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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 49
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Fürchte nicht, o Mann der Götter und der friedlichen Weisheit, ich werde dich ermüden durch gleich ausführliche Berichte über meine auf den großen Tag von Straßburg folgenden Kriegstaten. Den genauen für einen Kriegsmann berechneten Bericht erhält mein wackerer Ammian, für meine Unsterblichkeit zu sorgen: Du sollst nur das Wichtigste vernehmen.

Gleich nach dem Sieg entließ ich jene Gesandten, die so hochfertiger Botschaft Träger gewesen. Sie staunten nicht wenig über den eingetretenen Umschwung und schalten nicht leise über meine Verletzung des Völkerrechts! Allein sie kennen den Namen des Gottes nicht, den sie anrufen müßten, mich zu strafen: Mars des Rächers. Und gegen ihre germanischen Götter, deren schrecklich barbarisch klingende Namen sie im Munde führen, schützt mich mein Herr, der unbesiegte Helios. Jene Götter mögen ja leben, aber es sind höchstens Dämonen, dem Lichtgott zum Dienste geordnet.

Ich darf nicht (ach ich darf noch immer nicht!) zu Helena fliegen, mir den süßesten Dank (viel wertvoller als den Lorbeer!) zu holen in ihren Armen. Aber dies Eisen des Sieges, das so heiß ist, muß geschmiedet werden. Ich muß über den Rhein!

Noch auf dem blutigen Schlachtfeld faßte ich den Entschluß: Vielmehr ich hatte ihn – für den Fall des Siegs – schon vorher gefaßt. Wie der große Cäsar nach Vernichtung Ariovists und seiner Sueben den Glanz und den Schrecken der römischen Waffen über jenen Strom trug, so muß auch sein kleiner (obwohl ich mir einbilde, mein Germanensieg ist nicht geringwertiger als der seine) Namensvetter tun. Freilich, ein bittrer Schmerz drängt sich auf bei dem Vergleich: Er trug die Adler in ein von uns nie betretenes Land. Ich mache einen Besuch in einem Gebiet, das fast drei Jahrhunderte hindurch von uns beherrscht war!

Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf (so verwegen sie scheint!), die Herrschaft Roms wieder auszudehnen bis an den alten Limes, den wir erst vor hundert Jahren eingebüßt. Serapio freilich lächelt seltsam bei solchen Reden. Er versprach mir, seinen Zweifel, seinen Widerspruch auch gegen diesen Plan meiner Träume, wie er sagt, eingehend zu begründen. Ich bin gespannt. Aber gespannt bin ich auch, wie es wohl jenseits des gewaltigen Stromes aussehen mag, der breit wie ein See hinflutet. Wer mir in jenem Kloster gesagt hätte, ich würde je den Rhein im Rücken haben!

 

Ich stehe auf dem rechten Ufer des Rheins.

Ich besetzte gleich nach dem Siege Straßburg aufs neue, zog von da auf Mainz und überschritt hier den Strom auf Schiffsbrücken. Es ist vielleicht schmeichelhaft für den Cäsar (und deshalb wohl schreibt er es hier!), aber wenig rühmlich und wenig Zukunftvertrauen erweckend für das Heer und das Reich der Römer, daß ich nicht den Obergang einfach befehlen konnte. Vielmehr meldeten meine Unterführer, der Widerwille meines Heeres gegen den Rheinübergang sei so stark, die Abneigung, die Germanen (trotz des eben erfochtenen Sieges!) drüben in ihren Wäldern aufzusuchen, so heftig, daß ich offne Meuterei zu befürchten habe, beschränke ich mich auf den bloßen Befehl.

Und wohlverstanden: Das sind Römer! Denn die batavischen Hilfsscharen verlangten gleich nach der Schlacht, entlassen zu werden. Drei ihrer vier Könige sind gefallen, der vierte, schwer verwundet, führt die Leute heim, die seltsamerweise an dem Siege keine rechte Freude haben. Sie umringten den gefangenen Serapio, wo sie ihn fanden im Lager, und sagten ihm in meiner Gegenwart, sie hätten viel lieber unter ihm als unter ihren Königen gegen ihn gefochten! Jene Könige hätten sie überredet, fortgerissen: In ihrem Fall erblickten sie die Entscheidung der Götter. Wahrlich, ich fürchte, ließe ich Serapio frei, die verwaisten Gaue der Bataver wählten ihn sofort zu ihrem König. Drum soll er hübsch bei mir bleiben. Es ist mir lieber, er schlägt und löst auf meine Beweise und Schlüsse als meine Cornuti und Braccati.

 

Also auf dem rechten Rheinufer! Ein stolzes Gefühl. (Ach wie traurig, daß ein Cäsar darauf stolz sein darf!) Aber nur durch Bitten und Schmeichelreden brachte ich die Truppen dahin, mir zu folgen.

Sie entblödeten sich nicht, mir in das Gesicht zu sagen (und sie meinten wohl gar dabei, das müsse mich freuen und ehren!), nur mir, meiner Person zuliebe, weil ich mich ihrer wie ein Bruder annehme, und aus Freude und Stolz auf den großen Sieg, täten sie nach meinem Wunsch. Und auf meine unwillige Entgegnung, meine Erinnerung an ihren Eid, erwiderten sie lachend: »Ach, Eid! Wir wissen gar nicht mehr, bei welchen Göttern wir geschworen haben, ob bei Jupiter und Mars und dem Genius des Imperators oder bei dem Gekreuzigten. Und um viel kleinerer Ursach willen als ein Rheinübergang und ein Zug in die Schrecken der germanischen Wälder hat schon gar manches Heer in der letzten Zeit seinen Feldherrn erschlagen, einen gefügigeren gewählt und ihn wohl auch zum Imperator ausgerufen – was du ja verschmähst.« Da verstummte ich und war froh, daß sie mir überhaupt über den Rhein folgten!

Die Gaue der Alemannen, in welche wir zunächst eindrangen, waren äußerst überrascht und erzürnt, daß ich sie feindlich behandle. Sie erklärten mir durch Gesandte, sie hätten sich jenen sieben Königen nicht angeschlossen gehabt. (Wie kann ich das wissen? Soll ich die Verfassungen dieser Barbaren erforschen?) Jetzt habe aber mein Angriff auch die bisher Friedlichen gegen uns entrüstet, und alle Nachbargaue seien zur Abwehr bereit.

Ich gestehe, das war bei meiner geringen Macht keine erfreuliche Aussicht. Ich hatte auch nicht viel Erfolg. Zwar drang ich etwa noch vier Stunden landeinwärts vor, ließ auch den Rhein entlang stromaufwärts und stromabwärts zur Nacht auf Booten Streifscharen landen, die alles verheerten und verbrannten. Doch gelang es nicht, die in ihre Wälder entweichenden Barbaren zu erreichen. Im Gegenteil! Beinahe hätten sie mich erwischt!

Ich erzähle dir das kleine Abenteuer, das ja gut ablief, weil dir der Hergang zeigen mag, wie so ganz ich die Herzen meiner Leute gewonnen habe: trotz ihrer Zuchtlosigkeit, ihres Ungehorsams. Totschlagen lassen sie sich willig für mich, nur gehorchen wollen sie mir nicht!

Ich ritt – es ging gegen die Dämmerung, die Vögel sangen ihr Abendlied – meiner Vorhut ziemlich weit voraus, von wenigen Leibwächtern begleitet, über die Wiese, hart am Saum des Waldes hin. Die nächsten Truppen hinter mir waren germanische Söldner (leider meine besten Leute!), aber auch ein paar Griechen und Römer darunter, eine besondere Schar erlesenen Fußvolks. Plötzlich sprang aus dem dichten Gebüsch, aus dem dunkeln Unterholz des Waldes, ein Rudel der Barbaren und drang mit wildem Ungestüm auf mich ein, aber schweigend, ohne ihr sonst so beliebtes Kampfgebrüll zu erheben, um nicht dadurch meine nächsten Truppen heranzurufen. Ich geriet in heiße Gefahr. Sie hatten mich erkannt oder doch an der reichen Rüstung einen der obersten Führer erraten, und suchten sich unabschüttelbar Bahn zu mir zu brechen durch die Reihen meiner Leibwächter. Schon waren mehrere von diesen gestürzt.

Da erkannten meine starke Bedrängnis vier junge Krieger von jener mir von weitem folgenden Schar: Centurionen und Rottenführer: ein Grieche, ein Friese, ein Markomanne und ein Quade. »Das Kleeblatt«, nennt man im Lager die Unzertrennlichen, die jeden Kampf, jede Rast und jedes Gelage zu teilen pflegen. Der flaumbärtige blonde Friese sah's zuerst, rannte den andern voran und sprang an meine Seite: »Zu Hilfe, Gárizo!« schrie er. »Halte ihm den Schild vor, Ekkard! Rasch, Hippokrenikos, nieder den Kecken da links!« – »Komme schon, Sigiboto, mein Bub!« erwiderte Gárizo, der breite Markomanne. – »Bin schon da!« rief der Quade Ekkard. – »Da liegt er schon, der lange Lümmel!« frohlockte der Grieche, die dunkelbraunen Locken schüttelnd. Und noch ein paar Hiebe der Wackeren, und die Feinde flohen in den Wald zurück.

»Dank euch, meine Freunde!« rief ich vom Roß herab. »Dank? Dreimal sterben wir für dich!« scholl es zurück. Und ich glaub es ihnen aufs Wort. Ihr ganzer Lohn bestand darin, daß ich sie, als wir nun bald Lager schlugen, zum Nachtmahl in mein Zelt lud und sie aus meinem eignen Becher den feinsten Massiker trinken ließ, den ich mitführte. Ich hätte sie gekränkt durch Geldgeschenke. Aber dieses »Kleeblatts« bin ich nun noch sicherer als zuvor.

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