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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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6. Das Amthaus

Mein Vater war für den größten Teil des Winters nach Weimar gegangen, um diese Stadt für eine Sammlung auszubeuten, die seine Werkstatt illustrierte. Er hatte nämlich seit Jahren den Aufenthalt namhafter Zeitgenossen in Dresden benutzt, um sie zu malen, und besaß bereits die lebensgroßen Brustbilder von Schubert, Werner, Rühle, Fernow, Böttiger, Lais, Morgenstern, Seume, Oehlenschläger und anderen.

Jetzt sollten die weimarischen Koryphäen die Sammlung krönen. Der treffliche Meister verlebte schöne Tage im kleinen Musenstädtchen an der Ilm und schrieb zufriedene Briefe. Goethe und Wieland saßen bereitwillig in eigener Person; die Bilder Schillers und Herders dagegen konnten, weil beide bereits das Zeitliche gesegnet, nur nach den Totenmasken, nach schon vorhandenen Bildern und nach der Beschreibung nächststehender Freunde gemalt werden, galten jedoch gleichfalls für sehr gelungen. Es waren vier herrliche, überaus charakteristische Gemälde, die der rückkehrende Meister seiner berühmten Sammlung einverleibte.

Inzwischen war gegen Ende der Abwesenheit meines Vaters die Mutter erkrankt, wahrscheinlich infolge verfrühten Wochenbettes. Wir Kinder erfuhren nur, daß sie unpaß sei und größte Schonung nötig habe; wenigstens verlangte der Arzt von uns, wir sollten da sein, als existierten wir nicht, und da das seine Schwierigkeiten hatte, so ward beschlossen, wenigstens mich und meinen Bruder einstweilen ganz aus dem Hause zu tun. Volkmanns, die allerdings das nächste Anrecht zu solcher Belästigung gehabt hätten, waren damals nicht vorhanden, indem sie einen vorübergehenden Aufenthalt in Leipzig machten, aber die Hofrätin Näke nahm uns gern in ihre Hütten auf.

An ihrer Hand zogen die kleinen Exulanten in dem altehrwürdigen Amthause auf der Pirnaischen Gasse ein, wo sie alles anders als zu Hause fanden, nämlich schlechter, wie sie meinten. Der Unterschied lag, abgesehen davon, daß das Amthaus nicht der Gottessegen und Näkes nicht unsere Eltern waren, vorzüglich in der Einrichtung. Meine Mutter bewohnte ihre besten Zimmer selbst, helle, luftige Räume mit einfarbigen Wänden, deren Schmuck sich auf wenige gute Bilder beschränkte. Nichts war bei uns verhangen, verschleiert oder verkramt – keine Vögel, keine Blumen, keine Gerüche und nichts, was bloß des Putzes wegen dagewesen wäre. Sehr einfach waren auch die Möbel, im rechtwinkligen Kastenstil der Zeit, den man griechisch nannte und der mich ganz befriedigte.

Anders war es im Amthaus. Die heiteren, nach der Straße gelegenen Räume der schönen Wohnung wurden nicht bewohnt und schienen nur ihrer selbst wegen da zu sein. Es waren glänzende Putzgemächer, zu schade zum Gebrauch. Die Familie beschränkte sich vielmehr auf einige enge Zimmer, die nach dem düstern, von hohen Gebäuden umstellten Hofe sahen, dessen Ödigkeit sich durch das eintönige Plätschern eines Röhrbrunnens noch bemerklicher machte. Die Fenster gaben daher nur wenig Licht, das überdem noch durch bunte Gardinen gebrochen war. Die gedrängten Möbel, im Zopfstil phantastisch gespreizt und ausgeschweift, waren mit Porzellan, mit Muscheln und allerlei unnützen Nichtswürdigkeiten besetzt. Auf den Fensterbrettern standen Balsaminen, Geranien und Nelken; gelangweilte Goldfische in gläsernen Kugeln zierten die Spiegeltische, abwechselnd mit Potpourris, welche die Zimmeratmosphäre mit starken Gerüchen füllten. Das Hauptstück aber und die Krone aller Langweiligkeit war ein Vogelbauer von Golddraht, dessen Insasse, ein alter Dompfaffe, unablässig den Anfang des Dessauer Marsches pfiff.

Fremdartiges widersteht anfänglich. Doch gewöhnten wir uns bald nach Kinderweise und wurden heimisch bei den guten Menschen, die es sich angelegen sein ließen, uns den Aufenthalt in ihrem Hause so angenehm zu machen, als sie konnten. Jeden einzelnen von ihnen, besonders den alten Vater und die drei Söhne, schloß ich ins Herz und freute mich der heiteren Unterhaltungen am Mittagstische, der die ganze Familie zu vereinen pflegte.

Die Gegenstände des Gesprächs sind fast in jedem Hause andere. Bei uns zum Beispiel war vom Essen nie die Rede. Meine Mutter hatte dafür entweder selbst wenig Sinn oder wollte ihn in uns nicht wecken. Was sie für leicht verdaulich hielt, das schmeckte ihr und mußte uns am besten schmecken, und da in dieser Hinsicht nichts über unschmackhafte Speisen geht, so wurden diese für gewöhnlich vorgezogen. Mein guter Vater hatte zwar seine Vorurteile für Spargel, für Blumenkohl und Krebse, die stillschweigend berücksichtigt wurden; sonst aß er stillschweigend auch alles andere.

Bei Näkes dagegen war das Essen nichts weniger als ein verschwiegenes Kapitel und wurde stets zum Gegenstand lebhafter Unterhaltung. Jedweder hatte da nicht nur sein Lieblingsessen, womit er der Reihe nach bedacht ward, sondern an Fisch und Braten sogar sein Lieblingsstückchen, um das daher kein Streit sein konnte. Die allgemeine Leidenschaft war zarter Karpfen aus den Moritzburger Teichen, eine Schüssel, bei deren Erscheinen die allgemeine Stimmung augenblicklich in Fisch-Moll überging. Ein jeder wußte dann sein Kopf-, Schwanz- oder Mittelstückchen fast mit Rührung zu verspeisen und so herauszustreichen, daß man glauben konnte, es sei die Rede von ganz verschiedenen Gerichten. Uns Kindern legte man, wahrscheinlich wegen der Gräten, bloß Milch und Rogen vor, uns einredend, daß diese wohlschmeckendsten Teile nur Gästen verabfolgt würden. Auch mundeten mir besagte Eingeweide ganz vortrefflich, nur daß ich mich des unverdienten Vorzugs schämte.

Es waren heitere Mittage im Kreise dieser freundlichen Menschen, die es so wohl verstanden, Kleines groß zu machen, ja, wenn nichts anderes dagewesen wäre, ein Butterbrot zum lukullischen Mahle geadelt hätten. Man würde dann nur gestritten haben, ob Rinde oder Krume, dick oder dünn gestrichene Butter den Preis verdiene.

Dieser Fähigkeit der Illusionen, die sich keineswegs nur auf Speisen beschränkte, verdankte die Familie viele gute Stunden, sowie freilich, namentlich in späteren Jahren, auch manchen Schmerz, welcher mitunter ebensowenig begründet sein mochte als die Vorzüglichkeit eines Fischkopfes vor dem Schwanzstück. Damals aber war es ein glückliches Zusammenleben: zwei Töchter und drei erwachsene Söhne von verschiedenem Berufe, alle wohlbegabt und geistvoll, mit den Eltern unter einem Dach, mittags und abends ihre Erlebnisse gegenseitig austauschend.

Besonders liebenswert erschien der Hausvater selbst, wenn er mit seinem gepuderten Kopf, in Kniehosen und Schnallenschuhen aus den Geschäftslokalen unter die Seinigen trat. Redlichkeit und Güte leuchteten aus seinen grauen Augen, sein anspruchsloses Wesen legte keinerlei Zwang auf, und immer stimmte er gern in die gute Laune seiner Kinder ein. Auch gegen uns, die fremden Kinder, die ihre Füße unter seinen Tisch hingen, war er gleichmäßig gut. Bisweilen nahm er uns sogar, vielleicht aus Erbarmen gegen seine Frau, mit sich in sein Arbeitszimmer und duldete unsere lauten Spiele, während er amtliche Erlasse las und unterzeichnete. Die Akten standen da zu Schanzen aufgetürmt. Dahinter versteckte ich meinen Bruder, und wenn ich dann klagte, daß er verloren sei, und der Alte ihn fruchtlos rief und suchte, bis er laut lachend aus seinem Versteck hervorbrach, konnte der würdige Mann so erstaunt aussehen, daß wir immer glaubten, ihn getäuscht zu haben.

Um in jenes abgelegene Arbeitszimmer zu gelangen, hatte man einen winkligen Korridor zu passieren, der zum ausschließlichen Gebrauch der Amtsfamilie eine Nebenverbindung unter den verschiedenen Teilen des labyrinthischen Gebäudes herstellte und dessen mysteriöses Dunkel uns Kindern je nach der Tageszeit mehr oder minder Bangigkeit einflößte. Man hatte uns nämlich davon in Kenntnis gesetzt, daß dort der Niemand hause, dem alle schon begegnet sein wollten.

Nun wäre ich möglicherweise alt genug gewesen, um mich nicht vor niemandem zu fürchten, wenn nicht das Wesen der Gespensterfurcht gerade in der Furcht vor nichts bestände. Man scheut sich, etwas wahrzunehmen, was nicht da ist, und wird sogleich beruhigt, sobald man sich nur überzeugt, daß wirklich etwas da ist. Indem ich nun den Bruder zu fürchten machte, fürchtete ich mich selbst am meisten, und wir spielten gewissermaßen mit der Gefahr, wenn wir uns des Abends damit amüsierten, so lange aus der halbgeöffneten Tür in jenen dunkeln Gang zu blicken und den Niemand anzuschreien, bis uns das Entsetzen überkam und wir die Türe eilig zuschlugen.

Diese Unterhaltung mochte der Mutter Näke wegen einströmender Kälte und des Lärmes, den wir machten, wenig zusagen. Sie gebot uns deshalb häufig Ruhe, hatte sich neuerdings sogar bis zu der Drohung verstiegen, wenn wir bei ihr nicht guttun wollten, uns gänzlich wegzutun, etwa zu Mamsell Claß; dennoch vergaßen wir uns fort und fort und fingen, der Bilderbücher und des Stillsitzens überdrüssig, immer wieder an zu wildern und die Neckereien mit dem Niemand fortzusetzen.

Eines schönen Abends nun, da das Gruseln nicht recht gelingen wollte, trieb ich den Vorwitz so weit, das Zimmer zu verlassen und den unheimlichen Korridor entlang zu wandeln, als wäre das ein Kinderspiel. So recht in der Verfassung, dem Niemand zu begegnen, schritt ich leichtsinnig fürbaß, während mein Bruder mir in vorgebeugter Stellung mit an die Knie gestemmten Händen nachsah, jeden Augenblick bereit, laut aufzubrüllen.

Unweit der Stubentüre machte der Gang ein Knie, von welchem der Schein einer entfernten Lampe sichtbar wurde, die vor dem Arbeitszimmer des Oberamtmanns brannte. Da! – wahrhaftig, da war etwas! Ich unterschied ganz deutlich eine kleine, verteufelte Gestalt, die mir entgegenhuschte. Ich prallte zurück, und, meinen Bruder über den Haufen werfend, stürzte ich ins Zimmer. Der Kleine entwischte schreiend auf allen vieren, während die Hofrätin Näke ihre Brille abnahm und ernstlich scheltend von ihrer Arbeit aufstand. Gleichzeitig war aber auch der Niemand eingedrungen.

Da löste sich der Zauber, denn, bei Licht besehen, war dieser Niemand niemand anders als Mamsell Claß, die ich seit meinem Abenteuer in der Mädchenschule hier zum ersten Male wiedersah. Sie mochte beim Oberamtmann ein Geschäft gehabt und dann, vertraut mit der Gelegenheit des Hauses, jenen Gang benutzt haben, um die befreundete Familie zu besuchen. Daß mir's ganz wohl bei dieser Verwandlung gewesen wäre, kann ich nicht sagen, da es der Mutter Näke jetzt leicht einfallen konnte, ihre Drohung wahrzumachen. Indes, es schien ihr dies doch nicht einzufallen, und alles löste sich in Wohlgefallen auf, bis auf den Umstand, daß Mamsell Claß mich auf den Schoß riß und mich küssen wollte – Strafe genug für meine Unart.

Beim Abendessen traf mich freilich der Spott der Tischgenossen; aber der Hausvater nahm mich in Schutz. Er mochte sich erinnern, daß auch er in früheren Zeiten vor Frauenzimmern geflüchtet war, und es verzeihlich finden, daß ich ein Weib für ein Gespenst gehalten.

Wie lange wir bei Näkes hausten, hab' ich vergessen: den Eindrücken nach, die mir geblieben, ein halbes Jahr; in Wahrheit vielleicht nicht länger als acht Tage; aber die Erinnerung weilt mit dankbarer Liebe und mit Wehmut bei diesen guten Menschen, deren glückliches Familienleben nur zu schnell zu Ende ging. Die Engel des Hauses, die beiden Eltern, starben bald nach jener Zeit kurz hintereinander, das alte trauliche Amthaus, da man so heimisch gewesen, mußte verlassen werden, und die Wege der Geschwister gingen auseinander. Sie waren sämtlich liebenswerte Menschen, die Söhne ausgezeichnet und geachtet in ihrem Beruf, die Töchter jeder Teilnahme der Freunde gewiß; dennoch begann sich mehr oder weniger in ihnen allen ein Gefühl des nicht Zugehörigen und Fremdseins zu entwickeln, das sie vereinsamte und je mehr und mehr von anderen Menschen isolierte. Unverheiratet blieben sie alle und sind nun schon seit einer langen Reihe von Jahren aus einem Leben geschieden, das seinen Glanz für sie verloren hatte.

Das Krankenzimmer

Die Trennung von der Mutter war uns durch Besuche, die wir bisweilen an der Hand der Pflegerinnen machen durften, erleichtert worden. Dennoch zogen wir, als sie genesen, mit Befriedigung wieder in unser altes Nest ein. Auch kam der Vater nun zurück, und unser Leben, das so lange aus dem Geleis gewichen, hätte sich wieder regeln mögen, wenn nicht neue Störung eingetreten wäre.

In Dresden gingen die Spitzblattern um, und wir drei Geschwister erkrankten gleichzeitig daran. Das war nun keine sonderliche Freude, doch hatten gerade wir Patienten die wenigste Unbequemlichkeit davon. Es ging uns in der Tat nichts ab; unsere kleinen Betten, gegen das Herausfallen mit Geländer versehen, standen gesellig nebeneinander in einem freundlichen, mit unterhaltenden Bildern versehenen Zimmer. Die pflegende Mutter war immer bei uns, der Vater ab und zu, und während das Schwesterchen mit seinen eigenen Händen spielte oder an der von Weimar mitgebrachten Kinderklapper kaute, besahen wir andern die vom Vater mit großer Munifizenz gespendeten Kupferwerke, schnitten Papierfiguren aus und kneteten allerlei Blumen und Gestalten aus buntem Wachs, mit denen wir die Ränder unserer Bettstellen beklebten. Unter solchen Umständen läßt sich's schon krank sein, und ich hätte auch heute nichts dagegen, wenn Spitzblattern das einzige Übel wären, was den Menschenleib betreffen könnte.

Die angenehmste Erinnerung aus jener Krankheitsperiode knüpft sich an die Abendstunden, wenn die Rouleaus herabgelassen, die Lichter angezündet waren und die Schwester schlief. Dann fand die Mutter Ruhe, sich mit ihrem Strickstrumpf zwischen uns zu setzen, und wir plauderten von allem, was uns einfiel. Am liebsten war's uns, wenn die Mutter was erzählte, namentlich von ihrer fernen Heimat, die wir auch als die unsrige betrachteten, von jenem abgelegenen Küstenlande mit seinen dunkeln Wäldern und schimmernden Wiesenflächen, mit seinen frischen Quellen und ewigen Morästen, durchirrt von Elentieren, Bären, Wölfen, wo auch die Großeltern hausten und zahlreiche liebe Verwandte unser dachten, und wohin wir selbst auch bald zurück sollten.

Die wilden Bestien waren jedoch das beste, und namentlich wußte meine Mutter von Wölfen sehr effektvoll zu berichten. Ob sie auch Kinder fräßen, fragten wir, und es erfolgte nachstehende wahre oder doch aus wahren Umständen zusammengesetzte Geschichte, denn mit Märchen ließ die Erzählerin sich nie ein.

«Es war einmal ein kleiner Junge, der war vier Jahre alt und hieß Inrik. Seine Eltern waren Bauersleute und wohnten in einem abgelegenen Walddorf. Der Inrik war aber nicht so angezogen wie die Lotzdorfer Bauernjungen; er hatte nichts am Leibe als ein kurzes Hemd von grober Leinwand.

Nun traf sich's, daß die Mutter Piroggen gebacken hatte – das sind kleine runde oder viereckige Kuchen von Brotteig, gefüllt mit Sauerkraut oder auch mit Möhrenbrei, wie sie die Leute dort zu Lande lieben. Von diesen Piroggen band die Mutter welche in ein Tuch, gab es dem kleinen Inrik in die Hand und sagte: ‹Geh, bring's dem Vater auf das Feld; aber eile dich, damit er's warm kriegt!›

Der Kleine faßte den Knoten des Tuches fest und sprang wohlgemut in seinem Hemdchen davon. Er mußte aber durch einen großen Wald laufen, wo viele Erdbeeren standen; doch weil ihm die Mutter gesagt hatte, daß er sich eilen sollte, so rührte er keine an und kam bald zu seinem Vater. Der ruhte im Schatten am Rande des Waldes, an den sein Feld stieß. Er ruhte von der Arbeit und wollte eben sein Vesperbrot, die mitgebrachte saure Milch, verzehren, als Inrik bei ihm anlangte. Da freute sich der Vater über den Kleinen und über die Piroggen, ließ ihn neben sich niedersetzen und gab ihm auch davon.»

«Das war eine hübsche Geschichte», sagte mein Bruder, und er wollte auch Perücken essen. Aber die Mutter bedeutete ihm, die Geschichte sei ja noch nicht zu Ende, und erzählte weiter.

«Als nun die Feldarbeit wieder anging, machte sich der Inrik auf den Rückweg, und da er keine Eile hatte, pflückte er von den schönen roten Erdbeeren, die am Wege standen. Die schmeckten ihm so süß und immer süßer, je mehr er davon aß, daß er endlich an nichts anderes dachte als an die Erdbeeren und, je nachdem sie wuchsen, immer tiefer in den Wald lief. Da er nun satt war, pflückte er auch noch ein Sträußchen für die Mutter und wollte dann zurückgehen auf den Weg. Aber er hatte die Richtung verfehlt und geriet in dichtes Gestrüpp, aus dem er sich nicht wieder herausfinden konnte. Da wurde er ängstlich und irrte mit seinem Erdbeersträußchen kreuz und quer und stundenlang umher, bis seine kleinen nackten Füßchen von Dornen zerrissen und er so müde war, daß er nicht weiter konnte. So setzte er sich denn weinend unter eine alte Fichte, und traurig und erschöpft, wie er war, sangen ihn die Drosseln bald in Schlaf.

Er hatte sich nur etwas ausruhen wollen und dann weitergehen; aber er schlief so fest und lange, daß, als er endlich erwachte, der Nachtwind bereits die Wipfel der Birken wiegte. Da fing der arme Junge bitterlich zu weinen an und rief laut nach seiner Mutter, die ihn freilich nicht hören konnte. Aber ein Paar schärfere Ohren hörten ihn.

Es war ein Morast in der Nähe, in dessen Mitte eine alte Wölfin auf dem Lager lag. Die hörte den Hilferuf des kleinen Inrik, streifte ihre Jungen von sich ab, erhob sich und zog leichten Schrittes mit hohlem Leibe über den bruchigen Boden hin. Plötzlich fühlte der jammernde Knabe sich von einer kräftigen Tatze zu Boden gestreckt und war fast des Todes, als er die glühenden Augen des Raubtieres dicht an den seinigen erblickte. Die Wölfin beschnoperte den Knaben, der in seiner Angst still wie ein Toter dalag. Dann faßte sie ihn mit scharfen Zähnen bei seinem Hemdchen und trat den Rückzug mit ihm an.

Eilig ging's nun fort über Stock und Block, durch dick und dünn. Halb trug die Wölfin den geraubten Knaben, halb trieb sie ihn durch Peitschen mit ihrem dicken Schwanze zum Selberlaufen an. Endlich legte sie ihn zwischen drei kleinen Wölfen mit breiten Köpfen und kurzen Schwänzen auf ihr Lager nieder und leckte seine Füße, während die Kleinen mit ausgelassener Freude kreuz und quer über ihn wegkrochen. Wahrscheinlich sollten sie noch etwas mit ihm spielen, ehe er gefressen würde, aber Inrik hatte dazu wenig Lust, kaum wußte er, was mit ihm vorging.

Da knackte es in den dürren Ästen, die auf dem Morast zerstreut umherlagen, die Wölfin spitzte die Ohren, fuhr auf und schoß einem großen, schwarzen Hund entgegen. Unter Geheul und Bellen entspann sich nun ein fürchterlicher Kampf; Hund und Wolf hatten sich gegenseitig gepackt, rissen sich nieder und wälzten sich blutend im Moraste, daß das Gewässer hoch aufspritzte. Indem wurden Männerstimmen laut, und Bauern mit Äxten eilten herbei.

Inriks Vater war, geängstet über das Verschwinden seines Kindes, mit Nachbarn und Hunden ausgezogen und hatte schon seit Stunden den Wald durchsucht. Jetzt allen übrigen voran, schlug er den Wolf tot.

‹Der muß hier sein Nest haben›, sagten die Männer und begaben sich ans Suchen. Da fand man das halbnackte Kind mit seinem Erdbeersträußchen in der Hand wie tot unter den kleinen Wölfen, die ihre dicken Köpfe ängstlich ineinander geschoben hatten. Der Vater riß sein Söhnchen an sich, schloß ihn ans Herz und fing laut an zu jammern, denn er dachte, daß er tot wäre. Aber Inrik schlug bald die Augen auf, klammerte seine Ärmchen um den Hals des Vaters und sagte weiter nichts als: ‹Ein großer Hund hat Inrik gebissen!› Die jungen Wölfe aber verkaufte man dem Gutsherrn, der seine Freude daran hatte und sie als Kettenhunde groß zog.»

Bei der zweiten Hälfte dieser Erzählung war auch mein Vater eingetreten und hatte sich, die Hände auf dem Rücken, vor dem Kachelofen aufgepflanzt. Jetzt sagte er, er könne vor dem Inrik keinen rechten Respekt haben. Ein Junge, und ganze vier Jahre alt, sollte sich was schämen! Wäre er keck aufgesprungen und hätte den Wolf mit einem fürchterlichen Blicke angesehen, so würde der sich bald aus dem Staube gemacht haben.

Die Mutter bezweifelte, daß der Wolf sich daran gekehrt haben würde; aber der Vater blieb bei seiner Meinung. «Der kleinste Mensch», sagte er, «kann Wunder tun, wenn er nur den Mut dazu hat. Hätte der Wolf ihn aber doch gefressen, so wäre er wenigstens mit Ehren umgekommen.»

Mit dieser Spitzblattergeschichte schließt die Periode der ersten ungeschulten Maitage meiner Jugend ab, und das Kennzeichen des Knabenalters, die Plage regelmäßigen Unterrichtes in dem, was niemand zu wissen begehrt, in den abstrakten Formen der ersten Elemente, ließ mich fortan einen leisen Vorgeschmack vom Ernst des Lebens gewinnen.

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