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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 61
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Achtunddreißigstes Kapitel

Es bricht! Es kommt! Selbstverständlich zuerst bei den Kelten, den Galliern. Die sind am raschesten mit der Zunge, dem Wort, dem Witz, dem Aufbrausen.

Der alte Voconius brachte mir – (mit tiefernster Miene) – bereits in aller Frühe – (ach, ich schlafe jetzt kaum noch eine Stunde) – einen abgerissenen Papyrusfetzen; ein Stück einer Schmähschrift, lateinisch, aber mit zahllosen Gallizismen. Vor dem Fahnengestell der gallischen Petulantes hat man bei Tagesanbruch die Hetzschrift gefunden; in vielen Blättern sei sie auch sonst im nördlichen Lager verstreut worden. Darauf stand geschrieben: »... So werden wir also – gegen den Vertrag – wie Missetäter und Sträflinge an die äußersten Winkel der Erde im unbekannten Morgenland verschleppt. Unsere Weiber und Kinder aber hier im schönen, lieben gallischen Heimatland müssen dann wieder den Alemannen Frondienste tun, aus deren Herrschaft wir sie in mörderischen Schlachten mit unsrem Blut befreit haben.«

Was sollte ich tun? Ableugnen, was ich demnächst selbst verkünden, erzwingen muß? Da fiel mir ein, wie leicht diese Gallier durch eine Höflichkeit, durch eine Artigkeit in der Form, durch eine freundliche Zuvorkommenheit im Verkehr zu gewinnen sind. Es ist ja ein wenig kindisch, aber liebenswürdig an dem leichtlebigen Völkchen, das mir viel näher steht als jene bärenhaften Germanen, auf die ich entweder mit Geringschätzung sehe oder (zumal, wenn ich mit Serapio gestritten) auch wohl mit einem leisen Grauen, wie vor der unergründlichen Meeresflut.

Also mir kam der Einfall, ihrer Eitelkeit – (»durch ihre Hauptschwäche beherrscht man die Menschen«, lehrtest du im unheiligen »Heiligtum«) – zu schmeicheln, und ich ließ – (noch nicht öffentlich, denn ich schiebe den Aufbruch hinaus) – unter der Hand verbreiten: Sollten Verheiratete aufgeboten werden, so würden sie ihre Frauen und Kinder mitnehmen dürfen, und zwar in den wunderfeinen, großen, zwölfsitzigen Gesellschaftswagen des Staates – (bespannt mit fünf Pferden) –, deren Polster zu diesem Zweck frisch überzogen, deren Wände und Dächer neu rot und gelb würden übermalt werden. Und wirklich! Es half ein wenig! Zumal die Bürger von Paris und deren Frauen ihren gallischen Volksgenossen in eifrigem Geschwätz am Brunnen bewiesen, darin liege eine auszeichnende Höflichkeit, und sie würden – so – selbst ganz gern mitfahren! Aber wohl nicht bis an den Tigris!

 

Jedoch das Wichtigste ist: Auf welchen Straßen denn sollen die mir abverlangten Truppen, die nördlich und östlich von Paris lagern – (selbstverständlich sind das wegen der Germanengefahr die meisten, entlang dem Rhein) –, auf welchen Straßen sollen sie nach dem Südwesten ziehen? Wohlweislich enthalte ich mich gegenüber einer Maßregel, die ich durchaus verwerfe, nach Kräften jeder Einmischung in die Ausführung. Aber erstaunt war ich doch eine Weile, als der Tribunus und Notarius entschied: »Alle diese Scharen – über neuntausend – sollen über Paris geleitet werden.«

Warum? Bei einzelnen ist es ja allerdings der nächste Weg. So für die aus Arras, aus Tournay. Aber für die allermeisten ist es ein Umweg nach Westen, ein überflüssiger. Warum also?

 

Es ist niederträchtig! Warum? Nur, um mich zu verderben! Oribasius, mein griechischer Arzt, ward in das Haus des Archidiakons berufen, dessen Schwester schwer erkrankt ist. Sie wohnen auf unserer Insel an dem schmalen Steg, der auf das Nordufer des Flusses führt.

Der Priester ist nicht mein Gönner; er wittert Heidentum an mir. Die Übertragung Helenas nach jenem Weihtum war ihm nicht angenehm. Während nun der Arzt an dem Bette der Kranken wachte, führten in dem Vorgemach, nur durch den Vorhang getrennt, der Priester und der Notarius eine Unterredung, auf Griechisch und leise; aber trotzdem verstand sie der Treue. Nachdem der Diakon über meine Frömmigkeit wenig günstig ausgesagt, fragte er besorgt, ängstlich, warum man Paris – mein Lager – zum Sammelort all jener Truppen ausgesucht habe? »Wenn sie nun meutern«, meinte er furchtsam, »die Basilika verbrennen, den Cäsar erschlagen?« Da erwiderte der Notarius: »Eben deswegen. Die Basilika baut der Imperator prächtiger wieder auf, seinen Vetter Julianus aber weckt er sicher nicht wieder auf, auch wenn er es könnte. Fallen soll er, dieser gallische Cäsar. Schimpflich fallen, ermordet von demselben Heer, dessen Abgott zu sein seine Eitelkeit prahlte. Gewiß bricht hier der Aufstand aus, wenn neuntausend aufs höchste erbitterte Soldaten sich ihrer Macht bewußt werden. Uns trifft es nicht, heiliger Bruder; du hast ihnen nichts geschworen, und ich? Ei, ich verschwinde rechtzeitig nach Italien!«

Also deshalb! Eine mir gegrabene Grube! Unter Tränen berichtete es mir der Gute. Er beschwor mich, zu fliehen. Wohin? Vor mir selbst? Ich habe befohlen, daß alle von Norden und Osten heranziehenden Truppen in Zelten – im Anschluß an mein Lager auf dem rechten Flußufer – untergebracht werden sollen. Sind die letzten eingetroffen, dann werde ich, mit Aufbietung aller Kräfte und Mittel meines Geistes, sie dahin bringen, dem Gebot des Augustus zu gehorchen. Wo nicht, so sterbe ich auf dem Fleck. Ihre Wut wird mir alsdann den Stoß des eigenen Schwerts ersparen. Morgen früh – es sind die Iden des Dezembers – treffen die letzten Scharen ein. Die Sonne versinkt in winterlichem Gewölk; ich sehe ihr Scheiden wohl zum letztenmal. Leb wohl, Helios, leb wohl, Lysias!

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