Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 73
Quellenangabe
pfad/dahn/julian/julian.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
year1977
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120163
projectid159a9d02
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Einstweilen hatte der jugendliche Herrscher zu Byzanz begonnen, auf allen Gebieten des Staatslebens jene rastlose, treibende, säubernde, heilende Tätigkeit zu entfalten, die das begeisterte Lob seiner Anhänger weckte, aber auch seine Widersacher zu widerstrebendem Staunen zwang.

Vor allem nötigten ihn zahllose Anklagen von Unterdrückten und Mißhandelten gegen die Werkzeuge der Regierung des Eusebius und der übrigen Hof-Eunuchen einen Gerichtshof einzusetzen, zur Untersuchung und Entscheidung dieser Beschuldigungen. Er verlegte ihn aus den Einflüssen der Hauptstadt hinweg in das nahe Chalkedon. Unter den sechs Gliedern waren zwei Germanen: Agilo der Alemanne und Nevitta der Franke; letzteren hatte der Augustus schon vorher zu einem der beiden Konsuln des folgenden Jahres ernannt.

Ernst blickte Jovian in die Liste: »Soll denn Serapio recht behalten? Ein Germane Konsul, zwei Germanen Glieder des Staatsgerichtshofs?« Ärgerlich erwiderte Julian: »Kann ich dafür, daß sie es mehr als andere verdienen?« – »Und wie? Barbatio, ein erbitterter Feind von dir, ein Freund der Angeklagten, ist auch unter deren Richtern?« Julian nickte: »Man soll nicht sagen, ich habe nur meine Freunde zu meiner Feinde Richtern bestellt. – Was ist das?« Er nahm einem Freigelassenen eine Rolle ab, öffnete und las: »Großer Imperator! Einer deiner giftigsten Gegner, nach Eusebius leicht der schlimmste, der Präfekt Florentius, ist dir entwischt. Gern verrat ich dir – und ohne Belohnung zu verlangen – sein Versteck. Er ist verborgen in der Basilika des heiligen ...«

»Was tust du, Julian?« fragte Jovian erstaunt.

»Ich zerreiße die Anzeige, damit ich nie der Versuchung erliege, nach dem Ort zu spüren. Aber höre, teile Nevitta mit, ich verlange, daß auch gegen Eusebius die Anklage erhoben werde.« – »Der ist ja lange begraben!« – »Gleichviel. Es muß ausgesprochen werden, ob er des Todes schuldig war oder nicht. Man soll nicht flüstern, nur aus Furcht vor mir, nicht vor der Gerechtigkeit, hab er zum Gift gegriffen!«

Der Staatsgerichtshof verurteilte achtzig Angeklagte – »eine vielköpfige Hydra« hatte sie Julian genannt – zum Tode, drei, darunter Eusebius, zum Flammentod. Julian begnadigte alle bis auf Eusebius, jene beiden andern und den Anstifter des in seinem Rücken in Aquileja ausgebrochenen Aufstandes, der zum Tod durch das Schwert verurteilt war.

Man drang damals von vielen Seiten, auch aus achtbaren Gründen, in den neuen Imperator, es nicht bei Bestrafung der höfischen Bösewichter bewenden zu lassen, auch in den Provinzen die Hauptträger der gestürzten Herrschaft, die weit überwiegend eine Mißherrschaft gewesen, zugleich seine eigenen heftigsten Widersacher, zu beseitigen.

Aber der Augustus erwiderte: »Durch die Gnade der Götter ward mir erspart, in der Schlacht römisches Blut zu vergießen, soll ich es nun auf dem Blutgerüste tun?« Er wies alle Anklagen dieser Art zurück bis auf drei: Jener Gaudentius, der Geheimschreiber, dann ein Sohn des Marcellus und der Statthalter von Afrika, welche noch nach Julians Einzug in Byzanz diese Provinz gegen ihn hatten empören wollen, wurden hingerichtet. Zwei Tribüne, wegen gleicher Versuche zum Tode verurteilt, wurden zur Verbannung begnadigt. Auch gegen die Falschmünzer und die schamlose Mißbrauchung der Post des Staats durch geistliche und weltliche Große zu Privatreisen mußte eingeschritten, die verödeten Senate der Städte mußten wieder von Kurialen gefüllt werden.

Übrigens wußte er am rechten Fleck auch seine witzigen Einfälle, seinen Humor zur Erledigung der Regierungsplagen zu verwerten. War da ein Haufen von ein paar hundert Ägyptern nach Byzanz gekommen, sich zu beschweren über zuviel bezahlte Steuern: Diese Nil-Leute waren berüchtigt im ganzen Reich als die ungebärdigsten Dränger und Bittsteller, selbst bei völlig unbegründeten Ansprüchen. Auch diesmal erwiesen sich ihre Beschwerden als nichtig: Aber sie vollführten in und vor dem Palast schrillsten Lärm, »wie kreischende Krähen« – sagt ein Ohrenzeuge –, und ließen den Imperator und seine Räte schlechterdings zu keiner Arbeit kommen, bis sie befriedigt seien. Gewalt wollte Julian nicht brauchen: So trat er denn zu ihnen hinaus auf die Freitreppe vor dem Palast und hielt ihnen eine wunderschöne Rede, schließend mit der gnädigen Verkündung, sie würden sofort von seinen Schiffen unentgeltlich nach Chalkedon über den Bosporus geschafft, dort sollten sie das Weitere erwarten. Unter lauten Danksagungen stiegen die Ägypter geschmeichelt in die schönen Trieren, und sobald der letzte Mann gelandet war, erging ein Edikt, das jeden Schiffer mit dem Tode bedrohte, der einen dieser Ägypter wieder herüberfahre! So blieb den Gefoppten nichts übrig, als, nachdem sie lange vergeblich auf Bescheid gewartet hatten, wieder nach Hause zu reisen an den heiligen Nil.

Gleichzeitig säuberte und verringerte Julian den Hofhalt, der so maßlos verschwenderisch eingerichtet war, daß nach vollendeter Minderung nicht weniger als ein Fünftel aller Reichssteuern von dem sparsamen Imperator erlassen werden konnte. Man schätzte die Zahl der von ihm entlassenen Köche und Speiseanrichter auf eintausend, ebenso viele Haarkünstler, Schänken aber noch mehr; dazu vertrieb er alle Eunuchen, die Spürhunde der Majestätsbeleidigungen, alle Winkeljuristen und Angeber, die sich in den Vorhallen der Paläste Umtrieben und jeden Besucher des Hofes aufhetzten, mit der Frage, ob er nicht einen Prozeß zu führen oder einen Feind strafrechtlich zu verfolgen habe? Ihr Einfluß bei Eusebius hatte den Sieg ihrer Klienten oder ihrer Anklagen verbürgt.

Wohl segneten ihn dafür die Millionen der unter der Steuerlast versinkenden Provinzialen; aber die Entlassenen bildeten eine boshafte Widerspruchsgenossenschaft. »Keine Kunst!« meinte der Oberkoch. »Er weiß ja gar nicht, was speisen ist. Fasten, und dann – aus lauter Zerstreutheit – hastig ein paar Stücke Fleisch verschlingen, gleichviel, wie sie schmecken. Auch sah ich ihn schon trocken Brot essen, den elenden Heuchler, was man gar nicht kann.« – »Vom Weine versteht er so wenig«, grollte der Oberkellermeister, »daß er es nicht einmal merkte, als ich ihm statt des gewöhnlich von mir gefälschten zu seinem Geburtstag ausnahmsweise einmal echten gönnte. Ein solcher Mann kann nicht Imperator sein.« Eines Tages bestellte Julian den Hofbarbier, da sein ungepflegter Bart sogar den wohlgesinnten Byzantinern auffiel – dieser Haarschmuck sollte ihm in Antiochia noch viel Verdruß bereiten! Herein stolzierte alsbald ein vornehmer Herr in prunkenden Gewanden. »Ei«, rief der Herrscher ganz erstaunt, »einen Barbier hab ich bestellt – ein Patricius erscheint. Sag einmal, Gönner meines Bartes, was zahlt dir denn der Staat jährlich für dein Handwerk?« – »Kunst, Imperator.« – »Wieso, Kunst?« – »Nun, ist Barbieren etwa keine Kunst? Versuch es einmal, Auguste!« – »Ich bin geschlagen! Aber sage, wieviel beziehst du an Gehalt?« – »Täglich zwanzig Tagesverpflegungen, nach meiner Wahl in Speisen und Wein oder in Geld; täglich ebenso viele Pferdeverpflegungen und jährlich zweiundfünfzig Pfund Silber, außer den Gebühren, wenn ich wirklich einmal einen Bart abnehme.«

»Lieber«, lächelte Julian, »geh aus dem Palast und komm nie wieder. Brauchst du aber einmal einen Barbier, so laß mich dir empfohlen sein: Ich tu es billiger. Führe diesen großen Herrn hinaus, Oribasius, und Voconius soll kommen und mir (wie bei den Chamaven!) mit dem Schwert den Bart abschneiden!« – »Meine Kunst«, schalt der Haarpfleger nun in allen Weinschänken, »ist an dem verloren. Seine Haare, da, wo sie sein sollten, fallen aus, vor unsinniger Kopfarbeit. Und da, wo sie nicht sein sollten, am Kinn, wachsen sie so wirr, wie bei einem christlichen Büßer oder einem heidnischen Philosophen oder einem Ziegenbock, was für die Unreinlichkeit auf dasselbe hinauskommt. Es sollte mich nicht wundern, liefen nächstens Bewohner in seinem Haargestrüpp herum, das er auch um die Gurgel herum wachsen läßt. Und ein solches Scheusal will ein Liebling der Götter sein! Aber die Rache des Himmels wird nicht ausbleiben. Geiz und Selbstsucht, das sind seine Tugenden. Weil Er nicht ißt und trinkt wie ein rechtschaffener Mensch, sollen andere hungern und dürsten! Es gibt keine göttliche Vorsehung mehr auf Erden. Die christliche ist abgeschafft und die olympische ist noch nicht wiedereingesetzt. Constantius ließ sein Haar täglich dreimal künstlerisch darstellen – und der? Es ist gottlos, wie er's treibt! Das kann nicht lange währen. Ich eröffne jetzt eine öffentliche Badehalle, und jeder Gast erhält unentgeltlich von mir ein Sturzbad von Wahrheiten über den göttergeliebten Bocksbart.«

 << Kapitel 72  Kapitel 74 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.