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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 35
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Elftes Kapitel

Ich schrieb das Vorstehende noch auf dem Gefechtsfeld. Jetzt berichte ich aus Troyes. Denke nur, welche Schmach! Als ich vor den Toren dieser Feste ankam – es dunkelte die Nacht herauf –, wollten sie mich durchaus nicht einlassen, diese Tapfern. Die Furcht vor den Barbaren hat seit Jahren alles so erfüllt, daß die Leutchen an römische Scharen, die im freien Feld erscheinen, gar nicht mehr glauben wollen. Und als ich von einem römischen Siege sprach, hielten sie es erst recht für gelogen! Wir seien verkappte, in römische Rüstungen gekleidete Barbaren. Zuletzt erkannten sie den alten Vovonius und ließen endlich den Cäsar, nachdem er eine Stunde im Regen zu ihnen die Wälle hinauf gescholten, in ihre bange Stadt. Der Bischof wollte mich vor allem in die Basilika führen, Gott für den Sieg zu danken. Ich sagte, ich hätte schon gedankt und verlange mehr nach einem Bade.

Die starke Feste zitterte vor den Barbaren! Und doch barg sie das Hauptheer, mit welchem ich ganz Gallien zurückerobern soll: den Magister Militum Marcellus und fast zehntausend Helme! Ich nahm sie am folgenden Tage für mich in Pflicht. Bei den Rippen des heiligen Marcus und einem Eckzahn der heiligen Magdalena ließ sie den Bischof schwören – (man darf nicht mehr schwören bei dem Genius des Constantius; er hat wohl auch keinen! 's ist gleich, wenn sie's nur halten!). – ›O Phöbos Apollon‹, dachte ich während der langen Schwurformel. Ich schämte mich vor ›dem Gott mit dem silbernen Bogen‹!

(Übrigens: Wie viele Eckzähne hat denn der Mensch höchstens, auch im Zustande der Heiligkeit? Ich habe von der heiligen Magdalena schon etwa sieben bewundert.)

Sehr viel für meine Aussichten in Gallien kommt nun selbstverständlich auf diesen Marcellus an, meinen ersten Heerführer. Bis jetzt hab ich nur Feigheit, Frömmigkeit und Kriecherei an ihm entdeckt.

 

Heute endlich wieder einmal Briefe von Helena, von Mutter, Schwester und von Philippus. Helena, die Holde, die Heitere, erträgt auch ihr dermaliges, nicht leichtes Los mit liebenswürdiger Freudigkeit. Allein, nach so wenigen Monaten des süßesten Glückes, nur von Dienerinnen nach des Imperators Wahl umgeben – (streng hat er die Bitten seiner Gattin, meiner Mutter und Schwester abgewiesen, zu der Einsamen reisen zu dürfen) –, mich in allerlei Fährnissen wissend, einer schweren Stunde entgegenbangend, verzagt sie noch keinen Augenblick. Im Gegenteil, sie tröstet mich mit fröhlichen Scherzen. Sie schildert mir, wie unser Heliodor aussehen wird. Denn es steht ihr fest: Es ist ein Knabe. Geliebtes Geschöpf! Wie gern eilte ich an ihr Lager. Aber mich rufen Chnodomar und andere Ungetüme.

Meine Mutter! Wie zärtlich, aber auch wie eindringlich ermahnt sie mich, täglich soundso oft zu Christus zu beten, um des Heiles meiner Seele willen. Sie bete Tag und Nacht für mich. Ach, es ist gut für sie, daß ich heucheln muß, solang Constantius lebt. Wie würde die innig Verehrte leiden, erführe sie meinen Haß gegen den Galiläer! Die Schwester schreibt auch gar so fromm! Seltsam! Jovian begnügt sich, die Briefe der andern nur vorgelesen zu hören; als ich ihm aber sagte, Juliana sende ihm einen Gruß, griff er hastig nach dem Papyrus und mußte es selbst lesen!

Philippus schreibt Wichtiges vom Hof, vom Staat. Der Gute meint, das Bedeutsamste sei, was mich betreffe: Er irrt, erst der Staat, dann Julian. Er meldet ganz bestürzt, hätte ich jemals die Aussicht gehabt, falls Constantius söhnelos vor mir sterbe, den Thron zu besteigen – (der Allschauende Helios sah nie einen solchen Gedanken in dem geheimsten Winkel meiner Seele!) –, meine Unvorsichtigkeit in Beschützung der Verehrer der Götter habe sie für immer zerstört. Und worin bestand diese Unvorsichtigkeit?

In jeder größeren Stadt Galliens, in der ich auf der Reise längeren Aufenthalt nahm, so in Grenoble, in Valence, in Vienne, brachten die Behörden und die Galiläerpriester vor mein Tribunal Anklagen wider allerlei Verbrecher, die in den Wirren der letzten Zeit unverfolgt geblieben waren: Mörder, Räuber, Diebe in Menge. Ich ließ sie verhaften, die Untersuchung einleiten. Aber der Diakon zu Grenoble verklagte eine junge Mutter, daß sie kurz vor ihrer Entbindung der Juno Luciana Milch und Mehl geopfert; der Presbyter von Valence verlangte, ich solle einen Greis in Ketten legen, der dem Hermes dem Seelengleitenden, einen Hahn gelobt, falls der Gott ihm leichten Tod gewähre, und der Bischof von Vienne heischte die schärfste Bestrafung eines jungen Bildhauers aus Korinth – (ach, sie haben keine Arbeit mehr, die Hände, die dereinst die schönen Götter gebildet!) –, der nachts in den von dem Bischof längst verschlossenen und versiegelten Tempel der Venus drang und hier die wunderschöne Statue der Göttin – (es soll ein Werk des Praxiteles sein!) – bekränzte und zeichnete. Der Schein seiner Fackel verriet ihn. Er ward ergriffen und gefangengesetzt. Unter dem Vorwand, Augenschein nehmen zu müssen, ließ ich mir das sofort wieder verriegelte und versiegelte Fanum öffnen. O Lysias, welche Reinheit, welche Heiligkeit ist doch dem Schönen eigen! Tief erschüttert stand ich vor der herrlichen Göttin. Der Bischof, der mich scharf beobachtete, merkte wohl etwas! Er verlangte dringend Bestrafung des jungen Artemidor und beschwor mich, das dämonische Bild, das ja sogar mich zu verwirren scheine, zerschlagen zu lassen. Ich wies das zurück; aber ich versprach ihm, seine Stadt von der gefährlichen »Dämonin« zu befreien, und ließ die schöne Göttin nach Arles bringen, wo ein Freund Jovians ein Landhaus eignet. Möge fortab die »Venus von Arles« der Stadt Segen bringen! Artemidor führte ich verhaftet – zu seiner Sicherheit – ein paar Tagesmärsche mit mir fort, erfreute mich herzlich des liebenswürdigen Jünglings und entließ ihn reich beschenkt nach Marseille zur beneidenswerten Einschiffung in seine schöne Heimat. Ob ich je das edle Antlitz wieder schaue?

Auch die Anklageschriften gegen die beiden andern ließ ich verschwinden in den Fluten der Rhone. Aber die drei Priester ruhten nicht. Sie verklagten mich bei dem Augustus wegen Beschützung der Götzendiener. Er hat noch nicht beschlossen, gegen mich einzuschreiten, aber sein Argwohn ist schwer gereizt. Grimmig fuhr er Philippus an: »Siehst du, dein Schützling, wie er sich anläßt? Ihr habt wohl schon Träume geträumt, die ihn auf dem Thron sahen? Aber wartet nur! Nie, nie wird er den Purpur tragen, dafür ist gesorgt! Ich habe meinen Nachfolger bereits gewählt; da Eusebia mir keinen gönnen will. Demnächst laß ich Senat und Heer auf einen Mann vereidigen, der sich nicht bedenken wird, am Tage meiner Thronbesteigung jenen Freund der Götter zu den Dämonen der Hölle zu senden. Da mag dein Philosoph Imperator über die Teufel werden.« Es beunruhigte mich; ich weiß es ja, daß ich sterben muß, um emporzusteigen zu dem Vater des ewigen Lichtes. Und bald wird es sein. Die Lieblinge der Götter – (zu denen zähl ich, das fühl ich täglich mehr, je klarer ich sie erkenne) – sterben früh.

Das Wichtigste aus des Philippus Briefen ist die Rückberufung des Eusebius, der glücklich in den Hintergrund gedrängt schien. Die Freude hat nicht lange gewährt. Und warum zurückgerufen? Wie geht es her in diesem Reich der Römer!

Ein Feldherr, Macer, der in Rhätien am Inn die eingedrungenen Juthungen abwehrt, erhält einen Brief von seiner Frau aus Florenz, ein Bienenschwarm habe sich an seinem Haus angesetzt. Das bedeutet etwas Großes: den Purpur. Und das unselige, unsinnige Weib fleht nun den Gemahl an, er möge sie doch ja nicht, nachdem er Constantius getötet, um der schönen Imperatrix Eusebia willen verstoßen. Die Sklavin, die das schreibt, verkauft eine Abschrift an Eusebius, den Präpositus. Dieser erwirbt sich das hohe Verdienst, dem Augustus die »gefährliche Verschwörung« aufzudecken, Macer und dessen Gattin werden enthauptet, zahlreiche völlig Unschuldige gefoltert, und der Obereunuch, der wieder einmal dem Imperator Leben und Thron gerettet hat, wird in höchsten Ehren zurückgerufen.

Philippus schreibt am Schluß eine mir noch unverständliche Zeile: »Lies Horaz, Satiren, erstes Buch, vierte Satire, Vers 85, und handle danach.«

Der Buchsklave bringt eben meinen Horaz, das Geschenk Eusebias ... ich schlage nach: Hic Niger est – hunc tu, Romane, caveto (»Freund, ein solcher ist schwarz [niger]: Vor solchem hüte dich, Römer.«). Was kann er meinen? All ihr Götter! Niger ist der Name des Arztes, den Constantius gesandt. Philippus warnt sichtlich vor ihm. Und mein Weib, mein Kind hilflos, schutzlos in dieses Arztes Hand! Ich ... ich fliege zurück, sie zu behüten ...

Nein, ich darf ja nicht! Darf auch nicht scheinbar weichen vor den Barbaren, und seh ich Helena niemals wieder! Jovian hat recht: »Ein Wahrzeichen nur gilt: Für dies Reich der Römer zu kämpfen.« Aber einen Eilboten entsende ich mit Warnung in Geheimschrift. Ach, und welch grausam Geschick! Ich darf nicht einmal hierbleiben, Antwort erwartend; weiter und weiter ab von der Geliebten führt mich die Pflicht des Krieges. Wohin zunächst? Das ist mein wohlgehütetes Geheimnis. Morgen breche ich auf von hier nach Reims, und ...

Ein Brief von ihr: O Weh und Schmerz und bittrer Gram der Seele! Mein Bote an Helena kreuzte sich mit der schwarzen Nachricht, die eben von ihr eintrifft. Unser Heliodor – diese holde Hoffnung – ist zerstört. Meine Geliebte war frisch und gesund gewesen, schreibt sie, bis Niger sie in Behandlung nahm, obwohl ihr gar nichts fehlte. Viele, viele Tränke mußte sie nehmen wider Willen, auf Nigers, das heißt auf des Imperators Befehl. Nun ist das Ende der »Behandlung« da! Zu früh, nur um gleich zu sterben, ward unser Heliodor geboren. Ach, nur wenige Augenblicke sah er den Strahl des Gottes, der ihn uns geschenkt. Niger ist spurlos verschwunden, sobald der Knabe starb. Nun, Constantius wird wissen, wohin. Tief gebeugt von eigenem Weh sucht das herrliche Geschöpf, mich aufzurichten. O mein Heliodor! Wie hatte ich dich erziehen wollen, den Göttern und dem Römerreich zum Dienst! Ah, die Barbaren sollen mir's entgelten!

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