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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 21
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Zwanzigstes Kapitel

Die Freundinnen wurden nun aufgestört durch nahende Schritte.

Alsbald traten in die Grotte Hand in Hand Philippus und Johannes, der Büßermönch. Nach ehrfurchtsvoller Begrüßung der Frauen begann der Arzt: »Du hast mir befohlen, Augusta, dir alles zu berichten, was ich über das Eintreffen unseres Schützlings erfahren kann. Er ist nun in Bälde zu erwarten. Ein Eilbote, vorausgesandt von Julians bisherigem Wächter, meldete soeben deinem Gemahl, daß der Gefangene, als solcher gilt er noch immer, vor Sonnenuntergang eintreffen wird. Es ist Befehl gegeben, ihn sofort in das Palatium und vor den Imperator zu führen. Gestern noch sollte er dort ...«, er stockte mit einem fragenden Seitenblick auf Helena. »Ohne Sorge«, ermutigte die Frau mit ihrem herzgewinnenden Lächeln. »Die Freundin ist eingeweiht. Sie ist auch seine Freundin. Willkommen, frommer Vater. Was führt dich her?« fragte sie, zu Johannes gewendet. – »Wie schon oft, die Sorge um ihn, um Julian, hohe Herrin. Ich erfuhr zu Rom, wo ich einige Wochen des Büßens, abgeschlossen von der Welt, am Grabe der Apostelfürsten gebetet hatte, von dem Untergang des unseligen Gallus. Ich ahnte, daß dieser Schlag auch den Bruder treffen werde, und ich eilte hierher zu dem altbewährten Rater und Retter, zu Philippus, dem besten Freund des unglücklichen Hauses des Julius.« »Nach dir, o Johannes!« entgegnete dieser. »Ganz verzweifelt pochte der Gute vor einer Stunde an meine Tür. Nun, ich konnte ihn trösten.« Und er klopfte ihm freundlich die Schulter.

»Dank, Dank euch beiden!« sprach Helena, jedem der Männer eine Hand hinreichend. Die Imperatrix erhob sich. »Laßt uns nun ein wenig wandeln; dort unter den schönen Zypressen. Es ist wohl noch manches zu bereden.« Sie winkte den Arzt näher an sich heran und schritt mit ihm den beiden andern voran. »O Philippus!« sprach sie leise, »mein Herz ist schwer und traurig. Wohl haben die Sterne und du ihn vor dem nahen schimpflichen Tode gerettet. Allein wehe um ihn, wenn deine Weissagung sich erfüllt! Zwar hat sie – ich merkte es wohl – sie allein meinen Gemahl umgestimmt. Aber ach, schicken wir ihn nach Gallien, so schicken wir ihn ja, wie du voraussiehst, in frühen Tod.«

»Ja, Herrin«, seufzte Philippus. »Es ist so, es wird so sein. Aber sieh, nach meiner Meinung von der Welt und von dem Wert des Lebens ist diese Entschließung doch das größere Glück für ihn. Nicht nur, weil sie allein ihn dem Henker entriß, auch über die Gefahr des heutigen Tages hinaus. Ein junger Römer, ein Sproß des Herrscherhauses, edel von Sinnesart, schwungvollen Geistes, wie alle berichten, wird er nicht frühen Tod willkommen heißen? Den Heldentod, nachdem er das Römerreich aus schwerer Gefahr gerettet, eine verlorene, eine unentbehrliche Provinz zurückgewonnen, unsterblichen Heldenruhm errungen hat? O Augusta, ich glaube, auch du denkst so und hoffentlich – nein gewiß –, auch er. Wen die Götter lieben, dem senden sie das Glück, in der Schöne der Jugend zu sterben. Als Jüngling stirbt Achilleus, als Jüngling Alexandros. Gönnen wir unserem Schützling das schöne Los. Schönheit, ach Schönheit!« Er blieb stehen und blickte in Begeisterung zu der Frau neben ihm empor. »O Eusebia, du, von den Wogen der Schönheit umflutet, du weißt es nicht, wie schmerzlich sie der Häßliche entbehrt.« »Nun«, lächelte die, »wenn das dir ein Stachel ist, diesen kann ich dir aus der wunden Seele ziehen. Es ist ja wahr, deine Gestalt ist ...« – »Verkrüppelt.« – »Aber, wenn du es denn gerne hörst, du eitler Sternweiser; dein Antlitz ist sehr schön. Ich freue mich an deinem Auge, das selbst einem Sterne gleicht, an deinen edlen Zügen, sooft ich sie betrachte.«

»Du bist mitleidig, Eusebia«, seufzte der Höckerige. »Aber auch dein Mitleid tut wohl. Jetzt, jetzt sind viele Jahrzehnte drüber hingegangen. Ich habe längst entsagt. Aber wie furchtbar litt ich einst unter dieser meiner Entstellung! Denn auch ich war einmal jung, Eusebia, und heiß schlug das Herz in dem verkrüppelten Leibe. Und nun sich sagen müssen: Hätte nicht die Amme dich als Kind auf die Erde stürzen lassen, du könntest, an Geist und Kraft fehlt es dir nicht, mit allen Nebenbuhlern und allen Mitbewerbern kühnlich in die Schranken treten und ringen um ... um den höchsten Preis. So aber, ein elender Krüppel, mußt du zur Seite stehen und zuschauen, hoffnungslos, wie andre Jünglinge das schönste, edelste Geschöpf umwerben. Oh, es war zum Verzweifeln!« Er blieb stehen und atmete schwer. »Armer Freund«, sprach die Frau und legte leise die Hand auf sein graues Haar. »Und wer, wer war das Weib, für das du bis heute solche Wärme des Gefühls bewahrt hast? Lebt es noch?« »Ach, ich weiß es ja nicht«, klagte der Traurige. »So vieles verraten mir die Sterne; aber von ihr schweigen sie mir, wie die Menschen. Sie ist verschwunden, spurlos! Seit achtzehn Jahren! Denn wisse nun, edle Frau – ja du sollst es wissen, du sollst erkennen, daß meine Liebe, meine Sorge für Julian nur der Selbstsucht entsprossen ist – Julianus ist der Sohn meiner heißgeliebten Irene Basilina.«

»Armer Freund! Aber wie, wie ist all das gekommen, wie hat es geendet? Wie griff das in dein Leben ein?« – »In meines und das von andern. Siehst du ihn da, in diesem Gang neben uns, mit Helena wandeln, den Mönch, den Einsiedler, den Büßer Johannes? Auch daß er das Mönchsgewand trägt mit dem Stachelgürtel des Büßers; auch das haben die Sterne durch Irene gefügt.« – »Was werde ich hören?« – »Vor mehr als dreißig Jahren lebten in Rom zwei Brüder aus dem vornehmen Hause der Manlier, Marcus und Cajus. Die Jünglinge waren mir, dem etwa Gleichaltrigen, nahe befreundet, und nahe befreundet auch waren unsere beiden Geschlechter den edlen Fulviern. Die Tochter dieses Hauses war die schöne, die unvergleichliche Irene Basilina; ach ihre Augen! Ihresgleichen gab es nie auf Erden, den Augen der Gazelle vergleichbar in ihrem sanften feuchten Glanz! Wir alle, auch ich, der hoffnungslose Krüppel, wie meine beiden Freunde, ach, wie alle Jünglinge Roms, waren von Liebe ergriffen zu der Wunderbaren. Sie aber hielt alle in gleicher kühler Ferne. Keinen zeichnete sie aus vor den andern.

Eines Abends hatten die Manlier mich und einige andere zu sich gebeten zum Schmause. Auf den Befehl des Marcus, des ungestümen, heißblütigen jüngern Bruders, trugen die Sklaven die Schüsseln auf, obwohl Cajus noch fehlte. Schon hatte der feurige Wein von Sizilien mehrfach gekreist; ungeduldig schalt Marcus auf den Bruder, der noch immer fehlte; argwöhnisch erzählte er, Fulvius, der Vater, habe Cajus – allein, nicht auch ihn – auf mehrere Tage in seine Villa bei Tibur zu Gast geladen, als der Vermißte eintrat, strahlender Miene; er hielt eine goldene Spange in der Hand und rief frohlockend: ›Wünschet mir Glück, Bruder und Freunde! Denket nur: In diesen Tagen, vor meinem Abschied von den Fulviern, trug ich der Herrlichen die Ode vor, die ich auf die Reize der schönen Villa, dies liebliche Gebäude des Anio gedichtet. Die Strophen gefielen der Jungfrau so sehr, daß sie, ihre Mutter um Erlaubnis bittend, diese Spange von ihrem Mantel löste und mir schenkte. Wer ward je so von ihr ausgezeichnet? Ich bin der glücklichste der Menschen.‹

›Aber nicht mehr lang!‹ schrie rasend vor Eifersucht sein Bruder, riß mit Riesenkraft die zentnerschwere bronzene Amphora vom Boden auf, hob sie mit beiden Händen in die Höhe und sprang damit auf den Bruder los, ihm den Schädel zu zerschmettern.«

»Entsetzlich!« – »Der, in seiner Todesangst, raffte vom Seitentisch das spitze lange Messer, mit dem die Sklaven den Braten zerlegt hatten, hielt es zur Abwehr gerade vor sich hin. Blindlings rannte der Wütende hinein. Die Klinge durchbohrte das Herz, die Amphora entfiel den Händen, aufschreiend stürzte er nieder, mit einem gräßlichen Fluche den Bruder verwünschend, den er über und über mit seinem Blute bespritzte. Noch einmal ballte er die Faust gegen ihn, dann starb er. Von Stunde an entsagte der unselige Brudermörder wider Willen der Welt, in der ihm bei seiner reichen Begabung und Bildung, seiner Schönheit, seiner Abkunft aus vornehmem, vielbegütertem Hause jede höchste Stufe ersteigbar war. Der große Constantin hatte ihn – wegen seiner Tapferkeit in dem Gotischen Kriege – ausgezeichnet, ihn in die Schar seiner besten Schola aufgenommen. Ohne Abschied von den verzweifelten Eltern, von mir – von ihr – verschwand er spurlos auf lange, lange Zeit. Bald darauf ward die schöne Irene – ›Schönauge‹, ›Euopis‹, hieß sie in ganz Rom – die Gemahlin des ausgezeichneten Julius, des edlen Bruders des großen Constantin.

Julius, von jeher mein Gönner, bestand nun darauf, daß ich der Arzt, der nächste Freund seines Hauses ward. So sah ich die einst Geliebte – ach, die heute noch Geliebte – gar oft; meine schwache Kunst durfte ihr und den Ihrigen zuweilen nützen. Ich begleitete sie von Rom nach Nikomedia, als Constantin seinem Bruder ein hohes Amt in jener Stadt, in jener Provinz übertrug. Da – kurze Zeit vor dem Thronwechsel – pochte an meine Tür ein Mönch, ein Einsiedler, ein Büßer; ich erkannte ihn nicht. Wer sollte den glänzenden, jugendschönen, heiter weltlich gesinnten Krieger Cajus wiedererkennen in dem niedrigen, von Demut und Reue gebeugten, fast greisenhaften Büßer, der sich Bruder Johannes nannte! Es war eine jammervolle Wandlung – auch des Geistes. Vergessenheit nicht nur ..., nein, Haß und Verachtung hatte der Reuekranke zugewandt aller weltlichen Lust nicht bloß, nein, auch aller weltlichen Wissenschaft und Kunst, aller Freude an Waffenwerk und Staat; all das galt und gilt ihm als sündhaft, bös, teuflisch oder doch als gefährlichste Versuchung. Nur Selbstverleugnung, Reue, Buße, Zerknirschung, Feindesliebe erfüllen ihn. Wahrlich, ich bin nicht ein Freund des jetzt alleinherrschenden Glaubens, und manches auch in Bruder Johannes erscheint mir krank. Aber das ist wahr: An diesem Unseligen hat der Christenglaube Wunder gewirkt; er hätte in Selbstmord, in Wahnsinn geendet, hätte ihn nicht die Lehre von der äußersten Selbstüberwindung, von der allesverzeihenden Feindesliebe, von dem Leben nur für andere, erfüllt und gerettet.

Ich brachte nun den frommen Büßer – nach heftigem Widerstreben – dazu, die Jugendliebe mit mir aufzusuchen, sich ihres Eheglücks, ihrer blühenden Kinder – zwei Knaben und ein Mädchen – zu erfreuen. Ich glaube, er gab mir nach, weil er sich zwingen wollte, sich ihres Glückes mit einem andern zu freuen. Und wie freute er sich, wie hat er sich als rettender Freund bewährt in all diesen Jahren! In jener Mordnacht pflegte er den schwerkranken – wir glaubten, den sterbenden – Gallus. Ganz wie ich, der dazu verpflichtete Arzt, trotzte er den ansteckenden Beulen. Und als nun der Mord des Hausherrn geschehen, als nur durch Zufall die Mutter mit den Kindern verschont geblieben war, da war er es, der diese vier rettete, mit äußerster Gefahr des Lebens. Denn jeder war mit dem Tode bedroht, der sich eines der geächteten Häupter annahm.« – »Aber nicht er allein konnte das. Der Augustus hat mir mitgeteilt: Du vor allem hast ihm damals jene weitere Blutschuld erspart. Ich glaube, er dankt es dir im stillen.« – »Nun ja, ich flüchtete – mit Hilfe deines Vaters –, die Mutter, die bewußtlose, in das Haus meiner Schwester, wie Johannes die drei Kinder in dem Asyl einer Basilika barg. Damit war – nach dem jetzt anerkannten Recht der Kirche – wenigstens das Leben der schuldlosen Kinder gerettet, und drei Tage Zeit waren gewonnen, nach welchen die blutige Mordgier eines Eusebius nicht mehr allein den neuen ›Herrscher‹ beherrschte. Zwar ward die Zuflucht von den Spähern des Eunuchen entdeckt, und nach Ablauf der Schutzfrist von drei Tagen mußte Johannes die Geborgenen herausgeben den heischenden Prätorianern, aber ihr Leben wenigstens war – dem Rechte nach – gesichert. Die drei Geschwister wurden dann auseinandergerissen; keines wußte, jahrelang, ob die andern noch lebten. Auch die Beamten des Staates, des Hofes, wußten deren Versteck nicht; ebensowenig den Verbleib der unglücklichen Mutter, die, während ich in den Palast befohlen ward, den zornigsten Verweis des Imperators entgegenzunehmen und die Einziehung der Hälfte meines Vermögens, von einem Centurio aus den Armen meiner Schwester gerissen worden war und seither verschollen ist. Ob sie wohl noch das Licht der Sterne schauen, die wunderbaren Augen?« Erschüttert hielt er inne, keuchend hob sich ihm die schwer atmende Brust.

Die blasse Frau erfaßte seine beiden Hände: »Philippus, du bist – ach du bist, wie wir alle sein sollten, ob wir an Christus glauben, ob an Jupiter. Aber sage mir, wie konntest du – eine solche Seele – dich erhalten an diesem Hof, wo Eusebius waltet und die Seinen?« – »Dein Gatte glaubte zu entdecken, daß ich ihm als Arzt unentbehrlich sei. Es gelang mir, seine wirklich schwache Gesundheit zu kräftigen, von gefährlichen Krankheiten ihn herzustellen; ich hatte seinem großen Vater, dem Gönner und Wohltäter unseres Hauses, versprochen – er hatte großes Vertrauen in meine Heilkunst –, dem Sohne treu zu dienen. Bald vertraute Constantius nicht nur meiner Kräuterkunde, auch meiner Kenntnis der Lehren, der Weissagungen der Gestirne. Und so blieb ich, weil ich's versprochen habe und weil ich glaube, daß es gut ist für dies geliebte Reich der Römer, daß an diesem Hof ein Mann ist, der stets die Wahrheit redet.«

»Der Imperator erträgt sie nur von dir und mir.«

»Und doch – wie wenig vermag ich über ihn! Meinen Bitten gelang es nie, diese achtzehn Jahre hindurch, über den Aufenthalt der vier Verschwundenen von ihm etwas zu erfahren. Durch andere, durch den Mönch, der unermüdlich in allen drei Erdteilen nach ihnen suchte, durch einen Schüler in der Sternkunde, Lysias, erkundete ich einzelnes. Vergebens bat ich den Herrscher, die noch Lebenden von ihnen zu vereinen, daß sie gemeinsam leichter ihr Schicksal tragen möchten. ›Und gemeinsam wirksame Rachepläne und Verschwörungen einfädeln?‹ Diese Gegenfrage war all mein Bescheid. Ob wohl die Mutter, die Schwester noch lebt?«

»Die Schwester lebte noch vor kurzem. Das erfuhr ich gestern von Helena, die sie in Kleinasien in einem Kloster traf.«

»Dank den Sternen! Aber die Mutter? Ich darf nicht ruhen und rasten, um sie zu sorgen! Nicht nur die alte, nie erloschene Liebe drängt mich dazu; ein feierlicher Eid, den Johannes und ich in jener grausen Stunde an der Leiche des gemordeten Freundes schworen, nie im Leben abzulassen, den vier Unseligen Stab und Stütze zu sein. Aber sieh, Johannes winkt; es ist Zeit für ihn, abermals zu büßen; er muß noch in die Basilika; er rutscht dort auf den Knien um den Altar, ich weiß nicht, wie viele Male. Es ist doch ein wunderbar Gemisch, das drei Jahrhunderte aus den schlichten Worten jenes armen edlen Judenjünglings zusammengebraut haben! Immer, wenn man das Ganze verwerfen, verwünschen möchte, erlebt man – neben Früchten des Wahnsinns – Wunder, gewirkt durch diese Lehre, die uns fast zwingen, an ihre Göttlichkeit zu glauben. Warum auch nicht? Die große Weltseele lebt in uns allen; weshalb soll sie nicht in jenem unvergleichlichen Nazarener in reicherer Fülle und edlerer Reinheit gelebt haben als in uns andern? Platon heißt der Göttliche; warum nicht Christus?«

»O schweige, Philippus. Bitte, verstöre mir nicht die Ruhe der Gedanken! Wecke mir nicht die Zweifel, die ich mit Mühe beschwichtigt habe. Ich bin des Constantius Gemahlin; ach so vieles scheidet unsere Seelen! Laß uns nicht auch im Glauben geschieden sein. Du aber – mir ist –, mir ist, o weiser Freund, du hast allen Glauben verloren!«

»Ja; den an die Götter, die alten und die neuen, und – was noch trauriger zu sagen – auch den an die Menschen, zumal an die Alten!« – »O du Beklagenswerter! Ich könnte nicht leben, wenn ich nicht glaubte! Die Menschen zwar; ach nur an wenige glaube ich noch, seit man mich zwang, die Menschen zu beherrschen! Aber mein Gottesglaube! Sieh, Philippus, unser Haus hat früh der Lehre Christi sich zugewandt, lange bevor diese zur herrschenden erhoben ward. Deshalb halt ich auch an dieser Lehre und an Christi heiligem Bilde fest, mag seine Kirche – ich seh es ja selbst, mit widerstrebenden Augen – verunreinigt sein, seit sie herrscht.« – »Sie kann nur verfolgt sein oder verfolgen, scheint's« – »O sprich nicht so. Ich ...« Da faßte der alte Mann ihre schmale, durchsichtige Hand und sprach: »Du edle, gute Frau! Wohl dir, daß du glaubst, daß du glauben kannst! Dir ward darin das beste, das beneidenswerteste Los. Und nie und nimmer werde ich je den Zweifel wecken in einer Seele, die der volle Friede des Glaubens beseligt; es wäre Frevel. Weiß ich denn, ob meine Weisheit, die mich befriedigt, befriedigen muß – weil ich nichts Besseres habe –, die bittere Weisheit des völligen Entsagens, eine andere Seele nicht zur Verzweiflung treibt?« Er seufzte tief und fuhr mit der Linken über die Stirne, so weiß wie Elfenbein. »Armer Freund!« klagte die Frau, seinen Händedruck erwidernd, »an gar nichts glauben! Es muß dir ja das Herz abstoßen.« – »Doch nicht! Ich glaube ja wirklich an die Sterne; ich glaube, daß sie dem, der reinen Herzens ihre Geheimnisse erforscht, die Wahrheit verkünden.« – »Und das ist alles? Und du glaubst nicht an die hilfreich leitende, allgütige Vorsehung?« – »Kind! – hohe Frau, wollte ich sagen –, lassen wir das!« – »Und du glaubst auch nicht – denn ich ahne wohl, was du insgeheim einwendest: den so häufigen Sieg des Bösen über das Gute auf Erden! – an die ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Tode? Du schweigst. Ich beklage sie; aber großartig ist sie, diese Kraft der Entsagung.«

»Nicht doch«, wehrte er ab. »Ich kann mich darin gar nicht messen mit einem andern, und noch dazu mit einem Jüngling, und schlimmer noch: gar mit einem Barbaren.« Er versank ein wenig in Sinnen; dann fuhr er fort: »Denke nur, da war ein junger Germane, als Geisel an den Hof des großen Constantin gesandt, als Knabe von fünfzehn Jahren. Jener gewaltige Herrscher – die Menschen erkannte er, das muß wahr sein – entdeckte reiche Gaben in dem Jungen; er gewann ihn lieb. Er ließ ihn zusammen mit Söhnen der vornehmsten Senatorenhäuser erziehen, in Rom, in Memphis, in Athen, in Byzanz, in Nikomedia; in alle christliche, heidnische und mystische Weisheit einweihen. Wohl achtzehn Jahre lang. Später kam er wieder an den Hof, wo ich ihn genau kennenlernte, bis er vor kurzem – ein reifer Mann – nach Haus entlassen ward. Der ist von allen Männern, die ich je gesehen, der merkwürdigste.« – »Warum?« – »Ja, denke dir nur! Ich glaube doch noch an die Sterne, ohne diesen süßen Trost hielt ich's nicht aus. Dieser Germane aber sprach, als wir nach vielen langen Nächten des dialektischen Ringens voneinander Abschied nahmen: ›So siehst du also, teurer Meister, ich muß auch deines Trosts entraten. Ich glaube auch an die Sterne nicht.‹ – ›Unseliger‹, rief ich, ›an was dann glaubst du?‹ – ›An die Notwendigkeit. An mein Volk. Und an mein Schwert‹, sprach er, gab mir die Hand und ging. Ich hab ihn nie wieder gesehen. Möchte wohl wissen, was aus ihm geworden ist. Ob ihn das Leben nicht gebrochen hat, diesen stolzgemuten Heldensinn, der, ganz stützenlos, nur auf sich selber steht?«

»Gut für deinen jungen Freund, daß er nicht zu andern an diesem Hofe so gesprochen hat. So was kann ich, mag ich gar nicht denken!« – »Ja, dein Gatte sorgt jetzt so eifrig für das ewige Seelenheil seiner Untertanen, daß er darüber ihre verzweifelten Klagen über ihr – freilich nur lebenslängliches – Unheil unter seiner Herrschaft überhört. Und wenn er doch nur endlich einmal wüßte, ob das Christentum die einzige Wahrheit auf katholisch oder auf arianisch ist? Auch mich hat er damit gequält. Aber ich erwiderte grob, meine Sterne und mich möge er in Ruhe lassen; wir verständen nichts von ›o‹ und ›oi‹.« – »Ich gestehe«, lächelte die blasse Frau, »ich auch nicht.« – »Wirst's schon noch lernen müssen, arm Töchterchen – erhabne Augusta, wollt ich sagen. Und zu seinem Unglück neigt dein Herr neuerdings sehr dem arianischen ›oi‹ zu, statt dem alleinseligmachenden katholischen ›o‹. Mir ist's ganz unglaublich gleichgültig, wie du weißt. Aber ...« – »Nun?« – »Da lebt – fern in Alexandria – ein Mann, ich kenne ihn genau, seit zwanzig Jahren, der verteidigt nun einmal aus heiligster Überzeugung das katholische ›o‹. Wenn Constantius mit dem ernsthaft anbindet, er hat schon ein wenig angefangen, dann ist er verloren. Dazu brauche ich nicht in die Sterne zu gucken.« – »Und wie heißt dieser Gewaltige?« – »Athanasius, der ›Unsterbliche‹. Merk dir den Namen. Denn wahrlich: Er wird unsterblich sein. Aber Johannes winkt; ich folge. Leb wohl, gütigste der Frauen.«

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