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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 37
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Dreizehntes Kapitel

Ich bin nun mit den Vorbereitungen für den nächsten Feldzug eifrig beschäftigt: Ich arbeite Tag und Nacht, ich schlafe nur zwei Stunden. Denn die geliebten Bücher verlangen nun auch wieder ihr Recht. Und immer und überall, auf dem Marsch, in den Sümpfen des Rheinlandes, während der Berechnung der Vorräte, die ich brauche, der Mannschaften, die ich neu ausheben muß, auf dem Tribunal, während ich Rechtsfälle entscheide, drängen sich mir in die Gedanken die großen Fragen über das Verhältnis der Götter – (nicht der sogenannten, der Volksgötter. Vergib, ich weiß, das verletzt dich, aber volle Offenheit muß unter uns walten) – zu der großen Weltseele, dem obersten, dem – dem Wesen nach – einzigen Gott.

Inwiefern ist es mehr als blöder Aberglaube des Volkes, daß so viele Götter, Dämonen verehrt werden? Sind sie nicht bloß Symbole? Oder sind sie doch Erscheinungen, Darlebungen, Betätigungen jenes obersten Gottes? Ich habe viel darüber geschrieben. Ich ringe danach, meine allmählich sich klärenden Anschauungen in ein abgeschlossenes Lehrsystem zu bringen. Zunächst für mich selbst, dann aber – wie gern möcht ich als Schriftsteller mir den Lorbeer verdienen! –, höher als den meiner Schlachten würd ich ihn anschlagen. Ach, wenn in Athen bei den Buchhändlern zur Ansicht offen läge: »Das neue Werk des Claudius Julianus über das Wesen der Götter!« Aber mein erster Käufer würde sein – Constantius; und mein letzter, denn die Abschriften würden sofort verbrannt, und der Cäsar wanderte wohl wieder in ein Kloster.

Helena sagt, auch in den zwei Stunden meines Schlafes spreche ich unaufhörlich von der Weltseele, von Helios und von Phöbos Apollo. (Sind diese beiden eins oder zu scheiden?)

 

Seit dreißig Tagen hab ich nicht eine Zeile an diesem Tagebuch schreiben können. Unsanft genug ward ich in der Nacht, nachdem ich gerad das letzte aufgezeichnet, aus meinen philosophischen Träumen aufgeweckt. Der treue Berung pochte mit dem Schwertknauf an die Tür unseres Schlafgemaches und rief: »Auf, Herr, zu den Waffen! Der Feind steht vor den Toren.«

Ich fuhr auf, ich ergriff das Schwert, ich wollte Helm und Schild fassen; aber da schlug schon solcher Kampflärm von dem nahen Wall her an mein Ohr, daß ich mit einem Scheidewort an Helena davonstürmte. Ich wollte es nicht glauben, aber es war so! Die Franken stürmten gegen die morschen Mauern!

Ich eilte auf den Eckturm des Osttors, wo der Lärm am wildesten toste. In Menge kletterten die halbnackten Barbaren auf gefällten Bäumen, denen die Äste belassen waren und die schräg an der Mauer lehnten – (eine einfache Art von Sturmleitern) –, gegen die Zinnen hinauf. Mancher erstieg die Mauerkrone. Mit den Schildstacheln stießen sie die Unsern hinab. Dabei schlug um mich her ein wahrer Hagel von Geschossen ein. Viele meiner Leute sanken neben mir. Da auf einmal fühlte ich von hinten her den Helm auf mein Haupt gedrückt. Hinter mir – von unsern Pechfackeln grellrot beleuchtet – stand lächelnd Helena. Sie reichte mir auch den Schild. O welche Wonne durchströmte da mein Herz! Vor aller Augen umarmte ich die Errötende und drängte sie die schmale Mauertreppe hinab aus dem Bereich der Geschosse.

Mit alleräußerster Anstrengung nur ward der Überfall abgeschlagen. Aber die Barbaren wichen nicht; sie blieben! Dreißig Tage belagerten sie uns, mitten im schärfsten Winter, aber, wie gesagt, diese Bären frieren nicht! Jeden Tag stürmten sie. Nicht einen Augenblick kam ich von den Mauern all diese Zeit. Ich schlief, vom Mantel bedeckt, hinter den Zacken der Zinnen. Und keine Möglichkeit, durch einen zornigen Ausfall die Frechen zu verscheuchen! Dazu war ich viel zu schwach. Ich knirschte vor Zorn, auf die Abwehr beschränkt zu sein. Um der Verpflegung willen hatte ich die Schildner und die fremden Hilfsvölker in andere Orte verlegen müssen. Das hatten die Franken erkundschaftet; so hofften sie, die Stadt zu bewältigen, den Cäsar selbst zu fangen. Merowech hat den Streich ersonnen und den Befehl geführt. Am dreißigsten Tag soll er verwundet worden sein; da trugen ihn, den Widerstrebenden, die Seinigen entmutigt mit sich davon und zogen ab.

Mich aber haben diese dreißig Tage gelehrt, was der Wille, der Geist auch schwächlichem Leib abzuzwingen vermag. Das ist nur möglich, weil dieser Geist ein Funke der großen Weltensonne, ein Stück der ewigen Weltseele selbst ist.

Allein, wie war es geschehen, daß die Kecklinge über die gefrornen Flüsse unbemerkt, ohne daß ich eine Warnung erhielt, so weit von Rhein und Mosel nach Westen vordringen konnten? Mehr noch: daß in dreißig Tagen, da die Kunde von dieser Belagerung ganz Gallien durchdrang, nicht ein Versuch gemacht wurde, mir Entsatz zu bringen? Das war nur möglich durch niederträchtigen Verrat des Marcellus, der mit starker Macht ganz nahe in Estissac liegt; jedoch er hielt sich diese dreißig Tage still in seinen sichern Mauern! Er soll gesagt haben: »Der Imperator wird sein Sens gern verlieren, verliert er dabei auch seinen Cäsar.« Aber das ist mir zu stark! Ich verlange von Constantius die Absetzung des Elenden. Marcellus ist, meiner Anklage durch Verleumdung zuvorzukommen, bereits an den Hof geeilt. Jovian bat, ihn in dieser Sache nach Mailand zu entsenden. Ich will's gewähren. Sobald wird es hier nun noch nichts zu fechten geben. Und ich weiß: Er geht gern dorthin, wo er meine Mutter und meine Schwester wieder sieht, die schöne, schlanke, dunkeläugige. Längst habe ich die zarte Neigung entdeckt, die Juliana und der Wackere – schon in Mailand – noch vor sich selbst scheu und schamhaft zu verbergen suchen. Arme Herzen! Nie erfüllt sich euer Wunsch! Constantius wird nie einem so tüchtigen Kriegsmann die Hand einer Constantierin gewähren. Solches Verdienst und eine solche Verbindung zusammen, würden – nach des Augustus Denkweise von den Menschen – eine unwiderstehliche Versuchung bilden, nach dem Purpur zu greifen. Aber ich gönne ihnen gern die Freude des Wiedersehens.

 

Ach, wie wenig habe ich doch durch meinen vorjährigen Feldzug erreicht! Schon im Februar ergossen, und jetzt im März ergießen sich abermals Scharen von Germanen über das zitternde Land! Ich weiß gar nicht, was ihnen den Mut zu dieser Unverschämtheit geben kann?

Sollten sie den wahnsinnigen Gedanken gefaßt haben, wir würden sie jemals dauernd in Gallien dulden? Der soll ihnen ausgetrieben werden, so wahr ich Cäsar heiße! Jetzt, nach vierhundert Jahren, sollten wir wieder soweit sein, wie da der echte Cäsar gegen jenen Ariovist auszog? Nein, schlimmer sind wir daran. Ariovist hatte Gallien nur den Galliern, Chnodomar und Genossen haben es den Römern entrissen! Sie schickten mir Gesandte, die mich drohend aufforderten, das durch ihre Schwerter gewonnene Gebiet in Gallien nicht anzutasten! Aber wartet! Bei Mars, dem Rächer, hab ich es geschworen: Ruft mich nicht vorher der Imperator ab oder der Tod, ich weiche nicht aus diesem Lande, bis kein Germane unbezwungen mehr darinnen lebt!

Ich schreibe dies aus Reims. Zu meinem Erstaunen hat der Augustus meinen Feldzugsplan für das nächste Frühjahr gebilligt, der – wieder einmal – die Feinde »zangengleich« umfassen will. Ja, er hat versprochen, fünfundzwanzigtausend Mann unter dem Magister peditum Barbatio von Basel her den Alemannen in ihre Südflanke zu schicken, während ich (nach einem ruhe- und rastlos zu Sens verbrachten Winter) von hier aus sie in der Stirn fassen will. In dem nun durch neue Schanzen gesicherten Sens ließ ich Helena, die immer Mutige, zurück.

 

Gesichert! Was ist noch sicher in diesem Reich der Römer! Während zwei römische Heere wider die Alemannen ziehen, hat eine Schar von Räubern die Keckheit, mitten zwischen beiden durchzubrechen und vom Rheine her bis Lyon vorzustoßen, zwölf Stunden weit, ohne Widerstand zu finden! Gerade noch gelang es, die Tore von Lyon ihnen vor der Nase zuzuwerfen und die starke Feste zu behaupten. Aber das ganze Flachland plünderten sie aus. Ich knirschte vor Zorn. Auf allen drei möglichen Straßen ihres Rückzugs eilte ich von Reims hinweg nach Südosten, ihnen zuvorzukommen, ihnen den Rückweg abzuschneiden. Es gelang mir und dem zurückgekehrten Jovian, auf beiden Wegen, die Räuber abzufangen und zu töten. Barbatio jedoch ließ die dritte Schar entkommen, die den Weg durch sein Gebiet nahm. Er rief den Tribun, den ich ihn dorthin zu entsenden aufgefordert hatte, sofort wieder ab! Bosheit oder Dummheit?

Und diese Räuber, wer waren sie? Das ist das traurigste an der Sache! Nicht Germanen: Römer, römische Untertanen wenigstens, Colonen, kleine Bauern, arme Kerle, welche zu vielen, vielen Tausenden die römischen Steuerheischer von Haus und Hof, in die Wälder, in die Sümpfe, zu den Barbaren vertrieben haben seit Jahrzehnten, und die nun in der Verzweiflung der Not mit unsern Feinden gemeinsame Sache machen! Das muß anders werden, oder dies reiche, schöne Land entvölkert sich von Römern, bevölkert sich mit Germanen. Sobald ich mit den Barbaren fertig bin, zieh ich gegen unsere Beamten zu Felde. Blutsauger sind sie, erbarmungslose. Quos ego!

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