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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 38
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authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Vierzehntes Kapitel

Ende Juli, im Lager am Rhein, zwischen Basel und Straßburg.

Die Zeiten sind dahin, da eine römische Flotte diesen Strom beherrschte! Nicht einmal ein paar Schiffe hab ich, den Alemannen in den zahlreichen Rheinauen ihren Übermut heimzuzahlen. Da drüben stecken sie, auf den dichtbewachsenen schmalen Eilanden, verhöhnen mich und die Meinigen, zeigen wir uns nah am Ufer, durch wüstes Schimpfgeschrei, das ich zum Glück nicht verstehe, und durch höchst unflätige Gebärden, die so deutlich sind, daß ich sie wohl verstehen muß: Sie drehen dem Liebling der Götter, dem Cäsar und Konsul, den alleruntersten Teil ihres Rückens zu – den Mantel werfen sie vorher ab – und patschen darauf mit beiden Händen! Nun wartet, ich will euch patschen helfen! Ich habe von Barbatio wenigstens sieben aus den zahlreichen Schiffen erbeten, die er zum Zweck des Flußübergangs bei Basel versammelt hält.

 

Ja, jetzt wissen wir's: Barbatio handelt nicht aus Dummheit, nein: aus Bosheit, Verrat, aus Liebedienerei bei dem Imperator, der immer Angst hat, ich könne zu stark, zu rasch, zuviel siegen. Verbrannt hat er die Schiffe lieber, als daß er sie mir gegeben, unter dem Vorwand, sie nicht in die Hand der Feinde fallen lassen zu wollen, verbrannt auch die Vorräte, die ich mir hatte nachkommen lassen, soweit er sie nicht für sich nahm. Marcellus, Barbatio ..., wie wird der dritte Schurke heißen?

 

Aber den ungezognen Eiland-Leuten hab ich doch vergolten!

Ein Bataver in unserm Dienst – (die Germanen sind schon bald unsere besten Kräfte, den Göttern sei's geklagt) –, Bainobaud, Tribun der Cornuti, fand eine Furt – (diese Bataver sind ein Wassergeschlecht) –, und in mondloser Nacht, teils durchwatend, teils auf den untergebundnen Schilden schwimmend, erreichte er mit den Seinen die nächste Au, schlachtete hier alles Leben, das er fand, auch Kinder, Weiber, Greise, wie man das Vieh abschlachtet, fand kleine Nachen angebunden, fuhr in diesen auf die andern Eilande, löschte auch hier jede Spur von Leben aus und kehrte mit reicher Beute zurück.

Anfangs graute mir, wie das Geschrei der Geschlachteten durch die Nacht herüberscholl und ihre Schilfhütten so grellrot emporflackerten; aber der Krieg erzieht rasch dazu, das Notwendige zu tun. Sie haben mich geärgert – (meine Eitelkeit verletzt, wirst du sagen) – mit ihrem Hohn. Sie patschen nicht mehr. Es gefällt mir nicht, was ich da geschrieben habe. Es ist grausam; und kleinlich. Aber es mag stehenbleiben – mir zur Warnung! Steckt auch solches in mir? Gib acht, Julian, auf dich, und reinige deine Seele vor den Göttern!

Merkwürdige Leute, diese Germanen! Als ich in Sorge war, woher – nachdem Barbatio meine Vorräte vernichtet – Getreide nehmen für die Besatzungen in den wiederhergestellten Kastellen und für meine Feldtruppen, meldeten mir die Landleute, die Alemannen hätten, soweit sie vorgedrungen, überall die Felder musterhaft bestellt, wie's fleißige Ackerbauer nur in der sichersten Heimat tun! Diese Landräuber, Landläufer, Landwüster! Ja, glauben sie denn, hier zu Hause zu sein? So holten denn nun meine Truppen das Korn, das diese pflugfleißigen Räuber bestellt: Freilich war Blut meist der Kaufpreis.

Meine Feldtruppen! Ja, denn nun geht es in das Feld zu einem großen, wie ich hoffe, entscheidenden Siege. Es gilt, den Rhein wieder römisch zu machen: Er ist durchaus nicht so grausig, wie ich einst gewähnt. Und jetzt, im August, denkt der vielhörnige Gott wahrlich nicht an Eis und an Gefrieren, wie wir in Asien ihn uns immer vorstellten. Ich wandte mich nach Zabern, nordwestlich von Straßburg, ein wichtiges Kastell, das die Alemannen wiederholt angestürmt (etwas anstürmen ist hübsch, nicht?) – es sperrt den Weg ins Innere – und endlich eingeäschert hatten. Sie ließen es leer liegen wie Köln! Rasch setzte ich die nie gründlich zerstörten Werke wieder instand und schaffte das Alemannengetreide hinein, mir für den Fall des Rückzugs (den aber Mars Gradives verhüten wird und Pallas Athene!) Zuflucht und Unterhalt zu sichern.

Von hier aus führ ich den entscheidenden Stoß auf die Feinde, die sich – aus dem innern Germanien herzugeströmt in großer Zahl, sagt man – Straßburg gegenüber auf dem rechten Rheinufer sammeln. Es sollen über dreißigtausend Mann sein. Ich zähle nicht zehntausend Helme. Gleichwohl wag ich den Abzug ins freie Feld, trifft nur von Barbatio Nachricht ein (fünf Boten sandt ich ohne Antwort nach ihm aus!), daß er endlich mit seinen fünfundzwanzigtausend Mann von Basel aufgebrochen ist und auf Straßburg zieht, dem Feind in den Rücken. So fassen wir sie zusammen in Übermacht, von zwei Seiten, und dann wehe den Barbaren!

 

Heute habe ich meine persisch-parthischen Eisenreiter, die ich aus allen Besatzungen an mich zog, gemustert. Prachtvoll sehen sie aus! Vom Kopf bis zur Sohle stecken die Leute in einem enggefügten Erzgeschuppe, das den Kopf als Sturmhaube, den Hals, den Nacken, die Brust als Panzer, Arme und Beine wie Arm- und Beinschienen deckt; die Zehen sogar stecken darin wie in einem Strumpf. Und ganz ebenso schützt das Roß von den Ohren bis zu den Fesseln ein solches Schuppenhemd. Decken sie nun mit dem langen schmalen Schild die Zügelseite und führen in der Rechten den eisenbeschlagenen Speer, so sehen sie in der Tat unverwundbar aus, wie eherne Reiterstandbilder. Ihr Führer, ein vertriebener persischer Fürst, schon lang in unserm Dienst, bemerkte, mit welchem Staunen ich seine Leute betrachtete. »Ja«, rief er mir zu, »du magst wohl schmunzeln, o Cäsar! Solange Darandanes an der Spitze dieser seiner Erzklumpen steht, wirft alle Wut Germaniens deine Schlachtreihe nicht um.« Und in der Tat – er und die Seinen sehen danach aus.

 

Constantius schickt mir einen neuen Magister Militum, Severus. Das ist ein alter Haudegen, graubärtig, grob, aber ehrlich dabei – wie es scheint. Es gibt freilich auch eine Grobheit, die als Maske vor das Antlitz der Falschheit gebunden wird. Aber Jovian urteilt günstig über ihn; das wiegt schwer. Ah, auch die häßlichste der Göttinnen, auch Eris, kann Zeus zu seiner Söhne Heil verwenden. Meine Macht war doch eigentlich allzu winzig, mit ihr was andres vorzunehmen, als sie zu verstecken, dazu freilich machte sie eben ihre Niedlichkeit recht geschickt. Auf einmal wird mir, ganz unerwartet, starker Zuzug gebracht: Eris ward meine Helferin. Sie flog zu den Batavern auf der großen Insel des Rheins und erbitterte die Herzen von vier Gaukönigen dieser Völkerschaft mit so leidenschaftlichem Eifersuchtshaß gegen jenen Merowech und seinen Ruhm bei Alemannen wie bei Franken, daß sie freiwillig – denn ich konnte sie wahrlich nicht zwingen! – mir die Mannschaften ihrer Gaue zuführen: über viertausend Speere, ausgezeichnete Krieger, germanische Kraftfrische mit langjähriger römischer Waffenübung verbindend. Es ist eine Freude, die Kerle zu sehen.

Die Bataver gelten von je (bereits bald vier Jahrhunderte lang) als die allervorzüglichsten unter den germanischen Söldnern. Schon seit Drusus haben sie gar manchen Strom in allen drei Erdteilen in unserem Dienst durchschwömmen, gar manches römische Siegesfeld mit ihrem Blute gerötet. Es ist eine allgefürchtete Schar. Sie haben untereinander ein Gelübde, jeden Waffengenossen ihres Stammes aus äußerster Todesgefahr zu retten mit Wagung des eigenen Lebens. Ich werde sie womöglich gerade auf jenen Merowech loslassen. »Immer Germanen gegen Germanen«, lehrte Tiberius. »Diamant schneidet Diamant, und wer immer fällt: Rom gewinnt dabei.« Diese dummdreisten Helden haben nur einen starken Fehler: Es gibt ihrer zu viele.

Die Namen aber meiner vier neuen Freunde klingen so barbarisch, wie ihre Bären- und Wisent- und Büffelfelle aussehen. Man zerbricht sich den Mund damit: »Chramn« und »Guntchramn«, »Truchtbrecht« und »Grimmbrand«. Gräßlich! Wie Gekrächz der Sumpfvögel. So! Geschrieben habe ich's – auszusprechen brauch ich's nicht. Ich nenne sie kurzweg, Bär, Wolf, Eber, Wisent. Sie lachen dazu, sie hören's gern. Sie fühlen sich offenbar geschmeichelt. Eben baten sie mich, sie doch ja ihrem Stammgenossen gegenüberzustellen. Ich gewährte es als besondere Belohnung! (Ich bin nicht feige. Aber daß ich alsdann nicht dieser Merowech bin, ist mir doch eine behagliche Empfindung.) »Warum eigentlich«, fragte ich sie, »hasset ihr ihn so lebhaft, diesen Königssohn?« Lange fanden sie vor Staunen über diesen Einfall gar keine Antwort. Endlich rief das Wisenttier unwirsch: »Welche Frage! Ist er doch unser Landsmann!«

Merkwürdige Menschen, ich muß es immer wieder sagen, sind es, diese Germanen. Es ist nicht klug aus ihnen zu werden. Oft mein ich fast, es stecke etwas Zukunftvolles in ihnen, denn es ist doch nicht bloß bärenhafte Kraft und tolldreister Mut, es ist auch eine sonderbare Art von Klugheit und Findigkeit in ihnen, was mich oft ebenso überrascht, als finge ein edles Roß, ein kluger Jagdhund plötzlich zu reden an. Es könnte einem Römer zuweilen bange werden. Wenn wirklich diese ungezählten Waldmenschen sich einmal zu etwas anderem erheben würden als zum Raufen (ersten Ranges!), Saufen (ebenso), Singen (greulich, wie Geheul der Wölfe)? Aber bald beruhige ich mich wieder. Sie bringen's nie und nimmer zu etwas anderem als zu jenen beiden Dingen (die sie allerdings unübertrefflich leisten)! Kinder sind es! Kinder von sieben Schuh mit den Kräften von Giganten – aber Kinder! Vorab unfähig für alle Zukunft jedes methodischen Denkens, jeder Philosophie! Hahaha! Ein philosophierender Germane! Das ist ein Gedanke, wie wenn ein Auerstier auf Lerchenflügeln zur Sonne fliegen sollte!

 

Nun hab ich sie also wirklich mit Augen sehen müssen, die römische Schmach (nein, eine Schande nur des Constantius!), an die ich immer noch nicht hatte glauben wollen: Chnodomar und seine Raubbrüder schicken mir – in der Urschrift! – die Briefe des Imperators, in denen er ihnen als seinen Bundesgenossen im Kampfe gegen Decentius feierlich, mit dem Siegel des Reiches, alles Land auf dem linken Rheinufer abtritt, das sie zu besetzen vermögen würden. Darauf gestützt verlangen sie von mir Räumung des ganzen, von mir wiedergewonnenen Gebiets und Rückzug bis hinter die Seine. Nicht mehr Rom sei, sie seien rechtmäßige, durch Vertrag anerkannte Herren des ganzen linken Rheinufers: andernfalls Krieg bis zur Vernichtung! Ich bat die Gesandten (diese Barbaren sprechen Latein!), mir die drei Briefe, die sie mir vorgelesen, in die Hand zu geben. Ich konnte es wirklich nicht glauben. Als ich es aber nun las, da durchzuckte mich Zorn, Scham und (von den Göttern gesandt) ein Blitz der Klugheit zugleich: Ich zerriß alle drei – die gefährlichen Beweismittel ihres Rechts und unserer Schande.

Hei, fuhren sie auf, die Ungetüme des Schwarzwalds! Einer riß das Kurzschwert heraus und brüllte: »Du brichst das Recht der Völker!« – »Ihr seid keine Völker – Räuberhorden seid ihr«, entgegnete ich. Er hätte mich um ein kleines erschlagen, aber meine Wachen entwaffneten den Wilden und seine zwei Genossen. Ich behalte sie gefangen, wenigstens bis nach der Schlacht. Sie sollen nicht den Ihrigen die Schwäche meiner Scharen, die sie gesehen, verraten. Nach meinem Sieg mögen sie laufen, 's ist wider das Völkerrecht, 's ist wahr. Aber der große Julius tat andern Germanen dasselbe – lies nur nach, im Gallischen Krieg (Buch IV. 13) steht's –, mit gutem Erfolg. Allein auch um Zeit zu gewinnen, um den Angriff der Barbaren hinauszuzögern, behielt ich die Gesandten zurück, denn jetzt ist mir jeder Tag, ja jede Stunde des Aufschubes, Gewinn. Es gilt, die noch ganz ungenügenden Befestigungen dieses Kastells zu vervollständigen, unsrer einzigen Zuflucht im Fall eines Unglücks. Und ich halte sie auch wirklich nur für Räuber, nicht für einen kriegführenden Staat. Die Germanen sind des Staates unfähig.

O all ihr Götter! Welcher Donnerschlag! Welches Unglück! Mein letzter Bote floh zurück – die andern sind gefangen. Barbados Heer steht nicht mehr im Feld! Er hat sich am gallischen Wall nördlich von Kolmar überfallen und schlagen und weit bis über Augst hinaus jagen lassen. Gepäck, Lasttiere, Troßknechte, viele Tausende Krieger sind verloren. Und die römische Ehre! Und was hat er zuletzt getan? Die immer noch zwanzigtausend Mann, die ihm geblieben, hat er um den Genfer See herum in die »Winterquartiere« verteilt – bei dieser Augusthitze! – Er selbst eilte zum Imperator, mich der Unfähigkeit, des tolldreisten Wagemuts zu zeihen, meine Abberufung und Bestrafung zu verlangen.

Was nun tun? Mich in diesem engen, schlecht neu geflickten Nest einschließen, hier von den Barbaren mich belagern lassen? Unmöglich! Kein Entsatz ist zu hoffen. Wenn nicht dem Sturmangriff, erlieg ich dem Hunger. Zurückgehen? Wie weit? Wohin? Nach Reims im Norden? Nach Troyes im Süden? 's ist überall dasselbe! Überall werde ich von Übermacht belagert, und ehe Entsatz kommt – von Constantius! –, durch Schwert oder Mangel bezwungen. Und einstweilen all das Land wieder aufgeben, das ich schon zurückgewonnen hatte, die verzweifelnden Provinzialen abermals den Barbaren überlassen? Jede Hoffnung, die ich in ihnen entfacht, auf Rettung, auf die Wiedererhebung Roms, auslöschen auf immerdar?

Aber andrerseits mit dreizehntausend bunt zusammengewürfelten Truppen eine fast dreifache Übermacht der gefürchteten Barbaren im freien Feld aufsuchen? Falle ich, fällt Gallien. Es ist die schwerste Wahl meines Lebens.

Damals, in Mailand, hieß es nur: »Soll Julian Cäsar werden oder sterben?« Jetzt heißt es: »Soll Gallien gerettet oder verloren sein?« Das kann nur ich allein entscheiden.

Auch Jovians Rat mag ich nicht hören. Aus den Tiefen meiner eignen Brust muß ich diese Entscheidung schöpfen.

Es ist sternenklare Nacht; allein – schweigend – will ich hinauswandeln vor die Tore!

Schaut auf mich herab, o ihr Sterne, die ihr selbst ja leuchtende Götter seid! Hört mein Flehen, mein inbrünstiges Gebet, o all ihr andern Götter! Ich kann euch nicht Opfer schlachten, nicht Altäre kränzen. Arm, hilflos, verlassen steh ich hier und rufe eure Gnade an: Erleuchtet mich! Schickt mir in dieser Nacht ein Zeichen, ein Traumgesicht. Tut es um des Reiches willen, nicht für mich! Obzwar ich glaube – ich fühl es mit glühender Inbrunst –, nie hat noch auf Erden eine Seele so fromm zu dem Göttlichen emporgeschaut wie ich. Höret mich! Helfet mir! Erleuchtet mich, gnädige Götter!«

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