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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 100
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Endlich erreichte man, vier Tage nach dem Aufbruch von Dura – näher am Euphrat –, wieder fruchtbares Land. Die Stadt Anatha, auf einer Insel des mächtigen Stroms gelegen, durch Befestigungen auch auf dem linken Ufer geschützt, machte Miene, den Weiterzug des Heeres zu sperren. Allein als die Kriegsschiffe drohend heranbrausten, erschraken die assyrischen und arabischen Bewohner und baten, indem sie als Zeichen der Unterwerfung einen bekränzten Stier übersendeten, um Schonung. Hier wurden Römer befreit, die vor vielen Jahrzehnten in Gefangenschaft geraten waren. Sie dankten Julian und Mars, dem Befreier.

Erst jetzt, bei dem tieferen Eindringen in den Südosten, stieß das Heer auf Widerstand. Die Perser wollten wenigstens ihre reiche Provinz Assyria verteidigen.

Denn die List Julians war vollständig gelungen. Der Großkönig hatte, getäuscht durch seine getäuschten Kundschafter, all seine ungezählten Scharen gegen Norden, an den Tigris, entsendet, den allein er gefährdet glaubte. So war es gekommen, daß die Römer ohne Schwertschlag so tief in sein Reich eindringen konnten bis hundertzwanzig Stunden von Circesium. Die Verteidiger machten sich im freien Feld erst spürbar bei der alten Wallmauer von Makeprakta, die weiland die Könige der Assyrer zum Schutz ihrer Grenzlande gegen die Einfälle der Meder errichtet hatten; sie lag längst in Trümmer und war für das Heer Julians kein Hindernis.

Durch Eilboten hatte Sapor seine nach Norden entsendeten Heere zum größten Teil zurückbefohlen. Nun endlich waren der persische Kronfeldherr, »der Surenas«, und Malek Uodosakes, der Emir der Araber des Stammes Ghasan, an dem Euphrat eingetroffen.

Jedoch wagten sie, trotz ihrer starken Übermacht, keine Schlacht. Sie begnügten sich, den Zug des Römerheeres überall mit ihren ungezählten leichten Reitern zu umschwärmen, wie die Geier der Wüste den einsamen Wanderer, jeden Zurückgebliebenen abzufangen, auch gelegentlich eine kleine Abteilung anzufallen.

Als bei einem solchen Anlaß durch Fahrlässigkeit und Feigheit drei Geschwader thessalischer Reiter eine arge Schlappe bezogen – sie ließen sich von den parteiischen berittenen Bogenschützen des Surenas überfallen und eine Standarte abnehmen –, da ließ Julian, der auf die Meldung hin selbst, von der Tafel aufspringend, herbeigejagt war, die Angreifer zu vertreiben, die ganze Strenge altrömischen Kriegsrechts walten. Die beiden schuldigen Tribuni wurden aus dem Heere ausgestoßen, zehn der feigsten Reiter hingerichtet, alle aber, nachdem man ihnen die Pferde und die Speere abgenommen, zur Strafe zu dem beschwerlichen und unrühmlichen Troßdienst bei dem Gepäck verurteilt.

 

Kleinere Städte, wie Thilutha und Achaichala, und unbedeutende Burgen ließ der Zug als ungefährlich an dem Weg liegen, andere Städte, wie Baraxmalcha, Diakira, Pazogardana, fand man geräumt und verlassen.

Wirksamer noch als ihre parteiischen und sarazenischen Reiter riefen die Feinde gegen die Eindringlinge ihre Ströme zu Hilfe. Sie durchstachen bei der Annäherung der Römer die Deiche, welche die zahlreichen Kanäle zwischen Euphrat und Tigris verbanden und deren Bewässerung das Land seine überschwengliche Fruchtbarkeit verdankte, so daß Weizen und Gerste hier das dreihundertfache der Aussaat trugen. Jetzt verwandelten die Assyrer ihr reiches Land in einen See. Die Wasser der Kanäle überfluteten alle Straßen und machten sie ungangbar; wiederholt drang nachts die plötzlich bewirkte Überschwemmung in das römische Lager, Mann und Roß ertränkend.

Allein Julians findiger Geist und die unermüdliche Anhänglichkeit der ihm blind vertrauenden Legionen überwanden alle Schwierigkeiten. Zu vielen Tausenden wurden die herrlichen Palmen gefällt, die den Reichtum wie den Schmuck der Landschaft bildeten, zählten doch die dankbaren Assyrer der Verwendung dreihundertfünfundsechzig auf – »so viele als Tage im Jahr« –, zu denen Stamm, Zweige, Blätter, Saft und Frucht der »göttlichen« Palme ihnen dienten. Ganze Wälder dieser Bäume wurden nun gefällt, um die unterbrochenen Straßen auszuflicken, die Dämme zu ersetzen, kleinere Kanäle zu überbrücken, Flöße zusammenzufügen, auf denen breitere Wasserläufe überschritten wurden. Julians Erfindung war es, das Schwimmen dieses Gezimmers durch luftgefüllte Schweinsblasen und Schläuche auch bei schwerer Belastung zu sichern. Er selbst schwang so eifrig Axt und Schaufel, daß die des Schreibrohres gewohnte Hand bald schmerzende Schwielen trug. Sein Purpur bleichte, so oft ward er bei der Arbeit, Seite an Seite mit seinen Kriegern, von dem spritzenden Wasser durchnäßt.

 

Eine Erholung schien es den Legionen, als sie, nach Überwindung dieser Schwierigkeiten, endlich Kriegsarbeit zu tun bekamen. Den Weg nach Ktesiphon, der Hauptstadt des Großkönigs, sperrte, etwa zwanzig Stunden weiter euphrataufwärts, die starke Feste Piri-Sabor, die zweite Stadt des Landes, groß, gut verteidigt durch eine hohe Doppelmauer und einen Arm des Stromes. Mutig wehrten sich der Satrap Mamesses und die Besatzung. Aber ein neuer, von Julian erfundener Sturmbock zerschmetterte schon am zweiten Tage der Belagerung mit einem von dem Erfinder selbst gezielten Stoß eine Mauerecke. Durch die Breschen drangen die »Cornuti«, von Jovian geführt, in die Stadt und trieben die Verteidiger in die Hochburg hinter der zweiten Umwallung.

Sofort begann der Angriff auf diese. Anfangs wurden die Römer durch die Geschosse hoch von der Mauer her stark gelichtet, ein paar ihrer Katapulte und Ballisten durch Felsstücke zertrümmert, andere durch Feuerpfeile in Brand geschossen. Jedoch am Abend des Tages nahte sich, langsam geschoben, aber unaufhaltsam näherdringend, den erschreckenden Verteidigern ein nie gesehenes Ungeheuer: eine »Helepolis«, »Städtebezwingerin«, eine ebenfalls von dem Philosöphlein erheblich vervollkommnete Erfindung. Auf gewaltigen Rädern, von vielen Hunderten von Kriegern gezogen, ein Kriegsturm, dessen oberstes Stockwerk die Wallkrone überhöhte. Julian stand auf dieser obersten Brüstung, er erteilte, nach unten rufend, die Befehle. Da ward der Tollkühne zu Boden geschleudert von einem Gewölk von Geschossen und schweren Steinen, aber sofort sprang er, stark blutend, wieder auf. Und als er mit eigener Hand das Seil durchhieb, das bis dahin die Zugbrücke zurückgespannt gehalten hatte, diese Brücke dröhnend niederschlug und der Imperator, allen voran, festen Schrittes auf die Mauerkrone trat, da verließ die Perser der Mut, sie warfen die Waffen weg und baten um Gnade, die Julian dem tapferen Satrapen und den noch übrigen dritthalbtausend Verteidigern gern gewährte.

Allein nachdem der reiche Vorrat an Getreide, Waffen, kostbarem Gerät unter die Sieger verteilt, anderes für den Weiterzug aufgespart, das Überflüssige in den Euphrat geworfen war, schleuderte Julian selbst die Fackel in die Stadt: »Amida ist gerächt!« rief er. »Ich hatte es dem Genius Roms gelobt. Der erste Sieg über die Perser! Was werden meine lieben Antiochener sich freuen!«

Altrömische Kriegssitte immer gern erneuernd, überreichte er vor dem versammelten Heere Jovian eine Mauerkrone, weil er, auf Leitern stürmend, der erste auf dem Walle von Hoch-Piri-Sabor gewesen war. Und als die Krieger ihn drängten, auch sich selbst diese Ehre zuzuteilen als dem Vordersten auf der Fallbrücke, lehnte er das ab, indem er lächelte: »Ich bin nur von oben her auf den Wall gelangt!«

 

Bei dem Nachtmahl lachte Serapio: »Denk nur, Pontifex Maximus, auch dein Theologe, der Sachse, ist vom heiligen Geist erfüllt; wenigsten von dem der Enthaltsamkeit und der Einfalt. Sieh nur, er schenkt dir diese herrlichen Perlen.« Dabei schüttete er zwei Hände voll der wertvollsten Perlen auf den Tisch.

»Das ist ja ein Vermögen«, staunte Jovianus.

»Jawohl, Sigibrand fand in einem halb verbrannten Hause – wohl das eines Schmuckhändlers – einen sehr schönen, wasserdichten Ledersack. Er warf seinen zerrissenen Brotbeutel von Segeltuch fort und füllte den erbeuteten mit Brot und Fleisch, indem er den Inhalt, »runde Steinchen, Kinderspielzeug«, meinte er, durchs Fenster auf die Straße warf, wo ich vorüberging. Meine Belehrung schlug er in den Wind. »Bring sie dem gütigen Feldherrn«, rief er, »ich mag nichts Überflüssiges tragen bei solcher Hitze!« – »Wir wollen sie für den Mann verwahren«, schloß Julian. »Nicht alle Theologen sind so uneigennützig.«

 

Allein noch war der Weg nach Ktesiphon nicht frei.

Etwa fünfzehn Wegstunden weiter stromabwärts erhob sich zum Schutz der Hauptstadt eine zweite Festung: Mazamalcha. Ebenfalls eine Doppelmauer von Ziegeln und Erdpech, ein tiefer Graben und sechzehn starke Türme verteidigten die Burg. Sie konnte nicht unbezwungen im Rücken bleiben, sollte Ktesiphon angegriffen werden. Julian übernahm selbst die Leitung der Belagerung, während er Jovian mit einer starken Schar aussandte, bis gegen Ktesiphon und den Tigris hinzustreben und Überraschung durch ein Entsatzheer zu verhüten.

Bei dem ersten Ritt, welchen der Feldherr unternahm, die äußerste Befestigungslinie zu erkunden, drohte ihm abermals – wie vorher auf dem Kriegsturm – haarscharf der Tod. Zwei vornehme Perser, die, aus Piri-Sabor entkommen, ihn kannten, hatten bei Ormuzd geschworen, ihr Leben zu opfern, diesen unaufhaltbaren Feind des Großkönigs zu erlegen. Wie nun der Imperator gespannt nach vorne spähte, die Höhe des Walles abschätzend, sprengten sie plötzlich aus der Pforte eines Seitenturmes mit geschwungenen Krummsäbeln auf ihn los. Beide Hiebe zugleich fing er geschickt mit dem runden Reiterschild und stieß mit dem Schwerte den einen Angreifer vom Roß, während der andere von Nevittas Speere fiel. »Dank dir, Freund!« sprach Julian, ihm die Hand reichend. »Seltsam, daß Zeus Soter zu meiner Errettung sich so gern der Germanen bedient!« Während nun in den nächsten Tagen scheinbar nur die Belagerungsmaschinen die Wälle bedrohten, ließ der Erfindungsreiche in den dunklen Nachtstunden einen Minengang graben. Serapio, Nevitta und Dagalaif erboten sich, das schwierige Werk zu übernehmen, und vollendeten es vortrefflich zum Staunen der Römer. »Nicht nur Bären, auch Maulwürfe können sie sein, diese Barbaren«, sprach Julian verwundert. Unter dem Festungsgraben durch war die Ziegelmauer dahinter erreicht und an einer schmalen Stelle durchbrochen worden. Serapio führte als der Vorderste die drei erlesenen Kohorten – fünfzehnhundert Mann –, die um Mitternacht, einer hinter dem andern, geräuschlos in die lange dunkle Röhre tauchten. Nicht ohne Bangen sah Julian ihre Helme im Schoß der Erde verschwinden, denn bei der raschen Arbeit hatten weder die Stützbalken noch die Luftlöcher überall in genügender Zahl angebracht werden können. Aber unverschüttet, unerstickt, unentdeckt gelangte die kühne Schar durch den engen Gang.

Schon spürte Serapio den Atem der freien Luft. Er arbeitete sich aus dem schmalen Loch empor; er stand in der Stadt, hinter dem Wall! Er berührte stumm seinen nächsten Hintermann, Voconius, dieser seinen Folger, und so ging es zurück bis zu dem Eingang der Mine.

Jetzt gab Julian, an der Außenmündung gespannt harrend, das Zeichen. Die Trompeten schmetterten rings um die Festung her, mit Fackeln brachen die Römer schreiend aus ihrem Lager, ein allgemeiner Sturm sollte mit seinem Lärm die Verteidiger ablenken von der wahren Gefahr. Mit stolzem Gleichmut sah der Befehlshaber der Feste, der Satrap Nabdates, von den Zinnen auf diesen verfrühten Sturmlauf herab; er steckte den krummen Säbel ein, ließ sich eine Lyra bringen und sang höhnend auf die Römer herab:

»Groß ist, groß ist Julianus,
Aller Mäuslein größte Maus!
Aber größer doch ist Sapor,
Aller weißen Elefanten
Weißester und heiligster.
Eher wird Julian, das Mäuslein,
Stürmen Ormuzds Sternenfeste,
Die sich hoch am Himmel hinwölbt,
Als den Wall von Mazamalcha.«

Es war sein letztes Wort. Denn im selben Augenblick hieb ihn Serapio nieder. Der war mit einem Teil der Seinen von der Straße in einen der leeren Türme gedrungen, deren Verteidiger alle auf der Mauer standen, leise die Schmaltreppe hinaufgeeilt und nun aus dem Turmtor auf den Wall gelangt. Zugleich hatte Voconius das nächste Stadttor von innen aufgestoßen und die Stürmer hereingerufen. Da war es aus mit Mazamalcha.

Die Feste ward der Erde gleichgemacht und sofort, aus den noch rauchenden Trümmern hinweg, riß der Unermüdliche sein Heer vorwärts nach Ktesiphon, dem so heißersehnten Ziel.

Wie der Imperator bei dem Aufbruch über die Brandstätte auf das Südtor zuritt, glaubte er, aus einem der halb verbrannten Häuser ein leises Wimmern zu vernehmen. Augenblicklich war er aus dem Sattel, schon stand er in dem vordersten Wohnraum des Häusleins. Da lag über den mit Asche bedeckten Herd hingestreckt ein schöner Knabe von etwa zehn Jahren, das Antlitz und die braunlockigen Haare von Rauch und Kohlen geschwärzt; er umfaßte mit beiden Armen die Trümmer des herabgestürzten Herdgottes. Julian richtete den Klagenden auf und sprach ihn auf persisch an. Aber der Knabe gab durch Zeichen zu verstehen, daß er stumm sei, nicht antworten könne. »Wo sind deine Eltern?« fragte der Imperator.

Weinend deutete das Kind: »Tot! Verschwunden!« – »Wie heißt du, Armer?« Da wandte sich der Kleine zu der von Asche bedeckten Herdplatte und schrieb auf diese mit dem Zeigefinger in lateinischer Sprache: »Infortunatus nannte mich Stummen die Mutter, eine gefangene Römerin.« – »Nun«, rief Julianus, freundlich über des Knaben Locken streichend: »Diesen traurigen Namen will ich nach Kräften widerlegen. Ihr Freunde«, sprach er zu den jetzt Eintretenden gewendet, »als meinen Anteil an der Beute von Mazamalcha verlange ich nur diesen armen Knaben. Komm, Infortunatus, gib mir die Hand. Du teilst fortab mein Zelt! Du sollst nicht ganz Infortunatus bleiben.«

 

Auf dem Wege nach der Hauptstadt des Perserreiches trafen die Vordringenden an den Ufern des Tigris eine Reihe jener mit jedem Reiz geschmückten Gärten – der »Paradiese« –, die dieses Volk mit altgepriesener Kunst anzulegen verstand. Bunte Blumenbeete, in allen Farben strahlend – die Teppichgärtnerei hat hier ihre Heimat –, Schattenhaine, plätschernde Springbrunnen überall. In besonderen Jagdgehegen des Großkönigs wurden Elefanten, Löwen, Tiger, Panther, Leoparden, Bären, Wildeber in Menge gehalten.

Julian ließ hier der Jagdlust seiner Germanen freien Lauf, und das »Kleeblatt« sowie Serapio erschienen am ersten Abend bei den Lagerfeuern, ganz unkenntlich in den Fellen der erlegten Ungetüme; der »Theologe« schwitzte unter der Last von zwei Löwenfellen, die er von dem Tigris an die Weser seinen beiden Buben mitzubringen bei Sassenot gelobte. Auch Julian erlegte dort – mit vier Lanzenwürfen – einen mächtigen Löwen, dessen Fell er fortab statt des Kriegsmantels über sein einfaches Lager – eine Schüttung Schilf – spreitete.

 

Der Feldherr wußte aus der Geschichte früherer Perserkriege, ja auch noch aus den Niederlagen seines Vorgängers, daß wiederholt die Pferde der römischen Reiterei vor dem Anblick, dem Trompeten – man sagte, auch vor dem Geruch – der Elefanten gescheut und in unaufhaltsamer Flucht das eigene Fußvolk niedergerannt hatten. Er beschloß, die Tiere an den Anblick und das Anhören jener Ungetüme zu gewöhnen, indem er selbst, seinen Reitern zum Vorbild, unermüdlich viele Dutzende von Pferden, trotz ihres heftigsten Sträubens, einigen erbeuteten und eingekauften Elefanten entgegenführte, nicht ohne wiederholt von den entsetzt Steigenden, sich Bäumenden, Davonrasenden abgeworfen zu werden. »Welche Beschäftigung für einen Philosophen!« lachte er, sich die schmerzenden Schenkel reibend. »Wie damals das Stangenspringen zu Vienne!«

»Seltsam geht er doch um mit seinen Göttern, der Pontifex Maximus«, sprach Serapio lachend zu Jovian. »Wieso?« – »Er hat für den letzten Sieg Ares zehn untadelige Stiere geopfert; einer riß sich los, ward mit Mühe eingefangen und erwies nun, wohl weil sich das arme Vieh – mit Recht! – lebhaft geärgert hatte, ungünstige Zeichen an Leber und Galle. Was tut der fromme Opferer? Ganz unwillig erklärt er Vater Zeus, er werde fortab dessen Sohn Ares nie mehr opfern! Er verklagt den Gott bei dem Vater! Das ist ganz ähnlich wie bei uns daheim ein Alemannenkönig ein Holzbild des Schwertgottes ins Feuer geworfen hat, als er, nach vielen Opfern um Sieg, gleichwohl geschlagen nach Hause kam. Aber jener Gaukönig Eburgrimm gab sich wenigstens nicht für einen Philosophen!«

 

Damals erfüllte der Name Julians die Perser mit solchem Schrecken, daß er von ihren Malern dargestellt wurde als ein rasender Löwe, aus dessen aufgerissenem Rachen ein allverzehrender Feuerstrom sprühte.

Aber diese seltsam gemischte Seele, dieser kriegerische Stürmer hatte doch gar nichts von einem reißenden Tier. Nicht einmal von einem begehrlichen Menschen! Drei Sommerpaläste des Großkönigs waren auf dem Wege von Mazamalcha nach Ktesiphon angetroffen worden. Aus dem ersten hatten die zahlreichen Weiber und Mädchen nicht mehr flüchten können, die hier die Frauenhäuser Sapors füllten. Dreißig von ihnen wurden gefangen. Lysias suchte Julian am Abend in seinem Zelt auf; er fand ihn, eine Schrift des Maximus auf den Knien. Aber er las nicht, sein Blick ruhte auf einer kleinen Zeichnung, die stellte ein zartes Frauenantlitz mit wunderbar feingeschnittenem Profile dar. Der Witwer hatte selbst diese Nachbildung der Büste zu Paris gefertigt.

»So schöne Beute«, begann Lysias, »hat wohl kaum ein Eroberer gemacht, seit deinem Vorbild Alexandras, hier, in denselben Landen. Ich habe im Leben nicht so reizvolle Mädchen gesehen als deine Braccati heute gefangen. Ich bin ein alter Mann, aber sogar mich durchzuckte der Anblick.« – »Ich hörte davon«, erwiderte Julian und seufzte. »Willst du sie nicht wenigstens einmal sehen?« fragte Lysias lauernd. »Nein. Wozu? Man soll sie schonen; sie sollen, wenn sie es wünschen, zu den Vestalinnen nach Circesium entlassen werden!« – »Du lebst so einsam! Entbehrst du denn nichts? Mit zweiunddreißig Jahren!« – »O ja. Rufe mir doch endlich – du hast es schon vor länger als einem Monat versprochen! – das Schattenbild dieser ... dieser da ... zurück! – Nur auf einen Augenblick!« – »Geduld, bald kommt die Zeit. Ich muß die Gegenstellung von Venus und Jupiter am Himmel abwarten!«

 

Alsbald rückte nun das Römerheer gegen die Hauptstadt Sapors heran, das »schätzereiche Ktesiphon«, die Winterresidenz der Sassaniden auf dem Nordufer des Tigris.

Sie war eine starke Festung, südlich durch den Strom, nördlich durch Sümpfe, östlich und westlich durch hohe, feste Mauern geschützt. Auf dem Südufer – gerade gegenüber – lag die Zwillingsstadt Seleukia, die alte Kolonie der Seleukiden, in der Sprache der Assyrer »Koche« genannt. Noch gar manches Hindernis aber trennte die Angreifer von ihren Zielen. Zunächst stieß das Landheer auf diese ebenfalls sehr starke Festung Koche, vor der es im Süden festgehalten war. Dann mußte es, um Ktesiphon auch von Norden wirksam einschließen zu können, den reißenden Tigris überschreiten, und endlich schien es geradezu unmöglich, die zur Beherrschung des Tigris unentbehrliche Flotte aus dem Euphrat, auf welchem sie herangeschwommen war, in jenen Strom zu schaffen. Denn der einzige Verbindungsweg zwischen beiden Flüssen, Nahar-Malcha, der »königliche Kanal«, zog unterhalb der Schwesterstädte. Und ganz undenkbar war es, die Flotte, unter dem Widerstand beider Festungen, den Tigris zu Berg zu schaffen; so konnten also Landheer und Flotte, durch die Schwesterburgen getrennt, einander nicht unterstützen. Ratlos standen Severus und die alten Berufssoldaten vor der Schwierigkeit. Aber das Philosöphlein fand Rat. Der Mystiker und Grübler ließ sich eines Nachts in dem Lager vor Koche, nach Verabschiedung des »ratlosen Kriegsrats«, wie er den Freunden lächelnd nachrief, von Oribasius, der jetzt auch die mitgeführten Bücher unter seiner Aufsicht hielt, die Geschichtsschreiber aussuchen, die den Feldzug seines großen Vorgängers Trajan wider die Perser behandelten. Er glaubte sich einer Angabe zu erinnern. »Richtig«, rief er nach langem mitternächtigem Suchen in Marius Maximus. »Nun werden wir die Leutchen da drüben erstaunen.« Am andern Morgen ließ er durch seine Reiter einige Bauern aus den Dörfern stromaufwärts aufgreifen und vorführen. Er hatte während dieser Monate so viel von der Landessprache gelernt, daß er sie selbst – ohne Dolmetsch – vernehmen konnte.

Reich beschenkt entließ er die Erschrockenen. »Es ist, wie ich gedacht. Nun an die Arbeit! – Das halbe Heer greift wieder zur Schaufel, die andere Hälfte steht in Waffen bereit.« Julian hatte sich richtig erinnert, daß Trajan bei seiner Belagerung von Ktesiphon einen Kanal vom Euphrat in den Tigris oberhalb der beiden Städte gezogen hatte. Dieser lag seit langem verschüttet und versandet, aber durch die Arbeit von dreißigtausend Händen, unter Julians unermüdlicher Anspornung und Mitwirkung, ward der Wasserlauf in wenigen Tagen wieder befahrbar gemacht. Und zum Entsetzen der Perser und Assyrer auf den Wällen der Festen rauschte die Römerflotte triumphierend auf dem erneuerten Kanal vom Euphrat in den hoch aufschäumenden Tigris. Julian stand in vollem Schmuck und Gewand des Imperators am Bugspriet der vordersten Triere und brachte, unter einem Hagel von Perserpfeilen, den beiden Stromgöttern einen Weiheguß aus goldener Schale dar, die er, von ihm selbst gedichtete griechische Verse sprechend, schließlich in die Fluten des Tigris warf.

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