Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 56
Quellenangabe
pfad/dahn/julian/julian.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
year1977
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120163
projectid159a9d02
Schließen

Navigation:

Dreiunddreißigstes Kapitel

Wieder ein paar Wochen ohne Ruhe zum Schreiben!

In starken Märschen – (denn abermals galt es Überraschung!) – eilte ich vom Unterlauf des Rheines bis Mainz und überschritt hier den Strom; drohenden Bewegungen der Alemannen zuvorzukommen und das linke Rheinufer durch Wiederbeherrschung des rechten zu sichern: Dieses ist das einzige sichere Mittel, und – echt cäsarisch! Auch drängt mich noch eine besondere Pflicht über den Rhein zu jenen Alemannenkönigen. Seit Jahren haben sie, während der Wehrlosigkeit unserer Grenzen, zahllose Gefangene aus unsern Villen, Dörfern, Städten fortgeführt; viele waren geschickte Arbeiter in allen Handwerken, die sie als Lehrmeister verwenden.

Das soll nicht sein. Das Wenigste, was ein Untertan des Reichs verlangen kann, ist doch, daß er nicht fortgeschleppt wird wie ein Rind von Bären. Und dann – je mehr diese Barbaren lernen, desto gefährlicher werden sie; nicht als Feinde nur; als immer mehr Genuß und Bildung verlangende Nachbarn.

So habe ich in diesen Monaten mir möglichst genaue Verzeichnisse aller aus unserem Gebiet gefangenen Fortgeschleppten anfertigen lassen von den Behörden des Orts und den geretteten Familienmitgliedern. Alle müssen mir die Barbaren herausgeben! Ach, in vielen wachen Nächten – (neben Libanius und Maximus) – las ich in diesen schmach- und trauervollen Listen! Und mein glückliches Gedächtnis – (in diesem Fall »unglücklich«) – prägte mir genau die Namen ein, auch wie viele und welche auf jeden der feindlichen Könige fallen.

Serapio entließ ich hier auf Besuch zu seinem Vater, unter dem Versprechen, sich in Paris wieder zu stellen, sobald ich dort die Winterquartiere beziehen würde.

Mein Vordringen geriet unerwartet ins Stocken: aus unglaublichem Grunde! Der Führer der Vorhut, Severus, ein alter Kriegsmann (noch bei Straßburg hat er sich gut bewährt), verfiel in Furcht; nicht vor den Heeren, aber vor den Wäldern der Germanen. Ich gestehe, sie haben etwas Grauenerregendes, ich dringe auch nicht gern hinein: Helios erscheint wie unmächtig in diesen dunkelgrünen Schatten der dicht ineinandergewachsenen Wipfel. Aber was tut Severus? Er zwingt – (unter Todesdrohungen) – die landeskundigen Wegweiser, die ich ihm mitgegeben und die ihn raschen Schritts ins Innere führten, auszusagen, sie könnten nicht weiter, sie wüßten nicht mehr Weg noch Steg!

So erlahmte das Vordringen, bis ich eintraf, den Trug entdeckte, den baumscheuen alten Helden mit einem scharfen Verweis nach Paris sandte – (setz ich ihn ab, schickt mir der Imperator gewiß keinen bessern!) – und nun selbst die Vorhut in die unheimlichen Sumpfwälder führte. Denn die Germanen lieben es, ihr Rodland, das sie durch Axt und Feuer dem Wald abgerungen, das ihre Einödhöfe oder Dörfer und das Korn trägt (sowie die Wiesen des gelichteten Waldes, wo sie ihre Herden weiden), mit einem schwer durchdringlichen Gürtel von Urwald und Ursumpf zu umgeben. In diesem Grenzwald sperren und verteidigen sie jeden Zugang durch Verhack und Verhau; ist aber dieser Landhag durchbrochen, sind sie ziemlich wehrlos.

Sowie wir eingedrungen, flohen sie nach Nordosten weiter. Meine Leute, erbittert über die Beschwerden dieser Märsche durch Waldsumpf und Sumpfland, hausten arg mit der Fackel: Saaten und Gehöfte und Dörfer verbrannten sie, einzelne Menschen, die sich verspätet hatten, Greise, Weiber, Kinder, hieben sie ohne Erbarmen nieder, was sie von Vieh erreichen konnten, schlachteten sie – aus Bosheit, um die Barbaren nach Kräften zu schädigen.

Ich kann's nicht hindern, kann nicht überall sein. Auf meine Mahnung zur Menschlichkeit antworten sie mit Lachen, die frömmsten, das heißt gebeteifrigsten Galiläer nicht minder als meine sterneanbetenden numidischen Schützen zu Roß. Bellona ist die schrecklichste der Göttinnen!

Die furchtbaren Leiden ihrer Gauleute mürbten endlich die harten Herzen der grimmigsten zwei Alemannenkönige, die bei Straßburg gegen uns gefochten und blutend das Feld verlassen hatten: König Suomar und König Hortari erschienen selbst in meinem Lager, baten um Frieden und unterwarfen sich. Prächtige Männer, auch in dieser Lage noch ihrem Stolze nichts vergebend: »Der Ungunst der Götter weichen wir«, sagten sie, »um der Not unseres Volkes willen.«

Als ich ihnen – (sie verstehen trefflich Latein) – erwiderte, ihre Götter seien eben nur Dämonen, schwächer als die meinigen (wagte ich zu sagen, obwohl Gaudentius lauernd zur Seite stand), schüttelten sie trotzig die gelben Mähnen, und Suomar rief: »Nichts ist gewaltiger als unsere Götter.« – »Ausgenommen das Schicksal«, schloß Hortari ernst.

Seltsam! Ich staunte. Also bei diesen Barbaren im Neckarsumpf die gleiche Vorstellung wie bei Homer; eine Schicksalsnotwendigkeit, mächtiger als der Wille der Götter. Woher mag das kommen? Welche Fragen der Philosophie, der Religionsgeheimnisse drängen sich mir auf mitten im alemannischen Grenzwald!

»Und die Götter zürnen uns offenbar«, begann Suomar aufs neue. »Oder das Schicksal hat – gegen Wodans und Tius Wunsch – uns Unsieg zugewogen. Die Nornen woben es so; auch sie weben, wie sie müssen, nicht wie sie wollen. – Was verlangst du, o Cäsar?«

Diese Frage riß mich aus meinem religionsphilosophischen Staunen in die Pflicht des Dienstes zurück. Ich befahl: »Ihr habt fortan die Besatzungen zu verpflegen in den von mir erneuerten Kastellen auf dem rechten Ufer, habt in Wagenfuhren Baumstämme und Steine herbeizuschaffen für die Verstärkungsbauten.« Sie nickten schweigend. Ah, das war mir ein Augenblick übermenschlicher Lust.

Ich, das Philosophlein Julian, habe diese knirschenden Waldkönige gezwungen – wie Probus, der neun Germanenkönige knien sah vor seinem Zelt –, wie in den größten Tagen Roms, an den Zwingburgen selbst zu bauen, an den Ketten selbst zu schmieden, die ihnen Land und Leute in Fesseln schlagen sollen!

Suomar seufzte schwer. Hortari schlug ihm tröstend auf die Schulter: »Es währt nicht lang«, sprach er. Aber so viel Alemannisch hab ich verstehen gelernt. Zornig fuhr ich den Tröster an: »Jetzt schon sinnst du auf Treubruch?«

Doch unerschrocken erwiderte der Germane: »Nicht doch. Aber du stirbst, wir sterben; unser Volk stirbt nicht. Stark ist ein Vertrag, stärker ist die Not. So gewiß der Neckar in den Rhein geht und der Rhein ins Meer, so gewiß gewinnen wir wieder, was du uns jetzt abgezwungen.«

Der Gedanke, die Unheilsweissagung Serapios!

Auch aus dem Munde dieses Barbaren, der nicht lesen, nicht schreiben kann! Also ist das kein Geheimnis Erlesener unter ihnen? Die Ungeschulten, die Rohen glauben an diese ihre sieghafte Zukunft? Schlimm! – Zornig fuhr ich ihn an: »Schlecht steht es dem besiegten Barbaren an, der hier in meinem Zelt um Frieden betteln muß, zu drohen! Warum wähnst du, ihr werdet siegen?« – »Das wähnen wir nicht«, sprach der andere, Suomar. »Das wissen nur die Götter.« – »Oder das Schicksal«, schloß Hortari. »Vielleicht gehen wir unter, vielleicht ihr. Aber Friede wird nicht zwischen uns. Wir gewinnen das Land, das wir brauchen und das ihr uns vorenthaltet, oder wir verhungern.«

Wieder dies Wort! Ein Kampf ums Leben; auf Tod und Leben also. Ärgerlich riß ich mich los von diesen bedräuenden Gedanken. »Außer jener ersten Bedingung lege ich euch noch auf: Herausgabe aller Gefangenen, die ihr fortgeführt.« – »Es sind viele, o Cäsar.« – »Ebendeshalb.« – »Die uns Königen gehören, können wir freigeben. Aber die unsern Heermännern als Beute zugefallen ...«

»Alle!« herrschte ich sie an. »Und damit ihr's wißt: Es sind 5783!« Sie staunten. Ich winkte Jovian; er zog viele Papyrusrollen aus meiner Schildpattkiste. »Auch ich habe Götter«, rief ich, »und meine Götter zürnen mir nicht und haben kein Schicksal über sich. Wohlan, sie haben mir die Namen aller der Unglücklichen offenbart, die ihr geraubt. Gebt sie heraus.«

Betroffen starrten die Barbaren vor sich hin.

»Du, Suomar, zum Beispiel«, fuhr ich fort – (auswendig, ohne in die Liste zu blicken, dank meinem guten Gedächtnis) –, »du gibst heraus die Leute, die du aus der Villa des Summus Barbatus zu Altrip geraubt, nicht nur ihn, auch Felicitas, seine junge Gemahlin.« Der Barbar fuhr zusammen. »Deine Götter ...« stammelte er, »wissen viel ...« – »Alles. Und das meiste vertrauen sie mir. Du, Hortari, bringst Forestarius, den Grammaticus, zurück nach Mainz mit Angelica, seiner anmutreichen Tochter. Fort! Und gehorcht.«

 << Kapitel 55  Kapitel 57 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.