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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 60
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Siebenunddreißigstes Kapitel

O weh um das Reich der Römer! O weh um mich! O wär ich nie geboren! Nie Cäsar dieses Reiches geworden! Das Verderben bricht herein! Über das Reich, über Gallien vor allem, mein Gallien – wenn ich gehorche. Und über mich jedenfalls, ob ich gehorche, wie ich soll, muß, aber nicht kann, oder widerstrebe, wie ich nicht soll, nicht darf, und aber ach, auch nicht kann. Völlige Verzweiflung! Kein Ausweg! Untergang Galliens, des ganzen Abendlandes, und – nebenher – auch Untergang des Cäsars Julian! Oh, um einen alemannischen Speer in der Brust!

Das ist die Sprache eines Wahnsinnigen, denkst du, o Lysias? Mag sein! In dem fürchterlichsten Widerstreit der Pflichten tritt Verschuldung ein, unvermeidbare Verschuldung. Wohl dem, den vorher Wahnsinn umnachtet: nicht wie Orestes, nachdem er die schicksalsnotwendige Untat begangen hat.

Was geschehen ist? Constantius verlangt mein ganzes Heer – oder doch alles, was mein Heer zu einem Heere macht –, aus Gallien hinweg nach Asien gegen die Perser!

Es ist wahr! Unsere Grenze, nein, unsere Ehre vor allem fordert dort eine Verstärkung unserer Macht, nachdem Constantius und seine Feldherrn in jenen Landschaften abermals die demütigendsten Niederlagen erlitten haben. Aber das Reich ist weit; zahlreich sind seine Provinzen, in denen ganz unbeschäftigte Heere stehen. Leicht könnte man in Europa, aus Italien, aus Spanien, aus Illyricum, aus Rätien, aus Dalmatien, aus Istrien, aus Griechenland, dann aus ganz Afrika, wo tiefer Friede herrscht, aus Vorder- und Mittelasien, die viel näher der Persergrenze stehenden Heere dorthin ziehen; aber nein, aus Gallien, dem kaum wiedergewonnenen, vom Rhein, dem stets noch stark gefährdeten, hinweg, soll mein Heer gerissen werden.

Constantius verlangt die Knochen und die Muskeln aus dem Leibe meiner Scharen: Alle die, ausgedient, nach erneuertem Vertrage dienen, ferner alle germanischen Söldner, also die Heruler, die Sachsen und Friesen, die Markomannen und Quaden, sodann alle gallischen Truppen; also zum Beispiel die Petulates und die Braccati, dann die Schildener, ferner die Cornuti, und außerdem noch aus jeder Legion die dreihundert besten Leute, die sein Gesandter sich aussuchen wird! Das heißt der Zahl nach drei Fünftel, dem Werte nach die Kernkraft meiner Macht! Geschieht dies, so bin ich durchaus unfähig, Gallien zu behaupten. Ich muß den Rhein, die Loire, die Rhone, die Garonne aufgeben und, ohne Hoffnung, versuchen, an den Alpenpässen, die nach Italien führen, die Germanen von Mailand, von Ravenna, von Rom abzuhalten. Gallien – mein Gallien – ist der Rache der nun sofort wieder sieghaften Besiegten preisgegeben. Ich falle, Schwert in der Hand, irgendwo zwischen Rhone und Turin.

Helios der Allsehende ist mein Zeuge: Nicht das bewegt mich! Ob ich in Gallien im Siege, ob in Italien auf der Flucht, in der Niederlage, nach Verlust all meines jungen Ruhmes ende, es ist mir – (ich will nicht sagen gleichgültig, denn das wäre gelogen; aber es ist mir) –, wahrlich, nicht die Hauptsache, es ist nicht der Grund der Verzweiflung, die mich ergriffen hat. Rom, Rom, das Reich, Gallien, das ist's!

Und nun das Furchtbarste: Ich kann ihm ja gar nicht gehorchen, dem Befehl des Unheils, wie ich soll und muß, wie Pflicht und Ehre und Eid von mir verlangen! Denn – wehe, wehe! – Constantius bricht ja selbst seinen, ja meinen Eid bricht er durch diesen Befehl.

Feierlich hat er gerade diesen germanischen und keltischen und den Veteranenscharen versprochen – (und ich Unseliger mußte es beschwören!) –, daß sie nie wider ihren Willen aus Gallien sollten geführt werden. Ich weiß aber gewiß und genau: Nicht tausend, nein, nicht hundert gehen freiwillig. Und nun soll ich sie zwingen? Ich, mit nicht dreitausend gegen vierzehntausend? Und ich, gegen jenen Eid, den Helios, hell vom Himmel scheinend, bezeugt hat?

O Lysias, Lehrer meiner Knabenzeit! O Maximus und Aedesius und Libanius, ihr Lehrer meiner Reifung! Hier versagt alles, alles. Glaube und Wissenschaft und göttliche Geheimnisse und menschliche Forschung! In dem unlösbaren Widerstreit von Pflichten verbleibt dem Römer nur das einzige: der Stoß des Römerschwerts ins Römerherz.

Auch der Freunde Rat würde nicht frommen, könnte ich ihn einholen; aber Jovian habe ich lange vorher nach Marseille entsandt, Mutter und Schwester zu mir zu geleiten, Serapion in die Heimat. Ich bin ganz allein mit meiner Aufgabe, mit meinem verderbenschwangeren Ehrenbruch vor den Truppen; aber auch die Freunde könnten doch nur raten: »Tue deine Pflicht und stirb darüber!«

Leb wohl, Lysias! Habe nochmals Dank für deine Erlösung von dem Erlöser. Das sind die letzten Worte, die ich schreibe. Des Imperators Wille ist unwiderruflich. Er will mich vernichten, er will der Welt, der Weltgeschichte zeigen, daß mein Ruhm, Gallien wiedergewonnen zu haben, eitel Lüge war. Ich soll hier, aller Mittel des Widerstandes beraubt, zugrunde gehen vor den Barbaren, elend, schimpflich besiegt; seine Eifersucht auf meinen Feldherrnlorbeer ist der Grund dieses Befehls. So deutete auch Philippus in einem Papyrusstreiflein an, das ein Bote, in seinem Haar verborgen, mir überbrachte. Es besagt: »Gaudentius und Marcellus, Florentius und Barbatio, die schärfsten Betreiber dieser Beschlüsse, waren deine Ankläger, deine Neider waren die Zeugen, und dein höchster Neider war dein Richter. Der Büttel, der dir die Verurteilung überbringt, ist ein Vetter des Eusebius, des Eunuchen, der wieder uns alle, die am Hof leben – ohne Ausnahme – beherrscht.«

Schon, hör ich, sind unbestimmte Gerüchte von der befohlenen Fortschleppung nach Asien unter die Truppen gelangt. Kann ich's doch auch nicht mehr lange verschweigen! So sterbe ich, so verderbe ich unausweichbar. Ich muß dem Imperator gehorchen; das verlangen Ehre, Pflicht, der Eid, die Augen der Mutter! Aber ehe mich die eigenen Krieger um meinen Eidbruch gegen sie ermorden oder die sieghaft verfolgenden Alemannen auf der Flucht erschlagen, eher falle ich in jenem stillen Heiligtum im Buchenwald – unter des Helios Strahl – ins eigene Schwert an ihrem Sarge!

 

Ein Geheimnis – noch! – ist der Befehl des Imperators vor dem Heere. Ein Notarius und Tribunus brachte mir die versiegelte Urkunde; wehe, wehe, wenn es kein Geheimnis mehr ist. Ich zittere vor der Stunde, nicht um meines Lebens willen, das sicher verloren ist, wenn ich, wie ich muß, Gehorsam verlange, nein, um der Schmach willen, daß abermals ein römisches Heer ohne Zweifel in offene Meuterei ausbrechen wird. Ich beschwor daher den Notarius, wenigstens von den Mannschaften abzustehen, denen der Augustus – (und in seinem Namen ich Unseliger) – noch vor wenigen Monaten feierlich und eidlich zugesichert, sie nicht aus Gallien hinweg zu zwingen.

Da ich merkte, daß Eid und Ehre nicht schwer wogen bei dem Vetter des Eusebius – (er zuckte nur die Achseln) –, schärfte ich ein, nie wieder würden sich jene unserem Heere ganz unentbehrlichen Veteranen und Barbaren anwerben lassen, sähen sie sich solchem Wortbruch ausgesetzt. Es sei also diesmal – (»ausnahmsweise«, konnte ich mich nicht enthalten, beizufügen) – sogar für den Imperator und seine Räte auch das einzig Vorteilhafte. Aber da kam ich schön an! »Der Imperator steht wie über dem Gesetz, so über Wort und Eid«, sprach der Höfling stolz. »Sein Wille ist höchstes Gesetz. Ich werde mir demnächst die Leute aussuchen. Denn bei Frühlingsanfang schon sollen sie eingeschifft werden nach Asien, um gegen die Perser und Parther zu ziehen.«

Es bleibt mir nichts übrig, als zu gehorchen, das Verderben mit sehenden Augen selbst zum raschen Heranzug gegen mich zu befehligen! Denn nichts anderes unterschrieb ich, als ich die Befehle unterschrieb an alle mir abverlangten Truppenteile, aus ihren Winterlagern sofort aufzubrechen und gegen Süden – auf die cottischen und Seealpen – zu ziehen. Der Zweck des erstaunlichen Marsches – (weit von den Germanen hinweg, auf Italien zu) – wird nicht lange verborgen bleiben.

 

Richtig! Schon ist es hier in Paris unvertuschbar geworden. Schon ist es durchgesickert! Nun ballen sich die Wolken rasch zusammen. Schreite ich durch die Zeltgassen beider Lager auf den beiden Ufern, begrüßen mich nicht mehr wie sonst fröhliche, wohl auch derb-fröhliche, neckende Zurufe. Eisiges Schweigen waltet bei den Germanen! Aus den keltischen Zelten aber tönt mir wohl ein: »Wort halten« oder Schlimmeres nach in der Dunkelheit.

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