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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 29
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Fünftes Kapitel

Und wie sieht es aus in diesem Gallien, das ich den Barbaren wieder abnehmen soll? Ach, Helios möchte schaudernd sein Auge abwenden von dem Elend in dem Lande! Und wer hat dies Elend verschuldet? Zum größten Teile Constantius. Er hat in seiner Wut und Hast, vor allem seine persönlichen Gegner niederzuwerfen, er selbst – der Imperator – hat, um Decentius, den Bruder des Anmaßers Magnentius, zu vernichten, Könige und abenteuerische Gefolgsherren der Alemannen und der Franken in das Land gerufen. Er hat ihnen noch obendrein Geld bezahlt und andre Geschenke gespendet dafür, auf daß sie, ihrem eignen Herzenswunsch folgend, den Rhein überschritten, ja, er hat ihnen sogar (sagt man) urkundlich das Recht eingeräumt, alles Land in Gallien, das sie besetzen könnten, für immer zu behalten, wenn sie nur Decentius beseitigt hätten. Auf diese Urkunde beruft sich, hör ich, der wildeste dieser Könige, der ungestüme Chnodomar. Aber daran kann ich doch nicht glauben! Alsbald behandelten die Barbaren, nachdem des Constantius Anhänger sie selbst über den Rhein geführt, alle Römer ohne Unterschied, auch die zu Constantius hielten, als Feinde. Und unaufhaltsam, wie die See nach durchbrochenem Deich, ergossen sich diese Germanen weithin über alles Land. Fünfundvierzig starke Festen – nicht vier oder fünf, wie man mir vorgetäuscht hatte – deren wehrhafte Mauern zugleich blühende Städte umschlossen, sind von ihnen erobert und, sofern römische Steinhäuser zu verbrennen sind, niedergebrannt. Von Rhein, Maas und Mosel landeinwärts haben sie über siebzehn Stunden weit das Land besetzt und mehr als dreimal so viel – vierundfünfzig – Stunden weit erstrecken sich ihre Streifzüge über das schutzlose Land! Die reichen Grundherren zuerst flohen von ihren Villen in die festen Städte, bald folgten Colonen und Sklaven mit dem noch geretteten Vieh. Schon zwei Jahre lang vermag die in den engen Stadtfestungen zusammengedrängte Bevölkerung nur noch von jenem Getreide zu leben, das sie innerhalb der Wälle baut auf den Stätten niedergerissener Häuser. Die spärlichen Besatzungen aber, seit Jahren ohne Sold, ohne Vorräte, ohne Erneuerung von Waffen und Ausrüstung, weigern ihren Befehlshabern offen den Gehorsam, wollen diese sie vors Tor hinausführen gegen die Barbaren, bei deren Nähe, ja bei deren Namen schon sie zittern. Und all das soll ich bessern – ich Flavius Claudius Julianus – unter den Götterfreunden zwar der erste, unter den Philosophen und Dialektikern nicht der letzte, aber unter den Feldherren und Staatsmännern der unauffindlichste (ist hübsch, »unauffindlichste«, nicht?).

 

Hier unterbrach mich der treue Jovian. Allzulange schon, meint er, mühe ich mit Schreiben. Aber die Mühe ist süß. Ich diktiere meinem holden Weibe, das unsere Geheimschrift rasch erlernt hat, ein Stück dieser Briefe, während ich ein andres selbst schreibe. Ist es Eitelkeit, daß ich selbst das mitteile? Wahrscheinlich. Ach, der wirkliche Cäsar beschäftigte lesend und schreibend drei Schreiber zugleich! Ob ich es wohl auch hierin noch ihm gleichtun werde wie in der befohlnen Eroberung des Rheins? Ich habe Jovian zu meinem Präfectus Prätorio für Gallien ernannt. Freilich müssen wir's erst haben. Er rief mich ab in den Hof des Palatiums zu Vienne, in dessen Lesegemach ich dies schreibe. Er behauptet, in den andern Leibesübungen, zu denen er mich, den oft Widerstrebenden, schon in Athen herangezogen, gehe es so leidlich; aber meine Beine seien noch allzu ungelenk im Springen! (Allerdings ist meine Zunge viel gelenker im Reden.) Und so zwingt er denn seinen Herrn und Cäsar täglich, mit der Sprungstange weiter und weiter zu hüpfen. Im Schloßhof liegt weicher Schnee (es ist Januar); das ist ein Glück. Denn eben fiel ich sausend auf meine sehr uncäsarische spitze Nase. O Plato, Plato, welche Beschäftigung für einen Philosophen!

 

Aber zurück zu Gallien und meinen unlösbaren Aufgaben.

Schon auf dem Wege hierher, in der Tat am ersten Tag nach meinem Aufbruch von Pavia, zu Turin – am zweiten Dezember – erfuhr ich durch eilende Boten, welche die verzagenden Städte Galliens Hilfe heischend an den Hof gesandt, daß auch Köln, das alte stolze Hauptbollwerk unserer Macht am Rhein, gefallen war! Ein wahrer Donnerschlag von einer Nachricht! Mein Herr, der Imperator, hatte das, wie sich nun ergab, genau gewußt. Allein er hatte es nicht für nötig erachtet, mir diese Kleinigkeit mitzuteilen; wahrscheinlich aus gütiger mitleidiger Schonung. Ja, er trieb die – (wie soll ich sagen?) – christliche Selbstverleugnung so weit, daß er mich ganz ruhig anhörte, als ich ihm auseinandersetzte, unerachtet des Verlustes so vieler fester Plätze an die Barbaren sei ich entschlossen, den Auftrag der Befreiung Galliens anzunehmen, da ja Köln noch unser sei. Und er lächelte beifällig, als ich ihm tags darauf nun meinen Feldzugsplan entwickelte. (Ja, meinen; allein, ohne Jovian, hatte ich ihn entworfen. Jovian hat ihn nachträglich voll gebilligt. ›Es ist wieder Eitelkeit‹, denkst du jetzt, o Lysias, ›daß er mir beides schreibt!‹) – Der stützte sich ganz auf jene Feste; von dort aus konnte ich zugleich die Franken im Norden und die Alemannen im Süden beobachten, bedrohen, ihre etwa geplante Vereinigung auseinanderhalten, sie vereinzelt angreifen und schlagen. Die Art seines Lächelns hierbei fiel mir zwar ein wenig auf; es war so listig überlegen; aber errötend sagte ich mir, der soviel Reifere mache sich ein wenig lustig über die junge Feldherrnschaft seines Cäsars. Jetzt freilich weiß ich, was das imperatorische Lächeln bedeutet: Es verlachte die Leichtgläubigkeit des Harmlosen, der an Worte glaubt, die er am Hofe hört.

Mein Augustus wußte genau, daß Alemannen und Franken sich vereint hatten, daß Chnodomar, ein König der Alemannen, und ein batavischer Königssohn, miteinander Köln belagert, erstürmt und halb verbrannt hatten, zur Strafe dafür, daß die doch germanische – ubische – Bevölkerung neben der römischen Besatzung auf den Wällen gegen die Stammgenossen gefochten hatte. Der Führer der römisch Gesinnten, Spurius Romanus, fiel in dem erbrochnen Tor, durch das Schwert des Alemannen.

Der Verlust Kölns war der Zusammensturz all meiner Pläne, fast auch meiner Hoffnungen. In dem ersten Schmerz – (und vielleicht auch Zorn!) – wollte ich meinem klugen Herrn den Feldherrnauftrag und die Cäsarenschaft vor die Füße werfen. Hatte ich doch nichts dadurch erreicht, als den sichern Untergang in einem Unternehmen, das – jetzt – von jedem Verständigen mir als Tat der Eitelkeit, der Torheit angerechnet werden muß.

Zwar sagte ich mir, daß ich rühmlicher durch den Speer der Germanen falle als – wie Gallus – vom Henker erdrosselt. Und in dem Abschiedsblicke meines Herrn lag so was wie der Gedanke: ›Der muß mir Gallien schaffen, oder ich schicke ihn zu Gallus in den Hades!‹

O Lysias! Wenn du einen leibschwachen, ungeübten Jüngling, der in gebundener Zurückgezogenheit bisher sein Haus nicht verlassen, plötzlich auf den Kampfplatz der Olympischen Spiele stellst, ihm zurufend: »Nun zeige dich in allen Wettkämpfen dem versammelten Volke, vor allem deinen Landsleuten, für welche du wettstreiten sollst, zugleich aber auch den Barbaren, die du in Schreck und Furcht vor dir versetzen sollst«; würdest du dessen Seele nicht völlig niederschlagen und vor dem Kampf kampfunfähig machen? Dies war meine Lage. Aber eine große Seele verzagt nicht und beugt sich nicht; und nicht klein gab mir Helios die Seele!

Ich widerstrebte bald dem Verzweifeln. Und auch Jovianus kam zu Hilfe. »Ich bin kein Philosoph«, sprach der in seiner schlichten, nüchternen Weise, »und kein Sterndeuter und kein Schwärmer für deinen Homeros; ich bin durchaus prosaisch und hausbacken.« (Helios weiß, daß Jovian nie lügt, also auch nicht in diesen Worten!) »Aber aus deinem Homer hab ich mir einen Spruch gemerkt: »Ein Wahrzeichen nur gilt: Für die Heimat kämpfen und sterben.« Du mußt nach Gallien gehen. Wahrscheinlich bist du dann verloren. Aber gehst du nicht, ist Gallien gewiß verloren. Rom ruft. Du mußt. Ich sah es ein, zerriß den heftigen Brief, den ich an den Augustus geschrieben (schade darum, er war ein kleines Meisterstück mehr noch des Zornes als des Stils), und setzte die Reise fort nach Gallien und – in den Untergang.

Denn was soll ich, der ich die vierundzwanzig Jahre meines Lebens fast nur in Klöstern, Schulen, Büchereien zugebracht, in Theologie, Mystik, Philosophie, Rhetorik, Dialektik, der ich nie das geringste Amt bekleidet, nie eine Zehntelkohorte befehligt, erst seit einem Jahre fechten und reiten gelernt und allerdings viel Kriegsgeschichte und Kriegskunst getrieben habe – in Büchern –, was soll ich ausrichten als Feldherr und als Staatsmann? Es ist, als sagt man einem Mann: »Spring in diese verdeckte Grube, dann sollst du Cäsar heißen.« In der Grube aber harren des Waffenlosen ungezählte Bären. Und man wußte recht wohl, in welche Grube man mich springen hieß.

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