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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 42
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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2. Unterricht und Arbeit

Mein Leben gestaltete sich anders, als ich erwartet hatte. Von sanften Rührungen war ebensowenig die Rede als von einsamen Spaziergängen an Teichen. Ich wurde kurz gehalten; jeder Schritt war vorgeschrieben und meine Freiheit mehr geschmälert als je zuvor. Ich fühlte mich daher in den ersten Tagen nichts weniger als behaglich. Aber nach und nach gewöhnte ich mich; ja, ich fand so viel Verwandtes, Wohlverständliches und Anregendes in der Persönlichkeit meines Pastors, daß er mein Herz gewann und sein Haus mir heimisch wurde.

Um sieben Uhr des Morgens stand ich auf und trat ins Studierzimmer, wo Roller, das Kosakenvlies am Leibe und als Myops über seine Schreiberei weit hingebeugt, schon seit fünf Uhr tätig war. «Salve!» pflegte er zu grüßen, schob mir ein Buch zu, faltete die Hände, und ich las eine kurze Morgenandacht von Luther vor, welcher der Pastor bisweilen noch ein freies Gebet zufügte. Dann erhob er sich, schob mit dem Fuße einen an der Diele angebrachten Schieber zurück und rief durch die Öffnung hinunter nach dem Frühstück, mich gleichzeitig belehrend, daß dieses Loch nicht Loch, sondern anständiger Gitter genannt werde, wonach ich mich zu richten habe.

Das Frühstück bestand für den Pastor in einem Kochtopf mit aufgeweichtem Schwarzbrot. Dazu goß er etwas Milch und löffelte es mit einem Blechlöffel gleich aus dem Topfe, während ich reine Milch erhielt. Außerdem ward noch ein flaches Becken gleichfalls mit Milch serviert – für die Kammerjäger, sagte Roller; – und auf den Ruf einer Handglocke fanden sich drei schöne weiße Katzen ein, die gewohnte Spende zierlich aufzulecken. Nichts hindere sie, zu kommen, sagte der Hausherr, und wären sie auch im Keller, auf dem Boden oder in der Scheune, da alle Türen mit Katzengittern versehen seien.

Waren die Katzen abgefüttert, so öffneten wir ein Fenster, vor welchem ein Taubenbrett angebracht war. Dieses wurde zuvörderst mit der Kelle von den Rückständen gereinigt, welche die unschuldigen Tiere darauf zurückzulassen pflegten, und mit Erbsen, Wicken oder anderem Gesäme bestreut. Darauf schwirrten auf den Pfiff des Pastors etwa dreißig der schönsten Tauben von den Dächern, drängten sich auf dem kleinen Brett zusammen und trommelten die Körner mit großer Gier auf. Jede von diesen Tauben hatte ihren Namen, meist nach englischen Staatsmännern, die Roller sich auf diese Weise merkte. Da gab es einen Castlereagh, Cathcart und andere dergleichen mehr. Mit älteren Naturgeschichten anzunehmen – ward ich belehrt –, daß Tauben keine Galle hätten, sei lächerlich. Ich sähe selbst, wie sie sich lieblos hackten und verdrängten. Sie seien auch nichts besser als Parlamentsmitglieder und Minister und brauchten daher auch keine besseren Namen.

Nach so getaner Fütterung von Mensch und Tieren zündeten wir uns beide unsere Pfeifen an, und zwar der Pastor eine lange, die bis zur Erde reichte. Damit setzte er sich wieder an seine Arbeit, während ich ihm gegenüber Platz nahm, mich mit Katechismus und Gesangbuch auf den nachfolgenden Unterricht vorbereitend. Für Knaben gibt es in der Welt nichts, was dem kleinen Lutherschen Katechismus an Langweiligkeit gleich käme, wenn er nämlich an und für sich ohne weitere Zutat genossen wird; die Pfeife aber versüßte ihn mir dergestalt, daß jenes Morgenstündchen mir das liebste am ganzen Tage war.

Gegen neun Uhr stellten sich denn auch die beiden jungen Grafen Stolberg ein, mit frisch geröteten Backen von Hermsdorf kommend, ein paar schlanke und hochbeinige Rassegestalten. Der ältere Bruder, ein lebensfrischer, heiterer, nach außen gerichteter Knabe, hieß zwar Hermann, aber Roller, dem es bei den natürlichen Namen seiner Zöglinge nie recht wohl ward, nannte ihn Herr Mann und lachte über die Lüge, da er weder das eine noch das andere sei. Der jüngere, Bernhard, ein zartes, stilles, in sich gekehrtes Gemüt und von uns dreien jedenfalls der frömmste, wurde Benzig genannt, ich Schwimm. Unter diesen Spitznamen stellte Roller uns auch einander vor. Unsere Väter, fügte er hinzu, möchten ebenso namhafte als mannhafte Leute sein, wir aber seien noch gar nichts, wenn nicht etwa trunci oder Klötze, aus denen jedoch im guten Falle noch etwas werden könne, und am Behauen wolle er's nicht fehlen lassen.

Während solcher und anderer anzüglicher Redensarten pflegte unser Pastor sich zu rasieren und den Pelz, der ihm das Ansehen eines Troglodyten gab, mit einem anständigen braunen Überrocke zu vertauschen. Draußen im Vorsaal versammelten sich unterdessen die Bauernkinder, etwa vierzig an der Zahl, und wenn sie zu laut wurden, mußte Herr Mann, als ältester unter den Konfirmanden, eine Gesangbuchnummer durch die Tür schreien. Dann sangen sie mit heller Stimme, bis es vom nahen Turme neun schlug und wir alle miteinander, der Pastor an der Spitze, in unseren Hörsaal, die sogenannte stille Stube, einzogen.

Diese stille Stube, so genannt von ihrer stillen Lage nach dem Kirchhof, ist mir sehr lieb geworden. Hier schwiegen die mannigfaltigen Zerstreuungen, die kleinen Sorgen und jeder Lärm der Außenwelt; der Friede der Gräber blickte durch die hellen Fenster, und der verborgene Mensch des Herzens merkte auf den Ernst der Worte, die hier gesprochen wurden. Hier zog auch Roller einen neuen Menschen an. Was er an sonderbaren und zerstreuenden Eigenheiten haben mochte, war im Kosakenpelz zurückgeblieben und hatte der wohltuendsten Würde Platz gemacht.

Übrigens konnte ich mich gleich in der ersten Stunde überzeugen, wie sehr die Bauernkinder, obgleich sämtlich jünger, mir doch an Kenntnis überlegen waren. Sie hatten nicht allein den Lutherschen Katechismus fest im Kopf, sondern auch einen reichen Schatz an Sprüchen und Liedern und damit ein geordnetes Fachwerk für alles, was ihnen an geistlicher Erkenntnis noch werden konnte, während mein derartiger Besitz ziemlich unordentlich umherwilderte.

Auf den Grund des Katechismus baute Roller das ganze Gebäude seiner Unterweisung auf. Er warf uns die Gebote ins Gewissen und pflanzte uns die Heilswahrheiten ins Gedächtnis, nicht deklamatorisch, nicht sentimental, auch nicht sehr herzlich, aber einfach, nüchtern, ernst und mit der imposanten Ruhe eines alten Praktikers, der an die kräftigste Wirkung dessen glaubte, was er zu geben hatte. Ja, wenn er merkte, daß er weich ward oder daß wir es wurden, so lenkte er augenblicklich ein und ließ uns singen oder Sprüche sagen, da Rührungen seiner Meinung nach zu nichts anderem führen konnten, als Heuchler zu machen oder Schwärmer. Vielleicht daß Roller, dem es so wenig an Herz fehlte, daß er sich vielmehr vor dessen Regungen zu fürchten hatte, in dieser Furcht zu weit ging; aber jedenfalls war er in anderer Lage als mein erster Religionslehrer Schulz, der im dunkeln unsicheren Schrittes einherging, mit der Wünschelrute das Geld zu suchen, das Roller schon in der Tasche hatte und nur verteilte. Schulz schürfte gemeinschaftlich mit seinen Schülern nach unbekannter Wahrheit und mochte wohl tun, ihr weniger mit dem Kopfe, als mit dem Herzen nachzugehen; Roller dagegen fing gleich da an, wo jener im besten Falle aufgehört haben würde, indem er uns die schon gefundene Wahrheit so kategorisch vortrug wie etwa Anger die Physik. Gründete sich doch auch sein Glaube nicht auf Spekulation, sondern auf Geschichte, und von allen geschichtlichen Tatsachen war ihm die Offenbarung Gottes die wohlverbürgteste. So gab er sie auch seinen Schülern, und schwerlich war einer unter uns, der in jenen Stunden seines Glaubens nicht gewiß gewesen wäre. Nicht müde und gelangweilt, noch weich und weinerlich, sondern frisch und getrost verließen wir um elf die stille Stube, um in den Lärm der Alltäglichkeit zurückzugehen.

Wenn dann die beiden Stolbergs nach dem schönen Hermsdorf abzogen, beneidete ich sie anfänglich wohl um ihre Freiheit, da ich geneigter war, mit jenen oder allein ein Stündchen umherzustreichen, als die Liebhabereien meines Pastors zu teilen, das heißt Dünger und Sand auf Beete und Wege zu karren, Entwässerungsgräben zu ziehen, Bäume zu pflanzen und zu beschneiden, Holz im Pfarrbusche zu schlagen, Eichenklötze zu sprengen, Gartenbänke und Fensterladen anzustreichen und dergleichen Freuden mehr. Das alles wäre ja ganz hübsch gewesen, wenn ich's hätte für mich als freie Kunst betreiben können; der Frondienst aber ermüdete um so mehr, als mein Meister in solcher Lust kein Maß hielt. Weder Sturm noch Regen noch Mittagsglocke wurden für etwas geachtet, der Hunger für weniger als nichts. Wir aßen nicht eher, als bis das angefangene Werk vollendet war, nämlich um drei oder vier, um eins oder zwölf, wie's gerade kam. Dann aber hätte man an unserem Appetit ermessen können, daß uns solche Lebensweise wenigstens keinen Schaden brachte.

Die Mahlzeit

Daß Leute von so unregelmäßiger Tischzeit, als mein Pastor und ich, nicht mit den übrigen Hausgenossen zusammen speisen konnten, sieht jeder ein. Mit Ausnahme der Sonntage, wo die Hausarbeit ruhte und Familientafel stattfand, pflegten wir beiden Gartenknechte daher nachzuexerzieren. Zu dem Ende fanden wir die lange Wachstuchtafel im Studierzimmer nicht gerade gedeckt, wohl aber frisch abgewaschen und glänzend reinlich hergestellt. Tischtücher hielt Roller nicht für praktisch. Wenn sie auch alle Tage gebadet würden, pflegte er zu sagen, so blieben sie doch immer voll widerwärtiger Fasern, die sich nicht allein ans Brot hingen und zum Nachteil für die Därme mit eingeschlungen würden, sondern auch die Kleider ruinierten; und tagtäglich könne man es in allen Tischtuch- und Serviettenhäusern sehen, daß die Leute sich mit schwarzen Hosen setzten und mit weißmelierten wieder aufständen. Naß abgewaschenes Wachstuch sei dagegen so reinlich als ein abgewaschener Teller und so sehr der rechte Grund und Boden für alle Speisen, daß man diese im Notfall auch ohne Schüssel unmittelbar darauf aufkellen könne.

Auf diese reinliche Tafel wurden alle Gänge auf einmal aufgesetzt, teils um den Appetit danach zu bemessen, teils jede weitere Bedienung überflüssig zu machen. Dann aßen wir, die Mahlzeit nach Belieben von hinten oder vorn anfangend, alles hintereinander weg, die festen Speisen von besonderen Tellern, Gemüse und Brei aber gleich aus der Schüssel, und zwar vermittelst kleiner Brotschaufeln, die an die Gabel gesteckt und jedesmal mit verspeist wurden. Roller war vergnügt und guter Dinge, gab allerlei zum besten und wußte auch mich, namentlich durch paradoxe Behauptungen, nicht allein zum Mitsprechen, sondern auch zum Streiten anzuregen.

Er behauptete zum Beispiel, daß Unvernunft vernünftiger als Vernunft sei, Grobheit höflicher als Höflichkeit, daß Chausseen die Kommunikation hemmten und bloße Füße wohlanständiger als bloße Hände seien. Auch stritt sich's hübsch darüber, was besser sei, die Suppe mit den Schweden zuletzt oder mit den Sachsen vorweg oder endlich, nach Rollers Hausordnung, gar nicht zu essen. Endlich tischte mein Wirt beim Nüsseknacken wohl noch etliche Rätsel auf, deren er viele, und zwar alle nach ein und derselben Schablone, auszuhecken pflegte. Einiges der Art möge hier zur Probe folgen.

«Welcher Vogel nistet in der Kirche?»

Ich riet natürlich auf Sperlinge und Tauben. Die Auflösung war aber: «Der Orga- oder Storchanist!»

«Welches reißende Tier ist unentbehrlich bei jedem öffentlichen Gottesdienst?»

Man hätte denken mögen, es sei der alte Adam, welcher gewissermaßen wie eine wilde Bestie durch die Predigt zu erlegen sei. Die richtige Antwort war aber: «Das Kanter- oder Panthertier!»

«In welche Stadt dürfen die Beine nicht mit hinein?»

Hierin war ich ganz Unwissenheit, aber Roller schrie mich an: «Peterwardein! oder die Beine müssen draußen sein!»

Über solche Auflösungen konnte ich ungemessen lachen und ward darum gelobt. Andere, sagte mein Pastor, lachten zwar auch, nämlich Schulmeister und Kandidaten aus Höflichkeit, Superintendenten, Konsistorialräte und sonstige Honoratioren aus Ärger, die Gräfin Dohna aus Mitleid; ich aber aus dem ff, und das sei die schmeichelhafteste Tonart. Überhaupt schien mein guter Pastor nicht ganz unzufrieden mit mir zu sein. Er erwies mir viel Freundlichkeit, und gewiß hätte ich mich ihm gleich von Anfang zutraulicher angeschlossen, wenn seine Derbheit mich nicht allzuoft verletzt hätte. Ein Beispiel mag genügen.

Nachdem wir unser erstes Mittagsessen sehr friedlich miteinander absolviert hatten, wurde mir geboten, in die Unterstube hinabzuschreien: «Nehmt die Speisung weg! – Aber vernehmlich!» fügte Roller hinzu, «denn nicht immer hören meine Schwestern leicht!»

Ich öffnete das Gitter und den Mund. Da mir indessen jener kategorische Satz gegen die alten Damen nicht zu ziemen schien, so übersetzte ich ihn ins Respektvollere und rief hinab: «Der Herr Pastor läßt bitten, das Essen abzutragen!» Doch hatte ich kaum ausgesprochen, als Roller mit der Faust auf den Tisch schlug, daß die Teller tanzten.

«Heißt das Aufträge ausrichten», polterte er mich an, «oder lügen?» Ich sah ihn erschrocken an. «Ja!» tobte er weiter, «gelogen hast du!»

Das hieß mir an die nackte Seele greifen. Mein unerfahrenes Gewissen sprach mich von jenem feigen Laster völlig frei, und ich war stolz auf meine Ehrlichkeit. Ich entgegnete daher mit einiger Empörung, ich löge nie.

«O weh!» erwiderte Roller gedehnt, «zweimal in einem Atem gelogen: erstens durch falsche Bestellung und zweitens durch heuchlerisches Bekenntnis!»

«Und drittens», fügte ich mit bebender Stimme hinzu, «habe ich in meinem Leben nie gelogen und lüge auch jetzt nicht.» Damit griff ich nach meiner Mütze und wollte das Zimmer verlassen. Aber Roller rief mir sein gebieterisches «Halt!» zu und hielt mir etwa folgende Predigt.

«Du bist empfindlich, mein Sohn», begann er in ruhigem Tone, «weil ich die Pflicht der Freundschaft gegen dich übe und dir deine Fehler sage. Wenn du aber zu weichlich für ein wahres Wort bist, wie willst du denn jemals Unrecht ertragen? Und das muß jeder lernen, der ein Mann werden will. Nein, unterbrich mich nicht. Ich gab dir einen Auftrag. Den konntest du ablehnen; übernahmst du ihn aber, so mußtest du ihn wortgetreu ausrichten, durftest ihn nicht verbrämen und lackieren. Das ist Weiberwerk! Aber du wolltest dich niedlich machen, und darüber hast du Dinge gesagt, die meine Schwestern in das gerechteste Erstaunen setzen mußten. Sie sind nicht gewohnt, daß ich sie bitte, ihre Schuldigkeit zu tun, und ebensowenig pflegen sie das Essen wieder abzutragen, es sei denn, daß sie es versalzen oder verbrannt hätten. Oh, mein Lieber! Das Essen hatten wir verzehrt, und was übrigbleibt, Geschirre, Löffel, Gläser, heißt nicht Essen, sondern Speisung. Endlich sagtest du, du hättest nie gelogen. Das war das Schmerzlichste, denn damit machtest du den zum Lügner, welcher bezeugt hat, daß alle Menschen Lügner sind. Da merke auf, mi fili! und laß dir raten, daß du den selbstgerechten Mönch nicht mästest in deinem Herzen.»

Die gute Absicht der Verständigung versöhnte mich, und ich konnte allenfalls den Lügner tragen, der auf allen Menschen saß. «Ich kann Ihren Schwestern keine Befehle geben», sagte ich; «wenn ich aber nicht jeden Auftrag zu übernehmen brauche...»

«Nein, beileibe nicht!» rief Roller in seiner jovialsten Weise; «wenn dir's nicht ansteht, sträube dich!»

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