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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 43
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Zwanzigstes Kapitel

Nachdem Julian von jener Höhe aus, die vorher die feindlichen Späher eingenommen, die Aufstellung der Barbaren auf und zu beiden Seiten der Legionenstraße übersehen hatte, erließ er kurz Befehl über die Verteilung seiner Scharen. Sie ergab sich ziemlich von selbst: Festhaltung der Straße in der Mitte durch Fußvolk und einige Reiter, die Masse der Reiterei auf seinen rechten (westlichen) Flügel, der feindlichen Reiterei gegenüber, das Fußvolk in Menge auf seinen linken (östlichen) Flügel, wo das Gelände mehr unterbrochen, unübersichtlich, schien.

Jedoch nicht umsonst hatte er eifrig die Geschichte römischer Niederlagen und römischer Siege gegenüber Germanen durchforscht: Er wußte, daß erst Marius die Legionen dem Stoß des germanischen Keils hatte widerstehen gelehrt; er wußte, daß »die Taktik der Reserven« alle Siege der Römer über diese ungestümen Feinde entschieden hatte. Und er handelte danach. Kaltblütig, eine römische Straßenkarte in der Hand, erteilte er den um ihn versammelten Heerführern seine Weisungen; jeder stob davon, sobald er seinen Auftrag erhalten. »Dich, Jovian, bitte ich, heute um mich zu bleiben, mit einer erlesenen Reiterschar. Nimm zu meinen dreihundert Leibwächtern noch dreihundert Panzerreiter. Mit ihnen wollen wir – du oder ich – dahin fliegen, wohin die Not uns ruft. Allgegenwärtig sein auf dem Schlachtfeld – wie der Gott der Galiläer in der ganzen Welt –, das wäre nun das Erwünschte.«

 

Die Schlacht begann. Es war gegen zwei Uhr mittags. Nach jener Rast auf der Höhe hatten die Römer etwa noch zwei Stunden Wegs zurückgelegt. Auf dem linken römischen Flügel rückte Severus, der unter dem Helm ergraute Magister Militum, an Partherpfeile, sarmatische Wurf-Holzkeulen und germanische Speere gleich gewöhnt, mit dem Fußvolk links seitwärts der Straße auf die feuchte Niederung zu, die damals der Musaubach fast zu einem Sumpfe machte; dichtes, hohes Schilf wucherte hier.

Schon waren die ersten Reihen, ohne auf einen Feind zu treffen, an den breiten Bogenpfeilern der römischen Wasserleitung vorbei und in die Anfänge des Schilfes gelangt – nur in der Ferne vor sich erblickten sie Speerspitzen der Feinde –, als plötzlich überall aus dem Schilf und Röhricht batavisches Fußvolk hervorsprang und die Marschkolonne von der linken Flanke und von vorn anfiel unter gellendem Kampfgeschrei.

Es war der Hinterhalt, den da, nordöstlich von dem heutigen Dorfe Musau, Merowech gelegt hatte.

Der Erfolg war stark: zwar verlor der kampferprobte Alte nicht die Ruhe – unerschrocken befahl er Halt, gebot seinen Leuten, »Schildkröten« zu bilden, das heißt, wie sie gingen und standen, zu zweien, dreien oder mehreren sich, Rücken an Rücken gedrängt, gegenseitig zu decken und unter dem Schilddach die Speere gefällt vorzustrecken. Und der ruhige Befehl ward ruhig ausgeführt. Aber von Vordringen war doch gar keine Rede mehr: auf ängstliche Verteidigung war dieser Flügel angewiesen. Und schon näherten sich die feindlichen Speerspitzen von vorn her.

Julian sah's von der hohen Straße aus deutlich. Er befahl Jovian, so rasch als möglich eintausend Mann Schildner aus dem zweiten Treffen zu holen und den Bedrängten als Verstärkung zuzuführen. Er selbst sprengte mit zweihundert seiner Reiter von der Straße herab auf den bedrohten Flügel zu. Dabei geriet er, durch die Zwischenräume des Fußvolks vorjagend bis in die vorderste Reihe, in den dichten Hagel der Pfeile und Wurfspeere der Barbaren.

»Wie?« rief er dem vordersten Schildkrötenhäuflein zu. »Jetzt stockt ihr und stutzt? Wer hat so ungeduldig verlangt, sofort an die Barbaren gebracht zu werden? Gerade ihr, ihr keltischen Petulantes! Vor anderen laut schrieet ihr! Jetzt habt ihr euren Wunsch! Nun tut danach.«

Als er erkannt war, begrüßte ihn freudiger Zuruf; zugleich hatten seine Reiter die nächsten vereinzelten Feinde über den Haufen geritten: Alsbald führte Jovian die Verstärkung von tausend Mann, in streng geschlossenen Gliedern, vor. Die Barbaren wurden hier langsam zurückgedrängt. Aber nicht weit: Auch sie erhielten Verstärkung vom Rücken. Es kam zum stehenden Gefecht.

Merowech wie die Könige hatten diese Dinge ebenfalls auf der hohen Straße von ihren Rossen herunter wahrgenommen. Eben bat jener den Herzog, ihm zu erlauben, mit seinen Reitern den Römern des Severus dort in die rechte Flanke zu brechen, als aus dem ganzen alemannischen Fußvolk auf der Straße und weiterhin nach Osten ein wildes, drohendes Geschrei an sein Ohr schlug.

»Ich verstehe nicht! Was wollen sie?« fragte er Chnodomar. – »Etwas sehr Dummes«, antwortete der unwirsch. »Aber wir müssen's tun.« Und, wuchtig in seinen Waffen rasselnd, willfährig, gehorsam, wie ein gescholtener Knabe, sprang er von dem mächtigen Gaul, einem prachtvollen Brandfuchshengst. Und zum äußersten Erstaunen Merowechs folgten alle sechs Könige seinem Beispiel; ebenso die Reiter ihrer Gefolgschaften. »Seid ihr von Sinnen?« rief der Bataver. »Jetzt absteigen? Jetzt – da ...« – »Sei still, und steig auch ab, sollen dir nicht Alemannenspeere unsanft an den Kopf fliegen«, riet Chnodomar. »Die Gemeinfreien – 's ist ihr alt stolz Recht! – verlangen, daß, da die Stunde sehr heiß wird, die Könige und Edeln von den Rossen steigen und – neben den Gemeinfreien – zu Fuß kämpfen. Damit wir nicht etwa rasch entreiten, geht es schief.« – »Und das tut ihr? Und ihr fügt euch?« – »Es ist Ehrenpflicht. König und Edler darf nichts Besseres haben wollen als die Freien.«

»Unsinn ist's«, rief Merowech, mit dem Schwert einen Wurfspeer zur Seite schlagend, den ein grollender Alemanne auf den unfolgsamen Reiter geschleudert hatte. »Jetzt brauchen wir die Rosse. Vorwärts, meine Bataver! Links ab! Sprengt ein!« Und an der Spitze seiner Reiter jagte er von der Römerstraße links ab gegen den rechten römischen Flügel, die Schuppenreiter. Denn er hatte sich einstweilen, rechtshin spähend, überzeugt, daß dort, bei der Wasserleitung, die Germanen der Hilfe nicht mehr bedurften: Das Gefecht stand dort.

Das Beispiel, das die kleine batavische Schar in ihrem kühnen Einsprengen auf die gesamte römische Reiterei gab, riß unwiderstehlich auch die Masse der alemannischen Reiter fort, den Verwegenen zu folgen. Gemischt mit behenden Fußkämpfern, die sich an die Mähnen der Rosse klammerten, ging es sausend gegen die in Eisen starrenden römischen Panzerreiter.

Und unwiderstehlich auch riß der Anblick dieses Reiterangriffs ihres linken Flügels die germanischen Fußkämpfer in der Mitte auf der Straße mit fort: Ohne den Befehl Chnodomars abzuwarten, drang nun das ganze Mitteltreffen, in Keilhaufen geordnet, wider das gerade gegenüberstehende römische Fußvolk her. Hier – in der Mitte – kam es nun zu grimmem, für die Alemannen stark verlustreichem Ringen Mann gegen Mann. Wie stets taten auch diesmal für die Römer in solchem Nahkampfe das Beste ihre meisterhaft ersonnenen und vollendet gearbeiteten Schutzwaffen: der eherne Helm, der ausgezeichnet feste eherne oder stierlederne, rings mit Erz beschlagene Schild, der Panzer aus spanischem Erz; all das zusammen eine kleine Burg für sich, die mit den schlechten Waffen der Barbaren mit alleräußerster Kraftanstrengung kaum zu durchbrechen war: Hinter diesem Schutz focht der Legionär wie hinter einer Befestigung; und während der halbnackte Germane alle Kraft darauf verwenden mußte, mit dem plumpen Hiebschwert von oben her erst jenen ehernen Wall von Helm und Schild zu durchtrümmern, um nur an den Leib des Gegners zu gelangen, verwertete dieser jede Blöße des Angreifers, mit dem kurzen, breiten, mörderischen Römerschwert durch den dünnen Schild von Weidengeflecht hindurch den weißen Leib des blonden Riesen zu treffen.

Dicht stiegen auf der trockenen Straße die Staubwolken des heißen Augusttags empor. Um jene Schildmauer zu zerreißen, um Lücken, Ungleichheiten in das feste Gefüge zu bringen, warfen sich manche der germanischen Fußkämpfer auf ein Knie und suchten, unter den feindlichen Schilden hindurchgreifend, den kürzer gewachsenen Römer um die Hüften zu fassen und im Ringkampf durch die überlegne Kraft nach rückwärts zu Boden zu werfen; auch Schild gegen Schild stemmten sie wohl, wie Hirsche oder Böcke sich mit Geweih oder Gehörne zurückzuschieben ringen – aber scharf drang dann der spitze eherne Schildstachel des Legionärs in Arm oder Rippe.

Der linke Flügel der Römer, von Julian selbst geführt, gewann jetzt Raum, drang vor, über das Schilf hinaus, den immer erneuten Ansturm ungeordneter Keilhaufen zurückwerfend, mit der überlegnen Wucht der Waffen klirrend eindringend, vorbohrend in den dichten Feind.

Einstweilen aber hatte auf dem rechten römischen Flügel der Angriff Merowechs mit seiner kleinen Schar der ihm nachjagenden alemannischen Reiterei die Panzerreiter getroffen. Anfangs richteten sie nichts aus: Ihre leichteren Pferde prallten zurück bei dem Zusammenstoß mit jenen Erzkolossen, die unverwundbar schienen.

Allein nun, nach dem ersten Zusammenstoß, gab Merowech mit erhobenem Schild ein Zeichen: Etwa die Hälfte seiner Bataver sprang ab – ihre Rößlein blieben wie angewurzelt stehen –, jetzt drängten sich die Behenden auf der linken, speerlosen Seite der Panzerreiter an deren Rosse, rissen das Kurzschwert aus dem Wehrgurt und stießen es den Gäulen durch das Gefüge der Schuppen von unten nach oben in die Weichen. Rasselnd brachen die Tiere zusammen und begruben die schweren Reiter unter sich, die sich nicht mehr aufraffen konnten, erstickt von der Wucht der eignen Waffen. Fünf, acht, zehn – schon war es das ganze erste Glied –, zwölf der ehernen Ungetüme waren so gestürzt: In die Lücken drangen immer zahlreicher die abgesessenen Bataver. Schon wankte das zweite Glied.

Da warf sich Darandanes, hoch den krumm geschweiften Säbel schwingend, grimmig auf den nächsten der Reiter – es war Merowech. Umsonst schleuderte der den Wurfspeer aus nächster Nähe: Mitten auf der Brust prallte er ab von dem undurchdringlichen Panzer; aber, von dem kräftigen Stoß erschüttert, fuhr der Perser zurück, gegen den hohen Rückenbug seines Sattels. Im Augenblick war der Königssohn heran und stieß ihm das Kurzschwert gerade unter dem Kinn, wo das Schuppenhemd endete, in die Kehle. Klirrend, rasselnd in seinen Waffen, stürzte der Sterbende seitlich aus dem Sattel; er blieb im schaufelbreiten Steigbügel hängen, das erschrockene Pferd jagte in wilden Sätzen querfeldein, den Reiter in seiner gold- und silberglänzenden, allbekannten Rüstung dahinschleifend über Stock und Stein. Der Fall des allgeliebten Führers, sein grausiges Geschick erfüllte seine Reiter mit Entsetzen: Mit wildem Geheul warfen sie die Gäule herum und, sinnlos vor Schreck, entscharten sie sich, in wilder Flucht davonjagend in blindem Rennen, größtenteils rückwärts, die berittenen numidischen Bogenschützen, die ihnen gerade hatten zu Hilfe kommen wollen, durchbrechend und mit sich fortreißend. Vier andere Geschwader von ihnen flohen seitwärts, auf die Straße hinauf, und über diese hinweg, auf den linken römischen Flügel los. Auf der Straße ritten sie einen Zug ihres eignen Fußvolkes über den Haufen und jagten weiter auf andre Reihen, auf die »Cornuti« und »Braccati«. Schon wankten auch die unter der Wucht des ehernen Anpralls – sie bildeten den Kern des römischen Mitteltreffens –, lösten sie sich auf, war die Schlacht verloren.

Hier, in diesem Augenblick höchster Gefahr, erschien mitten unter seinem Fußvolk auf der Hochstraße – der Cäsar. Er war mit Jovian und seinen zweihundert Reitern aus der Vorderreihe des linken Flügels zurückgeritten, da er diesen unter Severus in langsamem Vordringen sah und seine Beobachtungsstelle im Mitteltreffen wieder einnehmen wollte. Jedoch halbwegs bis zur Straße gelangt, erreichte ihn schon das wilde Geschrei der fliehenden Panzerreiter, der Zornruf des überrittenen Fußvolkes, der Kriegsruf und die hallenden Hörner der verfolgenden Germanen: Schon sprengten ihm auch die vordersten der Flüchtlinge entgegen. »Flieh!« schrien sie ihm zu, »flieh, o Cäsar!« Der nächste, auf den er stieß, war der Träger der Standarte: Die zeigte einen goldnen Drachen mit zwei lang flatternden Purpurwimpeln. »Rette dich«, schrie der Mann, »Darandanes ist gefallen: Alles ist verloren.« – »Nichts ist verloren als dein Mut«, rief Julian, riß ihm die Fahne aus der Hand und jagte, sie hoch schwingend, auf die Straße zu den »Cornuti« und »Braccati«.

Hier drohte jetzt die allergrößte Gefahr, denn endlich, nach langem Ringen, hatten nun Chnodomar und das alemannische Fußvolk in der Mitte das erste Treffen des römischen Fußvolkes zwar nicht durchbrechen oder werfen können, aber doch zum langsamen Zurückweichen auf das zweite Treffen, eben diese »Cornuti«, »die Behörnten« – sie trugen kurze Hörnlein auf den Helmen – und »Braccati« – Kelten, mit buntgewürfelten Hosen – gebracht: Gerieten diese jetzt, statt das erste Treffen aufzunehmen, in Auflösung, so war auch die zweite Aufstellung des Cäsars verloren.

Aber es gelang ihm, sie beisammenzuhalten. In kurzen feurigen Worten rief er sie auf, auszuhalten. Seien sie doch erprobte Kerntruppen des Heeres; sie sollten, wie so oft, die wankende Schlacht stellen. »Seid ihr doch, ihr Behörnten, selbst meist Germanen: Quaden und Markomannen vom Ister, Sachsen und Friesen von der See. Und ihr, Buntbehoste, tapfre Kelten aus Aremorica, ihr kämpft ja hier für euer eignes Heimatland: dies Gallien. Auf! Laßt die Weichenden hindurch. Hinter eurem Schild und Mut werden sie sich und ihre Ehre wiederfinden: Auf, ihr Germanen in römischem Dienst, stimmt ihn nun an, euren gefürchteten Schildgesang!«

Und also geschah's. Jene Scharen, germanische Kraft mit römischer Kriegszucht vereinend, ließen die fliehenden Reiter, darauf das langsam weichende Fußvolk des ersten Treffens hindurchfluten, schlossen sich dann wieder und bildeten ein nur nach hinten offnes Viereck, den Angriff der Germanen von drei Seiten abwehrend.

Denn nun warf Merowech von Westen her seine Reiter auf sie, während Chnodomar und die Könige geradeaus von der Straße her anstürmten und sich auch schon anschickten, die römische Mitte von Osten her zu fassen. Aber die tapfern Cornuti auf der Straßenmitte hielten die hohlen Schilde vor den Mund und riefen ihren andringenden germanischen Vettern den germanischen Schlachtgesang entgegen:

»Halle, du hohler,
Schirmender Schild,
Schalle du schrecklich – Schlachtgesang!
Mit uns alle
Asen von Asgardh!
Wodan, du wilder, wüte für uns!
Schlage mit Schrecken
Freißlich die Feinde –
Sende, Siegvater,
Deinen Söhnen den Sieg!«

Sie waren es schon gewöhnt – seit gar vielen Schlachten –, diese Söldner, daß ihnen auf solches Anrufen, fast ganz ähnlich dem eigenen, der Schildgesang ihrer Feinde entgegenklang.

Und also tönte das Kampflied der Alemannen:

»Fülle uns völlig,
Asischer Ahnherr,
Tius, mit trümmerndem Trotz!
Lenk uns die Lanze
Durch Harnisch und Helm,
Brich durch die breiten
Brünnen ihr Bahn –
Schärfe die Schwerter uns,
Spitze die Speere,
Send uns den Sieg.«

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