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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 65
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Kurz vorher war Berung in das Schreibgemach gedrungen. Er hatte keinen andern Ruf als Drohrufe vernommen: »Rette dich!« schrie er, »flieh, Julianus! Hier, nimm diesen Soldatenmantel. Das Heer hat sich gegen dich empört. Sie wollen dich ermorden. Flieh, verstecke dich – in den Gewölben der Warmbäder.«

»Flieh, Herr«, bat Oribasius. »Ist die Hinterpforte noch frei?« – »Sie ist's. Aber eilt! Flieh! Verkleide dich!«

Mit einer hoheitsvollen Handbewegung wies der Cäsar den dargereichten Mantel zurück: »Ich bleibe«, sprach er. »Ich will doch sehen, ob sie Hand an mich legen.«

Hochaufgerichtet, auch das Schwert, das ihm Berung nun aufdrängen wollte, zurückweisend, ganz waffenlos, ruhig, schritt er aus dem Schreibgemach durch ein paar Gänge in den großen Speisesaal, der etwa fünfhundert Menschen faßte.

Als er eintrat, brach gerade der rasende Haufen vom Garten aus zu der entgegengesetzten Türe herein.

»Da ist er! Hier!« – »Hier ist er!« – »Haben wir dich?« – »Treuloser, Eidbrüchiger!« – »Unsere Brüder hast du draußen morden lassen!« – »Nieder Constantius!« – »Nieder mit Julianus!« – »Nein! Nein! Nein!« riefen da andere Stimmen, aber viel weiter hinten. »Hoch Julianus! Julianus Imperator Augustus!«

Da – als er diesen schicksalsreichen Ruf der Tausenden vernahm –, da erbleichte Julian. Er wankte zurück, er hielt sich mit der einen Hand an einer Hermessäule, die andere legte er auf die Schulter Berungs.

»Entsetzlich!« stammelte er, vor sich hinstarrend. »Ich bin verloren.«

»Nein! Gerettet bist du«, rief Severus, sich mit Gewalt Bahn brechend. »Gerettet, wenn du annimmst. Verloren, wenn du dich weigerst. Du hast mich gütevoll geschont, nun will ich dir's vergelten! Hör auf mich, Julianus. Erschlagen dich diese Wütenden jetzt nicht, nie verzeiht dir Constantius diese Stunde! Denk an Gallus, an Silvanus! Rette dich – und uns alle. Denn«, flüsterte er, »sie sind wahnsinnig. Erbarme dich unser! Sie zerreißen uns alle! Wir sterben!« – »So stirb, Alter! Hängst du noch so am Leben?« rief Julian laut. »Hast du, habt ihr alle euren Eid vergessen, den ihr Constantius geschworen?« Aber da scholl ihm ein wahres Wutgeheul entgegen: »Eid? Was Eid!« – »Er hat uns sein Wort gebrochen.« – »Er versprach, uns nicht aus Gallien zu führen.« – »Und du?« – »Du hast uns geschworen!« – »Hast du vergessen?« – »Da, schau her, auf dies mein Schwert hast du geschworen!« schrie ein grimmiger Quade. »Kannst du's leugnen?« – »Das Schwert, bei dem du falsch geschworen, soll dich durchbohren!« – »Stirb oder nimm den Purpur.« – »Du – du mußt uns schützen vor der Rache des Tyrannen!« – »Du mußt uns führen gegen Constantius!« – »Den Tod oder den Purpur! Wähle.«

Und schon drängten die Vordersten sich an ihn heran.

»Tu's nicht! Bleib treu!« warnte ihn da von hinten eine laute Stimme. Unwillig wandte sich Julian; es war Berung, der mit gezogenem Schwert hinter ihm stand. Der Cäsar furchte die Stirn: »Unnötige Mahnung«, zürnte er.

Und nun zu den Aufrührern gewendet: »Hört mich, Freunde, Waffenbrüder, auf den ihr oft gesehen und gehört im dunklen, lauten Wettersturm der Schlacht. Verlangt, was möglich ist, nicht das Unmögliche. Befleckt nicht den Glanz so vieler Siege durch Treuebruch! Weckt nicht den Bürgerkrieg! Mäßigt euch in eurem – ich geb's zu – gerechten Zorn!« – »Wir wollen nicht aus Gallien!« scholl es ihm entgegen. Einen Augenblick besann er sich, dann rief er: »Nun gut. Es sei! Euer Wille soll geschehen! Euer Recht soll euch werden. Ich nehm's auf mich bei dem Imperator. Er hat's versprochen, ich hab's beschworen; es muß gehalten werden. Ich weiß, es kostet mich Amt, Ehre, Leben. Aber es sei! Kehrt morgen schon zurück in eure Standlager. Nicht einen Fuß sollt ihr über die Alpen setzen! Ihr sollt in Gallien bleiben.« Nun hoffte Julian, den Sturm beschworen zu haben. Aber er irrte.

Eine kurze Weile entstand ein schwüles Schweigen, wie vor dem Losbruch eines zurückkehrenden Hochgewitters.

Aber plötzlich entlud es sich aufs neue. »Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!« – »Das ist nicht genug!« – »Jetzt nicht mehr!« – »Jetzt ist's zuwenig!« – »Zu spät!« – »Jetzt hilft's nicht mehr!« – »Wir sind verloren, bleibt Constantius Herr! Er verzeiht nie!« – »Und wir wollen seine Verzeihung nicht!« – »Du bist schuld an allem!« – »Ja du! Du!« – »Nur du hast uns zu neuem Dienstvertrag gebracht.« – »Nur dir haben wir vertraut.« – »Deinem Eid!« – »Du hast uns dahin gebracht, daß wir uns empören mußten!« – »Du mußt uns retten! Du mußt uns führen!« – »Ohne dich sind wir verloren!« – »Und du mit uns; schon vor uns!« – »Du mußt! Hörst du, du mußt, Julianus Imperator!« Und die Vordersten umringten ihn, faßten seine Hände, seine Schultern, zerrten ihn am Gewand.

Er wehrte sich nicht. Nur das Haupt schüttelte er, allen sichtbar, und rief laut: »Nein! Niemals! Tötet mich.«

»Das soll geschehen«, riefen zwei Stimmen auf einmal. Zu seiner Linken hob der betrunkene Sarmate die Streitkeule von Eichenholz und wollte sie auf sein Haupt schmettern. Berung sah's, fiel dem in den Arm und rang mit ihm. So konnte er nicht hindern, daß von rechts her Bojorix der Gallier seinen kurzen Speer dem Cäsar an die Kehle setzte und schrie: »So stirb!«

Julian rührte sich nicht. Die scharfe Spitze ritzte schon die Haut, sein Blut floß; nur die dunklen Augen, voll tiefsten Ausdrucks, richtete er auf den Mörder. Der stutzte, er konnte nicht zustoßen, er ließ den Speer fallen. »Dacht ich's doch«, rief fünf Schritte weiter hinten sein Clanvetter. »Bojorix scheut sein Auge. Aber mich sieht Julianus nicht.« Und er spannte den Langbogen, legte den reiherbeflügelten Rohrpfeil auf die Sehne, zielte und schoß.

Berung hatte einstweilen dem Sarmaten die Keule entrissen; er wandte sich, er sah den zielenden Bogen. Schon schwirrte der Pfeil, Berung warf sich vor Julian; das Geschoß traf das Herz des Alemannen: »Tu's nicht, Julian! Bleib treu.« Es war sein letztes Wort; er sank sterbend vor die Füße seines Herrn. Der beugte sich voll Trauer zu ihm nieder, achtlos jeder Gefahr.

Aber diese Gefahr war vorüber. Aus dem Inneren des Hauses brach durch die Saaltür eine starke, wohlbewaffnete Schar, geführt von Voconius.

Dieser hatte in Eile alle Sklaven und Freigelassenen des Palastes bewaffnet, alle verstreuten, fliehenden Leibwächter an sich gerafft und durch Zufall das »Kleeblatt« getroffen, das, da der Eingang aus dem Garten in den Saal durch Tausende undurchdringbar versperrt war, durch ein Fenster in den einen der Seitengänge geklettert war. »Kommt mit, ihr vier! Helft mir ihn retten, wenn's noch möglich ist«, rief er ihnen zu. »Ihr habt ihn ja auch geliebt.« – »Das will ich meinen, Alter«, rief Hippokrenikos. »Aber es tut ihm niemand was zuleide. Wir wollen ihn ja...« – »Hörst du! Hörst du?« unterbrach der Adlerträger. »Nieder mit Julian! Er sterbe! Tod Julian!« scholl es aus dem Saal.

»Vorwärts!« rief Sigiboto und sprang voran. »Zu Hilfe. Zu Hilfe! Hierher, meine Markomannen!« rief Garizo zum Fenster hinaus, dann folgte er den Genossen. Und so kam denn die Hilfe gerade im rechten, im letzten Augenblick. Denn Julians Geistes- und Willenskräfte, mit denen er all die Zeit die Dränger abgehalten hatte, versagten; er fieberte schon lange, jetzt aber schwindelte ihm, er wankte.

Nun jedoch warf sich die tapfere Schar mit Schild und Speer zwischen ihn und die Aufrührer. »Was tut ihr hier, Gesindel?« schrie der hitzige Grieche. »Morden wollt ihr ihn, ihr gallischen Hunde?« fuhr der Grafensohn fort. »Habt ihr ihn nicht soeben zu eurem Imperator ausgerufen?« mahnte Sigiboto. »Hat's euch schon wieder gereut? Habt ihr ihn vergessen, euren Ruf ...« – »Julianus Imperator Augustus!« schrie da die ganze Schutzschar, und viele der bisherigen Angreifer stimmten mit ein.

Dieser Ruf schreckte den halb Ohnmächtigen empor. »Nein! Nein!« rief er, abwehrend beide Hände flehend gegen die nächsten ausstreckend.

»Ja! Gewiß und notwendig! Ja!« antwortete Severus. »Ich rede nicht von dir; du bist verurteilt, du bist ein toter Mann, schreitest du nicht als Imperator aus diesem Saal. Aber sei's um dich! Jedoch Gallien? Soll auch das verloren sein?« – »Mehr als Gallien! Das Abendland! Das Reich! Constantius kann es nicht verteidigen gegen die Barbaren!« rief der Samnite Voconius.

»Dich ruft das Reich!« rief, sich vordrängend, Maurus.

»Dich rufen die Götter!« mahnte Hippokrenikos.

Da taumelte Julian einen Schritt zurück. Er schloß die Augen, denn er sah nichts mehr vor sich als ein purpurnes Rot. Seine Pulse flogen, die Adern an seinen Schläfen pochten zum Springen, heiß schoß ihm das Blut in das Gehirn; er schlug beide Hände vor die Stirne. Und nun erscholl aus der Menge – man konnte nicht wahrnehmen und später nie ermitteln, von wem ausgestoßen – der laute Schrei. »Hörst du denn nicht? Julian? Dich ruft der Genius Roms! Willst du ihm noch nicht folgen?«

Da fuhr der Hocherregte auf aus seiner in sich gesunkenen Haltung. Er ließ die Hände von der Stirn gleiten, und mit leuchtendem Blick, der hoch über die lärmende, aber jetzt nicht mehr drohende, Menge in die Ferne drang, rief er. »Mein Traum! Mein Traum! Ja! Ich höre den Ruf. Ja, ich will ihm folgen. Ich rette das Reich und die Götter!«

Da brach ein Lärm los wie noch nie zuvor.

Die Begeisterung, der Jubel schwoll ins Grenzenlose, die lange, bange Spannung war gelöst, das dumpfe Gefühl, daß die ungeheure Tat die Strafe des Gesetzes herausfordere, ward verscheucht durch die Zuversicht, unter dieser Führung dem Rächer Constantius gewachsen, nein, überlegen zu sein. Entlastet von der Furcht vor Strafe, gehoben von der Hoffnung auf Sieg, auf Lohn, auf die Vorherrschaft im Reiche, jauchzten sie auf, die vielen Tausenden.

»Julianus Imperator Augustus! Macte Imperator!« dröhnte es donnernd durch den Saal. Und alle, Führer und Mannschaften, dieselben, die kurz vorher sein Leben bedroht hatten, ebenso wie die Erretter, drängten, stürmten, stürzten auf ihn zu, schüttelten seine Hände, warfen sich vor ihm nieder, umfaßten seine Knie und küßten sie.

»Halt!« rief Sigiboto. »Wir Germanen zuerst, zumeist haben ihn gekoren; wir wollen ihn auch auf Germanenart zu unserem Herzog erheben.« – »Jawohl! Jawohl! Heil unserm Herzog!« – »Hebt ihn auf den Schild!« – »Wo ist ein Schild?«

»Hier«, rief Garizo, »der meine. Der ist sehr lang und sehr fest«, und er kniete nieder, den flachen Schild mit beiden Armen über dem Stiernacken haltend.

Augenblicklich war Julian von Ekkard und Sigiboto auf diese ebene Fläche gestellt. Langsam erhob sich mit seiner Last der riesenstarke Markomanne, sechs andere Germanen stellten sich, stützend und hebend, darunter, und so trugen sie ihn, mit frohlockendem Geschrei, durch den Saal.

»Ein Schwert! Gebt ihm ein Schwert!« Zugleich reichten ihm Sigiboto sein Scramasachs, Hippokrenikos aber sein römisches Schwert dar. Julian wies die Germanenwaffe ab, ergriff die römische, führte sie an die Lippen und küßte sie. Mit donnerndem Jubel begrüßten das die Römer und Griechen, die es wahrgenommen.

»Recht so«, rief nun Maurus der Panzerreiter, dem Schweratmenden zu, der nach dem dritten Umzug von dem Schild herabgesprungen war. »Den Germanen ward ihr Lohn, sie haben ihn verdient; aber römischer Imperator bist du, nun nimm auch die Abzeichen römischer Herrschergewalt: das Diadem!«

»Jawohl, das Diadem! Das Diadem!« – »Jawohl, schon um Constantius zu zeigen, daß es uns bitterer Ernst ist«, sprach Severus. Und Voconius flüsterte er zu: »Und um ihn unwiderruflich von Constantius zu scheiden, an uns zu binden.«

»Dessen bedarf es nicht«, erwiderte der Alte. »Er weicht nicht zurück.« Aber Julianus erhob mahnend die Hand und schüttelte den Kopf: »Ein Diadem! Ich habe keines. Ich habe niemals eines besessen. Denn die – die guten Gewalten wissen es: Ich habe nie an Empörung gedacht.« – »Wir glauben's! Aber du mußt das Diadem tragen!« – »Hat nicht«, fragte ein Gallier, »deine Gattin ein Stirnband oder ein Halsband gehabt? Ich meine, ich sah an ihrem Nacken eine schöne Bernsteinkette ...«

Unwillig, schmerzlich getroffen, furchte Julian die Stirn: »Es schmückt die Tote. Weh, wer die frevlerische Hand an sie legt.« – »So nimm das hier!« rief Maurus. »Ein prachtvoller Pferdeschmuck, mit Gold und Silber geziert! Es wäre ein trefflich Diadem.« – »Was ein Tier geschmückt, soll meine Stirn nicht berühren.« – »Aber du mußt gekrönt sein! Wir wollen dich sehen im Diadem«, schrien sie. Da nahm Voconius die Ehrenkette von goldenen und silbernen Scheiben von seiner eigenen Brust: »Hier, Imperator! Du gabst mir als Fahnenträger der Cornuti dies stolze Ehrenzeichen am Abend nach der Straßburger Schlacht, es ist mein höchster Stolz und Lohn. Mich dünkt, das Ehrenzeichen eines römischen Fahnenträgers ...« – »Ist«, schloß Julian, »ein würdiges Diadem für einen römischen Imperator. Gib her die Kette. Sie ist ein Zeichen des Heldentums. Wohlan, nicht in dem Zeichen des Constantinus, nicht im Kreuz der Galiläer; in diesem Zeichen werd ich siegen!«

Und er nahm die Kette aus der Hand des Alten und schlang sie sich diademartig um Stirn und Haupt. »Macte Juliane Imperator Auguste!« dröhnte es noch einmal durch den Saal.

Da wankte der bleiche Mann mit dem abenteuerlichen Diadem aus dem Stegreif; er sank in die Arme des besorgten Arztes; die Sinne vergingen ihm.

»Oh«, hauchte er noch. »Meine Mutter! Wie vorwurfsvoll ... ihre Augen ...! Siehst du das, Freund Oribasius? Siehst du sie nicht? – Mutter, du bist ja in Sicherheit, in meinem Gallien. Ich konnte nicht anders! Ich mußte! Rom ... die Götter ... und der Ruhm!«

Ohnmächtig trugen sie den hoch Fiebernden auf sein Lager.

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