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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 45
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Nun war das Verderben dem jungen Cäsar sehr, sehr nahe gerückt.

Zwar noch in ziemlich leidlicher Ordnung, aber doch ohne Möglichkeit, wieder festen Fuß zu fassen, wichen rascher die Braccati, langsamer auch die Cornuti, die Römerstraße zurück, hart bedrängt von den Germanen, die, nach so furchtbarem Ringen, nun sich der Rache an den Weichenden ersättigen wollten.

»Rette dich, Julian«, rief Jovian dem Freunde zu. »Ich halte die Verfolger auf! Der Cäsar darf nicht fallen in Barbarenhand.« – »Das wird er nicht«, erwiderte ruhig Julian, das Schwert ziehend. »Aber noch leb ich; noch hoff ich auf den unbesiegten Sonnengott. Jetzt –«, er wandte die Augen auf die Sonne, die sich gemach zu Golde neigte, »jetzt zeige, daß du, der einzig wahre Gott, lebst und siegst. Schicke – schicke du, o Helios –, es ist zu spät, sie zu rufen! – schicke mir die Bataver.«

Kaum hatte er das Wort gehaucht, da erdröhnte weithin das Gefild von dem Jauchzen der hartbedrängten Römer: »Die Bataver! Die Bataver! Mit ihren Königen! Wir sind gerettet! Dank Christus! Dank den Göttern! Die Bataver! Die Bataver!« Und so war es. In dröhnendem Sturmschritt, mit dem lauten germanischen Kampfruf – dem eignen Namen: »Bataver! Bataver!« Mit fliegenden Fahnen kamen diese über viertausend Mann frischer Truppen – erlesne Kernscharen – wie eine Sturmflut von Erz die Legionenstraße herab. Das weichende, halb aufgelöste zweite Treffen der Römer fand hinter ihnen Aufnahme, Sammlung, Rettung.

Klirrend, die ehernen Schilde dicht aneinandergedrängt, mit weit vorgehaltnen Speeren, stießen die Bataver auf die nachsetzenden Alemannen. Diese, die gewaltigen Leiber von dem stundenlangen Kämpfen in der glühenden Augustsonne erschöpft, vom hoch aufwirbelnden Staub erstickt, vom brennenden Durste gepeinigt, die meisten bereits verwundet, stockten und stutzten, als sie die unverbrauchte Kraft der germanischen Vettern traf.

Einen Augenblick hielten sie noch. Dann, im Gefühl der Ohnmacht – nach solchen Anstrengungen – gegenüber diesen neuen Angreifern, brachen sie in ein wildes dumpfes Geschrei der Verzweiflung aus, wandten sich und – flohen! Das Fußvolk auf der von alemannischen Leichen besäten Straße, die Reiter über die Getreide- und Stoppelfelder westlich der Straße.

Merowech, mit fortgerissen, suchte, etwas weiter im Rücken wieder auf die Straße reitend, den Herzog. Er fand ihn und mehrere der Könige, wie sie, immer noch zu Fuß, sich vergeblich dem Schwall der Zurückflutenden entgegenwarfen.

»Es ist nicht möglich«, rief der Herzog zu Merowech hinauf, »daß es so zu Ende geht. Mein Traum! Er muß sich erfüllen! Es kann noch nicht alles verloren sein.« – »Ist's auch nicht«, entgegnete der. »Komm! Noch einen Angriff. Den letzten freilich. Weiche noch etwas weiter zurück, wo eure Pferde stehen und die Hälfte eurer Gefolgschaften. Und noch ein paar hundert Mann Fußvolk von mir. Ich hab sie heimlich aufgespart für das Allerletzte. Darum hielt ich auch eure halben Gefolgschaften zurück. Aber nun aufs Pferd! Jetzt werden die gestrengen Gemeinfreien euch wohl gestatten, ihnen voranzureiten: – in den Tod.« – »Das danke dir Wodan, du Prachtbub!« rief der Riese, der nun erst alles begriff. Willig und eilig folgte er dem Jüngling nach hinten.

Inzwischen waren die Reiter der Bataver bei Julian und Jovian eingetroffen; allen voran die vier Könige mit ihren Gefolgschaften. Dröhnenden Sturmschritts folgte ihr Fußvolk. »Das war Hilfe im rechten Augenblick«, rief Julian, dem nächsten König die mächtige Faust schüttelnd. »Gerade noch recht hat euch ein Gott herbeigeführt, der stärkste Gott!«

»Jawohl, Loge, der Gott des Hasses«, erwiderte Chramn, grimmig den Graubart streichend. »Wo steckt er denn, der schöne Paltar, der junge Held, dessen Klugheit und Tapferkeit die erprobter Könige verdunkeln will? Hei, wir sahen wohl von da oben, daß ihr hart zu ringen hattet in der Stirnseite gegen die Alemannen. Aber ich hätte doch nicht gewagt, gegen deine strengen Befehle, unsere Stellung zu verlassen. Da ersah ich deutlich – der Haß hat helle Augen – unter den Reitern, die immer wieder eure Flanke anfielen, das verhaßte Feldzeichen der Merowinger: den Meerdrachen! Und ja, ich glaubte in dem Führer auf dem Schwarzroß die hochaufgeschossene Gestalt dieses hoffartigen Klüglings zu erkennen. Ich sagte es den Freunden, die stimmten bei: ›Er ist's‹, schrien wir plötzlich alle vier. Und ohne daß ein Befehl dazu gegeben war, stürmten alle, wir Könige voraus, und die Unsern hinter uns, die Straße herab, den Verhaßten zu treffen. Wo ist er nun? Entflohn, der Feigling?« Er hielt die Hand vor die Augen und spähte weithin vor sich.

In diesem Augenblick erteilte Julian leise dem neben ihm haltenden Jovian einen Befehl; sofort jagte der, mit nur zwei Reitern der Leibwache, südwestlich von der Straße ab und auf den Flügel des Severus zu.

»Beim Speere Wodans«, rief da Chramn und ließ die Hand von den Augen gleiten. »Da kommt er noch mal angeritten, der Merowing!« – »Nun, ihr die Eidverbundnen, alle auf ihn!« schrie Guntchramn. »Er soll nicht lebend vom Fleck!« drohte Truchtbrecht.

»Er, der besser sein will als seinesgleichen«, schloß Grimmbrand.

 

Und jetzt kam er, der letzte, der furchtbarste Stoß, die äußerste Anstrengung der Germanen. Es war fast sieben Uhr, die Sonne sank; fünf Stunden hindurch hatten sie in unablässigem Angriff ihr Bestes versucht.

Nun führten Chnodomar, Merowech und die noch unverwundeten übrigen von den sieben Königen jene von dem Bataver künstlich aufgesparte frische Schar und dahinter so viele von den erschöpften, fieberheißen, wunden Flüchtlingen, als sie wieder hatten zum Stehen bringen können, zum letzten Sturm auf die Römer heran. Voran die Führer zu Pferd, dicht hinter ihnen ihr berittenes Gefolge, und die Reiter, die wenigen, die noch übrig waren nach jenen unaufhörlichen Angriffen. Hinter den Reitern, dicht geschlossen, die Keilhaufen des Fußvolks, die frischen Mannschaften vorn, die ermüdeten am Schluß, jeder Keil mit zwei Mann beginnend, dann drei, vier, fünf Mann, zuletzt zwölf oder soviel die Breite der Straße irgend gestattete, in einer Reihe, dahinter ein neuer Keilhaufen, in gleichem Anschwellen nach hinten.

Unwiderstehlich – so schien es – brausten die Reiter heran. Aber die Massen des Fußvolks hatten einen allzulangen Weg, einen allzubeschwerlichen, zurückzulegen. Die Leichenhügel sperrten ihre Schritte; langsam nur, obwohl sie liefen, kamen sie vorwärts. Erst lange nach den Reitern erreichten sie den Feind. Merowech und Chnodomar sprengten nebeneinander allen voran.

Sobald jenen die Könige der Bataver erblickten, jagten sie alle vier auf ihn los: »Nieder der Merowing!« riefen sie. Zwei ihrer Wurfspeere flogen. Den einen fing Merowech mit dem Schild, den zweiten schlug er mit einem neuen Speer zur Seite, den er gleich darauf dem nächsten Feind zur Rechten in die Brust rannte: es war Chramn; der schrie vor Wut und taumelte vom Gaul. Allein schon schwang auf des Jünglings Schildseite, über seiner Sturmhaube, Guntchramn das kurze Beil. Scharf ersah's Friedibert, der hart hinter dem Herrn hielt; er gab seinem Hengst die Sporen, daß er fast senkrecht stieg, und warf das edle Tier so wuchtig auf den Feind, daß Reiter und Roß zusammenbrachen, sich überschlagend, die Böschung der Straße hinabrollten. »Dank, Friedibert!« rief der Königssohn.

Nun waren Truchtbrecht und Grimmbrand heran.

Merowech warf dem ersten den Speer gerade in die Stirn, daß er rücklings aus dem Sattel flog; aber der vierte Gegner schlug ihm einen sausenden Schwerthieb durch die zerklirrende Sturmhaube tief in den Schädel, zugleich traf ein Wurfspeer sein Pferd in den Hals. Hoch sprang das Tier. Noch einmal ward des Jünglings hohe schlanke Gestalt weithin sichtbar Feind und Freund; im Abendgolde glänzten nochmals die flatternden goldnen Haare, dann verschwand er spurlos im blutigen Staube, und über ihn ging der Reiterkampf dahin.

»Herr, lieber Herr«, rief Friedibert, sprang vom Sattel und wollte dem Gefolgsherrn aufhelfen. Aber ein römischer Fußkämpfer schritt gerade auf ihn zu, weit ausholend mit dem Wurfspeer. Sofort zielte und warf auch Friedibert. Keiner der beiden dachte an Deckung. »Christus siegt!« rief der dunkeläugige Römer. »Frô befreundet mich!« rief der Germane. Beide trafen; lautlos stürzten beide, den Speer des Gegners in der Brust.

Mit einem Schrei des Grimms hatte Chnodomar den Freund fallen sehen; rasch warf er sich auf den letzten der vier Bataverkönige. Ein zorniger Schwerthieb, und Helm und Haupt waren ihm gespalten. »Hei, sie schneidet noch, die gute Klinge Donars!« jubelte der Herzog. »Wo ist Julian? Wo steckt der Cäsar-Knabe?« Und mit ungeheuren Hieben alles vor sich niederstreckend, Reiter wie Fußkämpfer, brach er sich Bahn. Der Zauber Donars schien sich zu bewahrheiten: Auf jeden Streich des Schwertes fiel ein Feind. Niemand mochte ihm standhalten; so brach er, von Vestralp, Suomar und Hortari gefolgt, durch die erste, zweite, dritte Reihe der batavischen Söldner.

Hinter der dritten hielt Julian, in der Mitte seiner berittnen Leibwächter. Er hob sich hoch in den Bügeln und spähte angestrengt nach links aus, wohin er Jovian entsandt hatte. So merkte er nicht, wie der furchtbare König auf seinem mächtigen Kampfhengst ihm näher und näher drang, bis plötzlich ganz nah an sein Ohr – auf lateinisch – die grimmige Frage schlug: »Wo ist der Knabe Julian?«

Der treue Berung hielt den Schild über seinen Herrn, aber ein Wurfspeer brachte sein Pferd zu Fall. Gleichzeitig flogen, von Chnodomar durchspalten, der erste und der zweite von Julians Leibwächtern vom Roß, die ihn von dem Rasenden noch trennten. Der Riese erkannte nun den Cäsar an dem prachtvollen Helm, dessen roter Busch, mit Goldfäden durchflochten, im Abendlichte leuchtete: »Donar schlägt dich!« schrie Chnodomar und schmetterte einen furchtbaren Hieb auf Julian, den dieser, rasch sich wendend, gerade noch mit dem Schild auffing.

Da ... da sprang das Schwert Chnodomars klirrend entzwei!

Er hielt den Griff mit einer Handbreit von Klinge in der Faust. Unbeschreiblich war das Gefühl, war die Bestürzung, die Betäubung des armen Getäuschten. Er wollte es nicht glauben. Er starrte auf das zerbrochne Schwert; er hielt sich's dicht vor die Augen: »Ah – es ist – es ist unmöglich!« stöhnte er.

Im selben Augenblick traf ihn – aus weiter Ferne – eine römische Wurflanze gerade vor die Stirn. Die Spitze zwar bog sich krumm an der ehernen Sturmhaube, die er unter der Mähnenschnur des Auerstieres trug, aber der Stoß auf das Gehirn war so mächtig, daß er den Zügel fallen ließ – nicht aber den nutzlosen Schwertstumpf – und rückwärtstaumelte. Da faßten König Vestralp von rechts, König Suomar von links seine Zügel, rissen den Hengst herum und flüchteten den Wankenden aus dem Getümmel.

Dieser Anblick entschied vollends das Geschick des letzten Reiterangriffs und des jetzt erst eintreffenden Fußvolks der Alemannen.

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