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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 33
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Neuntes Kapitel

Ich schreibe dies am Tage meiner Ankunft in Autun: Der wackern Stadt, die sich der Belagerer aus Kraft ihrer eignen Bürger erwehrt, hatte ich längst die Aufmunterung (die Ehre, wie die Schmeichler sagen würden, aber ich habe keine) meines Besuches zugedacht. Außer meinen dreihundertsechzig Gefährten – ich habe sie alle beritten gemacht – habe ich an Fußvolk nur eine schwache Legion Ballistarier. Denn ach! Wir führen Ballisten mit, Festen und Städte zu belagern, die vier Jahrhunderte hindurch römisch gewesen sind.

Mein Weg ging die Rhone aufwärts, auf unserer alten Legionenstraße, über Lyon, Mâcon, bis Châlons, dann über die Saône nach Autun, wo ich heute – am 23. Juni – eintraf.

Hier war vor den Toren der Feste – um mich besonders zu erfreuen – die ganze Geistlichkeit aufgestellt. Dahinter die Kurialen der Stadt, die Kollegien und dann erst die Gewaffneten. Ich sprang vom Pferd, schob den süß lächelnden Presbyter zur Seite, drang durch die Decurionen und rief: »Wo ist Marcus Cornelius, der Erretter, daß ich ihn umarme?« Tiefe Stille, sichtbare Verlegenheit. Man weicht vor meinem Blick zurück. Endlich tritt, mit glänzenden Ehrenscheiben die Rüstung bedeckt, an mich heran ein Kriegstribun (wie ich später erfuhr, der elende Befehlshaber, der sich und die Stadt hatte den Barbaren ergeben wollen) und hüstelte: »Jener freche Alte, meinst du, großer Cäsar, der gegen die kriegermäßige Unterordnung in seiner Oberen Zuständigkeit eingriff und – ohne meine Ermächtigung – gegen die Belagerer einen Ausfall machte? Der höchst heilige Presbyter dort hat ihn bei dem Augustus angezeigt, daß er den auf hohen Befehl geschlossenen Tempel des Mars wieder geöffnet, ein Opfer darin dargebracht, aus den Eingeweiden des Opfertieres den Sieg geweissagt und diesen Sieg – offenbar durch Hilfe der Dämonen – ohne jede Vollmacht frecherweise dann auch wirklich erfochten hat. In Ketten ward der Frevler abgeführt und vor den Imperator gestellt, der ihn zu lebenslänglicher Arbeit in den Bergwerken von Sardinien begnadigt hat.« O wie gern hätt ich dem Elenden die Reitgerte über das aufgeblasene Gesicht gezogen! Jovianus fiel mir in den schon erhobnen Arm. Ich entsetzte den Tribun und schickte ihn gefangen an Constantius unter der Anklage der Feigheit vor dem Feind.

Ein glücklich Zeichen traf mich (du wirst gleich sehen, wie fein das ausgedrückt ist, denn das Zeichen traf mich, nicht ich das Zeichen!), als ich einritt in die Stadt. Die Bewohner hatten das Südtor, mich ehrend zu begrüßen, mit allerlei Laubgewinden geschmückt. Gerade wie ich unter das Tor ritt, fiel der schönste Kranz – ein Lorbeerkranz – hinab und traf meinen Helm, mich schön umrahmend. Freudig riefen sie mir zu: »So von dem Himmel fällt dir der Sieg!« Ich hütete mich wohl, den Kranz zu entfernen. Denn frommer Sinn weiß: ja, unverdient von den Göttern geschenkt, fallen auf unser Haupt Glück und Ruhm!

 

Hier wird nun aber guter Rat teuer. Ich, angehender Feldherr, habe keine genauen Straßenkarten auftreiben können von Gallien, das heißt von dem nordöstlichen. Und die Landeskundigen streiten vor mir über den nächsten und zugleich sichersten Weg, der mich nach Norden zu den Barbaren führt. Ich soll entscheiden! Und ich weiß davon so wenig wie von den zehn verlornen Stämmen der Hebräer! Die einen wollen, wir sollen über Arbor ziehen, die andern, über Sedelaucus und Cora. Ich werd's überlegen.

 

Ich wandle gern unerkannt, nur von Jovian begleitet, durch die Straßen der Stadt oder meines Lagers. Das Sagum, der Kriegsmantel, mit der bis an die Augen gezogenen Kapuze, macht mich unkenntlich. Dann lausche ich im Schatten der Häuser oder der Zelte den Gesprächen der Leute an dem Wachtfeuer. Viel hör ich so, was ich als Cäsar nie erführe. Auch manche nicht schmeichelhafte Wahrheit. Die Eitelkeit könnte man sich dabei abgewöhnen, litte man an ihr (du lächelst – daher füg ich bei: »oder wäre diese Krankheit heilbar«; in mir wohl nicht!). Die Krieger lachen über mich; über mein häufiges Redenhalten, über mein mangelhaftes Reiten (wartet nur, ihr sollt nicht mehr lachen, reite ich euch allen voran, in die Keilhaufen der Alemannen), über meine lauten Selbstgespräche. Große Götter, ich bin doch ohne Zweifel der gebildetste Mensch meines Umgangs. Soll ich mich nicht gern mit mir selbst unterhalten – schon zur Erholung von den Predigten der Priester? Aber sie loben mich auch – um manches. (Es ist Selbstüberwindung, daß ich hiervon schweige!) Gestern abend nun hört ich einen unter dem Helm ergrauten Adlerträger am qualmenden Wachtfeuer sagen – sie sahen mich nicht hinter der Statue der Diana Epona:

»Bah, ich habe schon unter dem großen Constantin hier gefochten, ich kenne die Waldwege, der junge Cäsar kennt sie nicht. Die beiden großen Legionenstraßen sind – ganz gewiß – von den Alemannen gesperrt; sowohl die über Arbor, als die über Cora. Wir sind viel zu schwach, sie im Stirnangriff aus den Verhacken zu vertreiben, mit welchen sie diese Wege unterbunden haben werden. Das verstehen sie, die Racker. Haushohe Mauern von lauter gefällten Stämmen, mit Zapfen in Löchern verbunden. Dazwischen durch und von oben herunter sausen Pfeile und Wurflanzen! Ich stürme lieber eine persische Felsenburg! Also da kommen wir nicht durch. Aber vor kurzem hat Silvanus – ich diente unter dem Tapfern und rühme mich dessen – den Weg durch die Wälder zur Linken von hier nach Auxerre mit acht Kohorten zurückgelegt. Der Pfad ist viel kürzer, viel! Freilich ist man verloren, gerät man in den Waldsumpf. Aber Silvanus der Franke sprach: ›Ich wag's. Mir weist die Wege der wegwaltende Wodan.‹ Und wirklich drang er mit uns durch, überraschte die Feinde und siegte! Aber was der kriegserprobte Franke wagen durfte unter seinem alten Siegesgott, das wagt – der Gott des Kreuzes ist kein Gott des Schwertes – der junge Cäsar nicht.« »Du irrst«, rief ich und trat hervor. »Ich wage es. Denn auch mich führt hoch in den Sternen ein Gott des Siegs. Und du, Aquilifer, sollst mich auf Erden führen.« Ich ergriff den Erstaunten, nahm ihn mit in meine Wohnung auf dem kleinen Kapitol der Stadt (es ist doch herrlich, daß wir in unsern guten Tagen in jeder Barbarenstadt das Kapitol von Rom wiederholt haben), ließ mir die Richtung des Wegs genau erklären, und morgen mit Sonnenaufgang geht es in die Wälder. Ob wohl Germanen darin schweifen? O schicke sie mir bald, unbesiegter Sonnengott!

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