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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 36
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Zwölftes Kapitel

Ich fand im Heere den Glauben verbreitet, unser Zug gelte zunächst den Franken, den Sugambern und dem empörten Gau der Bataver, waren doch von dort, vom Niederrhein her, die jüngsten Vorstöße erfolgt. Ich bestärkte diesen Glauben. Allein, sowie das Heer marschfertig, befahl ich, statt nach Norden – gegen den Kohlenwald –, vielmehr gen Nordosten auf Metz zu ziehen. Überraschung, Täuschung über sein wahres Ziel war ein großes Stück der Feldherrnschaft des einzig wahren Cäsars. Nicht den Franken, den Alemannen am Oberrhein galt mein nächster Angriff, und er gelang vollkommen, dank eben der Überraschung. Von Metz drang ich in Eilmärschen – ach, immer weiter weg von Helena – gen Osten über Dieuze nach Saarburg.

Heiß brannte die Mittagsstunde des Julitags. Nur mit Mühe brachte ich den stockenden Zug vorwärts; äußerste Stille hatte ich eingeschärft und Jovian mit leichtberittenen Bogenschützen vorausgeschickt auf Spähe. Bald jagten diese zurück und meldeten, daß die Alemannen, in der erschlaffenden Hitze des Mittags, alle Vorsicht, jeden Gedanken einer Gefahr aufgegeben hatten. Ihre Waffen im Lager zurücklassend, lagerten sie am Flüßlein Saar. Viele badeten und plätscherten in den Fluten; andere tranken den erbeuteten Wein aus ihren Sturmhauben; manche auch strählten ihr langes gelbes Haar und färbten es rötlicher – (das scheinen sie zu lieben) –, mit einer scharfen Seife aus Talg und Buchenasche. Welcher Anblick, diese Sorglosigkeit, für einen römischen Feldherrn! Ich gab das Angriffszeichen durch die Reitertrompeten. »Zangengleich« wieder faßte ich sie, meine Scharen teilend, zugleich von Nordost einschwenkend und von Nordwest. Vereint warfen wir die Überraschten von Norden nach Süden in ihr Lager hinein und sofort – nach Süden – wieder hinaus. Sie hatten gar nicht Zeit gehabt, zu ihren Waffen zu gelangen, geschweige sich zu scharen; nur Flüche, Verwünschungen, nicht Speere hatten sie uns entgegenzuschleudern. Groß war das Blutbad: Gerächt ist Heliodor!

 

Aber Vorsicht tut not in diesem Lande, dessen Festen: Speier, Selz, Straßburg, Brumat, nicht mehr unser, vom Feinde besetzt, oder doch der Mauern entkleidet sind. Mein Heer wie die Barbaren glaubten, ich würde um den erlangten Vorteil in der gleichen Richtung gegen Straßburg hin verfolgen Aber das Verfahren von Troyes wiederholend, ließ ich die Alemannen los und befahl nun, ebenso plötzlich die Franken anzufallen. Ich zog auf Köln. Da ritt Jovian an mich heran und schüttelte mir die Hand. Er lobt mich nicht oft, nicht stark – (ich kann viel davon vertragen) –, und sprach: »Philosöphchen, du bist ein geborener Feldherr.« – »Wäre erfreulich«, erwiderte ich. »Ein geborener Reiter bin ich offenbar – (immer noch) – nicht; zweimal fiel ich gestern vom Gaul.« Dieser Zug gegen den Niederrhein ist so gefährlich wie der vorige gegen die Alemannen. Auf dem ganzen Weg von Straßburg bis Köln blieb in unsern Händen nur noch Remagen bei Koblenz.

 

Die erste Schlappe! Empfindlich genug! Gerade im letzten Augenblick noch abgehalten, Dank sei Mars Stator und Jovian, eine Niederlage zu werden. Das Wetter ist umgeschlagen. Regengüsse fluten Tag und Nacht hernieder, dichte Nebel steigen auf aus den sumpfigen Altwassern dieses mächtigen Stromes. Man sieht kaum den nächsten Mann im Glied. Gegen Abend ging's. Ich hoffte, vor Einbruch der Nacht noch Köln zu erreichen, das, wie meine Späher berichteten, unglaublicherweise nicht besetzt ist. ›Eine barbarische Feldherrnschlacht‹, dachte ich in meinem jungen Siegesstolz, an der Spitze des Zuges reitend. Ich vermißte schwer das Gespräch Jovians, der gebeten hatte, die Mitte führen zu dürfen. »Fürchtest du«, lächelte ich, »die Franken mehr als die Alemannen?« – »Am meisten fürchte ich deine Leichtherzigkeit, Griechlein«, erwiderte er derb, aber nicht mit Unrecht, und ritt zurück. Sonderbar! Dasselbe Wort »Leichtherzig« hat mir neulich der wackere Ammian geschrieben. So dachte ich noch, als plötzlich von unserer Nachhut her ein schreckliches Geschrei sich erhob, das alles eher als ein Siegesgeschrei war. Ich hatte Marcellus die Nachhut – zwei Legionen – überwiesen, weil ich Widerstand nur vorn oder von der linken Flanke her vermutete; rechts deckte uns der Rhein, an dessen Ufer hart hin die alte Legionenstraße zieht. Aber die Franken – (denn diese waren es) – hatten uns umgangen und brachen nun vom Rücken her, durch den Nebel verschleiert bis zum Anprall, in unsern Zug. Marcellus floh sogleich nach vorn; schon wurden seine Schwerbewaffneten in großer Zahl von der steilen Böschung herab in den Strom gestoßen. Nicht viel fehlte und wenigstens die Nachhut war verloren. Da – im rechten Augenblick – erschien Jovian mit Verstärkungen aus der Mitte und stellte die Schlacht. Die Nacht brach ein; die Barbaren wichen, aber wir haben viele Leute in dem Fluß verloren und nur einen – verwundeten – Gefangenen gemacht. Er sagte aus, es waren die Bataver, geführt von einem ihrer Königssöhne. Der Angriff war meisterhaft geplant.

 

Köln war wirklich unbesetzt. Begreif's, wer kann!

Zaghaft, mit sichtlich geringem Vertrauen auf unser Verbleiben in ihren halbzerstörten Mauern, krochen die Bürger von Köln aus ihren Häusern, aus ihren Kellern hervor.

All ihr Götter, welch ein Anblick, diese verwüstete Stadt! Und also aus eitel Mutwillen haben die Barbaren Köln genommen und dann verlassen? Ich versicherte den Kurialen, solang ich lebe in Gallien, werde Köln nicht wieder erobert werden, und befahl sofort meinem ganzen Heer, noch in der Nacht, während die Kohorten Wein und Speise erhielten, bei Fackelschein die nur oberflächlich abgebrochnen Wälle wiederherzustellen. Die Leute murrten; denn Marcellus hatte schlaffe Mannszucht gehalten. Da ergriff ich selbst einen Spaten und sprach: »Den ersten Spatenstich tue ich, euer Cäsar, und dem ersten, der sich weigert, spalte ich mit diesem Spaten den Schädel.« Sie stutzten, aber sie gehorchten alle sofort. Mir scheint, auch das Befehlenkönnen ist eine Gabe der Götter.

Nachträglich erfahre ich Näheres von dem Angriff jenes Batavers. Er hatte es sehr, sehr schlimm gemeint. Gleichzeitig mit seinem Stoß in unsern Rücken sollten vier andere Könige der batavischen Gaue uns von der Stirn und von der linken Flanke fassen. Jene vier waren von ihm – (Merowech heißt er; man muß den Namen merken!) – nach langem Verhandeln gewonnen gewesen, neben ihm gegen uns loszuschlagen. Aber im letzten Augenblick blieben sie aus – ohne ihm abzusagen. Alle vier. Warum? Auch ihre Scharen hatten Merowech zum »Herzog«, das heißt zum Oberanführer verlangt. Da erwachte die alte Eifersucht, und die vier Könige traten zu uns zurück. Nur ein Sugambernkönig hielt Wort und stieß zu Merowechs Schar. Der Graukopf griff grimmig immer und immer wieder an, bis sie ihn endlich mit vielen Wunden davontrugen. Jovian hätte ihn gefangen, hieb ihn nicht Merowech heraus. Jene vier schickten jetzt Gesandte nach Köln und erbaten Frieden und Verzeihung. Beides gewährte ich von Herzen gern! Denn in diesem barbarisch rauhen Lande – es regnet und stürmt ohne Unterlaß – noch einen Herbstfeldzug bis an das germanische Meer, das mute ich zwar mir, aber nicht meinem Heere zu.

 

So verbrachte ich denn diese Monate mit der Wiederbefestigung Kölns und andrer verödeter Städte und ging über Trier zurück nach Sens an der Yonne, wo ich die Winterquartiere beziehen will, und wohin ich mein geliebtes Weib von Vienne her entboten habe. Welch ein Wiedersehen! Welche Freuden! Welche Liebe! Und welches Weh!

Aber will das Bittre in mir überwiegen, dann ruf ich mir das Bild der trauernden Roma vor Augen, der ich doch ein wenig von langjähriger Not und Schmach abgenommen habe von den Schultern. Freilich, es war nur ein Anfang; viel ist noch zu tun. Der unbesiegte Sonnengott führe mich weiter. Stammen wir Constantier doch von dem großen Germanenbesieger Claudius. Vielleicht hat sich von seinem Geist, von seinem Glück etwas auf mich vererbt.

Erst hier – im tiefsten Winter – erhalte ich endlich eine Antwort von dir, daß du meine Brief-, ja Tagebuchsendungen erhalten hast.

Allerdings, ich sandte sie anfangs nach Nikomedia. Nicht könnt ich ahnen, daß du dich aus Besorgnis für deine Sicherheit fern in dein geliebtes Wunderland Ägypten zurückgezogen; und gewiß, wenn Eusebius, wie dir (nach deinem Briefe) Philippus und der edle Johannes – (der deinen Haß mit Liebe vergilt) – heimlich mitgeteilt haben, Verdacht geschöpft hat, deinem Galiläerpriestertum nicht recht traut und die Wahrheit ahnt; dann konntest du nicht rasch genug in die Verborgenheit verschwinden, dein mir so teures Haupt zu retten.

Aber, o geliebter Lehrer, deine kurzen Zeilen kann ich nicht eine Antwort nennen auf die so umfangreichen nicht nur, auch – sollte ich meinen – so inhaltreichen Ergüsse meines heißen, jungen, vertrauensvollen Herzens. Wem sollte ich rückhaltlos vertrauen, wenn nicht dir? So habe ich dir denn auch das süße Glück, das ich in meinem geliebten Weibe gefunden, fast verschämt, aber jubelnd verkündet, und die Hoffnung auf unser Kind und das bittre Weh um unsern Heliodor! Und vorgenommen hatte ich mir, dir auch weiter zu berichten, von dem Glück meiner Liebe, meiner Ehe, nachdem ich – nach so vielen Monden – das süße Weib hier wieder an die Brust schließen durfte. (Ach, sie hat sich nicht erholt, ich meine, die Gesundheit nicht wieder erlangt; nur den rührend heitern Sinn, mit dem sie mich tröstet!) Aber ich kann dir, Lysias, nach deinen Äußerungen nicht mehr schreiben über Helena. Es steht etwas Fremdes, mir Unverständliches, zwischen meinem verehrten Meister und mir. Du beglückwünschest mich zu meiner Errettung, zu meiner Erhebung zum Cäsar, aber mit keinem Wort zu meinem höchsten Glück: zu Helena.

Ja, du schreibst rätselhaft: »Deine Vermählung ist vielleicht geschehen gegen den Willen der Götter und den Gang der Sterne.« O Lysias, ist das denkbar? Und von unsrem Kinde schreibst du grausam: »Fälschlich hast du den Knaben Heliodor genannt. Nicht Helios hat ihn dir gegeben, noch die andern Götter, sonst lebte er dir noch. Die Götter schützen ihre Gaben. Constantius und der blinde Zufall haben dich zum Vater jenes Kindes gemacht.« Lysias, es gehört die ganze Dankbarkeit meines Geistes gegen dich dazu, daß ich dir das verzeihe. Aber die Galiläer sollen sich nicht berühmen, daß sie allein den Grundsatz aufstellen, Böses mit Gutem zu vergelten:

Laß adlermutig schweifen deine Liebe
Bis dicht hinan an die Unmöglichkeit:
Kannst du des Freundes Tun nicht mehr begreifen,
so fängt der Freundschaft frommer Glaube an!

Am liebsten beriefe ich dich hierher zu mir; sähen wir uns Auge in Auge, das Gespenst, das zwischen uns aufgetaucht, würde rasch verschwinden. Allein, wenn nicht schon auf der Reise hierher, würdest du sicher in meinem Lager den Spähern des Eusebius in die Hände fallen; sie wimmeln hier.

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