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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 42
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Neunzehntes Kapitel

Und so war es.

Denn endlich hatten sich, Merowechs wiederholten dringenden Boten nachgebend, die sieben Könige in Bewegung gesetzt und ihre Scharen aus dem Lager bis hierher, zu beiden Seiten der Legionenstraße, geführt, links (westlich) bis zu dem heutigen Ittenheim, rechts (östlich) bis zu dem heutigen Oberhausbergen; sie sperrten also dem Feind den Vormarsch auf der alten Römerstraße. Die Schlacht ward ein Kampf um diese Straße.

Vergeblich hatte der Franke den Herzog gebeten, die Vortruppen, die schon weitergeeilt waren, noch bevor der Feind sie erblickte, zurückzurufen, damit eine Überraschung aus dem Hinterhalte nicht vereitelt werde, die er plante. Chnodomar meinte trotzig: »Freiwillig gehen meine Buben nicht zurück; auch wär's ein übles Anzeichen im Angesicht der Feinde. Denn schau hin, nun werden sie voll sichtbar in der Ferne!«

Die Könige mit ihren Gefolgschaften – meistens Reitern – und Merowech hielten auf der Mitte der Hochstraße, von hier aus, wo es nötig oder günstig schien, einzugreifen. Ihre ganze übrige Reiterei stellten sie auf den linken – westlichen – Flügel links von der Straße, wo die weiten, sich abflachenden Felder zum Ansprengen einzuladen schienen. Im Mitteltreffen hielten sie durch Fußvolk die Römerstraße und die nächsten Landstreifen dicht besetzt. Der rechte Flügel dehnte sich von der Straße nach rechts östlich gegen Oberhausbergen zu. Hier zog die römische Wasserleitung in hohem Bogen über den tiefen Einschnitt des Musaubachs; dichtes, mannshohes Schilf wucherte da, dem Blick undurchdringbar.

Dort traf der Königssohn für sein Fußvolk einige Anordnungen, für die er sich vom Oberfeldherrn freie Hand erbeten hatte. Auf die Hochstraße zurückgekehrt, warf er einen langen besorgten Blick auf die römischen Rückhaltscharen, die da – weit hinten – in sichrer Ferne, dicht gehäuft, drohten. Er schüttelte traurig die Locken.

Da durchleuchtete ihn ein Gedanke: Wie die Knaben muß man sie überlisten – zu ihrem eignen Vorteil! Er ritt an Chnodomar und die andern Könige heran und rief ihnen mit spöttischem Munde zu: »Traun, großen Ruhm wird es euch eintragen in den Hallen der Alemannen und ihrer Nachbarn, verlautet es, daß jeder von euch sieben sich nur in den Kampf wagte, gedeckt und beschirmt von seiner ganzen Gefolgschaft, jeder von hundert Schilden! Der Römer kann auch vorsichtig-tapfern Helden ja gar nicht an den Leib. Schämt euch! Selbst ist der Mann. Da seht! Ich halte die Hälfte meiner ganzen Schar – fast ein halbes Tausend – da hinten unter dem Schatten des kleinen Gehölzes gelagert, dort links, neben der Straße. Aber freilich, ich bin nur ein Königssohn, kein König selbst; um mich ist nicht viel schade!« – »Beim Strahle Donars«, wetterte Chnodomar. »Das lassen wir uns nicht sagen von dem Nestling da! Ich – ich lasse auch die Hälfte meiner Gefolgschaft hier zurück!« – »Und ich!« – »Und ich!« – »Und ich!« wiederholten die stolzgemuten Herzen und gaben ihren Leuten zu Roß und zu Fuß die gleichen Befehle. So sammelten sich hinter der germanischen Aufstellung im Schatten einiger Baumgruppen südwestlich der Straße etwa zweitausend Mann.

Nicht zufrieden mit diesem Gelingen, bemühte sich Merowech, bei dem Oberfeldherrn weitere Ratschläge durchzusetzen. Allein, er stieß auf unbeugsamen Widerstand.

»Begnüge dich mit dem, junger Held«, lachte der Riese, den dichten roten Rauschebart zu beiden Seiten vom Munde streichend, »was du mir abgeschwätzt hast – für – für da drüben«, er deutete mit dem Schwert nach rechts, »dort, hinter der Wasserleitung. Ich hätt auch das nicht getan. Nur dir zuliebe gab ich nach. Du verstehst dich auf römische Kampflisten. Und es mag ja nicht übel sein, solche auch einmal gegen sie zu verwenden. Aber die Hauptsache, die bleibt der Stoß – der Stoß geradeaus – des Keils! Wie der mächtige Wisent, der König des Waldes, daherrennt, erst den Staub aufwerfend mit dem Vorderfuß, dann die Flanken peitschend mit dem buschigen Schweif, und nun den mächtigen Kopf, den wuchtigen Nacken, dessen Mähne kein Pfeil durchdringt, gesenkt und mit feurig rollenden Augen geradeaus stürmt wider den Feind, alles vor sich niederstoßend, und sogar Donars tapfern Freund, den starken Bären, der sich drohend aufrichtet, auf die krummen Hörner ladend und hoch in die Luft schleudernd: So allein kenn ich und lieb ich den Angriff. So hab ich gar oft in offner Schlacht die Römer des Decentius geschlagen, so ohne Widerstand ganz Gallien durchstürmt. Hat ihn uns nicht Wodan selbst, der Siegesgott, gelehrt, den Keilhaufen, den ›Eberrüssel‹ und seinen alldurchdringenden Stoß? Fern sei es, des Gottes altbewährte Weisheit zu vertauschen mit welschem Witz. Was Rückhalt! Was Aufnahme! Wir müssen siegen auf den ersten Anlauf!«

Seufzend blickte Merowech immer wieder in die weite Ferne, wo die aufsteigende Bodenwelle erkennen ließ, daß hinter dem ersten und zweiten römischen Treffen, in weitem Abstand, ein drittes, es schien sogar ein viertes, dicht geballt zurückgehalten stand.

»Und wenn wir nicht siegen mit dem ersten Anlauf«, sprach er ernst, »dann bleibt nur eins übrig: auf dem Fleck sterben. Denn für nichts hast du gesorgt, o Herzog! Keine Rückzugslinie, keine aufgesparte Nachhut, kein befestigtes Lager! Vielmehr hinter uns der breite, tiefe Rhein, ohne Brücke, ohne Schiffe. So geht die Verzweiflung in die Schlacht.«

»Oder die Siegesgewißheit. Sieh, Jüngling, ich weiß es, Furcht hat an deinen Reden nicht teil, aber allzuviel römisch geschulte Vorsicht. Sie ist überflüssig: heute wenigstens! Gedenke meines Traumgesichts! Ich breche mir Bahn bis zu dem Cäsar-Knaben, und dann – ein Hieb mit diesem Schwert! Und der Cäsar und all seine Feldherrnkunst sind verloren.«

Der Salier beschied sich zu schweigen. Wie er auf der Straße vorwärts ritt, trieb Friedibert sein Rößlein munter an ihn heran und sah ihm vergnügt in die Augen: »Das hat dir Wodan selber eingeblasen, Herr«, meinte er, und sein offnes Antlitz lachte. »Die werden Augen machen.«

»Nicht so vergnügte wie du, hoff ich. Du bist ja heut ganz übermütig, Bub. Schon wie du den Hügel herabflogst und die Feinde meldetest, konntest du kaum sprechen vor eitel Lustbarkeit. Was hast du denn, daß du gar so froh bist?«

»Ah, Herr«, lachte der hübsche Jüngling, sich leicht in den Bügeln hebend und den sprossenden Flaumbart streichend. »Ich weiß auch nicht. Mich freut halt mein Leben so! Alles freut mich! Vor allem, daß ich lebe – und so tief die liebe Luft einschnaufen kann: so tief! Dann, daß ich auf diesem guten weißen Rößlein sitze, das mir mein lieber Gefolgsherr geschenkt hat vermöge seiner Milde.« – »Hast dir's wacker verdient, dort vor Köln.« – »Dann aber am meisten: daß ich schon so viel Römerbeute zusammengebracht habe ... Es fehlen mir nur noch zwanzig Solidi ...« – »Woran?« – »Nun, an der Loskaufsumme für Gerlind, das schöne Mädel, die Magd von Mälo dem Sugamber. Ihre Mutter war unfrei: so ist sie's auch. So kann ich sie nicht heimführen. Aber Mälo hat versprochen, sie freizulassen für hundert Solidi. Achtzig hab ich beisammen...« – »Ich schenke dir die zwanzig.« – »Dank, Herr! Werden's gut brauchen können zum Anfang der Hauswirtschaft. Aber ich hole mir heute mehr Beute von erschlagnen Welschen als für zwanzig Solidi.« Merowech warf einen liebewarmen Blick auf ihn. »Nun, treib's nur nicht zu tolldreist. Auch Römerspeere treffen.« – »Bah, aber mich nicht. Heute nicht! Da schau her, lieber Herr«, er schlug das Wams auseinander – eine Brünne hatte er nicht –, da ward ein schmaler Streifen gelben Leders sichtbar mit einigen braun eingebrannten Runen. »Siehst du? Die graue Sudrun, der kleinen Großmutter, ein bergaltes Weib, das noch die starken alten Sprüche kennt, hat mir den Waffensegen da drauf gebrannt:

»Spring ab, spitzer Speer,
Schwing ab, Schwert!
In Frôs Frieden
Fährt Friedibert.«

Hei, mit diesem starken Zauber über der Brust werd ich dem Cäsar seinen Panzer mit dieser Hand von den Schultern lösen: Er ist reich mit silbernen und goldenen Scheiben geschmückt – ich sah ihn auf den Wällen von Autun.« – »Gut Heil zum Beutegriff! Aber vergiß mir nicht den Rundschwung der Klinge, den ich dich gelehrt. Er wehrt Wurf, Stoß und Hieb.« – »Mich schützen –? Das ist heute Frôs Sache. Ich greife an! Horch, da – fern – im Norden –, die ehernen Töne?« – »Das ist die Tuba Cäsar Julians. Sie kommen.«

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