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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 32
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Achtes Kapitel

Wie leicht wäre es, wie verlockend leicht für einen Freund der Götter, die junge Herrschaft der Kirche wieder zu stürzen, die ja fast nur aus allerlei äußeren Gründen von Constantin vorbereitet, von seinen Söhnen rasch emporgezimmert ist! Die ehrlich Überzeugten – gewiß gibt es deren viele – wiegen nicht schwer, denn es sind meist ungebildete Leute.

Es wäre gar nicht notwendig, mit Gewaltmitteln vorzugehen, was ich verabscheue. Nein! Es würde schon genügen, die zahllosen Spaltungen geschickt zu benutzen, die innerhalb des neuen Glaubens ausgebrochen sind. Auf das grimmigste befehden sich die frommen Leutchen untereinander als »Häretiker«, als Schismatiker und verfluchen sich gegenseitig um die Wette als vom Satan und den Dämonen Besessene.

Ich bin nun selbst in diesen Streit hineingezogen – ich! Du kannst dir denken, mit welcher Wollust des verhaltenen Hohnes ich mir alle die Haarspaltereien der Lehren vortragen lasse, von denen die ewige Seligkeit abhängt, und wie ich bald mehr der einen, bald der andern Richtung zuzuneigen mich anstelle.

In Mailand schon ward ich hineingezwungen in diese Dinge; aus Pflicht der Dankbarkeit. Der Imperator, lange schwankend, ist nun entschieden auf die Seite der arianischen Lehre getreten, die sich von der rechtgläubigen buchstäblich nur durch »ein Jota« unterscheidet; an diesem Buchstaben hängt wieder einmal für uns alle das ewige Heil. Die Arianer lehren, Christus ist nur wesensähnlich Gott dem Vater – homoi-ousios, die Katholischen: Er ist ihm wesenseins – homo-ousios. Darüber ist nun ein Kampf entbrannt, der in allen drei Erdteilen mit allen Mitteln (auch mit Mord, so heißt es) geführt wird. Im Morgenland soll ein ausgezeichneter Mann, ein hervorragender Vorkämpfer der Katholischen, Athanasius, hart verfolgt werden unter Zulassung, ja auf Befehl des Augustus. Ich möchte wohl mehr von diesem Athanasius erfahren. Was man mir von ihm – schon zu Mailand und Turin – erzählt, reizt mich. Ich möchte mich mit diesem Geist und Mannesmut im Kampfe messen.

Hei, wär ich nur Imperator! (Neulich hab ich's mit Unrecht von mir weggewünscht.) Nur deshalb möcht ich's sein. Ich wollte ihn schon bezwingen, diesen Athanasius, den sie den dreizehnten Apostel nennen und einen zweiten Paulus, den gewaltigsten Geisteshelden, der bisher dem Galiläer erstanden. Nicht mit roher Gewalt, wie Constantius und seine arianischen Bischöfe – nein, nur mit den Waffen der Gedanken möcht ich ihn überwinden – ihn und alle katholischen Lehrer wie seine häretischen Widersacher. In Mailand war mein alter Beschützer Johannes bei dem Augustus schwer verklagt, er habe kühnlich für Athanasius gesprochen und den Mahnungen des arianischen Bischofs zu Alexandria, des Verdrängers des Athanasius, getrotzt. Constantius wollte den mutigen Mönch in irgendeinem Kloster verschwinden lassen. Ich erfuhr es durch unsern gemeinsamen Freund Philippus, und meine und der Augusta Fürbitte retteten den tapfern Schwärmer (wie unrecht tust du ihm!) noch einmal. Doch war er von uns allen dreien nicht zu dem Versprechen zu bewegen, künftig zu schweigen. Ganz heldenhaft sprach der schwächliche Alte: »Ich werde nie schweigen, wenn es gilt, Zeugnis abzulegen für Christus den Herrn.« So was gefällt mir! Aber recht eigensinnig ist er doch schon, Freund Johannes. Hier nun in Vienne, wo man wirklich lieber an Alemannen und Franken denken sollte als an Arianer, Ebioniten und Sabellianer (das sind andre christliche Sekten), hier bestürmen mich die Bischöfe und Priester der streitenden Bekenntnisse, ich möge doch die reine Lehre schützen. Und das heißt jedesmal, die Andersgläubigen verfolgen. »Denn«, sprach der katholische Bischof von Arles zu mir, »die wahre Religion darf und kann nicht eine falsche neben sich dulden.«

Ein scheußlicher Satz. Er riecht nach Blut. Mir graute. Zum Glücke fiel mir der schöne Spruch eines ihrer Besten ein, des Tertullian, der lautet: »Die Religion darf nicht aufgezwungen, freiwillig muß sie angenommen werden.« Aber das strenge Haupt schüttelnd erwiderte der Bischof: »Die Irrgläubigen müssen von Staats wegen bestraft werden, daß entweder sie selbst gebessert oder doch andre abgeschreckt werden durch dies Beispiel.«

»Abgeschreckt vielleicht von der Wahrheit hinweg«, wagte ich zu erwidern. »Und wer sagt, was Wahrheit, was Irrtum?« – »Die Kirche.« – »Es gibt viele nebeneinander; welches ist die rechte?« – »Es gibt nur eine!« – »Welche?« – »Natürlich die meine.«

Heiliger Aristoteles! Welche Logik! Das beste ist, während ich den Auseinandersetzungen zuhöre, ob der Heilige Geist nur vom Vater ausgehe oder auch vom Sohne, und ob die »Perichoresis«, die »circum in cessio«, das heißt, die alle drei Personen der Dreieinigkeit durchdringende Geisteseinheit nur die Eigenschaften oder auch das Wesen der drei göttlichen Personen umfasse, und bald dem einen, bald dem andern Recht gebend zunicke, habe ich Zeit zu überlegen, wie wohl die Stelle in Plotin über den ersten Ursprung aller Dinge (II. 3) richtig auszulegen oder ob der neue Sturmbock, den ich erfunden habe, nicht zu schwer beweglich, oder ob mein Quästor Florentius nur ein Dummkopf oder ein Schurke, endlich, ob die sehnlich erwartete Getreidezufuhr aus Britannien für meine Festen noch immer nicht unterwegs ist? Freilich begegnete mir gestern, weil ich nicht genug achtgegeben, daß ich die Lehre der Semi-Arianer billigte, die ich vorgestern verworfen hatte.

 

Eben geht mir ein Gesetz des Imperators zu, das kurz und deutlich befiehlt: Alle Tempel allerorten sind sofort zu verschließen und sorgfältig zu bewahren, daß niemand Eintritt finde; jedes den Göttern dargebrachte Opfer ist mit Todesstrafe und Vermögenseinziehung bedroht. Und in Rom ist bereits eine solche Hinrichtung vollstreckt worden. Freilich hatte der Opferer in den Eingeweiden des Tieres die Zukunft des Reiches erforschen wollen. Das ist Hochverrat! Ja die gleiche Strafe – der Tod! – bedroht ausdrücklich jeden Statthalter einer Provinz, der jene Taten ungeahndet läßt. Und ich muß das verkünden! Aber die Furcht des Tyrannen vor den Göttern, die er leugnet, verrät sich darin, daß er ihnen das Reden verbietet. Allen Orakeln ist Schweigen auferlegt, und niemand darf sie mehr befragen.

 

Wochen und Monate sind verstrichen, seit ich diese letzten Zeilen schrieb.

Der Winter, das Frühjahr verging mir in unablässiger Arbeit »um die Trümmer der Provinz zu sammeln« (wie ich neulich [ich glaube nicht übel] meinem neuen Freund Ammianus Marcellinus schrieb [du begreifst: Ein Cäsar muß sich gutstellen mit einem Manne, der die Geschichte der Gegenwart schreibt. Aber dieser Grieche ist ehrlich bis zur Grobheit. Er wird mich nie zuviel, eher zuwenig loben, gerade, weil er mich ein wenig liebt. Das merke ich denn doch]), die Beamten für Krieg und Frieden prüfen, schlechte durch gute ersetzen, die Steuerlast mildern, unter der die Provinzialen wie überbürdete Lasttiere erliegen (sie flüchten aus unsern Städten zu den Barbaren, sie fürchten weniger Chnodomar als den römischen Steuerboten), die ganze, ins Stocken geratene Verwaltung wieder in Bewegung setzen, zugleich Nachricht von den Feinden und ihren Absichten erkunden, die schwachen Besatzungen der bedrohten Städte verstärken, die überall verzettelten, ach oft durch die Flucht verschlagenen Truppenteile zusammenziehen, ermutigen, mit Römergeist wieder erfüllen, Waffen, Vorräte beischaffen, einen neuen Feldzugsplan entwerfen – all das nahm diese Monate in Anspruch.

Endlich war ich fertig. Das heißt vielmehr, wie der nüchterne und wahrhaftige Jovian trocken bemerkte: »Du hältst es nicht mehr aus, seitdem die Wege wieder gangbar und die Barbaren auf diesen Wegen sind. Fertig! Du bist es so wenig wie vor sechs Monaten, wenn man darunter versteht: dem Feind gewachsen, ausreichend gerüstet. Aber gleichviel: fertig in solchem Sinne wirst du nie, solange des Imperators Geiz und Mißtrauen dir alle Unterstützung von außerhalb Galliens verweigert. Du sollst das halbverlorene Gallien mit Galliens Mitteln allein wiedergewinnen. Also drauflos! Es ist gleichgültig, wann man das Unmögliche beginnt.« Er hat recht, wie immer. Er ist der gesunde Menschenverstand, und ich? Vielleicht Höheres – aber verständig gewiß nicht. Wohl, die Götter helfen edler Torheit gern.

So nahm ich denn schmerzlich Abschied von meiner holden Helena! Sie muß in dem sichern Vienne zurückbleiben. Denn mein Helmbusch verschwindet jetzt unter einem Gewölk von Gefahren jeder Art. Ich weiß nicht, ob und wann und wo er noch mal auftaucht. Bange beschleicht mir oft das Herz die Ahnung, ich sehe die »Holdanlächelnde« – denn sie lächelt so oft und so lieblich! – niemals wieder. Ach, auch sie geht ja einer schweren Stunde entgegen. Mit welcher Seligkeit erwarte ich ihr Kind! Noch ungeboren hab ich es schon dem höchsten Gott geweiht, der es mir gab! »Heliodoros« oder »Heliodora« – wird es heißen. (Oh, ich fürchte, die Heiterkeit, die Helena in mein kämpfedunkles Leben wirft, wird das einzige Helle darin bleiben.) Sie zeigte der Imperatrix ihre holde Hoffnung an. Constantius schickte einen seiner eignen Ärzte, leider nicht Philippus! Aber ich lasse auch den bewährten Oribasius bei ihr. Und so nahm ich schmerzlich Abschied von Helena und von Vienne. In einer Stunde breche ich auf. Es geht gegen die Barbaren! Endlich! Welche Wonne!

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