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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 58
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Der Winter ging dahin unter unablässiger Arbeit. Sie zehrt an mir; ich bin gereizt, aufgeregt. Den Schlaf, den ich so oft mit Gewalt vertrieben, ich finde ihn nun auch nicht mehr für die zwei Stunden, da ich ihn suche.

Ich wehrte überall dem übermäßigen Steuerdruck, ich setzte die Kopfsteuer – die Steuer der Armen – stark herab, ich verfolgte die Beamten, die sich durch Erpressungen oder Unterschlagungen bereichert hatten, ich saß selbst zu Gericht und entschied in wichtigen Klagesachen. Aber auch für den nächsten Feldzug sorgte ich wieder vor; denn es ist kein Ende abzusehen mit diesen Germanen! Es ist, als hätten sie sich verabredet, Serapios Worte zu beweisen.

Im Mai nahm ich zu Paris Abschied von der geliebten Frau, die, immer lächelnd, versuchte, auch diesmal zu lächeln, mich über Schmerz und Sorge hinwegzutäuschen. Es gelang ihr schlecht; zuletzt warf sie sich in einem Strom von Tränen in meine Arme. Sie wird immer unirdischer! Schon auf Erden streift sie die Leibeshülle ab. Ich ließ Oribasius bei ihr, den weisen Arzt, und Serapio. Der versprach mir, über sie zu wachen. Keiner wacht treuer.

Für die Zufuhr der Vorräte aus Britannien hatte ich ja nun gesorgt. In der Tat, zu Ende des Winters trafen die ersten Sendungen von dorther wieder ein. Voraussehend hatte ich in Bonn, in Andernach, in Bingen, in Neuß, dann in Doorenburg, in Kleve, in Xanten die halbzerstörten Mauern wieder ausgeflickt und überall hier Vorratsspeicher angelegt. Die Barbarenkönige der Umgegend schafften nach dem vorjährigen Vertrage auf den eignen Wagen die Steine und das Holz herbei, und die Truppen zeigten besten Willen, bei der sonst unbeliebten Bauarbeit zu helfen. Stämme von mehr als fünfzig Fuß schleppten sie auf den Schultern heran. »Das tun wir dir zuliebe, Cäsar«, riefen sie mir zu, »nicht für den Imperator und nicht aus Pflicht, nicht für Sold, den wir fast nie erhalten.«

Nach diesen Sicherungen unternahm ich meinen dritten Rheinübergang; aber nicht von Mainz aus, wie alle meine Feldherrn – auch Jovian – rieten.

Warum? Ach, aus einem für die Mannszucht meines Heeres sehr beschämenden Grunde! Unser Erfolg bei dem Eindringen in die feindlichen Gaue setzt voraus, daß die im Vorjahr unterworfenen Könige Suomar und Hortari in unsrem Rücken Frieden halten, den sie bisher treu gewahrt. Nun liegen ihre Gaue gerade gegenüber Mainz. Ich aber – ich kann nicht einstehen für die Mannszucht meiner Scharen!

Sie lieben mich, sie vergöttern mich, aber sie gehorchen mir nicht! Gibt es zu plündern, gibt es weißarmige, goldlockige Germaninnen zu rauben, sie tun's vor meinen Augen und lachen meines Zorns. Ich finde nicht genug Gehorsame, die Unbotmäßigen strafen zu können. Und laß ich's auf das Äußerste ankommen, bei aller Liebe schlagen sie mich tot. Sollen die Barbaren Treue gehalten haben und das Heer des Cäsars treulos über sie herfallen? Soll ich diese Könige in meinem Rücken zu ergrimmten Rächern machen? Nein!

Weit unterhalb von Mainz setzte ich zur Nacht über den Strom, in vierzig Gondeln – (einst für Lustfahrten der römischen Villae bestimmt; es ist jetzt für Römer keine Lust mehr, hier zu gondeln!), mit nur dreihundert Leichtbewaffneten. Ich gebot, die Ruder einzuziehen und die Nachen treiben zu lassen, um uns nicht durch das Plätschern im Wasser zu verraten, während ich in dem Lager der Hauptmacht auf dem linken Ufer große Feuer anzünden ließ.

Der Streich gelang vollständig. Die Barbaren am rechten Ufer behielten aufmerksam die Feuer im Auge, während ich ungehindert mit meiner Streifschar landete. Es war zwei Uhr morgens. Bis zu dieser späten Stunde waren, nach echter Germanensitte, bei den Trinkhörnern bei einem der Uferkönige viele benachbarte Fürsten zusammengeblieben. Auf dem Heimweg stießen die Ahnungslosen – (Wachen hatten sie wieder einmal nicht ausgestellt, Dank Ate!) – auf unsere Schar. Die Könige entkamen durch die Aufopferung ihrer Gefolgen; aber der Schreck vor uns fuhr weithin durch ihr Land. Die zur Verteidigung des Rheines Versammelten flohen auseinander. Nun holte ich auf einer Schiffsbrücke die Hauptmacht nach und zog tief ins Land der Alemannen hinein, sengend und brennend, Getreide und Gehöfte zerstörend, bis zu deren Grenze mit den Burgunden zwischen Jaxt und Kocher, da, wo einst die Marksteine unserer Herrschaft standen. Überbleibsel unserer alten Grenzschutzwehr fand ich noch vor. Ach, und hier umkehren müssen, statt die alten Grenzen herzustellen! Umkehren, weil ich nur Cäsar bin! Es ist bitter. Höre nur und ergrimme gleich mir!

Ich erfuhr durch Kundschafter und Gefangene, daß in dieser Gegend nur noch drei Alemannenkönige unbesiegt seien: zwei minder mächtige, Makrian und Hariobaud, dann aber der mächtigste, listigste, gefährlichste von allen – (er stand lange in römischem Dienst in Italien) –: Vadomar, im Südwesten des Alemannenlandes. Diesen Vadomar beschloß ich nun selbstverständlich anzugreifen und mit seiner Unterwerfung mein ganzes Siegeswerk zu krönen. Hatte ich auch ihm in seinem eignen Land den Frieden aufgezwungen, war jeder Widerstand gebrochen. Die Wegweiser waren gewonnen; das Heer hatte Befehl, am andern Morgen aufzubrechen gegen König Vadomar.

Am Abend vorher erschienen im Lager Makrian und Hariobaud, um sich unbedingt zu unterwerfen. Und er selbst: Vadomar! Aber durchaus nicht, um sich zu unterwerfen! Im Gegenteil! Er übergab mir – (zu meinem stärksten Staunen) – vertraute, ja vertrauteste Briefe – des Imperators! Ausdrücklich nimmt ihn Constantius in seinen Schutz und ermächtigt ihn, gegen jeden etwa drohenden Angriff des übereifrigen Cäsars Julian durch diesen Brief sich als Freund des Imperators auszuweisen und gegen jede Gefahr zu sichern.

Das ist doch von allen bisherigen Stücken und Tücken des feigen, falschen Tyrannen – (ich muß es einmal schreiben) – das äußerste! Aus Eifersucht auf meine Erfolge schließt er heimlich – (hinter meinem Rücken) – Verträge mit dem schlimmsten dieser Könige, die zu bekämpfen er mich ausgesandt! Ich soll nicht siegen, nicht zuviel, nicht völlig siegen! Und so mußte ich diesen Vadomar, einen Meister der Arglist – dem Feuergott der Germanen (ich habe den Namen vergessen) vergleichen sie ihn, seine Freunde und Feinde –, den mußte ich frei und ohne jede Demütigung oder Belastung abziehen lassen, mußte ihm versprechen, mein Heer, das hart an den Marken seines Gaues stand, diesen nicht beschreiten zu lassen! Umkehren mußte ich, statt den Sieg zu vollenden, schimpflich umkehren, vor einem Briefe des Beherrschers des Römerreichs! Mein Zorn ist groß! Mich dem Spotte dieses Barbaren preisgeben! Nie vergeß ich die höhnende Miene, mit der er beim Abschied fragte, ob er den Imperator recht freundlich von mir grüßen dürfe? Er schreibe ihm morgen und werde melden, wie gehorsam ich kehrtgemacht habe. O Constantius, wie haß ich dich ...!

 

Nachdem ich Endzweck und Abschluß meines Feldzugs vereitelt sah, kehrte ich nach Mainz zurück. Hier fand ich Briefe von Mutter und Schwester, die berichten, wie sie einer schweren Seegefahr entgangen; die fromme Mutter sah dabei den Galiläer leibhaftig auf den empörten Wogen wandeln, die sich unter seinen Füßen glätteten. Der Imperator beabsichtigte, von den ligurischen Häfen aus mit einer kleinen Flotte an meinem Gallien vorbei nach Spanien zu segeln, wo Unruhen ausgebrochen sind, die er selbst dämpfen wollte. Die verzweifelten Bauern schlugen die Steuereintreiber tot und scharten sich zu Räuberbanden zusammen.

Schon hatte er Abschied von den Meinen genommen in Mailand und war nach der ligurischen Küste vorausgeeilt, als sie plötzlich durch eilende Boten aufgefordert wurden, ihm zu folgen. Er lade sie ein, die Seereise nach Barcelona mitzumachen, die den leidenden Augen meiner Mutter gut gedeihen werde.

Constantius als Augenarzt! Offenbar wollte er sich der Geiseln meiner Treue fest versichert halten; vielleicht weil er nach seinem Aufbruch erst erfuhr, daß ich auf dem Wege zu jenem Vadomar begriffen war und alsbald dessen Freundschaft mit dem Augustus entdecken müsse. Er hat es wohl geahnt, wie mich dieser Verrat erbittern werde. Und er hält mich – (mich, Julian, den Priester des Helios!) – für fähig, jemals Eid und Treue zu brechen! Wie kann er so entehrend von mir denken, so ganz Unmögliches, so Schändliches?

Da ließ er sich denn schleunigst seine Geiseln nachkommen. Aber auf der Höhe von Marseille ward das kleine Geschwader in der Nacht von einem furchtbaren Sturm, von widerstreitenden Winden überfallen und völlig zerstreut. Zwei Trieren sanken vor den Augen der Meinigen. Das Schiff des Augustus sahen sie im grellen Scheine zuckender Blitze zurückgetrieben nach Osten, gegen Italien zu, während ihr Steuermann ihr kleines, leckgewordenes Schifflein, dem Versinken nahe, mit letzter Anstrengung noch in den Hafen von Marseille rettete. Ich habe den Göttern, die des Meeres walten, Poseidon und Amphitrite, reiche Dankopfer gelobt. Sobald ich an das Meer gelange, werd ich goldne Kleinode den Fluten darbringen, sie zu den Göttern hinunterzutragen.

Wohl wird der Augustus, sowie er erfährt, wohin seine Gäste verschlagen worden, alsbald ihre Rückkehr zu ihm befehlen. Aber er will ja demnächst nach Asien gegen die Perser ziehen. So hat es wohl eine Weile gute Wege. Auch in der gnädigen Errettung der Meinen aus solcher Gefahr sehe ich, dankbar und fromm, die besondere Gunst der Götter.

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