martyrtod, sie geißeln sich, sie stellen sich nackt auf Säulen in Sonnenbrand, in Wintereis. Und daran soll nun Gott Freude finden! Aber andrerseits: Von den Feinden, auch von den Galiläern, muß man lernen, was sie Gutes haben. Gleichgültig, nachlässig im Opfern gegen die Götter sind auch jetzt noch die Hellenisten, nachdem sie doch wieder opfern dürfen, ja sollen. Wie beschämen uns die Galiläer, die da lieber sterben für ihren Glauben, als daß sie – das heißt die Juden-Christen – etwa Schweinefleisch oder Ersticktes äßen! Ferner: Wir Diener der Götter dürfen nicht den Galiläern den Ruhm lassen, allein Menschenliebe zu üben; wie die Götter die Menschen, sollen wir alle unsere Mitmenschen lieben, fördern, unterstützen. Wie die gnädigen Götter unser Leben nicht nur notdürftig fristen, sie, die uns Häuser, Kleider, Waffen, Geräte zu bilden gelehrt, uns Wein und öl und Gold und Silber gegeben (dessen die Tiere entbehren), so wollen auch wir Reichen den armen Mitmenschen spenden, an deren Armut nicht die milden Götter, nur die Habgier der Menschen und ihre harten Gesetze schuld sind. Ach, ließen die Götter einmal Gold regnen, die Reichen stellten alle Schalen auf und stießen die Darbenden zurück! Wir aber wollen unablässig Almosen spenden; wie Helios unablässig uns allen sein Licht. Ja, auch unsern Feinden müssen wir helfen, die Gefangenen in den Kerkern aufsuchen, jeden Fremden aufnehmen und verpflegen, auch den Ärmsten, auch ihn sendet uns ja Zeus Xenios! Dürfen wir uns seinem Altare nahen, nachdem wir dem Fremdling unser Haus verschlossen? Sind wir Menschen doch alle Brüder, alle vom Blute des Zeus entstammt. Denn als der Gott die Welt erschuf – so lehren hohe uralte Mysterien –, verletzte er sich an den Händen, Tropfen seines Blutes fielen zur Erde, und aus diesen Tropfen erwuchsen ein Mann und ein Weib: die Stammeltern aller Menschen. Deshalb ist es Pflicht, die Götter zu ehren, gegen alle Menschen wohlwollend, keusch und mäßig an Leib und Seele zu leben. An der reinen Seele des Menschen aber ergötzen sich die Götter, wie ein altes Orakel sagt, nicht minder als an der Pracht des Olympos. Welche Liebe der Götter zu dem Menschengeschlecht!

Die Bilder der Götter aber beten wir nicht an, wie uns die Galiläer vorwerfen, sondern wir verehren die leiblosen Götter in ihren leibhaftigen Bildern. Freilich ist es nicht ein Bedürfnis der Götter, Opfer und Gebete zu empfangen, aber frommen Gemütern ist es Bedürfnis, Opfer und Gebete darzubringen. Die Bilder der Götter sind uns nicht Götter, aber auch nicht bloß Erz und Stein; sie sind uns heilig, weil eben Bilder der Götter. Haben doch auch die Götter selbst ihre Bilder geschaffen: die Gestirne, die nach dem Gesetz einer weisen Notwendigkeit ewig den unendlichen Himmel durchwandeln. Daher sollen wir die Tempel, Altäre, Bilder, auch die Priester der Götter ehren.

Aber der Priester muß solche Verehrung verdienen, sonst werde er der Priesterschaft – wie ein unwürdiger Beamter des Amtes – entkleidet. Der Priester muß heilig leben in Werken und in Worten. Er soll gewisse Bücher gar nicht lesen, wie die des Archilochos, des Hyponaktes, dann unzüchtige Komödien und Liebeslieder. Pythagoras, Platon, Aristoteles, die Stoiker sollen sie lesen, nicht Epikur, nicht Mythen, sondern deren Hymnen an die Götter. Zweimal im Tage wenigstens sollen sie Gebete verrichten, morgens und abends, und die vorgeschriebene Zahl (in Rom sind es dreißig) von Tagen und Nächten im Jahre im Tempel und in Reinigungen vollbringen, ohne jede andere Beschäftigung. An den anderen Tagen sollen sie (aber nur mit Maß!) an dem gewöhnlichen Leben teilnehmen, im Tempel reich gekleidet, um der Götter, auf der Straße schlicht bekleidet, um der Bescheidenheit willen, nicht, wie die Bischöfe des Galiläers (dessen Reich doch nicht von dieser Welt sein soll), in Pracht und in Prunk der Gewandung! Kein Priester darf ein bedenklich Theater besuchen oder die Rennbahn! Und nur barmherzige, gegen die Armen gütige Menschen sollen als Priester angenommen werden! Geringe aber nicht minder als (wie bisher fast allein) vornehm geborene: Wer die Götter ehrt und den Leidenden hilft, der ist zum Priester geboren! Laßt euch nicht durch die Galiläer beschämen, die Liebesmahle den Armen bereiten und viele dadurch an sich locken; bei uns sei jedes Mahl ein Liebesmahl! Ich speise nie ohne so viele Hungernde, als sich melden, meine Schüsseln teilen zu wollen, es tut mir leid für die Armen, daß es der Gerichte nur wenige sind!

Ein Wichtiges endlich ist bei dem Götterdienst Gesang und Musik. Vergessen, verwildert ist deren Pflege in diesen Jahrzehnten. Die Lyra schwieg, Spinnweben zogen über den Mund der Flöte. Wohlan, ich habe den Präfekten von Ägypten in Alexandria angewiesen, stimmbegabte Jünglinge und des Saitenspiels Beflissene aufzuspüren, in der Tonkunst ausbilden zu lassen; ihren Bedarf an Kleidern, Brot, öl, Wein hat teils die Stadt und teils der Staat zu liefern. Stumm lag die Erde, seitdem die Götter vertrieben waren, wieder erklingen, ertönen soll sie von Dank und von Lob den Wiedergekehrten!«

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