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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 68
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Drittes Kapitel

Wahrlich, die Götter sind gegen Constantius – sind für mich, auch Hermes, der Gott der Wege.

Einer meiner besten Germanenführer, Sigiboto, ein blonder Friese, hält des Nachts Wacht am Oberrhein südlich von Basel, wo mancherlei Steige und Pfade nach Italien sich abzweigen. Er hört ein (freilich nur leises) Geplätscher im Fluß, das er auf Otter oder Biber oder nächtliche Raubfische zurückführt. Aber der Raubfisch landet. Mein Friese springt zu und ergreift einen Menschen, der sofort einen langen Streifen Papyrus zu verschlingen bemüht ist. Sigiboto reißt ihm die Hälfte aus den Zähnen und schickt den Gefangenen und seinen Papyrus an mich.

Siehe da. Der Raubfisch erweist sich als ein zu Vadomar entlaufener Römer aus Avenches (er entlief vor Gaudentius, dem Steuereintreiber; was ich ihm nicht verdenken kann), der des Königs Geheimschreiber war. Und aus dem Papyrus erhellt (o Schmach und Schande!), daß Constantius, der an mich nicht schreibt, daß er – oh, es ist empörend! (daher mich, den empörten »Empörer« stark entschuldigend), abermals, wie gegen die Anmaßer Magnentius und Decentius, so gegen mich die Barbaren ins Land ruft, dieser Augustus!

Mag Gallien, mag das Abendland wieder Tummelplatz oder Beute der Germanen werden. Wenn nur ich erliege, wenn nur ich, von den Barbaren bedrängt, hier festgehalten werde, nicht ihm entgegenziehen kann, bis er hier erscheinen und im Bunde mit seinen Freunden im Bärenfell mich vernichten kann. Er aber kann dann die Helfer nicht mehr ausschaffen, die er hereingerufen. Das haben wir erlebt.

Der Papyrusfetzen enthielt ein Stück der Antwort des Alemannenkönigs auf ein Schreiben des Constantius. Es lautet: »... so werde ich also, deinem letzten Auftrag gemäß, nicht ablassen, die Grenzen Galliens zu beunruhigen, auf daß der berühmte Wiedereroberer dieses Landes es unmöglich verlassen kann, ohne vor aller Welt die Verlogenheit dieser Prahlerei aufzudecken. Ich sende zunächst nur Raubscharen aus, die ich leicht verleugnen kann, bis ich einen neuen Bund von Königen zustande gebracht habe. Dann aber zahlen wir ihm den Tag von Straßburg heim und besetzen dauernd das gallische Land. Zwar hast du mir schon, wie weiland Chnodomar, die Abtretung alles vor mir zu besetzenden Gebietes versprochen, aber ich bitte doch, mir die feierliche Bestätigung zu schicken. Dafür hoff ich dir bald den philosophischen Kopf dieses deines Cäsars zu senden, den du schlecht gezogen hast. Ich werde die Zucht nachholen. Als ich ihn sah, saß er zu Pferd. Er sah aus wie ein Äffchen auf hohem Kamele ...»

Ich gestehe, dies letzte hat midi verdrossen, bitter geärgert! Warum? Vielleicht, weil wirklich die Reitkunst nicht meine vollkommenste Fertigkeit ist. Wie kommt aber der Germane dazu, jene beiden Tiere zu kennen? Freilich, er hat in unserm Dienst in Afrika gefochten. Warte, Barbar, der Affe wird sich rächen! Er beißt und kratzt. – Ich plane etwas.

 

Triumph! Es ist gelungen! Wir haben ihn, den witzigen, scharfblickenden König. Nun lernt er bei uns reiten: den Kerkerschemel. Ich sandte meinem klugen Sigiboto Befehl, von der Ergreifung jenes Boten streng zu schweigen und ein versiegeltes Schreiben von mir sofort zu öffnen, sobald der König Vadomar wieder einmal auf dem linken Ufer antreffe.

Denn dieser kecke Barbar lehnte jede Verantwortung für die Streifereien jener Scharen ab (die seien nicht von seinem Gau oder seien von ihm selbst verbannte Räuber!) und verkehrte ganz unbefangen mit unsern Grenzwachen. So kam er denn bald wieder – mit nur einem Ruderer – über den Rhein gefahren zu Sigiboto, Waffen (gute römische Waffen) einzukaufen gegen Geld, das seine Leute gewiß kurz vorher bei uns geraubt hatten. Sigiboto erinnerte sich sofort meines versiegelten Schreibens, lud ihn, nach beendetem Handel, zu Tisch, öffnete einstweilen meinen Befehl, den er im Zelte liegen hatte, und – vollführte ihn ebenso rasch, indem er den König ergriff und für meinen Gefangenen erklärte. Gefangener eines Affen zu sein muß einen Germanenkönig schmerzen!

Alsbald ward er mir vorgeführt in Basel, wohin midi der Lärm jener Grenzkämpfe gerufen. Ich war ihm wenig gewogen. Aber ich muß sagen, dieser Barbar hat meinen Zorn entwaffnet durch seine unglaubliche – Schlauheit. Der Rothaarige hat eine solche Ähnlichkeit mit einem Fuchs (du hast doch schon bemerkt, daß Menschen manchmal Tieren mehr ähneln als Menschen?): die lang vorgestreckte Nase, das zurückgezogene Kinn, die listigen, blitzenden gelben Augen, der steife kurze Bart und die unerschöpfliche Fülle von Lügen und Ränken jeder Art – die Schlagfertigkeit seiner Antworten entwaffneten mich.

Er war doch wahrlich in übler Lage, als er in seinen Ketten vor mir stand und ich ihn ansprach. »Ei, sieh nun den Fuchs in den Händen des Affen.«

Leicht zuckte es um seine Mundwinkel, als wollte er sagen: »Also das weiß er auch?« Aber ohne Bestürzung und ohne Besinnen erwiderte er: »Es ist ein Lob, einen Menschen einen Affen zu nennen.« – »Wieso?« – »Der Affe berauscht sich nie zweimal im selben Getränk. Aber der Mensch immer wieder im Wein.«

»Ich nicht.« – »Aber im Ruhm! Dem Getränk, das unersättlichen Durst weckt. Du, o Imperator Augustus, bist ein Trunkenbold des Ruhms.«

Soll ich einen Kopf abschlagen, der solche Einfälle hat? Es wäre doch schade! Ich bin nicht blutdürstig wie der fromme Constantius. Ich mußte lächeln. Mit drohendem Finger entließ ich den Rotkopf. Ich werde ihn jenseits der Pyrenäen irgendwo einbannen, weit genug weg von seinem Rhein, um ihn ungefährlich zu machen!

Er ist geistreich, dieser Germane. Wie mannigfaltig doch sind sie geartet: Berung – Chnodomar – Serapion – und nun dieser Fuchs Vadomar! Und wir begehen den Irrtum, sie alle, wie etwa die Glieder einer Herde Rinder oder eines Rudels Wölfe, einen gleich dem andern zu rechnen. Steckt wirklich Zukunft in ihnen? Nein doch, es paßt mir gar nicht in meine Hoffnungen.

Aber dieser reichsverräterische Imperator! Wir fanden einen Brief von ihm in Vadomars Wehrgurt eingenäht. Abermals hat er (in denselben Ausdrücken – er hat sie wörtlich abgeschrieben aus der Urkunde für Chnodomar: wie geistlos!) auch diesem Barbarenkönig feierlich zugesagt, er solle alles Land in Gallien zu eigen behalten dürfen, das er mir werde abnehmen können! Diesen Brief des Constantius hab ich in zahlreichen Abschriften aus Gallien nach Illyricum, Pannonien, Thrakien, Makedonien vorausgeschickt. Er hat gar viele Leser zum Abfall von dem Verfasser bewogen!

Um den Schrecken zu verwerten, den die Gefangennehmung des kühnen Ränkeschmieds unter seinen Gauleuten verbreitet, entschloß ich mich, zum fünftenmal den Strom zu überschreiten. Ich nahm nur schwache Scharen germanischer und gallischer Söldner mit; in dunkler Nacht stiegen wir in die schwankenden Kähne, stießen auf geringen Widerstand und zwangen den Bestürzten das Versprechen ab, fortab unverbrüchlich Gallien in Ruhe zu lassen – sonst falle der Kopf ihres Königs. Zum Glück wissen die Barbaren nicht, wie ganz unmöglich mir es wäre, diese Drohung zu erfüllen. Ist es dem Germanenkönig zu verdenken, daß er, die reichsverderberischen Aufforderungen des Constantius befolgend, seine raub- und kampfbegierige Jugend auf römisches Grenzland losläßt, im geheimen Einverständnis mit dem Imperator selbst?

 

O dieser Imperator! Jetzt endlich (gestern!) traf seine Antwort ein – aus Cäsarea in Kappadokien. Hier erst erreichten ihn meine Gesandten. Er war stets vor ihnen weiter östlich gewichen, und viele Wochen hielt er sie hin, ehe er ihnen zuerst mündlich, dann endlich schriftlich Bescheid gab, den sie mir nun überbrachten. In heftigstem Zorn (obwohl einstweilen Monate verronnen waren, seit er die erste Nachricht erhalten) wies er sie ab und alle meine Vorschläge. Wenn mir mein Leben lieb sei, solle ich sofort die dünkelhafte Anmaßung niederlegen und mich in den Schranken meiner Cäsarenwürde halten. Auch soll ich mich so bald als möglich (mit nur sechs Begleitern!) in seinem Lager stellen und verantworten.

Das ist's. Die scheinbare Mäßigung, daß er mir die Cäsarenwürde beläßt, beruht nur darauf, daß er erst die persische Gefahr abwehren muß. Zöge er gleich wider mich, würde ihm Großkönig Sapor auf dem Fuße folgen bis Byzanz. Und so soll ich in seine Gewalt gelockt werden! Gewiß hat er bei der ersten Nachricht beschlossen, mich Gallus nachzusenden. So zwingt er mich, ihn aufzusuchen; aber an der Spitze meines Heeres. Gallien darf ich jetzt getrost sich selbst überlassen. Ich berief nun gestern – es ist Anfang Mai – alle hier in Paris versammelten Truppen, hielt eine große Heerschau ab, verlas zuletzt die Antwort des Constantius, ließ meine Gesandten mündlich berichten, was sie am Hof erlebt, und erklärte mich bereit, dem Befehle gehorsam, wieder in die Cäsarenwürde herabzutreten.

Aber brausend, ja, schon wieder drohend, scholl mir aus aller Mund der Ruf entgegen: »Nein, Juliane Imperator Auguste! Nach der Wahl des Heeres, der Provinz und bald des Reichs.« Bisher trug ich nur eine Art Spielkrone, wie der Schiedsrichter bei einem Ringkampf; erst von jetzt ab trag ich ein Diadem.

Ein paar Heerführer, die in schöner Treue an dem Imperator, der sie eingesetzt, festhalten, entließ ich ungefährdet, jeden in seine Heimat. Einen von ihnen, der allzukühn vor den Cornuti redete, wollten die Ergrimmten erschlagen; nur mit Mühe rettete ich ihn, indem ich ihn vor ihren Augen unter meinen eigenen Kriegsmantel zog. Dem elenden Florentius, dem Präfekten von Gallien, der mir als Cäsar jeden ergreifbaren Knüttel in den Weg geschleudert, mir als Imperator bei Constantius, zu dem er gleich aus Lyon flüchtete, die schlimmsten Verbrechen vorgeworfen hat, schickte ich Weib, Kinder und Habe aus meiner Gewalt und aus Gallien nach.

Vor dem Aufbruch von Paris noch ein überraschender Besuch: Johannes, der Mönch, taucht plötzlich auf. Er erfährt in Rom, wohin er wieder aus Jerusalem zurückgekehrt war (welcher Unsinn, sein Leben lang zwischen zwei Gräbern hin und her zu pendeln!), das Geschehene, eilt sofort ohne Aufenthalt – immer barfuß – über die Alpen, dringt bis zu mir in das Palatium, wirft sich mir zu Füßen und fleht mich an, den Purpur von mir zu schleudern, zur Rettung meiner Seele, zu bereuen und zu büßen.

Ich gestehe, ich ward ein wenig heftig. »Ich habe keine Zeit. Ich muß leider vorher das Reich retten, guter Johannes«, erwiderte ich. Ganz unglücklich sucht er jetzt die Meinen auf in Marseille. Die Mutter ist so leidend, daß sie nicht reisen kann, schreibt Juliana. Ich wollte beide mit mir führen in den Feldzug. Aber sie sind am Ende sicherer in meinem Gallien als in des Constantius Asien.

 

Bevor ich aufbreche, werde ich der Kriegsgöttin Bellona Opfer bringen und ihren Willen erforschen – heimlich noch: Ich darf nicht vor meinem Abzug die Bischöfe und andere Priester hier gegen mich aufreizen. Sie würden mir die vielen Galiläer in meinem Heer irre machen. Bisher gereichte mir zum Heile, daß Constantius ihnen als Arianer verhaßt ist. Daß ich nicht Arianer bin, das hab ich ihnen wiederholt feierlich geschworen! Es ist kein Falscheid. Aber ich mußte neulich noch dem Gottesdienst am Epiphaniasfest in der Basilika beiwohnen. Ach ist es ein gutes Werk, was so viel Heuchelei von mir verlangt? Fürs Reich, für die Götter der Wahrheit – heucheln?

 

Heute drohte ein kleiner Unfall, der auf dem Feld der Übungen vor den Toren mich betraf, die Keltä Petulantes zu entmutigen, Neugeworbne, die ich selbst die Schilde gebrauchen lehrte. Wie ich mit rascher Bewegung den Schild vor das Haupt schwinge, reißen die angenieteten Bänder, die Schildscheibe fällt zur Erde, und nur das Band um den Oberarm und der Schildgriff haften mir am Arm und in der Hand. Erschrocken stutzten die Neulinge, ich aber rief: »Ein gutes Zeichen, fest halte ich, was ich habe.« Man muß die Zeichen nur günstig deuten, dann wirken sie günstig.

 

Gut fiel das Opfer aus. Die Göttin verheißt mir Sieg. Ja, aus dem einen Stierzeichen bei der Opferung erkannte der Opferer, es werde gar nicht zum Kampfe mit Constantius kommen, es floß fast gar kein Blut.

O wenn es mir doch erspart bliebe, gegen Helenas Bruder das Schwert zu ziehen! Gerät er in meine Hände, kein Haar soll ihm gekrümmt werden. Ich schwor es an dem Sarge der Geliebten, von dem ich gestern den tränenvollen Abschied nahm. Dem Schutz aller Götter hab ich sie scheidend anempfohlen. Werde ich jemals die friedvolle, ihnen geweihte Stätte wieder schauen?

Ich habe beschlossen, meine gesamte Macht – nach Abzug der in Gallien zurückgelassenen Besatzungen – in drei Scharen zu gliedern: Zwei kleinere sollen, die eine über den Mont Cenis, die andere südlich des Bodensees über Bregenz, in Italien eindringen und den Senat in Rom für mich gewinnen. Die dritte, die Hauptmacht, führ ich selbst durch den Schwarzwald auf der alten Legionenstraße nördlich der Donau nach Pannonien, von da nach Byzanz und von da nach Asien, dem Kampf um die Weltherrschaft entgegen.

Und alle großen Götter ziehn mit mir!

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