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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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4. Die Mutter

Meine geliebte Mutter, von welcher Wetzel sagte, sie müsse weniger Helene heißen als vielmehr Laterne, weil sie durchsichtig und leuchtend sei, war damals noch gesund und jugendlich. Ich erinnere mich ihrer aus jener Zeit als einer jungen, sehr wohlgebildeten Frau mit edeln Gesichtszügen, hellen, geistvollen Augen und einer großen Fülle des schönsten blonden Haares. Ihre Gestalt war von mittlerer Größe und proportioniert, ihr Wesen und Benehmen einfach und wahrhaftig, ihr Urteil treffend. Sie hatte eine sorgfältige Erziehung genossen, war ungewöhnlich kenntnisreich, und ihre vielseitige Bildung befähigte sie, nicht nur die guten Vorzüge einer guten Gesellschaft zu würdigen, sondern auch das Gespräch der ausgezeichneten Männer, die ihr Haus besuchten, anzuregen und zu beleben.

Letzteres geschah indessen mit so viel weiblicher Zurückhaltung, daß die wenigsten ihrer Gäste die ganze Fülle ihres geistigen Reichtums ahnen mochten; und von ihrer hohen künstlerischen Begabung, deren sie sich als einer vorzugsweise männlichen Eigenschaft fast schämte, wußten kaum die allernächsten Freunde. Ihre schönen Sepiabilder, die sie noch als Mädchen zu eigener Lust und meist nach eigenen Ideen ausgeführt, schmückten die Wände der Schlaf- und Kinderzimmer, die nur von Hausgenossen betreten wurden, und ihre Harfe wie ihr Flügel tönten nur vor Mann und Kindern.

Diese liebe Mutter strebte nach keiner anderen Ehre als der einer guten Frau und Mutter. Mit ihren Kindern beschäftigte sie sich treu und unablässig und war gewissenhaft bemüht, nichts zu versäumen, was zu unserer Menschenbildung dienlich schien. Aus diesem Grunde studierte sie auch fleißig die gepriesensten pädagogischen Werke ihrer Zeit, aus denen sie freilich wenig Nutzen ziehen mochte; denn eine halbwegs gescheite Mutter weiß schon allein, wie sie ihre Kinder zieht – wo nicht, so lernt sie schwerlich, weder von Campe noch von Pestalozzi. Sie mochte vielmehr von dieser unerquicklichen Lektüre den Nachteil einer fast krankhaften Steigerung ihrer ohnedem schon allzu regen Sorglichkeit haben, denn sie lernte alle erdenklichen Jugendfeinde des Leibes und der Seele kennen, eine Legion unablässig anstürmender Teufel, vor denen ihre Kinder zu bewahren die Kraft der besten Mutter doch nie ganz ausreicht.

Was sie indessen konnte, tat sie mit Treue. Sie lehrte uns die Hände falten und beten, leitete uns zu gewissenhaftester Wahrheitsliebe an, belog uns nie, auch nicht im Scherz und Spiele, und ließ uns ganz besonders niemals müßig gehen. Den Reiz des Spieles zu schärfen, mußten wir von frühester Kindheit an sogar schon arbeiten, das heißt täglich einige Stunden mit sogenannten nützlichen Beschäftigungen, nämlich mit Garnwickeln, Schnurenmachen, Läppchenzupfen und dergleichen üblen Dingen hinbringen. Und hier erinnere ich mich mit ganz besonderem Vergnügen noch einer allerliebsten, von meinem Großvater selbst verfertigten Phiole aus Elfenbein, durch die das Garn, damit es nicht beschmutzt werde, beim Wickeln durchlief und deren ich mich zur Belohnung für besondere Artigkeit bedienen durfte, da in der Regel nur eine buchsbaumene verabfolgt wurde.

Diese nützlichen Beschäftigungen nahmen natürlich, je nach dem Grade unserer geistigen Entwickelung, auch einen geistigeren Charakter an. Die Mutter lehrte mich nach der Lautiermethode lesen, und ehe ich das fünfte Jahr erreicht hatte, konnte ich meinen Vater an seinem Geburtstage bereits mit Vorlesung einer Gellertschen Ode überraschen. Desgleichen wurden Schreibübungen beliebt, gezählt, gerechnet und ein kleiner Anfang in der Geographie gemacht.

Hatte ich dann das Meinige getan und die Mutter war zufrieden, so ging sie etwa mit mir an jenen Schrank, der so viel Köstliches enthielt, und langte dies und jenes daraus hervor; am besten ihren schönen englischen Farbenkasten, der das Aussehen eines Buches hatte und die saubersten Utensilien enthielt, elfenbeinerne Palette, silberne Zirkel, Parallellineal, Maßstab und eine Auswahl der appetitlichsten Farben. Von letzteren rieb die Mutter mir das Nötige auf die Palette, während ich mich an sie drängte und mit Lust den Rundlauf der Farbenstückchen auf dem weißen Elfenbein verfolgte. Dann zeichnete sie mit leichter Hand ein Tier, einen Soldaten, eine Landschaft und überließ die Farbengebung mir. Oh, wie entzückte mich namentlich das Gummi-Gutti, schon beim Aufreiben und vollends beim Gebrauch: ich wandte es übermäßig an und erfuhr die tadelnde Kritik der Mutter, die in allem Maß gehalten wissen wollte.

In ihrem Wesen blieb meine Mutter sich immer gleich. Es lag nicht in ihrer Natur, die Zärtlichkeit zu zeigen, die sie im Herzen trug, sie tändelte nie mit mir und ließ mir keine Unart durch; aber sie erschreckte mich auch nie durch Launen und Heftigkeit und gab mir das Bewußtsein, daß niemand in der Welt mich lieber habe als sie. Zum höchsten Lohn für außerordentliche Tugend durfte ich einen Kuß auf die Stirn von ihr erwarten, und dieser war denn auch von so durchgreifender Wirkung, daß mein Vater es mir gleich anzusehen pflegte, wenn er ins Zimmer trat.

Nur selten strafte meine Mutter, suchte mich aber immer zur Einsicht meines Unrechts zu bringen und war ein so geschickter Bußprediger, daß ich mich stets beschämt und ganz geneigt fand, Abbitte zu tun. Für dies Verfahren danke ich ihr noch heute, denn es lehrte mich jene Reste im Gewissen tilgen, die der Offenheit des Charakters so schädlich werden können. Mußte ein Vergehen ernstlicher gesühnt werden, so wurde ich auf ein Stündchen oder darüber an ein Tisch- oder Stuhlbein angekettet, zwar nur mit einem Zwirnsfaden, den ich aber nimmer zu zerreißen wagte, so groß war der Respekt vor meiner Mutter; und selbst dann löste diese solche Fessel nicht, wenn mittlerweile Besuch eintrat. Oder auch sie band mir nach Maßgabe des Vergehens ein Paar lange, aus steifem Notenpapier gefertigte Eselsohren um den Kopf, welche ich auch während des Mittags- und Abendtisches umbehalten mußte.

Kam mein guter Vater dann zum Essen, so sah er mir freilich diese Midasohren noch mit leichterer Mühe als jenen Stirnkuß an und wußte dann seinen edeln Gesichtszügen einen so bekümmerten Ausdruck zu geben, daß es mir immer durch die Seele ging. Namentlich einmal, als er wegen Zahnweh mit verbundenem Kopf erschien, rührte mich jener Ausdruck bis zu Tränen. Der arme Vater! er hatte Schmerzen und mußte obendrein an seinem Sohne solche Schmach erleben. Ich konnte keinen Bissen essen, obgleich es Dampfnudeln nach echtem bayrischem Rezept gab; aber meine Mutter ließ die Ohren sitzen.

Ich falle unter die Mädchen

Geschlagen ward ich nur für gröbliche Widersetzlichkeiten. Doch mochte dies einmal, wenn wirklich die Sache so zusammenhing, wie ich mich ihrer erinnere, ziemlich unzweckmäßig geschehen sein, denn gerade mittels dieser Strafe setzte ich meinen Willen durch.

Aus mir gänzlich unbekannten Gründen hielt es meine Mutter für geraten, mich etwa in meinem fünften Jahre eine öffentliche Schule besuchen zu lassen, und sonderbarerweise zwar eine Mädchenschule. Möglich, daß die genaue Kenntnis von den Lastern kleiner Knaben, die sie aus ihrer Erziehungslektüre schöpfte, diesen sonst so unerklärlichen Gedanken erzeugt hatte; kurz, die Sache war fest beschlossen. Ich wurde weiter nicht befragt und wußte überhaupt nicht recht, was bevorstand, als meine Mutter mir eines schönen Morgens ein wohleingewickeltes Butterbrot mit Gewalt in die zu enge Hosentasche bohrte, mich bei der Hand nahm und mit mir abzog. Sie konnte sich ja auf mich verlassen, da ich wahrscheinlich der gehorsamste Knabe war, der damals in Dresden existierte.

Jene Schule oder Privatanstalt befand sich auf der Seegasse in einem hohen, düsteren Hause und in den Händen einer gewissen Mamsell Claß, die, mit der Hofrätin Näke sehr befreundet, von dieser als geeignete Persönlichkeit empfohlen war. Schon auf der Treppe, die nach Dresdner Art stockdunkel und unsäglich stinkend war, wurde mir das Ding bedenklich, und ich schlug vergeblich vor, ob wir nicht lieber umkehren und in unser schönes helles Haus in der Vorstadt zurückgehen wollten. Als wir nun aber erst in die Zimmer traten und ich die vielen Mädchen sah, die gleich ihrer Lehrerin sämtlich Titusköpfe hatten und mich mit den Augen fast verschlangen, wurde es mir gelb und grün und jämmerlich ums Herz, und ich bat die Mutter flehentlich, mich wieder mitzunehmen. Mamsell Claß nahm mich indessen in die Arme, herzte mich, sprach mir auf sächsisch zu, und währenddessen war meine Mutter weg.

Worauf es nun bei dieser Sache eigentlich abgesehen war, kann ich nicht sagen, genug, die Lehrerin gab mir Spielsachen, und während ich an einem Seitentischchen, meine Tränen verschluckend, einen kleinen Meierhof aufbaute, setzte jene ihren Unterricht mit den Mädchen fort. So weit ging alles leidlich; ich nahm die Sachen, wie sie waren, schickte mich in die Zeit und wurde endlich so vertraut mit meiner Lage, daß ich sogar den Versuch machte, mein Butterbrot hervorzuziehen, was jedoch nicht gelang. In der Freiviertelstunde aber, als Mamsell Claß uns auf kurze Zeit verließ, drangen die kleinen Mädchen mit ihren Pudelköpfen lachend und kreischend auf mich ein, ja, sie fielen recht eigentlich über mich her wie Bacchantinnen über einen Orpheus, rissen sich um mich, und wer mich erwischen konnte, liebkoste mich und küßte mich. Ich spreizte meine Glieder wie ein Mistkäfer, den man in hohler Hand hält, hieb und stieß mit allen vieren um mich, bis die Lehrerin wieder eintrat und der Greuel sich legte.

Man mag hieraus ersehen, daß ich eben noch ein dummer Junge war, ein Idiot, ohne jede Würdigung der großen Güte, die man mir erzeigte, denn ohne Zweifel waren alle diese Mädchen von sehr mütterlichen Gefühlen gegen mich erfüllt. Vergessen habe ich sie freilich nicht; sie hinterließen mir einen so unauslöschlichen Eindruck, daß ich die Physiognomien von mehreren der kleinen Plagegeister noch heute im Gedächtnis habe.

Als mich nun meine Mutter am anderen Morgen wieder in diesen Türkenhimmel versetzen wollte, erklärte ich sehr entschieden, daß ich nicht wolle. Die Mutter redete mir freundlich und mit den überzeugendsten Gründen zu, dann auf sehr ernste Weise und befahl mir schließlich, ihr zu folgen: ich blieb bei meinem Satze. Endlich, bestürzt über so unerhörte Renitenz, führte sie ihre Kerntruppen ins Feuer und fragte mich, was ich lieber wolle, ein Produkt Ruten – wie sie sich ausdrückte – oder in die Schule gehen. Und damit hatte sie das Spiel verloren. Ein Blick im Geiste auf die vielen Mädchen und ihre Zärtlichkeiten ließ mich nicht schwanken – ich wählte das «Produkt». Das mochte zwar gehörig «anziehen» – wie man in Dresden sagt – ja, ich erinnere mich, daß es sogar über Erwarten anzog, doch aber konnte es im Vergleich zu jenem mir so überaus widerwärtigen Mädchenzwinger nicht in Betracht kommen. Ich war nun frei, und meine Mutter stellte mir nie wieder dergleichen Alternative.

Ein Blick auf den Vater

Mein Vater war das gerade Gegenteil von seiner Frau, schon nach der äußeren Erscheinung. Zwar waren sie beide, was man schöne Leute nennt; aber wie die Mutter durchweg den Norden repräsentierte, so er den Süden, denn er war brünett mit schwarzem Haar, mit feurigen, sehr dunkelbraunen Augen, und sein schmales, geistvolles Gesicht erinnerte an Spanien.

Der innere Unterschied war dem entsprechend. Die liebe Mutter, zwar unausgesetzt tätig und mit einem Herzen voll warmer Menschenliebe, war dennoch eine verwaltend kontemplative und kritische Natur, überall ihr Richtmaß anlegend, an sich selbst, an andere und vorzugsweise an ihre Kinder. Der durchweg produktive und wenig wählerische Vater konnte dagegen über eigenem Schaffen die Schattenseiten an Menschen und Dingen leichter übersehen und war in der Regel mit jedermann zufrieden, der ihm nicht gerade auf die Füße trat. So übersah er denn auch meist die Sünden seiner kleinen Kinder und zeigte wenig Neigung, die Abnormitäten unseres Verhaltens ernstlich nach Grund und Folgen zu beachten. Zwar wenn er sich belästigt fühlte, fuhr er wohl einmal dazwischen, doch weniger, um uns zu fördern, als sich selber Ruhe zu verschaffen. Im allgemeinen schien er unsere Ausschreitungen mehr von der lächerlichen Seite aufzufassen, und es mag seinem harmlosen, für das Komische äußerst empfänglichen Sinn oft bitterböse angekommen sein, bloß aus Gefälligkeit für meine Mutter jenes bekümmerte Gesicht zu erzwingen, dessen ich oben gedacht habe. Indessen hatten wir Kinder doch einen heiligen Respekt vor ihm, hüteten uns, ihn zu erzürnen, und gehorchten ihm aufs Wort. Es war eben ein anderes Genre von Edukation.

In der Tat, wenn es möglich wäre, willkürliche Wege bei der Erziehung von Kindern einzuschlagen, so fragte es sich, welches Verfahren den Vorzug verdiene, das der Mutter oder des Vaters. Ich genoß inzwischen beides und hätte demnach jedenfalls recht wohl geraten können; aber es sprechen bei der Erziehung noch ganz andere Faktoren mit, das sind die äußeren Lebensverhältnisse, die man nicht machen kann und die sehr häufig gerade da am nachteiligsten influieren, wo sie vorher am günstigsten erschienen.

Mein Vater war als Künstler hochbegabt, und sein eiserner, durch nichts, selbst nicht durch Krankheit unterbrochener Fleiß hatte ihm schon bei jungen Jahren zu einem hohen Grade öffentlicher Anerkennung verholfen. Dazu war er ein Mann von seltener Herzensgüte und von so überaus einnehmendem Wesen, daß ihm trotz seines leicht aufflammenden Temperaments überall, wo er sich zeigte, die Freunde und Verehrer wie Tau aus der Morgenröte geboren wurden. Den Kurfürsten etwa ausgenommen, erschien mir daher mein Vater als der vornehmste und verehrungswürdigste Mann in der sächsischen Residenz, und wenn's ihm einfiel, sich mit mir abzugeben, fühlt' ich mich hoch erhoben.

So war ich denn auch sehr glücklich, wenn ich ihm ausnahmsweise, zum Beispiel an meinem Geburtstag, im Atelier Gesellschaft leisten durfte. Da gab es so viel Herrlichkeiten, Statuen, Bilder, Kupferstiche, alte Knochen, Gliedergruppen, sonderbare Geräte und Stellagen. Ich sah dann der Arbeit zu und durfte fragen, was ich wollte; oder auch der Vater gab mir irgendwas zu meiner Unterhaltung heraus. Dann setzte ich mich kreuzbeinig auf die Diele wie ein Türke und spielte mit zum Teil sehr wertvollen Sachen, oder ich durchblätterte die schönsten Kupferhefte, am liebsten die Raffaelischen Bogen von Chapron, ein Werk, das mit seinen biblischen Objekten die Ähnlichkeit hat, sowohl Kinder als Weise anzuziehen und zu befriedigen.

Adam und Eva, die Arche Noä, die Geschichten der Erzväter und des Moses, diese uralten, ewig neuen Sachen erfüllten mich mit Teilnahme und mit Staunen. Am merkwürdigsten war mir Gott Vater, über der Erdkugel schwebend, nicht nur wegen dieses beneidenswerten Schwebens, sondern ich war auch bemüht, mir seine Gesichtszüge einzuprägen, damit ich wisse, wie er aussähe, wenn ich mein Gebet hersagte.

Da kam mir einst ein sehr natürlicher Gedanke, den freilich, eben wie das folgende Gespräch, mehr das Gedächtnis meines Vaters als das meinige bewahrt hat. Ich fragte nämlich, woher man es denn wisse, daß Gott die Welt erschaffen habe.

Ob ich denn glaube, erwiderte der Vater, daß das Bild, an dem er male, ebensogut auch von sich selbst entstehen könne.

«Nein», sagte ich, «du mußt es malen.»

«Nun denn, wenn ein so kleines Ding nicht ohne Meister sein kann, wie sollte da die ganze Welt von selbst entstanden sein?»

Ich wandte ein, ob sie nicht jemand anders gemacht haben könne; aber der Vater sagte, der Meister sei allezeit größer als sein Werk; wer aber größer als die ganze Welt wäre, könne niemand anders als der liebe Gott sein.

Ein Blick auf mein Bild bestätigte mir die Wahrheit dieser Worte, denn allerdings war Gott hier größer als der angedeutete Kreisabschnitt der Erde, über der er schwebte.

«Wer aber», fragte ich weiter, «wer hat denn eigentlich den lieben Gott gemacht?»

Da antwortete der Vater, der sei von Ewigkeit, ohne Anfang und ohne Ende, wandte sich herum und malte weiter.

Diese Worte imponierten mir. Ohne Anfang, ohne Ende! – Ich sah mein Bild genau darauf an und war sehr nachdenklich geworden. Endlich sagte ich – «Das wäre aber eine schöne Geschichte, Vater, wenn wir nun sterben und in den Himmel kommen, und am Ende wäre gar kein lieber Gott da!»

Dafür nannte mich mein Vater einen dummen Jungen, jedenfalls das Gescheiteste, was er gesprochen hatte, und die gelehrte Unterhaltung war zu Ende. Später aber, da er durch Gottes Gnade seinen damaligen Standpunkt überwunden hatte, gestand er, wie jener Kindereinfall, so natürlich aus seiner Deduktion hervorgegangen, ihn in Verlegenheit gebracht, da er nichts anderes enthalten habe als seinen eigenen Hintergedanken.

Glücklicherweise beruht auch unser Glaube nicht auf klugen Folgerungen und Schlüssen, die, wenn sie ihn auch oft bestätigen mögen, ihn ebenso oft auch widerlegen und nach Kant nichts anderes sind als Fehlschlüsse. Ein besseres Zeugnis gibt Gott selbst von seinem Namen auf allerlei Weise, und gerade in jener ernsten Zeit, von der ich schreibe, hat er sich in vieler Menschen Herzen offenbart.

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