Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 105
Quellenangabe
pfad/dahn/julian/julian.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
year1977
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120163
projectid159a9d02
Schließen

Navigation:

Vierzigstes Kapitel

Solange die Römer, dem tückischen Wegweiser vertrauend, die falsche Richtung nach Osten verfolgt hatten, die sie immer tiefer in das Perserreich und in das sichere Verderben führte, hatten sich nur in Flanken und Rücken Reiterschwärme gezeigt, die, ohne den Feind im Vordringen auf seinem Irrweg aufzuhalten, ihn bloß beobachtend in weiter Ferne umkreisten. Sowie aber die richtige, die rettende Straße nach Norden eingeschlagen war, zogen sich von allen drei Seiten die Verfolger nah und näher heran. Ja, schon am folgenden Tage wirbelten auch in der Stirnseite jene dichten Staubwolken auf, welche die Annäherung der gefürchteten parthischen Bogenschützen andeuteten und zugleich verhüllten, die in jeder denkbaren Lage auf ihren windschnellen und wunderbar abgerichteten Rossen, sitzend, liegend, stehend, im Angriff und auch in wirklicher oder verstellter Flucht die nie fehlenden Rohrpfeile entsandten.

Anfangs täuschten sich die Römer die Hoffnung vor, es seien ihnen befreundete Bewohner von Corduene, die ihnen entgegenzögen, oder auch ein Rudel aufgescheuchter Wildesel. Und Ekkard, der eifrige Jäger, konnte sich, trotz des Verbots, nicht enthalten, dem flüchtigen Wilde nachzueilen. Aber sehr bald sprengte er – noch viel rascheren Laufes – zurück, zog einen Pfeil aus seiner Schulter und lachte: »Mir scheint, diesmal war der Jäger der Esel!«

Von jetzt verging kein Tag, kein halber Tag mehr ohne Gefecht. Hinter dem Schleier der Geschwader wurden nun auf allen vier Seiten auch dichte Reihen persischen Fußvolks sichtbar; die Römer waren offenbar umzingelt. Jeder Schritt nach Norden mußte erkämpft werden; man erfuhr von den – wenigen – Gefangenen, daß zwei Söhne Sapors, der neue Surenas, Merenas, und dessen Bruder die vier feindlichen Heere befehligten.

Die Allgegenwart dieser raschen und übermächtigen Feinde nötigte die Römer, nach dem beschwerlichen Tagemarsch, jeden Abend, mit Zeitverlust und Anstrengung, ein befestigtes Lager zu schlagen, hinter Graben und Wall sich gegen das Heranfliegen der parthischen und arabischen Geschwader zu sichern.

Einmal aber fehlte nur recht wenig, daß ein solcher plötzlicher Überfall gelang. Nach Sonnenuntergang erreichte der todmüde Zug ein Dorf, Maronga. Es war verlassen, zum Teil verbrannt, kein Körnlein Brot in den Häusern zu finden, die Zisterne verschüttet, all das wie gewöhnlich. Aber die noch stehenden Häuser schienen immerhin Deckung genug zu gewähren, die mühevolle Schaufelarbeit in dem lockeren Sand überflüssig zu machen. Jedoch in der Nacht erfolgte ein Oberfall, den Merenas selbst leitete. Schon waren nicht nur arabische Wüstenreiter, auch Fußvolk und sogar Elefanten in die Straßen der Ortschaft eingedrungen. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es Julian, die Feinde aus den brennenden Häusern wieder zu vertreiben.

Seine gewaltigen Verluste zeigten ihm, daß mit dem neuen Surenas eine viel schärfere Kriegführung über die Feinde gekommen war; auch wurden die weichenden Römer offenbar nicht mehr so gefürchtet wie weiland die vorwärtsdringenden. Und bei diesen selbst machten sich die schädlichen Einwirkungen eines Rückzuges spürbar, so begeistert das Heer an dem geliebten Führer hing.

Bei dem Aufbruch aus dem leichtbedeckten Maronga fiel es einer Abteilung der keltischen Petulantes plötzlich ein, von dem Imperator ein Geldgeschenk für ihre Leistung zu verlangen. Lärmend umringten sie ihn, wie er zu Pferde steigen wollte, und hielten ihm scheltend vor, daß sie seit den lumpigen hundert Silberlingen, die er aus der Beute von Mazamalcha jedem Krieger gespendet, kein Geschenk mehr erhalten hätten.

Das verdroß schwer das römische Gefühl in Julian. Traurig erwiderte er ihnen: »Reichtümer verlangt ihr? Nehmt sie nächstes Jahr dem Großkönig ab, der hat sie, nicht ich, der ich nichts besitze, was ich nicht mit euch teile. Ich bin so arm, wie weiland Fabricius. Ich glaubte, euch zu ehren, indem ich ganz wie einer von euch lebte. Wollt ihr aber andere Führung, ihr braucht euch nicht mit Aufruhr zu beflecken! Ihr habt der tüchtigen Feldherrn außer mir genug; ich sag es mit Stolz und mit Freude! So wählt euch einen von diesen. Wählt Jovianus zum Imperator. Gern trete ich als Centurio in die Reihen der Schildener ein und lebe und sterbe als einfacher Kriegsmann.«

Da schämten sie sich stark und baten ihn um Vergebung. Aber die unsäglichen Leiden dieses Rückzugs kehrten Tag für Tag wieder.

Es ging gegen Ende Juni. Die ungewohnte Hitze in den baumlosen, schattenlosen Steppen ward für die unter ihren schweren Rüstungen keuchenden Söhne Germaniens, Galliens, Illyricums, ja, auch für die Italiker unerträglich. Mancher tapfere Franke und Alemanne, der allen Pfeilen der Perser getrotzt, brach jetzt, von den Pfeilen der Mittagssonne getroffen, am Wege tot zusammen. Die Luft war von Wolken lästiger Mücken erfüllt, deren Stichwunden sich in Hitze und Staub meist entzündeten; auch giftige Insekten fehlten nicht.

Die Leichen zu bestatten nahm man sich nicht mehr Zeit. Und so kennzeichneten den Zug des weichenden Heeres links und rechts vom Wege tote Menschen und Pferde, in tiefem Sande steckengebliebene Karren, bis allmählich der Wind alles mit dem gelben Staubsand der Steppe fußhoch zudeckte.

Oben aber, in den Lüften, aus der nahen Wüste durch den Leichengeruch angezogen, folgten ungezählte Aasgeier, kreischend nach Fraß. Wie eine Wolke des Unheils verfinsterten sie zuweilen über dem traurigen Zuge die Sonne; mit Grauen sahen dann die hastig, hastig Weitereilenden empor. Sie wußten, welche Art von Bestattung ihrer wartete, ihnen drohte, sanken sie hier in die stacheligen niedrigen Kräuter am Weg, um nie mehr aufzustehen.

Auch auf diesem beschwerlichen Zug aber ließ Julian nicht ab, unter den Lasten und schweren Sorgen der Feldherrnschaft, sich mit seinen philosophischen, religiösen, mystischen Forschungen zu beschäftigen. Priscus, sein »Lagerphilosoph«, wie er ihn scherzend genannt hatte, der Lieblingsschüler des Adesius und Mitarbeiter des schmerzlich beklagten Maximus, mußte auf seinem Maultier stets neben Argos, dem weißen Kriegshengst des Imperators, einherreiten; und unter der glühenden Mittagshitze, die auf der öden Steppe brütete, mit lechzender Zunge, stellte dieser an den schweißtriefenden Weisen unablässig Fragen, zumal aus der vielbestrittenen vieldeutigen Lehre des gemeinschaftlichen Meisters über die Unsterblichkeit der Seele.

Allein, schrecklicher noch als die Partherpfeile, schwerer als die Mittagshitze bedrohte das schwer leidende Heer der Hunger. Die für zwanzig Tage berechneten Vorräte gingen rasch zu Ende, und noch immer war die ersehnte Grenze von Corduene nicht erreicht! Längst hatte Julian die Wagen mit Brot und getrocknetem Fleisch bei Tag und besonders bei Nacht durch verläßliche Krieger bewachen lassen müssen. Nicht gegen die Perser, gegen Diebstahl und Raub der eigenen hungernden Scharen, denen schon nach den verlorenen ersten zehn Tagen der Tagesteil auf die Hälfte herabgemindert war. Nur das täglich sich steigernde Zusammenschmelzen der Kopfzahl ermöglichte die karge Ernährung der noch Weiterstapfenden.

Der Imperator begnügte sich mit einem Viertelteil. Und dieses teilte er redlich mit seinem kleinen Schützling, dem Knaben Infortunatus, für den er außerdem den achten Teil einer Tagesnahrung in Anspruch nahm. Der Knabe hing an ihm mit der Dankbarkeit eines geretteten und liebevoll gepflegten jungen Tierleins.

Alle entbehrlichen Pferde waren längst geschlachtet. Das Fleisch wurde nicht frisch verzehrt, sondern an den Lagerfeuern gedörrt und dann in kleinste Stücke zerschnitten, sorgfältig verwahrt, mitgeführt. Eine ähnliche, nur noch viel todesgefährlichere Plage als die Mücken bereitete in diesen Gegenden die unerhörte Zahl giftiger Schlangen, von der Art der Sandviper, die in dem heißen Boden ganz besonders zu gedeihen schienen und deren Biß bei der großen Hitze gar vielen der Unvorsichtigen, wenn sie, ermüdet, sich in dem Nachtlager der Sandalen entledigt hatten, raschen, qualvollen Tod brachte. Eines Abends betrat der Feldherr mit dem Perserknaben das eben für ihn auf freiem Feld errichtete Zelt; ein Teppich bedeckte den glutheißen Boden. Er legte die Beinschienen ab und warf sie neben sich. Da raschelte etwas zischend unter dem Teppich hervor. Eine Viper schoß, sich halb aufrichtend, gegen seine Wade; schnell fuhr der Knabe mit dem nackten Arm dazwischen und ergriff die Schlange. Augenblicklich war sein Arm umringelt und gebissen. Er streifte sie ab und zertrat ihren Kopf, und er nickte lächelnd dem erschrockenen Freunde zu, der jetzt erst die Gefahr erkannte und eilig die Wunde aussog. Aber alsbald begannen, trotz des Oribasius Heilversuchen, die tödlichen Zuckungen. Bevor der Knabe die dankenden Augen schloß – unverwandt hielt er sie auf seinen Herrn gerichtet –, malte er mit zitternden Fingern in den Sand der Steppe die Worte: »Für dich!« Nun nicht mehr Infortunatus ... Fortunatus! Unter Tränen setzte der Imperator selbst den Scheiterhaufen, aus Zeltstangen und Steppengestrüpp geschichtet, in Brand, der den kleinen Leib verzehrte.

»Maximus ... Artemidor ... Infortunatus! Ich habe kein Glück mit meinen Schützlingen«, sprach er traurig im Hinwegschreiten. »Oder vielmehr: Mein Schutz bringt ihnen Unglück.«

Dazu kam bei dem Feldherrn noch die furchtbar quälende Sorge, ob er denn jetzt wenigstens den richtigen, den nächsten Weg eingeschlagen habe, da man auch nicht eines einzigen Einwohners mehr habhaft geworden war, fehlte es durchaus an Wegweisern, und Straßenkarten versagten in dieser Wüstenei.

 << Kapitel 104  Kapitel 106 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.