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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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2. Vor dem Seetore

In Dresden mieteten meine Eltern die erste Etage des Döpmannschen Hauses, das vor dem Seetore in der «halben Gasse» gelegen war. Diese halbe Gasse führt den Namen mit der Tat, denn sie erfreute sich nur einer Reihe Häuser, die eben deswegen freie Aussicht auf die gegenüberliegenden Gärten gewährten, und meine Mutter, die, auf dem Lande aufgewachsen, städtischem Lärm abhold war, fühlte sich wohl in dieser blühenden Umgebung. Die Besitzerin des Hauses, eine Witwe Döpmann, trieb Landwirtschaft, hielt Pferde, Kühe, Schweine und Geflügel, wodurch der Aufenthalt im Hofe für mich genußreich wurde. Aus dem Hofe trat man in den Garten, der von der Katzbach, einem schmalen, aber tiefen Wasser durchschnitten war. Diesseits des Wassers war ein ausgedehntes Gemüsewesen, jenseits Wiesen, Obstbäume und Gebüsch. Über die alte Gartenmauer erhob sich aus Holundersträuchern ein Lusthaus, und daneben führte ein Pförtchen aufs Feld hinaus und weiter nach den Höhen von Recknitz und Plauen.

Noch steht mir das alles in so zauberischem Lichte vor der Seele, als wäre es ein rechtes Paradies gewesen, und das war es auch. Es war der schöne Garten Eden, in welchem ich den Morgentraum der ersten Kindheit träumte.

Meine erste, einigermaßen deutliche Erinnerung beginnt mit dem 20. November 1805, an welchem Tage ich drei Jahre alt wurde. Als ich am Morgen die Augen aufschlug, strahlten mich drei kleine Wachskerzen an, die auf weißgedecktem, mit Immergrün garniertem Tische um einen prachtvollen Kuchen standen. Daneben lagen bunte Sachen, unter denen mir eine Arche Noah und besonders ein Bilderbuch erinnerlich ist, dessen Hauptstück den Onkel Nachtwächter mit Spieß und Laterne zeigte. Das Entzücken, das ich empfand, mag Ursache der Unvergeßlichkeit jenes großen Augenblicks gewesen sein. Meine Mutter gab mir die Hand und sagte, daß mein Geburtstag sei. Dann wusch sie mich, scheitelte mir das Haar mit Sorgfalt und kleidete mich an. Der offenen Weste wurde ein Paar weite Hosen angenestelt, die hinten offen und mit Schleifen versehen waren; darüber kam ein türkischer Spenzer mit kurzen Ärmeln und an die Füße ein Paar Schnallenschuhe. So war der Anzug vollendet, der übrigens im Sommer wie im Winter Hals, Brust und Arme bloß ließ.

Nichts in der Welt ist Kindern schmeichelhafter, als sich bei allem, was Pflege heißt, in der Hand der Mutter zu wissen; mir wenigstens war es ein Hochgenuß, wenn meine Mutter mich selbst anzog oder mich zu Bette brachte, was sie auch in der Regel tat, wenigstens solange ich noch das einzige Kind blieb. Später freilich mußte ich es mir gefallen lassen, daß mir dergleichen Dienste von einer Kinderfrau geleistet wurden, welche Frau Venus hieß. Diesen hochberühmten Namen führte sie übrigens keineswegs wegen irgendeiner Ähnlichkeit mit jener Göttin, sondern bloß deshalb, weil ihr seliger Eheherr «Herr Venus» geheißen hatte.

Frau Venus war eine ehrsame Witwe und wurde bisweilen von ihren beiden Söhnen besucht, welche, obgleich bedeutend älter als ich, doch ganz willig mit mir spielten. «Die anderen Jungens», wie ich sie im Gegensatze zu mir selber nannte, waren meine ersten Freunde. Ich bewunderte ihre Kraft und Unerschrockenheit, und ich liebte es, mich in ihrer Gesellschaft auf der Straße zu zeigen; doch entwuchsen sie mir schnell, und ich verlor sie wieder aus den Augen.

Näher stand mir bald ein anderer Knabe von meinem Alter, mit dem ich fortan täglich spielte. Seine Mutter, die Witwe eines Predigers aus dem Erzgebirge, namens Engelhard, welcher auf einer winterlichen Berufswanderung seinen Tod im Schnee gefunden hatte, war ebenfalls ins Döpmannsche Haus gezogen, wo sie, wie eine rechte Witwe, still und eingezogen lebte und sich und ihren Sohn mit Strohhutflechten ernährte.

Mein Freund Ludwig Engelhard erschien mir in jeder Hinsicht vorzüglicher als ich und als die anderen Jungens, denn meine Mutter stellte mir ihn stets als Beispiel vor. Ich schloß mich ihm daher sehr herzlich an, und wir verkehrten miteinander aufs verträglichste. Nur eines einzigen Streites entsinne ich mich, der auch sogleich in Prügelei ausartete; und allerdings war es empörend, wenn Ludwig behaupten wollte, daß sein Vater den meinigen wie nichts bezwungen haben würde, wenn er noch lebte – meinen Vater! mein Ideal von Kraft und Würde! Frau Venus riß uns auseinander, und Ludwig ging zerzaust zu seiner Mutter. Die meinige aber stellte mir das begangene Unrecht so beweglich vor und wußte mich dermaßen zu erweichen – zumal sie mir zu bedenken gab, wie so gar elendiglich der Vater des armen Jungen im Schnee erstickt sei –, daß ich, von Leno geleitet, reumütig zu Engelhards hinausging und wegen meiner Heftigkeit Abbitte tat. Seit der Zeit waren wir erst rechte Freunde, und überhaupt gibt's keine wahre Freundschaft, die sich nicht erst wund gerissen und wieder ausgeheilt hätte an dem Bewußtsein gesühnter Schuld.

Zur Sommerzeit spielten wir, von Leno und, seit diese in die Küche avanciert war, von Frau Venus beaufsichtigt, in Hof und Garten; im Winter war das Zimmer meiner Mutter oder die angrenzende Kinderstube unser Tummelplatz. Hier stellten wir unsere Tiere auf, kutschten, balgten und, was uns ganz besonders Vergnügen machte, hier «schinderten» wir auch. Dies «Schindern» ist ein Dresdner Ausdruck, den mich, sowie die ganze Sache, Ludwig lehrte, und bedeutet soviel als auf dem Eise hingleiten. Nun war im Kinderzimmer zwar kein Eis; wir hatten aber zum Verdruß der Kinderfrau eine Planke der Diele durch fleißiges Glitschen so abgeglättet und poliert, daß sie von Erwachsenen nur mit Vorsicht betreten werden konnte. Diese Planke nannten wir «die Schinder», und noch sehe ich meinen Freund Ludwig, wie er mit hochgerötetem Gesicht und fliegenden Haaren als Meister darauf hinglitt. Auf diese Weise lernte ich frühzeitig, noch ehe ich aufs Eis kam, mich darauf behaben, ähnlich wie man in französischen Schwimmschulen ohne Wasser schwimmen lernt.

Paradiesespforten

Wenn wir im Garten spielten, schloß sich uns häufig als Dritter im Bunde noch ein kleiner Barfüßler von unserem Alter, der Sohn des Gärtners, an. Er hieß Fritz Pezold und gewann durch folgenden Vorfall für mich Bedeutung.

Eines schönen Morgens nämlich weiß ich nicht, wo Frau Venus hingekommen war, genug, sie ließ uns ohne Aufsicht; wir aber amüsierten uns mit einigen zugelaufenen Nachbarskindern, welkes Laub auszulesen und dieses über das Geländer der kleinen Brücke in die Katzbach zu werfen. Dann liefen wir einige dreißig Schritte abwärts, wo zum Behuf des Wasserschöpfens an tiefer Stelle ein schmales Brett über den Bach gelegt war, um, auf diesem kauernd, die kleinen goldenen Schiffchen wieder aufzufangen. Mit welchem Eifer wir dies trieben und wie wir dabei schrien und uns erhitzten, wird jeder ermessen können, der auch einmal ein kleiner Junge war. Ich war den anderen vorausgeeilt und hockte bereits jubelnd auf dem schwanken Stege, als dieser umschlug und ich kopfüber ins Wasser schoß. Die erschrockenen Freunde stoben auseinander, verschwanden durch Hecken und Zäune, wo sie hergekommen waren, und ich selbst gab mich sogleich verloren.

Nicht so Fritz Pezold. In dem Augenblicke, als ich versank, sprang er entschlossen auf den Steg, griff in die Tiefe, packte meine Haare und schrie, daß ihm die Lungen bersten wollten, nach seinem Vater. Zwar brachte er mich mit dem Kopfe übers Wasser, doch nicht weiter, und ich dachte jeden Augenblick samt meinem Freunde zu ertrinken, denn das kleine Brettchen schwankte hin und wieder wie eine Schaukel.

Dennoch erinnere ich mich sehr deutlich, daß ich keine Angst empfand, mich vielmehr freute, nun alsogleich in den Himmel einzugehen und mit meiner lieblichen Schwester Maria vereint zu werden. Fast glaube ich, daß ich bereits Wasser geschluckt hatte und halb tot war, denn ich verhielt mich völlig leidend und tat selbst nicht das geringste zu meiner Rettung. Aber das weiß ich, daß mir's zumute war wie Kindern, die am Weihnachtsabend in dunkler Kammer an der Türe drängen: gleich wird sie aufgehen und der Baum in seinem Glanze stehen.

Indessen sollten mir die Paradiesespforten noch verschlossen bleiben, und der Cherub, der den Eintritt wehrte, war Fritz Pezold. Sein Mark und Bein durchdringendes Zetergeschrei hatte endlich das Ohr des Vaters erreicht, der nun wie ein angeschossener Kater mit weiten Sätzen über seine Gemüsebeete herbeiflog und mich herauszog. Triefend und mit schwarzem Schlamm überzogen, hing ich wie ein erschlagener kleiner Maulwurf in seinen Händen, als er mich den Eltern brachte.

Ob diese Lebensrettung ein Glück für mich gewesen, muß ich dahingestellt sein lassen, da allerdings Fritz Pezold die Regel meiner Mutter gröblich übertreten hatte; denn nicht nur hatte er überlaut geschrien bei einem Sterbenden, sondern diesen sogar bei den Haaren gerauft. Die Mutter war freilich deshalb nichts weniger als ungehalten, beschenkte vielmehr den guten Jungen nach ihren Kräften, und unsere Kinderherzen blieben lange treu verbunden.

Halluzinationen

In reiferen Jahren sind Altersgenossen die genußreichsten Gefährten; in der Kindheit keineswegs; man gibt und nimmt zu wenig voneinander. Daher schließen sich Kinder auch am liebsten an Erwachsene an, wo sie bei diesen nur einige Neigung finden, sich mit ihnen zu bemengen. Solche Neigung aber zeigten mir zwei treffliche Mitbewohner unseres Hauses.

Es war ein großer Vorteil dieses Hauses, daß unsere besten Freunde gleich mit darin wohnten, und zwar nicht nur kleine Leute, wie Ludwig Engelhard und Fritz Pezold, sondern auch solche, an denen sogar die Eltern aufzusehen hatten. Ich nenne hier zuvörderst den nachmals durch seine Schriften sehr bekannt gewordenen Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert, welcher sich als junger Ehemann mit seiner Frau und seinem kleinen Töchterchen Selma damals vorübergehend in Dresden aufhielt. Schubert wohnte gerade über uns, und im täglichen Verkehr der Hausgenossen gestaltete sich eine Freundschaft, welche bis ans Grab gehalten hat und an welcher auch ich mein Teilchen fand. Wer jenen überaus liebenswürdigen Gelehrten, namentlich in jüngeren Jahren, gekannt hat, wird es begreifen, daß ein kleiner Junge mit schwärmerischer Neigung an ihm hängen konnte. Oft saß ich stundenlang mit Selma auf seinen Knien, den wundersamen Geschichten horchend, die er zum besten gab; dann wieder lehrte er mich Purzelbäume schießen, oder ich ritt auf seinen breiten Schultern und schrie Zeter, wenn er mit mir durch den Garten raste.

Ein zweiter, ebenfalls literarischer Hausgenosse, den meine Eltern schon von Petersburg her kannten, wo er sich früher als Erzieher aufgehalten, hieß Onkel Lais. Obgleich noch ein junger Mann, lebte Lais kränklichkeitshalber doch sehr zurückgezogen. In seinem Dachstübchen war er immer anzutreffen, studierend oder für Journale schreibend; in Mußestunden aber oder des Abends suchte er Aufheiterung in unserem Familienkreise und gab sich dann namentlich gern mit mir ab. Er machte Feuerwerk, Papierlaternen, Drachen, lehrte mich Kartenschlösser bauen, mit der Armbrust schießen und dergleichen Kurzweil mehr. Das Beste entstand jedoch an traulichen Winterabenden. Während meine Mutter vorlas und mein Vater kleine Götter- und Heroengestalten aus Wachs modellierte, pappte Lais für mich eine elegante Ritterrüstung, die er mit Silberpapier beklebte und welche sehr viel schöner ausfiel als alles, was man damals für Geld kaufen konnte. Dazu wurden Schwert und Lanze und ein ausgelassenes Steckenpferd gefertigt, das nur mit Mühe zu regieren war.

So ausgerüstet pflegte Onkel Lais den jungen Ritter des Abends durch dunkle Zimmer und Gänge nach den entferntesten Regionen der Wohnung auszusenden, um gewisse Ungeheuer, die sich dort aufhalten sollten, zu erlegen. Dann freute er sich an den lebendig dargestellten Erlebnissen des allezeit siegreich Zurückkehrenden und war unerschöpflich in neuen Aufträgen und Erfindungen.

Meine Mutter warnte des öfteren aus mehrfachem Grunde. Ihr waren die kolossalen Lügen, zu denen ich gewissermaßen genötigt wurde, sehr bedenklich; besonders aber fürchtete sie eine zu frühzeitige Überreizung der Phantasie, wie ihr denn überhaupt jede aufregende Unterhaltung für Kinder nachteilig zu sein schien. Lais bestritt ihre Gründe als Pädagog vom Fach. Er wollte ja nur Mut und Nerven stählen und behauptete, daß das Edelste im Menschen, der schaffende Geist, nicht frühzeitig genug und am besten spielend zu wecken sei. So nahmen denn jene abendlichen Unterhaltungen ihren Fortgang, und Lais teilte schließlich das Schicksal der meisten gelehrten Pädagogen seiner Zeit, indem er so ziemlich das Gegenteil von dem erreichte, was er wollte.

Ich ritt allabendlich meine dunklen Wege mit größter Zuversicht, weil ich sehr wohl wußte, daß alles doch nur Spiel war und die Feinde, die ich zu bestehen hatte, nicht existierten; doch wurde meine Phantasie in unnatürliche Spannung gesetzt, und es fehlte fortan nur ein Anstoß, sie vollends krank zu machen. Diesen herbeizuführen, stand auch Lais nicht lange an.

Als ich eines Abends, von meiner abenteuerlichen Fahrt zurückkehrend, ein dunkles Zimmer zu passieren hatte, barst plötzlich jener Mentor aus einem Verstecke vor, grunzend und auf allen vieren laufend wie ein wilder Eber. Er mochte erwartet haben, daß ich sogleich vom Leder ziehen und ihm zu Leibe gehen würde; statt dessen aber bestand ich die Probe schlecht und hatte fast den Tod vor Schreck. Von da an blieb ich lange Zeit ein Hase. Ich traute mich in kein dunkles Zimmer mehr und war unvermögend, des Abends einzuschlafen oder auch nur in meinem Bette auszudauern, wenn nicht jemand bei mir blieb. Ja mehr noch: das Edelste im Menschen, jener schaffende Geist, war wie mit einem Zauberschlage geweckt; die Bilder meiner Phantasie objektivierten sich, und häufig sah ich mich umgeben von Schreck- und Spukgestalten, die mir das lebhafteste Entsetzen einflößten.

Die erste Erscheinung dieser Art mochte ich von einem Spielzeug, einer unschuldigen kleinen Scheibe, entlehnt haben, nach der ich mit der Armbrust schoß. Traf ich ins Schwarze, so sprang, durch eine Feder aufgeschnellt, ein greulicher Rüpel hervor mit fletschenden Zähnen und blutroter Zunge. Diesen nun sah ich bald nach jener Schreckensstunde, als mich Frau Venus auszog, lebensgroß und mit drohender Gebärde hinter den Fensterscheiben des Schlafzimmers aufsteigen. Ich schrie auf und barg mein Gesicht in den Schoß der Wärterin, welche, ihrerseits nicht wissend, was mir fehlte, mich zur Mutter trug. Beide hatten genug zu tun, mich einigermaßen zu beruhigen. Von nun an fürchtete ich mich oft den ganzen Tag vor der Stunde des Zubettgehens, da entsetzliche Phantome mich selbst im Beisein anderer schreckten.

Ganz unvergeßlich in dieser Beziehung ist mir eine Nacht geblieben, deren Eindrücke und Gesichte mir noch heute nach 56 Jahren so lebendig vorschweben, wie wenn alles erst gestern vorgefallen wäre. Mitten in der Nacht erwachte ich und schlug die Augen auf. Das Nachtlicht war erloschen, doch konnte ich die Umrisse der Dinge deutlich sehen. Mir zunächst standen die Betten meiner Eltern, welche, von einem gemeinschaftlichen Vorhange umzogen, ein besonderes Sanktuarium im Schlafzimmer darstellten. Hinter der halb verschobenen Gardine unterschied ich noch die Züge des mir zunächst liegenden Vaters.

Bald aber unterschied ich auch noch etwas ganz anderes. Unter dem Bette der Eltern begann es sich zu regen und zu bewegen – und siehe da! – ein scheußliches Gesicht erschien: das eines Bären. Dann folgte eine ungeheure Tatze, und im Umsehen war die ganze Ungestalt des Raubtieres vorgekrochen. Ihm folgten andere Tiere, und es war unglaublich, was aus dem engen Raume unter den Betten alles vorquoll. Da waren Wölfe, Panther, Löwen, Vielfraße, Ameisenlöwen, Dachse, ja der ganze Inhalt meiner Arche Noä war zu natürlicher Größe angeschwollen.

Das größte Entsetzen flößte mir ein Kalb ein. Es nahte sich meinem Bett auf sehr bedenkliche Weise, und die Schandtat sah ihm aus den Augen. Ich wollte schreien; doch mußte ich fürchten, mich dieser Bestie nicht noch bemerklicher zu machen, und hielt ein Weilchen an mich. Bald aber steigerte sich die Angst dermaßen, daß ich, mit Hintansetzung aller klugen Rücksicht, dennoch laut und vernehmlich in die Lärmtrompete stieß.

Mein guter Vater hatte sich in der Regel während des Tages so weidlich abgearbeitet, daß er einer ungestörten Nachtruhe sehr bedürftig sein mochte; doch schalt er nicht, suchte mich vielmehr sehr freundlich zu beruhigen. Ich hätte geträumt, sagte er, und weiter wäre es nichts.

Das fatale Kalb aber strafte ihn Lügen: es drängte immer näher und glotzte mich jetzt mit mehr als Kalbsaugen an. Da schrie ich laut, und der Vater verließ das Bett, um Licht zu machen. Zu diesem Behufe mußte er aber, weil kein Feuerzeug vorhanden, ins Nebenzimmer gehen, und als ich nun die väterliche Gestalt im kurzen Hemdchen durch das Gedränge der Quadrupeden hinschreiten sah, vergaß ich über der seinigen die eigene Gefahr und bat ihn flehentlich, zurückzukommen.

Da! – hatte ich's der ruchlosen Bestie doch gleich angesehen: das Kalb sprang zu, und in dem Augenblicke, als der teure Vater die Klinke ergriff, um die Türe zu öffnen, schnappte es nach ihm und biß ihn mitten durch. Der ganze Oberkörper, samt Hemd und Nachtmütze, sank lautlos zur Erde nieder, die Beine aber entwischten mit besonderer Behendigkeit durch die sich rasch wieder schließende Türe.

Nun brach der gerechteste Schmerz bei mir erst recht aus, so daß die Mutter, welche mittlerweile ebenfalls aufgestanden war, mich tröstend in die Arme schloß. Aber was konnte das jetzt helfen? Da lag er ja, der unvergleichliche Vater, mitten durchgebissen drei Schritt vor uns am Boden, beschnopert von dem siegreichen Kalbe, das alle Neigung zeigte, ihn vollends zu verschlingen. Die Mutter zwar wollte es in Abrede stellen; aber gegen den Augenschein ist schlecht predigen. Wir stritten lebhaft, bis sich die Türe wieder auftat, und der ganze, vollständigst gegliederte Vater im blendendsten Lichtschein eintrat.

Freudigeres Entzücken erinnere ich mich später niemals wieder empfunden zu haben. Mit dem hellen Glanz des Lichtes war der ganze Spuk verschwunden: ich hatte meinen geliebten Vater wieder und entschlummerte süß an seiner Seite.

Gegen Gespensterglauben pflegen Gouvernanten einzuwenden, daß sinnliches Erkennen nur möglich sei von sinnlichen Objekten, und Geister demnach nicht wahrgenommen werden könnten. Hier aber war ein noch viel größeres Mirakel, da die Geister, die ich mit eigenen Augen zu sehen kriegte, gar nicht einmal existierten.

Welche Bewandtnis es übrigens in Wahrheit mit alledem haben mag, was wir als objektive, das heißt gegenständliche Welt betrachten, das ist noch gar nicht ausgemacht und wird es wahrscheinlich auch niemals werden. Die alte tiefsinnige Philosophie der Inder bezeichnet den gesamten Inbegriff der Äußerlichkeit oder Leiblichkeit mit dem Worte «Maya», welches nichts anderes heißt als Täuschung, und wenn alle Religionen, wie auch die meisten wissenschaftlichen Systeme der Neuzeit, darin übereinstimmen, daß die Welt aus nichts geschaffen sei, so wird das ungefähr dasselbe heißen und die Folgerung ganz richtig sein, daß aus nichts nichts wird, es sei denn etwa eine Maya. So läge denn der Unterschied zwischen dem Kalbe, das dort beim Fleischer aushängt, und jenem nächtlichen Gespenste, das mich erschreckte, wesentlich nur darin, daß ersteres aus einer allgemeinen, das andere nur aus einer speziellen, das heißt hier subjektiven Täuschung resultierte.

Doch dem sei, wie ihm wolle: immerhin mag angenommen werden, daß die schöpferische Tätigkeit des aus Gott emanierten Menschengeistes in Fällen wie der meinige ihre gesetzlichen Schranken momentan durchbrochen habe. Sie arbeitet dann gewissermaßen außerhalb der ihr angewiesenen Werkstatt, eine nichtige, nur von ihr selbst erkannte Welt erzeugend. Andauerndes Verharren in solcher Tätigkeit ist Wahnsinn.

Mich trug indes die Schonung meiner Eltern sanft über jene Klippen, und später bin ich von dergleichen schöpferischen Zufällen gänzlich frei geblieben.

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