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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 107
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
year1977
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Die ersten Sterne gingen strahlend auf. Da saß auf einer Marmorbank in dem dichtverwachsenen Garten des alten Mithrastempels eine weiße Mädchengestalt, die Lyra im Arm. Träumerisch, schwärmerisch sah sie gegen den Himmel, und leise sang sie mit lieblicher Stimme:

»Oben hoch durch die Himmel hin
Zieht melodisch der Rhythmengang
Unerforschlicher Sterne, die
Unsre Schickungen lenken.

Sagt, ihr Schweigenden, hat der Gott
Außer leuchtendem Strahlenglanz
Euch ein sanftes Gefühl verliehn,
Ähnlich suchenden Herzen?

Hört ihr unserer Wünsche Drang,
Unsrer scheuen Gebete Hauch?
Ahnt ihr wohl, was die Sehnsucht ist
Seufzend suchender Seelen?

Oder waltet ihr mitleidlos.
Selbst notwendig, ihr folgend blind,
Eurer Meistrin Notwendigkeit,
Zwingend, selber gezwungen?

Ach, mein Leben, ihr führt es nicht
In harmonischem Rhythmengang
Eurem ähnlich, zum Goldakkord
Sel'gen Friedens – ihr ...«

»Brich ab! Schweig!« sprach leise, aber barsch eine gebietende Stimme. »Ich befahl dir, jedes Aufsehen, jedes Geräusch zu vermeiden. Wenn du so schön singst und Lyra spielst wie kein Geschöpf auf Erden«, sprach Lysias, nun mit sanfter Hand ihren dunkelbraunen Scheitel streichelnd, »lockst du unberufene Lauscher an. Komm, geliebtes Kind, Stern meiner Augen! Heute kam der Tag. Es ist die Verbindung der Gestirne, die ich so lang ersehnt. Venus und Jupiter und der Stern, den Philippus schon bei Julians Geburt »Julianicus« genannt hat. Heute nacht oder nie! Wie viele Mühe machte es, dich sicher hierher zu schaffen und unbemerkt zu verbergen! Ein Glück, daß du doch nur von dem nahen Kappadokien, wo ich dich verlassen, aufzubrechen hattest. Es gelang so wunderbar nur durch der Götter Gunst. Heute nacht wirst du ihn wiedersehen, deinen sternenbestimmten Bräutigam.«

»Vater, Vater«, rief das Mädchen entzückt und erschrocken zugleich. »O Wonne und o Weh! Mir sagte jüngst ein Traum: ›Wenn du ihn wiedersiehst, dann wirst du sterben‹, ... ach vielleicht vor Freude!«

»Still, gehorche mir, heute wie immer. Halte dich ganz ruhig. Sprich nicht! Ich spreche für dich! Was du auch hören und sehen wirst, bleib unbeweglich stehen in dem Gewand und in dem Schmuck, den ich dir anlegen werde.« – »Aber Vater, ich begreife nicht ...!« – »Das sollst du noch nicht, kannst du noch nicht. Aber danken wirst du dem Vater, ist alles vorüber und der Sterne Weissagung in einigen Tagen voll erfüllt.«

 

Zur bestimmten Stunde stand Julian, in seinen braunen Kriegsmantel gehüllt, vor dem Gitter, das den Tempelhain umhegte. Wie er den Blick auf das über das Buschwerk ragende Gebäude richtete, flog ihm gerade entgegen und hoch über sein Haupt hin ein leuchtender Meteor, einer roten Kugel vergleichbar, und erlosch hinter ihm im Dunkel.

Sinnend blickte er zurück. »Was bedeutet das Zeichen?« fragte er sich selbst. »Einen Glückstrupp? Oder eine Warnung, nicht einzutreten? Oder ein Bild meines eigenen Geschickes? Mein feuriger Flug – glänzend hoch ... aber kurz von Dauer? Gleichviel. Dem Schicksal entgegen und – Helena!«

Mit diesen Gedanken schritt er rasch den schmalen Weg durch die dunklen Gebüsche dahin. Schon hatte er die Pforte des Tempels erreicht. Sie war geöffnet und blieb offen, denn Julian wollte in den ganz finsteren Raum wenigstens das Licht der Sterne dringen lassen, wie er sich nach vorne tastete.

Da sprach, ihm gegenüber aus dem Dunkel, des Lysias Stimme: »Willkommen bei den Göttern, Pontifex Maximus. Hier, fasse meine Hand. Noch drei Schritte. Halt! Hier laß dich nieder, auf diesen Steinsitz. Und nun gedulde dich kurze Zeit. Nimm den Helm ab. Hier, diesen Kranz setze auf das Haupt; aus neun heiligen Kräutern ist er gewunden. Er schützt vor den Dämonen, die zuweilen mit aufsteigen aus der Tiefe des Orkus. Und nun, rühre dich um keinen Preis von dieser Stelle, ist dir dein Leben lieb und des teuren Schattens Friede im Hades!«

Erschaudernd ließ sich Julianus nieder; er fühlte, wie nun Lysias seine Hand losließ; gegen das Innere des Tempelhalbrunds hin verhallten des Priesters Schritte. Da war es dem einsam Harrenden, als ob hinter ihm – von der Türe her – ein leises Geflüster hörbar werde. Er wandte sich, alles still, es war nichts wahrzunehmen als die breiten dunklen Massen der altassyrischen Säulen, die das niedere Dach trugen.

Plötzlich schloß Julian die angestrengten Augen; blendendes Licht traf sie von vorn. Dies grelle Licht erhellte in weißbläulichem Glänze nur eine schmale, kaum mannsbreite Nische, die in die gegenüberliegende Wand eingefügt war, rechts von dem nun ebenfalls sichtbar werdenden Altar. Neben der Nische wallte, von dem Lichtstrahl, der wie aus einer engen Röhre strömend, nur geradeaus blitzte, kaum beleuchtet, ein schwerer dunkelroter Vorhang bis zur Erde, mit seinen Randfalten noch den Mosaikboden breit verhüllend. Nur mit Mühe konnte Julian in das scharf blendende Licht blicken. Nun füllte sich allmählich die ganze Nische mit einem sehr stark duftenden weißlichen Nebelrauch, und jetzt – mächtig pochte dem Lauscher das Herz vor Grauen und vor heißem Erwarten! –, jetzt ward in dem Gewölk, zuerst nur schwach erkennbar, aber rasch immer bestimmter in ihren Umrissen hervortretend, eine Frauengestalt sichtbar.

Das dunkelbraune Haar bekrönte wie ein Diadem eine Binde von feinster weißer Seide, mit Perlen bestickt. Nun verzogen sich auch vor dem Antlitz der Erscheinung die dichtesten Rauchwolken und – o Wonne und Grauen! – ja, ohne Zweifel, das waren Helenas holde Züge! Das waren die seelenvollen braunen Augen; nur noch viel bleicher als im Leben erschienen diese zarten, schmalen Wangen. Und hätte der Verzückte noch zweifeln können, da schimmerte ja vor seinen Augen auf ihrem Haupte die fünfreihige, an ihrem Halse die siebenfache Bernsteinkette, der wohlbekannte Schmuck, den er selbst der Leiche angelegt in dem fernen Grab dort an der Seine. Julian fand kein Wort. Die Stimme versagte ihm, seine Lippen zuckten, unbeweglich wie ein Marmorbild stand der schöne Schatten.

Unter dem über die Schultern flutenden, vorn halboffenen Purpurmantel ward das prachtvolle, bis auf die Schuhe herab mit Edelsteinen und Perlen bestickte Gewand von Goldstoff und weißer Seide sichtbar.

Endlich flüsterte Julian: »O Helena, geliebter Schatten! Seh' ich dich wieder? O sprich – ich darf dich ja nicht in die Arme schließen – aber sprich! Laß mich nur einmal noch die süße Stimme hören. Oh, ich bin so einsam! So qualvoll sind meine Nächte! Das Glück ist von mir gewichen! O sprich! – Hast du kein Wort für mich? Was kann, was soll ich tun, mein trauriges einsames Leben erträglich zu machen? Was soll mich trösten?«

Da ertönte eine Antwort, und der Schatten öffnete doch nicht den Mund! Eine unnatürliche, nicht eine Menschenstimme sprach, langsam, in Grabeston; so hatte der Geliebten Stimme im Leben nie geklungen: »Dich soll trösten, mein Julian, eine zweite Ehegemahlin, eine andere Helena.«

»Betrug!« schrie Julian außer sich, auffahrend von dem Sitz. »Das Gegenteil ließ sie mich beschwören.« Er wollte auf die Erscheinung losstürzen; aber er wankte, wie eine Ohnmacht wandelte es ihn an.

Da sah er hinter den breiten Säulen in seinem Rücken zwei Männer hervorspringen, der eine faßte die Erscheinung an dem Mantel und riß sie aus der Nische, der andere drang durch den Vorhang und zerrte einen Mann heraus, der sich, einen Dolch in der Faust, wütend wehrte und seinem Angreifer die Klinge in den linken Arm stieß. Der ließ ihn los, zog das Schwert und stieß ihn nieder.

»Da«, rief Serapio, das Schwert einsteckend, »da liegt der Lügenpriester.« – »Fluch!« schrie der, den Dolch fallen lassend. »Fluch allen Sternen und allen Göttern! Sie halten nicht Wort!« Einstweilen hatte Jovian die zitternde Tochter losgelassen, sich zu Julian wendend, der hilflos an einer Säule lehnte.

Sobald Helena frei war, raffte sie blitzschnell den Dolch ihres Vaters auf: »Betrug? – Und ich! Ich! – Ich sollte ihn betrügen? Ach, ich hab's schon getan. Das ist der Tod.« Und sie stieß sich den Dolch bis an das Heft in die Brust und brach zusammen.

Jovian führte den wankenden Freund an die beiden Leichen. Der bückte sich, griff nach der Bernsteinkette und stöhnte: »Lysias, der Priester der Götter...! Mein Lehrer ... ein Betrüger! Er hat das Grab der Geliebten erbrochen und geschändet! Und die Götter haben es geduldet? Ah! Zuviel!« Und bewußtlos sank er in die Arme der Freunde.

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