Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 30
Quellenangabe
pfad/dahn/julian/julian.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
year1977
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120163
projectid159a9d02
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Richte ich aber – durch der Götter unverdiente Gnade – etwas aus, so wird es erst recht sicher mein Verderben. Die Spuren schrecken.

Da war mein Vorgänger in Gallien, Silvanus, trotz seines römischen Namens ein Franke, der sich bis zum Befehlshaber unsres Fußvolks emporgeschwungen. Er verteidigte erfolgreich den Niederrhein gegen seine eigenen Landsleute, treu, tapfer, klug. Aber seine Neider am Hofe, Eusebius und die andern Eunuchen, ertrugen nicht seine Tüchtigkeit und seine Erfolge. Sie fälschten Briefe von Silvanus – nur die Unterschrift war echt. Den hochverräterischen Inhalt hatten sie auf die leeren Blätter geschrieben. Sein Untergang ward am Hof beschlossen. Er erfuhr es. Nun, da er seine Verurteilung – ohne Gehör – vernahm, wollte er zunächst entfliehen; aber er sah sich rings umgarnt, die Wege bewacht. Jetzt erst ließ sich der treue Mann, der nie gestrauchelt war, nur um sein Leben zu retten, zu der Tat fortreißen, an die er nie gedacht: zur Empörung! Fünf Tage vorher hatte er noch gehorsam den Sold an die Truppen bezahlt und sie aufs neue für Constantius vereidigt. Jetzt erst, aus Verzweiflung, griff der Arme nach dem Diadem; denn ein Mann, der bei Constantius auch nur einmal verdächtigt worden, ist ja verloren. Nur der Purpur konnte ihn retten. Seine Legionen riefen ihn in dem damals noch römischen Köln zum Imperator aus; er duldete es! Tief verwerfe ich das, mit Abscheu! Nie, nie werde ich, nur um mein Leben zu schützen, die Treue brechen! Erst Rom, dann alles andre. Was gilt ein Julian – aber freilich auch, was gilt ein Constantius – gegen Rom!

Ich verurteile ihn also aufs schärfste; aber ich beklage ihn doch. In Ermangelung eines Purpurmantels wurden die Purpurwinkel und Fahnentücher von den Drachen der Reitergeschwader, den Standarten und Vexilla herabgerissen, zusammengenäht und ihm über die Schultern geworfen. Wie barbarisch, wie unrömisch! Wie bezeichnend für diese ganze unrömische Hast und Not! Unheilvoller Drachenpurpur, nicht erretten, verderben solltest du den Armen! Mit derselben Tücke, mit welcher der Augustus vor kurzem meinen unseligen Bruder umgarnt und vernichtet hat, entsandte er, zuerst Unkenntnis des Geschehenen, dann Vergebung heuchelnd, an Silvanus einen Vertrauten, der die Tücke so weit trieb, sich selbst scheinbar der Empörung anzuschließen, bis er nach achtundzwanzig Tagen einen Haufen sarmatischer Söldner bestochen hatte, vor Sonnenaufgang in den Palast zu Köln zu dringen, die fränkischen Gefolgen des Silvanus niederzuhauen und diesen selbst in einer Galiläerkapelle, wo er die allen Galiläern heilige Zuflucht gewonnen hatte, mit vielen Streichen zu ermorden. Auf die Beschwerde des Priesters erwiderte der fromme Imperator: Erstens seien jene Söldner nicht getauft und zweitens sei die Kapelle vorher entweiht, also nicht mehr Zufluchtsort gewesen, da einmal ketzerischer Gottesdienst der Sabellianer darin gehalten worden sei. O Lysias, was alles muß der große reine Helios schauen! Nie, niemals, nie würde ich den Frevel des Eidbruchs – selbst gegen einen Constantius – auf meine reine Seele laden, auch wenn es das einzige Mittel wäre, mein Leben zu retten. Lieber dreimal sterben!

Aber die Tücke des Augustus und seines Werkzeugs ist doch noch ärger als die Verzweiflungstat des Germanen. Und das Allerschlimmste ist: Jene Falschheit findet Billigung auch bei Männern, die ich zu unsern besten zählen muß, so tief ist Manneswackerheit bei uns gesunken!

Da ist ein tüchtiger Grieche aus Antiochia, Ammianus Marcellinus. Ich lernte ihn nahe kennen zu Athen und zu Byzanz; er ist ein trefflicher Kriegstribun, schreibt aber in seinen Mußestunden an einer Geschichte nicht bloß der Vergangenheit Roms, auch unserer Tage; ein beklagenswerter Schriftsteller! Der Mann gefällt mir durchaus, ist kein Schmeichler – (derb hielt er mir, fast wie du, meine Eitelkeit vor); der erzählt mir zu Turin haarklein jene Ränke des Imperators, jene Verstellung des vertrauten Sendlings – (Ursicinus heißt er und ist auch ein tüchtiger Kriegsmann) – und nicht ein Wort der Mißbilligung fügt er bei! Nicht aus Feigheit oder Klugheit; er schalt sehr offen vor mir über den Augustus; nein, offenbar, weil er verlernt hat, schlechte Mittel zu verwerfen, wenn sie nur fruchten. Und er dient gerade unter Ursicinus weiter. Und das ist der Besten einer! O wehe dem, der gezwungen ist, über solche Römer und Griechen zu herrschen! Dank allen Göttern, daß ich nicht ein Sohn des großen Constantinus bin und nie dazu verdammt sein kann, Imperator dieses gesunkenen Römerreichs zu heißen!

In der Verwirrung, die nach der Ermordung des Silvanus unter unsern Truppen zu Köln einriß, gelang es den Germanen, diese Hauptfeste zu bezwingen. Früher gab der Germanen Zwietracht uns den Sieg; soll sich das umkehren? Haben die Germanen von den Römern gelernt? Verhüte es Zeus, der Erretter, und die städtebeschirmende Pallas!

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.