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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 70
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Fünftes Kapitel

Alsbald schritten die drei Freunde durch die engen Lagergassen, in welchen zu so später Nachtstunde nur wenige Leute mehr zu finden waren; die meisten schliefen bereits in ihren Zelten.

Aus einem derselben aber in einem abgelegenen Winkel der Via Quintana schimmerte noch Licht durch die Öffnungen der Zeltvorhänge von gröbstem Segeltuch, und als die drei Männer leise näher schlichen, vernahmen sie mehrere Stimmen. Lebhaft wurde da drinnen gestritten in der allgemeinen Sprache des Lagers, dem Vulgär-Latein. Vorsichtig lugten die Lauscher hinein. Da saßen auf dem dichten Stroh einige Männer in eifrigem Gespräch. Von der Spitze der Zeltstange in der Mitte hing an einem Lederriemen eine matt glimmende Ampel herab, die spärlich den engen Raum erhellte. Deutlich übersahen aber doch die Späher die Streitenden. Es waren vier Krieger der Cornuti.

»Es ist, wie ich euch sage«, begann aufs neue der eine von ihnen, den der runde Schädel, die dunkle Farbe von Haar, Haut und Augen als Sproß Italiens kennzeichneten. »Er ist ein Sohn Appollons. In Gestalt eines goldnen Gusses von Sonnenstrahlen nahte der Gott Frau Irenen, als diese einsam am Meeresstrande dahinwandelte, und sie gebar ihm unsern Imperator. Deshalb ja verehrt er mehr denn alle andern Götter den unbesiegten Sonnengott Apoll. Deshalb gewährt ihm dieser Sieg in allen Schlachten, wie ihr's ja miterlebt, Glück auf allen seinen Wegen und den leuchtenden Blick, der ihm die Seelen der Menschen gewinnt.«

Der Mann zu seiner Linken machte mit leisem Grauen das Zeichen des Kreuzes über der bleichen Stirn und dem Panzer: »Die Heiligen mögen uns behüten! Welch frevle Rede! Da wär er ja ein Sohn des übeln Höllendämons. Der Bischof meiner Vaterstadt Antiochia hat es gepredigt, ich hab es selbst gehört, Apollon ist Lucifer, der Bringer des Lichts und alles Unheils. Glaubte ich das, heute noch verließ ich seine Fahnen. Was sagst du dazu, Simon? Bist ja ein scharfer Kopf, ein halber Gelehrter!«

Der Angeredete schmunzelte wohlgefällig und rieb die scharf gebogene Nase: »Nu, ist's meine Schuld, daß ich nicht bin geworden ein Ganzer? Gar fleißig lernte ich bei dem Rabbi zu Gazza! Auswendig hatte ich gelernt die Hälfte von seinen Rollen, die hebräischen und die griechischen aus Alexandria! War es meine Schuld, daß kamen auf einmal in der Nacht die römischen Kriegsknechte auf der Suche nach einem jüdischen Mann, der sollte gelästert haben den – nu ihr wißt schon – ich nenn ihn nicht gern – den von Golgatha – fanden ihn nicht, und verbrannten in ihrem großen Zorn die Schule und alle Bücher, auch die ich noch nicht hatte gelesen! Und weil ich die guten Rollen hatte wollen schützen vor ihrer Wut, schlugen sie mich – grausam schlugen sie mich – und rissen mich mit sich fort, gebunden, vor ihren Kriegsobersten. Der lachte und sagte: ›Wähle, Jud! Kopf ab, weil du hast trotzen wollen dem Imperator (Gott du gerechter, wer bin ich, zu trotzen dem großmächtigen Imperator?) oder – du hast ja starke, gesunde Knochen – diene dem Imperator mit dem Speer. Wähle.‹ Wie heißt wählen? Nu, ich wählte! Den grauslichen Speer hab ich gewählt! Und so bin ich denn geblieben a halber Gelehrter und geworden a halber Held.«

»Nun, so sage, was hältst du von des Cäsars göttlicher Abkunft?« wiederholte der Christ. »Was ich dervon halt? Was werd ich dervon halten! Nix halt ich dervon.« – »Da hörst du's, Torquatus! Da hast du's mit deinem Apollo!« »Frohlocke nix, Christophore!« unterbrach der Jude. »Denn warum halt ich nix dervon? Weil es arge Gotteslästerung ist und arger Greuel vor dem Herrn, von Gott zu sagen, daß er zeuge wie ein Mann oder wie ein Stier. Und weil, weil nur ein Gott ist, nicht zwölf! Aber auch nicht drei! Und weil Gott der Herr nicht hat einen Sohn, sei er nun gezeugt durch einen Sonnenstrahl, Torquate, oder, Christophore, durch einen Taubenvogel. – Nicht! Nicht mich schlagen, Torquate! Gewalt! Gewalt! Schläge sind nicht Gründe. Hilf mir doch, Sigbrand, hilf, Sachse, du langer.«

Da warf der vierte, der bisher geschwiegen hatte, die mächtige Sturmhaube aus Büffelleder, aus welcher er soeben einen ganzen Strom Rotwein geschluckt hatte, zu Boden, wischte sich den feuerroten Bart und hielt den gewaltigen nackten Arm über den Juden: »Laßt mir den Klugen in Ruhe. Zwei gegen einen? Schämt euch. Er hat recht in dem einen. Das mit dem Sonnenstrahl und das mit dem Tauberich, das ist dumm. Will ein Gott sich einen Sohn zeugen, hei, da tut er es selbst, braucht dazu keinen Sonnenstrahl und kein Federgeflügel. Was verziehst du das Maul, Jude? Was zuckst du?« – »Wehe, weh geschrien! Was redest du da von einem Gott und einen Sohn zeugen?« – »Wie, du Hund?« schrie der Riese und packte seinen Schützling am spitzigen Bart. »Ist Sassenot vielleicht nicht Wodans Sohn? Sag nein, trau dir! Und dein kluges Hirn spritzt im Zelt umher.« – »Ja, ja doch! Wie wird er nicht sein, was du so laut sagst? Und so deutlich! Ich kenn ihn nit, den Sassenochs! Er soll sein was de willst! Da! Nu hab ich auch nur noch den halben Bart zu der halben Gelehrtheit.« – »Haltet Friede!« sprach Christophoros. »Nicht mit Gewalt soll man aufzwingen den Glauben, der von selbst kommen muß. So spricht Julianus unser Imperator. Er schützt Christen und Heiden wider Verfolgung.« – »Jawohl«, grollte Torquatus. »Hätten doch auch eure Bischöfe hiernach getan seit Constantin! Aber verbrannt haben sie unter Constantius unsere Haine, sobald ...« – »Sobald man die Bischöfe selbst nicht mehr verbrannt hat«, schloß der Jude. »Nu, etwas muß doch immer brennen bei euch anderen, euch Gewaltmenschen.«

»Überzeugen soll man die Ungläubigen«, begann Christophoros aufs neue. »Kommt, laßt jeden von uns von seinem Gott die stärksten Zeichen der Macht erzählen, die er weiß; und wessen Gott die größten Kräfte bewiesen hat, an den sollen auch die andern glauben. Fang an, Sigbrand.« – »Fällt mir gar nicht ein!« erwiderte dieser, die schon halb leer getrunkene Amphora neigend, die am Eck des Zeltes lehnte, und sich wieder die Sturmhaube füllend. »Schwatzt ihr nur! Seid ihr zu Ende, werd ich entscheiden. Ich weiß doch im voraus, wessen Gott der stärkste ist.« – »Nu, welcher ist es?« forschte neugierig der Jude. – »Der meine, Wodan.«

»Und warum, wenn man darf fragen?« spöttelte Simon. »Warum? Weil ich euch alle drei miteinander aus diesem Zelte werfe, wenn ihr den nicht als den stärksten anerkennt. Er ist stärker als eure Götter, weil ich stärker bin als ihr. Und ich bin stärker als ihr, weil ich sein Enkel bin, wessen Enkel immer ihr sein mögt.« Er sprang auf und machte Miene, das Zelt zu verlassen.

Hurtig eilten draußen die drei Lauscher hinweg. »Nun«, lachte Serapio, als sie außer Hörweite waren, »ich habe schon manches Religionsgespräch mit angehört, in Mailand, in Rom, in Jerusalem, in Memphis. Aber bei keinem Priester hab ich solche Logik gefunden! Und einen so schlagenden Beweisgrund. Diesen Sigbrand merk ich mir, ich nenn ihn fortab ›den Theologen‹. Gute Nacht! Schlaft beide wohl. Und leitet eure Schlüsse aus dem Gehörten.«

»Wohin noch so spät?« fragte Jovian. Aber Serapio war schon im Dunkel verschwunden. »Laß den!« erwiderte Julianus. »Es ist seine Art so. Stundenlang wandelt er nachts einsam und schaut in die Sterne.«

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