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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 34
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Zehntes Kapitel

Sieg! Sieg! Er hat sie mir geschickt, der große Gott! Mein erstes Gefecht – zugleich mein erster Sieg!

Meine Seele frohlockt! Wie glücklich bin ich! Ein Pfeil hat meine Wange gestreift. Ich habe selbst das Schwert geschwungen! Ich habe einen Germanen im offnen Kampf erlegt! O Mars und Jupiter und all ihr Götter! O Lysias, dürft ich dich jetzt umarmen. Oder – lieber noch – Helena! An die ein Eilbote noch von der blutigen Waldwiese aus abflog. Aber so wird kein Bericht daraus! Also hübsch ruhig. »Mit klarer Gliederung des Stoffes«, befahl Libanius seinen Schülern.

Ich zog also Ende Juni mit meiner schwachen Schar von Autun durch die Wälder, geführt von meinem Freunde, dem Fahnenträger Voconius. Ja, ich darf ihn Freund nennen, den echten Latiner, den Sohn der samnitischen Berge! Auf meine Frage – nach unserem ersten Gespräch über die Wege –, ob er die alten Götter vorziehe oder den neuen, erwiderte er: »Ich verstehe das nicht, o Cäsar. Es ist mir auch ziemlich gleichgültig. Ich weiß nur, solange ich den Adler trug, pflegten wir die andern zu hauen, seit ich das Labarum tragen muß, pflegen wir gehauen zu werden. Das erstere gefiel mir besser.« Ich drückte ihm die Hand; ein Geldgeschenk lehnte er ab. Da sagte ich: »Wir wollen fortab Freunde sein, Aulus Voconius.« Und wir sind es geworden.

Mein Freund Voconius leitete also unseren kleinen Zug durch Wälder und Sümpfe gegen Nordwesten auf Auxerre. Sowie wir in die tiefen Waldungen einbogen, die nur schmale Pfade durchschnitten, spürten wir alsbald vor uns und auf beiden Flanken die Nähe der Barbaren – wir wußten zunächst nicht, ob Alemannen oder Franken –, die uns vorsichtig umkreisten, gelegentlich aus dem Dickicht ihre Pfeile und Wurfspeere auf unsern dicht geschlossenen Zug entsendend. Denn ich hielt meine schwache Schar in tiefen Gliedern dicht zusammen, gedeckt auf allen vier Seiten durch leichte Reiter, die, bei jedem Anfall zu uns zurücksprengend, uns vor Überraschung schützen mußten und im Kampf dann eine willkommene Verstärkung sein sollten.

Aber heute mittag hätten sie uns doch beinahe überrumpelt! Wir zogen in wildverwachsenem Gestrüpp dahin. Rechts Sumpf, links eine Kette mittelhoher, dunkel bewaldeter Hügel. Auf einmal ward es da links lebendig. So rasch, wie ich noch nie habe Menschen laufen oder reiten sehen, warfen sich von jenen Hügeln herab auf unsere linke Flankendeckung zahllose Barbaren. Nicht sie erhoben den Schlacht-, meine überraschten Reiter erhoben den Schreckensruf.

Im nächsten Augenblick waren die Bestürzten auch schon mitten in dem Zug unseres Fußvolkes, Verwirrung in unsere Reihen tragend, sie durchbrechend. Und gleich darauf waren die Barbaren da! Auf Speerwurfweite! Auch ihre Fußkämpfer schon! Diese Schnelligkeit erklärt sich nur dadurch, daß erlesene Jünglinge, lange hierin geübt, die linke Hand in die Mähne des Rosses gekrallt, neben dem Reiter herlaufen, so rasch wie dieser vorwärts fliegt. Es war ein prachtvoller Anblick!

Ich hatte wahrlich anderes zu denken als an die Schönheit solcher Bewegung. Aber den unverbesserlichen »Theoretiker« – so schilt mich Jovian – fesselte das nie gesehene Schauspiel und (ich schäme mich solch abgrundtiefer Eitelkeit) es freute mich unbändig, daß ich sofort auswendig, wörtlich, die Stelle des Tacitus hersagen konnte – Germania, Abschnitt 6 steht sie (auch das weiß ich auswendig), in der er diese Mischung von Reitern und Fußkämpfern bei den Germanen schildert!

Aber blitzschnell war der Einfall, und kurz die Freude! Denn schon waren sie dicht vor mir, diese Gegenstände meiner Freuden! Ein Pfeil ritzte mir die linke Wange. Ich spürte es nicht am Schmerz, nur am Blut, das niederströmte. Und neben mir sah ich bereits meine Ballistarier vor dem ungestümen Anprall von links her ausweichend nach rechts, das heißt in den Sumpf, in dem wir alle sicher verloren waren! »Zangengleich«; dieser treffliche Ausdruck Frontins fiel mir ein in diesem bedenklichen Augenblick. Ich befahl unserem Zug, Halt zu machen (die kleine Lücke in der Mitte überließ ich einstweilen den Göttern), mit dem vorderen und dem hinteren Teil unserer Linie nach links einzuschwenken, so die Barbaren »zangengleich« von beiden Seiten fassend.

Gott des Sieges! Es half! Mein erster Einfall – aus einem Schulbuch gelernt –, er glückte! Die Barbaren, plötzlich zugleich von Norden und von Süden angegriffen – von West nach Ost hatten sie uns auf unserem Zuge nach Norden angefallen –, glaubten wohl, wir hätten, ihnen unvermerkt, Verstärkungen herangezogen und begannen zu weichen. Aber nicht das Häuflein, das jenen ersten Stoß erfolgreich geführt hatte; hartnäckig hielten die stand und wehrten sich mit sturer Verbissenheit.

Ich sah Jovians Roß neben mir stürzen, ein Fußkämpfer, angeklammert an eines Reiters Hengst, hatte dem Gaul das Kurzschwert in den Bug gestoßen. Der Freund lag hilflos unter seinem Tier. Der germanische Reiter wollte ihn mit dem Speere durchbohren. »Halt«, schrie ich auf lateinisch, den Stoß mit dem Schild auffangend. »Halt, Germane. Kämpfen, nicht Wehrlose morden.« Augenblicklich wandte der Gescholtene sich und sein Roß gegen mich (sie haben leider Zeit genug gehabt, Latein, in unserem Land, auf unsere Kosten, zu lernen) und holte mit dem langen Speere gegen mich aus. Aber mein kurzes Römerschwert kam ihm zuvor. Ich stieß es ihm in die Achselhöhle des erhobenen Armes. Er schrie und stürzte nach links herab. Da schwang sich der Fußkämpfer auf das leere sattellose Roß und floh. Jovian hatte sich einstweilen unter seinem toten Gaul herausgearbeitet und reichte mir die Hand: »Siehst du, wie gut du reiten und fechten gelernt hast? Der Philosoph hat den Kriegsmann gerettet; umgekehrt war's wahrscheinlicher.«

Der Gefallene war ein Führer gewesen. Entmutigt wichen die Seinen. Wir machten fünf verwundete Gefangene. Von ihnen erfuhren wir, es waren gemischt Alemannen und Franken – Bataver – gewesen, was also das sehr Unerfreuliche beweist, daß wenigstens Teile der so lange treuen Bataver sich unseren Feinden angeschlossen haben. Das ist schlimm. Sie gelten – durch alte römische Schulung – als die gefährlichsten der Franken.

Prachtvolle Menschen sind es, diese Germanen! Ich habe solche Kraft und Riesengröße, freilich auch solche Wildheit, nie getroffen. Sie hatten zwanzig Tote. Es sind die ersten Toten, die mein Auge sah. Feierlich ernst ist der Eindruck – der der Vernichtung! Man könnte fast an der Unsterblichkeit zweifeln, sieht man sie so liegen, mit den gebrochenen Augen, wäre sie nicht so haarscharf von Maximus bewiesen. Wie könnte doch ein Teil der Weltseele sterben!

Jovian hat eine leichte Quetschung der Hüfte davongetragen. Es freut mich, ihn pflegen zu dürfen.

Merkwürdige Menschen, diese Germanen! Ich stelle sie im ganzen nicht viel über die tapfern und stolzen Ungetüme ihrer Wälder: Bär, Elch, Eber, Edelhirsch, Wisent. Aber zuweilen überraschen sie durch ein Feingefühl, das ich ihnen nicht zugetraut hätte. Dieser Berung da hängt an mir mit der Treue eines klugen, starken Hundes. Ich weiß, er läßt sich totschlagen für mich, blindlings! Ich meinte nun, er würde ebenso blindlings für mich alles totschlagen, was ich wünsche. Aber ich irrte. Als wir neulich zuerst aufbrachen gegen die Feinde, rief ich ihm scherzend zu: »Nun, den ersten Alemannenkopf liefert Berung ein. Er ist der Nächstberufene.«

Der Treue sah mich an mit vorwurfsvollem Blick; aber er schwieg vor den andern. Über eine Weile spornte er sein Rößlein an das meine und flüsterte: »Herr, lieber Herr, das war nur ein Scherz – ein recht grausamer dazu – von dir, das mit dem Alemannenkopf?« Und so ausdrucksvoll trafen mich die treuherzigen grauen Augen. Ich schämte mich sofort meiner Herzlosigkeit, doch verstellte ich mich noch und sprach: »Ei, warum? Seit Jahrhunderten kämpfen unter unsern Fahnen Germanen gegen Germanen und wahrlich nicht am schlechtesten. Warum soll's auf einmal anders sein?« Verlegen schwieg er eine Weile, denn mein Satz war unanfechtbar. Dann begann er leise, halb mit sich selbst redend. »Weiß nicht, weiß nicht woher, aber ich kann nicht. Sieh, in den langen Jahren, da ich in der Fremde unter Fremden diente – es ging mir nicht schlecht, ich hatte die Fülle von allem, des ich begehrte –, aber es verlangte mich oft in der Nacht, wenn ich einsam auf Wache stand in Asien oder in Afrika oder in Mailand, nach den Meinen; nach dem Klang unserer Sprache. Ich trug den Sternen da oben Neid, daß sie zu dieser Stund auf den stillen Neckarwald herabschauen durften, wo unter den uralten Eichen unser schlicht Gehöft von dunkelbraunem Holze liegt. Ich hätte meinen Monatssold gegeben, wieder einmal einem Mann meines Volkes in die Augen sehen zu dürfen. Und nun, da ich sie wiedersehe, nun soll ich ihr Blut vergießen? Nein! Mögen's andre tun. Ich tu's nicht mehr. Und immer mehrere von uns verspüren doch, daß wir zusammengehören, wir Alemannen. Schon mehrere haben sich ausbedungen, gegen jeden Feind Roms zu fechten, nur nicht gegen den eigenen Stamm. Soll ich vielleicht die Fackel werfen in meiner Sippe uralten Erbhof?

Soll ich die Söhne meines eignen Volkes schlagen und ermorden?

Gegen Franken und Sachsen wie gegen Perser und Mauren will ich für dich fechten, Herr, aber nicht gegen die Meinen, die Alemannen! Gern will ich auch gegen sie dein Leben decken, mit der eigenen Brust; gern will ich dir auch gegen sie folgen in die Schlacht, aber nur, dich zu schützen, nicht, das Blut der Meinen zu vergießen. Bitte, Herr!« Ich schüttelte ihm die Hand und nickte. Der Barbar fühlt feiner als ich. Weh uns, erstarkte dieses Gefühl in ihnen! Aber es hat keine Not! Und den Franken, den Sachsen streckt er ja noch frohgemut nieder. Er hat sein Wort gehalten, mich mit dem eigenen Leib zu decken. Ich sah es nicht, aber Jovian, wie er zwei Wurfspeere dicht vor meiner Brust auffing mit seinem Schilde. Keine Trutzwaffe trug er mit in den Kampf.

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