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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 72
Quellenangabe
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
year1977
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Siebentes Kapitel

Als Lysias in seinem Schreibgemach zu Hermopolis in Ägypten diesen Brief gelesen hatte, warf er ihn grimmig zur Seite und sprang auf mit einem Fluch.

»Beim Tartarus! Es ist unglaublich! Die Undankbarkeit, die Vermessenheit, die Torheit dieses Knaben im Purpur! Alles und jedes verdankt er mir. Das erloschne Leben hab ich dem fiebernden Schwächling zweimal mit sorgender Hand erhalten! Versunken lag er in den dumpfesten, schmählichsten Aberwitz des Christenwahns: Ich allein hab ihn emporgehoben zu den Göttern aus dem blöden Kirchenglauben des Johannes; einen Knecht, ein hoffnungsloses Opfer jenes Abtes, hab ich ihn aus dem Kloster, wo er geistig wie leiblich gefangen saß, befreit. Ich brachte ihm Homer, Hesiod, die Götter, ich lehrte ihn die Laster der heuchlerischen Christenpriester durchschauen, ich brachte ihm Rom und das Kapitol, ich brachte ihm das Schöne, das Gute, das Wahre!

Ewige Sterne, untrügende, haben's mir verkündet, daß meines einzigen geliebten Kindes Los unscheidbar mit dem seinigen verknüpft ist, daß eine Helena seine Gattin wird und Herrscherin im Römerreich, daß mir, dem Sprößling der alten Könige und Priester Ägyptens, der Pharaonen und der Ptolemäer, von ihm die königliche Statthalterschaft über mein altes Heimatland verliehen werden wird.

Und er? Was tut er? Bei erster Gelegenheit vergafft er sich in eine Fremde, so daß ich mein Kind schleunig aus seinen Augen flüchte, bis diese Torheit verflogen wäre. Mein Kind, mein armes, gehorsames, vertrausames Kind, das blind dem Wort des Vaters glaubt und seiner Weissagung, das jede andere Neigung als die zu dem Sternenbestimmten als Frevel ansehen würde, mein Kind, das aus lauter Glaube und Gehorsam zu ihm, den sie nie gesprochen, eine seelenverzehrende Sehnsucht erfaßt! Er aber, nachdem ihn beispielloses, unerhörtes Glück aus allen Gefahren gerettet hat, er beharrt auf der Liebe zu jenem Eindringling in den Willen der Sterne, zu jener falschen Helena. O wie ich sie hasse noch im Grabe! Und sowie er meiner Hand entschlüpft, mißbraucht er die Freiheit des Gedankens – ich allein habe ihn denken gelehrt – in Athen, in Byzanz, in Nikomedia sich mit fremder, falscher götterleugnender Weisheit vollzupfropfen. Ja, er verspottet als Gebilde des Volksglaubens meine, unsere Götter, die Griechenland und Rom schön, groß und glücklich gemacht haben. Er braut sich ein Wolkengespinst aus Religion und wüster, mystischer Philosophie zusammen, der Lästerer, der Götterleugner, und diese ergrübelten Lügen sollen dem armen Volke die lebendigen Götter ersetzen! Und da ihn nun wirklich die Götter, die großmütigen, auf den von den Sternen ihm zugesagten Thron der Welt erhoben haben, nun will er mich nicht nur abspeisen mit ein paar hohlen Amtstiteln: Oberpriester des ägyptischen Apoll! Mich hat – wie alle meine Ahnen – längst der Gott selbst dazu bestellt! Nein, er tut mir die unerhörte Schmach an, ich soll ihm helfen an der wahren, der Volksgötter, Stelle seine Hirngespinste zu verkünden. Und die Christen – anstatt endlich sie der gerechten Rache der Götter und ihrer Priester preiszugeben –, ich soll ihm helfen, sie zu schützen, sie zu seinen Traumgöttern bekehren! Das ist die maßloseste Überhebung seiner Eitelkeit. Das ist Hybris.

Aber der Hybris folgt auf dem Fuße die Nemesis.

Und wie ich's ihm vor Jahren verkündet, durch seine Eitelkeit, in deren Unmaß er mich beleidigt, durch seine Eitelkeit werd ich ihn beherrschen. Warte, du philosophischer Götterleugner! Ich folge deinem Ruf! Aber anders als du denkst! Als deinen Knecht rufst du mich, als dein Beherrscher komme ich.«

Er warf sich, erschöpft von dem zornigen Ausbruch, schwer atmend, keuchend auf das Ruhebett. Die glühenden Leidenschaften, das durch Jahre fortgesetzte vergebliche Sehnen und Harren auf Geschicke, die er von den Sternen fordern mußte und die ausblieben, sich in ihr Gegenteil verkehrten, all das hatte den Mann rasch und stark altern lassen; die immer scharfen Züge trugen jetzt einen dämonischen, bösartigen Ausdruck verhaltnen Hasses und ringenden Ehrgeizes.

Er hatte so laut mit sich gesprochen, daß seine Tochter, besorgt, auf leisen Sohlen, aus dem Nebengemach herbeieilte. Mit Bestürzung gewahrte sie die wilde Erregung in dem Gesicht, im ganzen Leibe des Vaters. Ängstlich beugte sie sich über ihn: »Was ist dir, lieber Vater? Welcher Zorn? Gewiß trägt die Schuld wieder jener Brief, den dir ein Sklave von ihm ... ein Sklave des Imperators brachte. Auch die früheren aus Gallien erzürnten dich so oft! Was ist's? Nur selten teiltest du mir daraus mit von meinem ...«, hier lächelte sie unsäglich traurig, »von meinem ›Bräutigam‹, wie deine Sterne sagen. Ich sollte ihnen grollen, den Leuchtenden. Ihren fernsehenden Vorspiegelungen hast du, habe ich selbst mein Leben geopfert. Aber, mein Väterchen, ich will dir's nur gestehen: Ich bin ihnen dankbar. Denn haben sie mir auch ihn nicht gegeben, den allein du mich schon als Kind lieben gelehrt – bevor ich ihn gesehen – und den ich wirklich allein tief in dem törichten Herzen trage, ich verdanke ihnen wenigstens, daß du mir nie einen andern Freier aufgedrängt hast. Und so bin ich schon ganz zufrieden«, lächelte sie anmutig. »Den Sternen gehorchen und dir und damit zugleich des Herzens sehnendem törichtem Wunsche – welch harmonisch, glücklich Leben!« Und sie sank neben ihn auf das Lager, ein paar Tränen in den dunklen, langbewimperten Augen.

Zärtlich strich er mit der Hand über ihr Haar: »Meine Helena! Ein Opfer der Sterne? Und meines Glaubens an sie? Und seines... sternenwidrigen, götterwidrigen Tuns? Nein, so soll's, so darf's nicht enden. Laß mich nur erst in Byzanz sein.« – »Was schreibt er... der Imperator?« verbesserte sie verschämt, »darf man's wissen?« Sorgfältig verbarg er den Brief in seinem Gewand: »Er schreibt – ja... er schreibt... er fühle sich so einsam als Witwer; er könne nicht unvermählt bleiben. Er müsse die Leere in seinem Herzen ausfüllen durch die Liebe zu einem andern Weibe, zu einer zweiten Helena ...«

»O mein Vater!« hauchte das Mädchen, über und über errötend, und ein seliges Hoffen leuchtete aus den sonst so traurigen Augen. »So sollten deine Sterne doch ...?«

»Gewiß. Sie lügen nie. Du holdes Geschöpf, sah er dich jetzt, verschönt, verklärt durch diesen Hauch der Hoffnung – er könnte solchem Reiz nicht widerstehen. Ich reise zu ihm nach Byzanz; er beruft mich zu wichtigen Ämtern. Dort werde ich ihn prüfen – seine Stimmung, werde erforschen, ob es schon an der Zeit, dich ihm zu zeigen. Und sobald ich die Stunde für gekommen erachte, ruf ich dich, mein Kind, zu Glück und Glanz. Leb wohl! Ich breche heute noch auf.« Er küßte sie auf die Stirn und entließ sie. »Hm«, sprach er, ihr nachblickend. »Es wäre jetzt wohl noch zu früh. Erst muß ich seine Seele wieder ganz beherrschen. Und ergründen, ob die ›unsterbliche‹ Liebe zu der ersten Helena wirklich noch lebt. Die Sterne können Recht behalten, trotz alldem für seine zweite Ehe. Sie können? Nein, sie müssen! Und, beim großen Osiris von Memphis, sie sollen!«

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