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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 41
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authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Achtzehntes Kapitel

Beim frühesten Morgendämmern hatte Julian in sein Brief-Tagebuch eingetragen: Ich schreibe das zu Zabern, am siebzehnten August, im zwanzigsten Jahre der Herrschaft des Imperators Constantius, unter dem Konsulat des Flavius Constantius Augustus und des Cäsars Flavius Claudius Julianus.

O Lysias! Wie groß sind sie, meine Götter! Wie voller Gnade! Und wie sichtbar helfen sie ihrem erkorenen Liebling, der reinen Herzens sie verehrt!

Schweren Herzens hatte ich das einsame Lager gesucht: ratlos, sorgenvoll. Aber gegen Morgen, da die Träume am untrüglichsten sind, sah ich deutlich aus Wolken vor mir aufsteigen das ragende Kapitol, wie ich's einst, von dir geführt, voll Ehrfurcht erschaut.

Siehe, plötzlich erhob sich von seinem Thron der herrliche Jupiter, den gewaltigen Adler auf der linken Faust, und, die ambrosischen Locken majestätisch gegen mich schüttelnd, hauptnickend, sprach er: »Folge, mein Sohn, meinem Adler. Er kennt den Weg zum Sieg!« Mit diesen Worten schwang er, wie man den Falken abwirft, den mächtigen Vogel hoch durch die Wolken über mich hinweg, dem Feind entgegen in das offne Land. Kreischend flog der Aar; er warf aus dem gewaltigen Griff den zackigen Blitz auf die heranwogenden Helme der Barbaren. Und zugleich – zum Zeichen, daß das mehr als ein eitler Wahn des Traumes – erkrachte hell und laut ein Donnerschlag, ein einziger. Ich fuhr aus dem Schlaf; wirklich! Es donnerte noch nach im Gewölk um Zabern.

Dank dir, kapitolinischer Jupiter! Ich glaube dir! Ich folge dir! Auf und dem Feind entgegen! Ist dies mein letzter Brief auf Erden; vorher schrieb ich noch an Helena, an Mutter und Schwester. So nimm, o Lysias, noch mal meinen Dank für dein Erlösungswerk an mir.

Bei Sonnenaufgang – etwa um fünf Uhr – führte Julian sein kleines Heer – nur dreizehntausend Mann – aus dem Südtor von Zabern in der Tat auf jene von Merowech erratene Straße.

Die Hälfte seiner berittenen Leibwächter schickte er unter Jovian als Vorhut zur Aufklärung voraus. Zu beiden Seiten der Legionen zogen auf der breiten Straße in langer dünner Linie rechts die Panzerreiter und die berittenen numidischen Pfeilschützen, links die batavischen Hilfstruppen. Auf die letzte Legion, die der Primani mit den gewaltigen Wurfmaschinen, folgten, den Schluß bildend, der Troß, die Wagen mit dem Gepäck.

Nach mehr als fünfstündigem Marsche machte sich die Hitze des Augusttages stark spürbar bei den schwer gerüsteten Legionären. Es war gegen halb elf Uhr geworden, als das Heer die Hochfläche oberhalb Winzenheim – ungefähr zwei Kilometer vor dem Platze, wo heute Küttolsheim liegt – erreicht hatte. Zu diesen etwa sechzehn Kilometern von Zabern her hatte der langsame Zug mehr als fünf Stunden gebraucht.

Hier ließ der Cäsar haltmachen. Er wollte die Seinen auf die Probe stellen, bevor er die Entscheidung suchte, ihre Stimmung prüfen. Bedenklich schien es, die Leute, die schon jetzt sichtlich stark angestrengt waren, nach weiterem Marsch – unter steigender Hitze – an den Feind zu bringen. Erwiesen sie sich als müde, als kampfunlustig, wollte er hierbleiben, Graben ziehen, Lagerwall errichten und entweder morgen mit noch frischen Truppen angreifen oder, so gedeckt, mit Zabern als Aufnahmefeste nah im Rücken, den Anprall der Barbaren abwarten.

Noch hatte der Feind, den er vor sich in der Niederung erwarten durfte, seinen Anmarsch nicht bemerkt. Sowie er aber von dieser Höhe in den Quellgrund der Suffel hinabrückte, deckte er seine Linie, auf Meilen weit sichtbar, auf, und führte den sofortigen Zusammenstoß herbei. Vorher wollte er sich also nochmals des Geistes seiner Truppen vergewissern.

Er ließ sie einen Halbkreis bilden, die Befehlshaber vortreten und sprach zu ihnen herab von seinem edlen Silberschimmel, der, überdrüssig des Aufenthalts, mit dem Vorderhuf die Erde schlug und vorwärts, vorwärts drängte in schlecht verhaltner Ungeduld – wie sein Reiter. Der machte allerlei geltend, um es widerlegt zu erhalten. Er sprach von dem nahen Mittag, von den schlechten Wegen – neben der Legionenstraße –, die, am Ende des heißen Tages, die Marschmüden in dunkler mondloser Nacht erwarten würden, von dem Wassermangel in dem durch die Sonnenglut aufgerissenen Boden, von dem ungleichen Kampf der Nüchternen gegen Feinde, die ausgeruht, gespeist und getränkt sein würden. Daher schlage er vor, heute hier zu rasten, im Schutz von Graben und Wall und abwechselnden Nachtposten, und, nach Schlaf und Speisung, am nächsten Morgen erst aufzubrechen.

Aber die kunstvolle Rede, in welcher der junge Rhetor dem versammelten Heer diesen Vorschlag machte, erreichte nicht ihren Zweck – oder vielleicht gerade? – Ungestüm, lärmend, brausend verlangten sie, vorwärtsgeführt zu werden, sofort zu schlagen. »Führ uns, Cäsar Julian, wir fürchten unter dir nicht die Dämonen der Hölle; denn mit dir ist Christus der Herr.« So rief ein Jüngling mit dunklen Schwärmeraugen und schlug das Kreuz über seiner Schuppenbrünne. Julian merkte sich den Mann.

»Wir haben sie noch jedesmal geschlagen, Cäsar, solang ich dir diese Fahne voraustrage«, sprach der alte Voconius und hob das purpurwimpelige Vexillum. »Mit dir ist der Sieg!« – »Mit dir ist der Sieg!« – »Wir brauchen keine Rast, wir wollen den Kampf!« schrien die Tausenden.

Da schoß, aufgeschreckt von dem Lärm, ein mächtiger Adler, der bislang vom Sonnendunst verhüllt, unbemerkt hoch oben seine Kreise gezogen, plötzlich mit lautem Kreischen und raschem Schwingenschlag zur Rechten des Heeres pfeilschnell gegen Südosten, gegen die Alemannen hin.

»Hört ihr den Adler? Sehet ihr ihn? Der Legionen alten Führer zum Sieg?« rief Julian begeistert. »Heute Nacht im Traume schon sah ich ihn fliegen. Das Omen nehm ich an!« fügte er – unbedacht – hinzu: »Es sei, wie ihr und der Adler gewählt habt! Vorwärts! Die Waffen auf! Zu Pferd! Und wehe den Barbaren!«

»Und wehe den Barbaren!« scholl es viel tausendstimmig wider.

Sofort ergriffen die Leute die zusammengeschichteten Schilde und Speere, traten in Reih und Glied, oder schwangen sich in die Sättel, und vorwärts ging es nun in rascherem, lebhafterem Schritt als zuvor.

 

Julian ließ einen Zug Fußvolk der Cornuti an sich vorüberschreiten. Er bemerkte, daß jener junge Christ halblaut vor sich hin sang. Er ritt an ihn heran: »Du singst, mein Freund! Das gefällt mir. Auch die Spartaner zogen singend in die Schlacht.« – »Davon weiß ich nichts, o Herr.« – »Was singst du?« – »Den achtzehnten Psalm. Horch, wie schön er lautet: ›Herzlich lieb hab ich dich, Gott, du meine Stärke. Herr, mein Fels, meine Burg, mein Beschirmer, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Turm meines Heils und mein Schutz.‹«

Julian schwieg, eine Weile neben ihm hinreitend, dann begann er: »Ganz wohlgemut also ziehst du in den Kampf. Fürchtest du nicht den Tod?« – »Wie sollte ich, Herr? Christus, mein Erlöser, lebt; so werde auch ich leben. Das ist unser Trost; und falle ich, so rufe ich noch: ›Tod, wo ist dein Stachel?‹ Weiß ich doch gewißlich, daß der Herr Christus wird niedersteigen aus den Wolken und mich wird aufwecken von den Toten, gleichwie er ist auferstanden von den Toten und aufgefahren gen Himmel. Aber diesmal, mein ich«, fuhr er lebhafter fort, »diesmal wird mir nichts geschehen.« – »Und weshalb, mein Freund?« – »Ich glaube, der Engel des Herrn muß mich beschützen, bis ich den Vater freigekauft.« – »Ist er gefangen von den Barbaren?« – »Viel schlimmer, lieber Herr: von dem Steuereintreiber.« Julian seufzte für sich. »Das muß sich der Cäsar sagen lassen.« – »Der Vater konnte die Kopfsteuer – nicht Grundsteuer, denn wir zählen zu den geringen Leuten in Avignon – nicht aufbringen. Da ward er in das Schuldgefängnis des Fiskus geworfen. Ich stand in Arbeit auf einem Weingut der Kirche zu Nimes. Als ich's erfuhr, ließ ich mich anwerben bei den Cornuti. Schon habe ich fast die Schuldsumme beisammen; nur noch der Sold von zwei Monaten fehlt. So lange wird mich der Engel des Herrn beschützen; ist's doch das vierte Gebot, dem ich gehorche. So meinte der gute Presbyter der Kirche, der mir aus seiner Armut ein großes Stück Geld schenkte. Und ...« – »Nun, und?« – »Er schrieb mir auf Pergament einen kräftigen Segen: den Segen des Tobias. Horch, was er besagt: ›Der Engel Raphael sprach – unerkannt – zu dem alten Tobias: »Ich werde deinen Sohn gesund hin- und wieder herführen.« Und der Vater sprach: »Ziehet hin. Gott sei mit euch auf eurem Weg, und der Engel des Herrn geleite euch.« Und weil er vertraute und glaubte, führte er den Sohn ihm heil zurück, Raphael, einer der sieben Engel, die da stehen vor dem Antlitz des Herrn.‹ Auch ich glaube fest an den Herrn: So wird auch mich sein Engel dem Vater unversehrt wiederbringen. Siehst du, hier, unter dem Panzer, auf dem Herzen, trag ich das breite Blatt; so ist meine Brust geborgen vor der Barbaren Speer.« – »Welch frommer Glaube!« sprach Julian gerührt. »Beneidenswert! – Wenn es nur nicht so dumpf wäre. Höre Freund ...! wie heißt du?« – »Renatus.« – »Höre also, Renatus, vertraue immerhin auf deinen Zettel. Aber versäume doch nicht, dich gehörig mit dem Schild zu decken!« Und er sprengte voran, einem Reiter entgegen, der von der Vorhut zurückeilte; es war Jovian. »Sie sind da, die Alemannen! Von der Krone der Höhe da vorn sah ich auf einem sanft ansteigenden Hügel fünf Reiter. Scharf hoben sie sich ab von dem hellen Himmel. Sobald sie unser ansichtig wurden, jagten sie davon, talab, nach Südosten. Wir sprengten nun den Hügel hinauf, und vor uns, zu beiden Seiten der Straße, weit gestreckt nach Nordost und Südwest, sahen wir die Stellungen der Barbaren. Es glänzt das weite Tal von ihren Waffen!«

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