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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 102
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Siebenunddreißigstes Kapitel

Herrlich dufteten viele Tausende von Blumen in dem Garten des Königshauses in Susa, der ältesten Residenz des Perserkönigs. Herrlich sangen Hunderte von Nachtigallen in den Blütenbüschen; lieblich plätscherten, in eintönigem Falle, Kühlung durch die abendliche Sommerluft verbreitend, zwanzig Springbrunnen. Bunte Vögel wiegten ihr schillerndes Gefieder in goldnen Reifen, die an seidenen Schnüren von den Palmwipfeln niederhingen; hinter versilberten Gittern schritten die gefangenen Könige der Wüste, Löwen und Tiger, auf und nieder, so völlig gezähmt, daß die Löwen willig den Siegeswagen ihres Gebieters durch die lärmenden Straßen der Königsstadt zogen, die Tiger sich zum Schemel seiner Füße machten. Aus dem Frauenhause neben dem marmornen Gartensaal klangen liebliche Stimmen junger Weiber, die zu Flöte und Schalmei zärtliche Weisen sangen; köstlich duftender Palmwein, in hohem schlankem Goldpokal, stand, von Eis gekühlt, in dem bauchigen Becken auf dem Pardelfell neben den Seidenpolstern des Großkönigs, und doch zeigte Sapors mächtiges Antlitz keine Spur von Freude oder nur von Befriedigung.

Der Herrscher pflegte sonst, nach dem Anstandsgesetz des Morgenlandes, keinerlei Empfindung in den starren unbeweglichen Zügen zu verraten, die aus weißgelblichem Marmor gemeißelt schienen. Aber heute gab sich der Großkönig rückhaltlos dem Ausdruck von Schmerz und Sorge hin, obwohl mehrere seiner Feldherren und Kronräte und viele Boten aus dem Heerlager um ihn her standen. Als der zuletzt gekommene Meldeläufer seinen Bericht beendet hatte, hob der König, in einer langsamen steifen Bewegung, beide Arme und das Haupt gerade in die Höhe und verharrte eine Weile stumm in dieser Haltung. Dann nahm er langsam die hohe, nach oben spitz zulaufende Persermütze von weißer Seide, die von Rubinen, Smaragden und Saphiren übersät war, ab und setzte sie weit von sich zur Erde. Nun fing er an, langsam die Perlen und Edelsteine, die feinen Goldkettlein, die durch sein ergrauendes Haar geschlungen waren und in den mächtigen, breiten, die ganze Brust bis auf den Goldgürtel bedeckenden silberweißen Bart, eine nach der andern auszulösen und auf dem Boden um sich her zu verstreuen. Zuletzt erhob er sich von dem weichen Diwan, auf dem er in steif aufrechter Haltung gesessen, und legte sich, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit dem Ausdruck tiefsten Grames, auf dem nackten, kalten Marmorboden auf den Rücken, beide Arme rechts und links weit ausgestreckt.

Bei diesem Anblick brachen die Großen um ihn her in lautes Wehgeschrei aus. Sie warfen sich auf die Knie und riefen alle – bis auf einen – dreimal: »Ormuzd, Ormuzd, Ormuzd!

Rette! Hilf! Räche! Dein Sohn liegt in Verzweiflung hingestreckt. Ormuzd, rette, hilf, räche! Rette den Saan-Saon, den König der Könige, den Piroses, den Sieger im Kampfe.« Nun sprangen sie alle auf, hoben ehrfürchtig den Herrscher vom Boden und setzten ihn wieder auf den Diwan.

»Beherrscher des Weltalls«, begann jetzt der Älteste der Satrapen, Iparna von Kuschan, »du hast uns gezeigt durch deine Gebärden, du liegst in dem tiefsten Abgrund des Grams. Von dir gelegt hast du die Abzeichen deiner Königschaft. Wer von deinen Knechten nun nicht den letzten Blutstropfen einsetzt, dich wieder zu den Sternen zu erheben, die deine Brüder sind, der ist ein Hund, und seine Mutter war eine Dirne. Du bist ja noch lange nicht, nein, niemals wirst du am Ende deiner Macht sein! Wer zählt die Namen aller deiner Reiche auf? Wahrlich, mehr Völker hast du als dein Feind Legionen: Perser und Parther, Blemyer, Araber und Sarazenen, Assyrer, Meder und Susianer, Chaldäer, Carmanier und Hyrcanier, Margianer, Baktrianer, Sogdianer, Saken, Seren, Skythen, Essedonen und Gedrosen, Paropanisaden, Drangianer, Arachosen und Chioniten, Eusener und Gelonen! Schon wogen auf dein Gebot alle Wellen dieses Meeres von Völkern heran! Und wir, deine Satrapen, die wir das Zeichen deiner Verzweiflung gesehen, wir schwören, dich aufzurichten oder zu sterben.«

Kaum merklich nickte Sapor mit dem majestätisch starren Haupte, als er sprach: »Da liegen, auf der Erde verstreut, in den Schmutz geworfen, die Zeichen der Gottessohnschaft. Hier bleiben sie liegen. Nicht eher leg ich sie wieder an, bis die Schmach gesühnt, der heilige Boden von der Fußsohle des Fremdlings befreit ist. Schon hab ich ein Opfer von drei Zentnern Weihrauch und Myrrhen gelobt, ich verdoppel es, Ormuzd, hörst du mich. Nun vernehmt meine Befehle. Ihr wißt, wie dieser Sohn des Abgrunds, Chulchianosch, ein Sendling Ahrimans, unaufhaltsam bis an die Königsstadt der Sonne vorgedrungen ist.

Unsere stärksten Festen hat er gebrochen, mit frevlerischer Hand den Lauf der heiligen Ströme abgelenkt, mein größtes Heer geschlagen; hart bedrängt ist Ktesiphon, die Sonnenburg, so meldet der letzte Bote. Der Surenas, der sich schlagen ließ, der Ghasanide, der mit ihm aus der Schlachtreihe floh –, die weißen Elefanten Ormuzds haben sie zerstampft auf mein Gebot. Wer von euch, meine Feldherren, hat Lust, sein Nachfolger zu werden? Wird er geschlagen, die Elefanten stehen stets bereit. Ich hab's beeidet.«

Sofort riefen gleichzeitig die beiden jüngsten der Versammelten, zwei schöne Jünglinge, Sapor sehr ähnlich, von etwa zwanzig und fünfundzwanzig Jahren: »Ich, Vater, dein Sohn Varanes.« – »Ich, dein Sohn Varahanes.«

Wohlgefällig sah der König aus seinen großen runden, feierlichen Augen, deren Brauen mit glänzendschwarzem Kohlenstaub gefärbt waren, auf die beiden: »Meine Söhne? Die Hoffnung der Zukunft? Nein!«

Da neigte ein anderer der Satrapen, ein kraftvoller Mann von etwa vierzig Jahren – er allein hatte nicht zu Ormuzd gebetet – das Haupt bis fast zur Erde und begann: »O König der Könige. Ich bin bereit.« – »Du, tapferer und weiser Merenas? Du bist kein Perser, Satrap von Hathra, du bist Armenier.« – »Und wir Armenier gelten für treulos, ich weiß. Ich werde unsern Leumund bessern.« – »Du bist aber auch – wie die meisten eures Volkes – Christ. Sahak, dein älterer Bruder, ist der Bischof der armenischen Hauptstadt.« – »Ebendeswegen! Glaubst du, ein Christ wird jenem Bluthund den Sieg wünschen, dem Auswürfling der Hölle, der die heilige Kirche noch viel scheußlicher verwüstet als er dein Reich verheert? Glaube meinem Haß! Mein Bruder, der Bischof von Kárana, hat den großen Kirchenfluch schon öffentlich über den Apóstata verkündet. Er wird sicher seinen König, den frommen Tirânes, gegen jenen ...! Doch davon später. Oh, warst du je mit meinen Diensten zufrieden, vergönne es mir – mir vor allen –, diesen Dämon des Abgrunds zu verderben. Gib mir meinen Jüngern Bruder Nohordates zum Gehilfen, der ist listiger Anschläge reich! Gib mir unbeschränkte Vollmacht, Frieden zu schließen, oder den Feind – mit jedem Mittel – zu verderben. Und ich befreie dein Land oder ich suche selbst die weißen Elefanten auf in ihrem Tempelhause zu Ekbatana. Mein Weib, meine Kinder laß ich dir als Geiseln.«

»Merenas«, sprach Sapor, »ich glaube dir. Doch sag mir offen, warum drängst du dich, in der Fülle des Glanzes lebend, zu diesem Wagnis, das dich leicht unter die Füße der Elefanten führen kann?«

»Das will ich dir deutlich sagen, Herr. Ich bin dein treuer Knecht und würde für dich in der Schlacht sterben ohne Besinnen. Aber um dessentwillen würde ich doch den Tod nicht so herausfordernd suchen, wie ich es jetzt tue. Jedoch ich bin ein frommer Christ, und mein Bruder, der Bischof, hat verkündet: Wer diesen Abtrünnigen vernichtet, der wird im Himmelreich sitzen zunächst den Aposteln.«

»Wohl«, sprach Sapor regungslos. »Sitze du im Himmel, wo du willst, wenn du nur auf Erden mir zu Füßen sitzest. Ormuzd und ich haben es gehört: Sieg mit dir oder die Elefanten über dir. Hier! Nimm meinen goldenen Siegelring! Du sollst allen Persern, Parthern und Armeniern als mein Schwert gewordener Wille gelten. Fort! Siege – oder stirb, Surenas!«

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