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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 39
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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5. Marie und Marianne

Der Verlust, den die arme kleine Marie erlitten, war eine Bereicherung für unser Haus. Nach einem letzten Wunsche ihrer sterbenden Mutter ward dies fremde Blümchen gänzlich in unseren Familiengarten eingepflanzt und fühlte die Versetzung kaum, da der neue Standort ihr schon vordem heimisch war. Sie fand nach Kinderweise ihre Heiterkeit bald wieder und schloß sich zutraulich an meine Mutter, an meine Schwester und an uns alle an. So zog sie denn auch im Herbst mit uns nach Dresden, wo sich unser aller Leben neu gestaltete. Der Vater ging wieder nach Berlin, ich in die Schule, und auch die beiden Mädchen verlangten jetzt stärkere Kost als Puppenspiel. Ein geordneter Unterricht für sie schien an der Zeit, und meine Mutter, die sie nicht zur Schule schicken wollte, sah sich nach einer Lehrerin um.

Nun war sie schon vor Jahren mit einer jungen Dame bekannt geworden, die mit ihrer Mutter, einer verwitweten Pastorin Thierhoff aus Hamburg, sehr zurückgezogen lebte. Sie hieß Marianne, war zwar kränklich, doch von frischem Geist und Wesen, wohlwollend, gottesfürchtig, sehr kenntnisreich und jedes Vertrauens wert. Jetzt hatte sie ihre Mutter verloren, war durch nichts gebunden und ließ sich für die Erziehung der beiden Mädchen gern gewinnen. Im vierten Stock des «Gottessegens» wurden einige Zimmer zugemietet, wo fortan Elevinnen und Gouvernante miteinander hausten und sausten.

Noch ein viertes Persönchen nahm dieser Menschenzwinger für ein paar Jahre auf, eine kleine Verwandte Mariannens, von welcher ich vergessen habe, ob sie deren oder meiner Mutter Pflegekind war. Ich weiß überhaupt nichts mehr von ihr, als daß sie Dasein hatte, das Gedränge im Hause vermehrte und sich ihrerseits nicht unbehaglich zu fühlen schien. Desto lebendiger aber schwebt mir Mariens Bild und Wesen vor. Sie war nicht gerade reich begabt, doch aber ganz gescheit, ein gutes, anspruchsloses Mädchen, bequem, gefällig und, wie gesagt, sehr niedlich. Mit kindlicher und schwesterlicher Treue teilte sie Freud und Leid und hing vom ersten Tage unserer Bekanntschaft an uns allen – wie auch wir an ihr – mit einer Liebe, die nur mit ihrem Leben endete. Sie war wie unsere rechte Schwester – so vertrauten wir ihr, so liebten und so hudelten wir sie, und könnte sie heute wieder zu uns treten, würden wir sie so begrüßen. Mit jedem Jahre ward sie hübscher, daß ich sie oft mit Bewunderung ansah; doch mochte unser offenes geschwisterliches Verhältnis einer romantischeren Neigung nicht günstig sein. Wir blieben wie von Anfang an immer unbefangen und schlecht und recht miteinander, und erst später, wenn ich der längst Verstorbenen gedachte, wie sie war, ward mir dies rätselhaft.

Marie mochte etwa acht Jahre bei uns gewesen sein, als sich endlich unser alter Plan realisierte und wir nach Rußland zogen. Dahin konnte sie uns nicht folgen: sie ging zurück in ihres Vaters Haus, und weiter kann ich ihrer ohne Wehmut nicht gedenken. Ihr ferneres Leben gestaltete sich ernst und traurig. Zwar blieb sie immer gut und gottergeben, doch traf sie bitterer Herzenskummer, dessen mannigfache Gründe anzuführen ich unterlassen muß. Ich will nur sagen, daß sie bald hintereinander ihre beiden Brüder verlor und dann auch ihren Vater. Die Verlassene reichte ihre Hand einem Landprediger im Erzgebirge, der ihre Erwartung vielfach täuschen mochte, und starb als blutjunge Frau im ersten Wochenbett. Nach Aussage des Arztes, der sie behandelte, soll sie in ihrer Sterbestunde ausgesehen haben, so wie man sich die Heilige denkt, deren Namen sie trug.

Damals freilich, als die kleine fröhliche, fast wilde Marie dort oben im Mädchenzwinger mit meiner Schwester unter Puppen und Schulbüchern ihr Wesen hatte, dachte niemand an so Trauriges, denn die blühendste Gesundheit strahlte ihr aus Aug' und Wangen, und ihr glückliches Temperament wie auch – was immerhin in diesem Leben mitspricht – der Reichtum ihres Vaters schienen die beste Zukunft zu verbürgen. Weit mehr mochte man sich um Marianne sorgen, die sehr schwächlich und gebrechlich war. Sie sah blaß und elend aus, und ihr abgezehrter kleiner Körper war fast unablässig von irgendeinem Schmerz gefoltert. Dennoch konnte man kein heitereres, frischeres und tatkräftigeres Wesen sehen. Mit gänzlicher Nichtachtung ihrer mannigfaltigen Beschwerden war sie doch immer auf dem Zeuge, besorgte ihren Unterricht mit Treue, nahm meiner Mutter, wo sie konnte, jede wirtschaftliche Mühe ab, leistete ihr Gesellschaft, wenn sie krank war, und war unermüdlich, bis sie denn plötzlich durch irgendein zu lange unterdrücktes Übel doppelt heftig niedergeworfen wurde. Dergleichen Anfälle ließen meist den Tod befürchten, aber immer genas die Kranke wieder, und immer kränklich, immer leidend, lebt sie noch heute, da ich dieses schreibe, während die kerngesunde Marie schon über dreißig Jahre in ihrem Grabe liegt.

Unter den Krankenlagern Mariannens bot eines sehr merkwürdige Momente dar. Ohne daß im entferntesten an magnetische Behandlung gedacht war – eine Kurart, die meiner Mutter, eben wie auch unserem Arzt, ein Greuel war –, verfiel die Kranke bisweilen ganz von selbst in einen Zustand, der alle Symptome des magnetischen Schlafes zeigte. Dann erging sie sich als Improvisatrice in dichterischen Ergüssen, eine Gabe, die ihrer nüchternen Natur sonst fremd war, oder sie nahm weit entfernte Dinge und Ereignisse wahr, als wären sie im Zimmer. Freunde, die sie besuchten, sah sie von weitem kommen, markierte alle Stationen, die sie passierten, den Altmarkt, die Brücke, die Allee. Jetzt träte der Kommende ins Haus, sagte sie, jetzt sei er auf der Treppe, nun vor der Tür und schneuze sich – und siehe da! – da zog die Klingel an.

Der interessanteste Fall mochte der folgende sein. Marianne erblickte ein jenseits der Elbe wohnendes Ehepaar in anscheinend großer Trauer. Die Frau hatte das Gesicht ins Sofakissen gedrückt, während ihr Mann mit einem offenen Briefe bei ihr stand. Das Zimmer aber, in welchem sich beide befanden, schien der Kranken unbekannt. Da sie sich nun mit der Frage quälte, was dort vorgefallen, so eilte mein Vater nach der Altstadt, um jene Personen aufzusuchen. Es waren dies ein Konsistorialrat Nauwerk und seine Frau, eine Tochter des bekannten Leipziger Professors Plattner. Beide fand mein Vater in Tränen, da sie soeben die Nachricht von Plattners Tode erhalten hatten. Das Zimmer aber war neu tapeziert und die Möbel umgestellt.

Wohl weiß ich, daß man dergleichen Geschichten gern ins Fabelbuch verweist; auch kann ich nicht als Augenzeuge reden, da ich damals nicht in Dresden war; dennoch aber glaube ich, auf die Autorität des Arztes und meiner Eltern hin, die obige Begebenheit hier als wohlverbürgte Wahrheit geben zu dürfen.

Marianne genas auf den Gebrauch von Mitteln, die sie sich in ihrem hellsehenden Zustande selbst verordnete, und blieb in unserer Familie, solange wir in Dresden lebten. Dann hauste sie eine Zeitlang mit Marien, bis beide sich bald nacheinander verheirateten. Von da an trafen auch ihr Herz sehr harte Schläge und übergenug des Jammers; doch blieb sie ungebeugt und tatkräftig wie vordem. Auch als ihr Mann starb und sie mittellos mit kleinen Kindern zurückließ, fand ihre Energie noch Wege. Trotz ihrer vorgerückten Jahre und körperlichen Hinfälligkeit begab sie sich von neuem an die Arbeit und legte eine Mädchenschule an, deren Frequenz sie in den Stand setzte, ihre Kinder zu erziehen.

Der älteste ihrer Söhne begründete sich in der Folge einen eigenen Hausstand zu Richmond in Australien, Mutter und Schwester nach sich ziehend, welche letztere sich dort verheiratete. Aus jenem fernsten Weltteile schrieb Marianne noch im Jahre 1861 als hochbetagte Frau, daß es ihr wohl gehe mit den Ihrigen. Möge Gott ihr alle Treue lohnen, die sie an unserem Hause getan hat!

Ein Wunder

Mein Vater war in Berlin von allen Klassen der Gesellschaft wiederum so ausgezeichnet und mit Aufträgen überhäuft worden, daß er voll Dank und Lobes war. Auch vom Bruder und über ihn lief gute Nachricht ein; er schien der Liebling seiner neuen Umgebung zu sein und war zufrieden. Die Mädchen waren unter Mariannens Zucht sehr wohl versorgt, und ich befand mich wohl in meiner Schule beim milden Anger.

Somit hätte alles gut sein mögen, wenn die Mutter nicht erkrankt wäre. Was ihr fehlte, weiß ich nicht, nur daß sie arge Schmerzen ausstand, wochenlang zu Bett lag und die Freunde zweifelhaft waren, ob es nicht Pflicht sei, den Vater zurückzurufen. Der Arzt kam täglich dreimal, Marianne und die schwarze Tante pflegten, und wir Kinder schlichen auf den Fußspitzen einher wie Diebe.

Nun traf es sich, daß eines Abends die ganze Hausgenossenschaft, Pflegerinnen, Schwestern und Dienstmädchen, sich für den Augenblick sämtlich verlaufen hatte und ich allein im Nebenzimmer bei der Kranken war. Draußen war finstere Nacht, und Sturm und Regen rasselten dermaßen mit den Fenstern, daß ich es für angemessen hielt, mich zum Trost der kranken Mutter bisweilen in der offenen Tür ihres Zimmers zu zeigen. Sie sollte sehen, daß sie nicht verlassen sei.

Da wurde die Klingel heftig angezogen. Ich öffnete, und vor mir stand in Hut und Mantel mein lieber Professor Müller, derselbe, der mir einmal die Kreidezeichnung geschenkt hatte. Er war aber unheimlich verändert, sah widerwärtig aus und fragte mich barsch nach meiner Mutter. Daß sie krank sei, niemand sehen möge und weder sprechen könne noch dürfe, ließ er nicht gelten. Er wisse alles, sagte er, schob meine Wenigkeit beiseite und drang vorwärts. Der Arzt habe jeden Besuch verboten, rief ich; aber der Schauerliche war unaufhaltsam. Den Hut auf dem Kopfe, wie ein Quäker, erschien er plötzlich vor der Kranken, an deren Bette er in seinem Regenmantel ohne weitere Förmlichkeiten Platz nahm.

Da saß das Nachtgespenst so gerade wie ein Ladestock und sah mich sträflich an. «Geh hinaus», sagte er, «ich habe mit deiner Mutter allein zu reden.» Ich zögerte, aber die Kranke winkte mich mit der Hand fort. So ging ich denn, und da ich die beiden ruhig miteinander sprechen hörte, setzte ich mich wieder an meine Arbeit.

Ob der Herr Professor nicht den Hut abnehmen wolle, da es so warm im Zimmer sei, hatte meine Mutter gefragt, der aber erwidert: der Hut werde fortan nur noch vor der Himmelskönigin gezogen. Diese habe ihn großer Offenbarungen gewürdigt. Sie sei ihm in der letztvergangenen Nacht erschienen und habe ihm ein Gebot gegeben. Demgemäß werde er mit zwölf reinen Jungfrauen in weißen Kleidern und mit Kränzen in den Haaren vor Sr. Majestät dem König erscheinen, um von Höchstdemselben die Konzessionierung einer eigens für Kupferstecher zu errichtenden Akademie zu verlangen. Die nötigen Gelder seien sofort von Freunden der guten Sache zu entnehmen, von uns zweitausend Taler – und darum sei er hier.

Meine Mutter war in übler Lage. Vor Wahnsinnigen hatte sie die größte Furcht und auf den ersten Blick erkannt, wie krank Müller sei. Wie sollte sie sich schützen, wenn er rasend wurde? Konnte die Himmelskönigin ihm nicht gebieten, sie oder mich zu opfern, das Haus in Brand zu stecken und jedes erdenkliche Unheil anzurichten? Ihn nicht zu reizen, hatte sie mich weggewiesen und zeigte bewundernswerte Fassung.

Wegen des Geldes, sagte sie, solle schleunig an ihren Mann geschrieben werden; aber – fügte sie unvorsichtigerweise hinzu – woher er, Müller, es denn wisse, daß jene Maria kein Traumbild gewesen?

Da richtete der sich hoch auf, und seine Gestalt schien bei dem matten Schein der Kerze riesenhaft zu werden. «Woher ich's weiß?» sagte er. «Daher weiß ich's, weil die Jungfrau mich mit allen Kräften ausgerüstet hat, die nicht von Träumen kommen.»

«Das ist was anderes!» erwiderte die Mutter, die nicht im geringsten zweifelte, daß diese Kräfte ausreichen würden, sie auf der Stelle zu erwürgen.

Jener fuhr in feierlichem Tone fort: «Sie sind sehr krank, Madame! und Ihr Arzt ist so gescheit als andere; dennoch wird er Ihnen in Ewigkeit nicht helfen. – Ich aber tue es auf der Stelle!»

Die Mutter war in Angstschweiß gebadet, als Müller jetzt, seinen Filzhut abziehend, ihr die Hand aufs Haupt legte und unter häufiger Nennung des Namens Maria lateinische Sätze murmelte. Darauf setzte er seinen Hut wieder auf und sagte: «Nun stehen Sie auf und wandeln Sie, Sie sind gesund!»

«Vollkommen!» bestätigte die Mutter.

«So schreiben Sie Ihrem Manne, was Ihnen geschehen ist, und danken Sie es der Jungfrau.» Mit diesen Worten entfernte sich der Unheimliche ohne Gruß, wie er gekommen. Ich leuchtete ihm hinaus und eilte dann zu meiner Mutter zurück, die ich in Tränen fand.

«Der arme Müller!» sagte sie, «er hat den Verstand verloren!»

Inzwischen war so viel richtig, daß die Mutter in der Tat gesund war. Der Schreck, die Angst und die Spannung aller Seelenkräfte hätten ihr verderblich werden können, hatten sie aber in diesem Fall wahrscheinlich genesen lassen. Sie stand wirklich auf und wandelte, die rückkehrenden Hausgenossen fast erschreckend.

Die Betörten

Müller war an jenem Abende nicht in sein Haus zurückgekehrt, sondern trotz Sturm und Regen spazierte er im Vollgenusse seiner Wunderkraft zum Tore hinaus, weithin durch die sogenannte Heide, bis nach dem anderthalb Meilen entfernten Hermsdorf. Dort wußte er nämlich einen gichtkranken Leinweber, den er ebenfalls kurieren wollte. Da er aber das Haus verschlossen fand, auf sein Poltern und Rufen auch niemand öffnete, zerschlug er ein Fenster und ward beim Einsteigen vom Dorfwächter verhaftet. Glücklicherweise kannte ihn der Guts- und Gerichtsherr, Burggraf zu Dohna, wenigstens von Ansehen und brachte ihn noch denselben Abend in seinem Wagen zurück nach Dresden, wo er unter Aufsicht gestellt ward.

Übrigens hatte Müller im Laufe des Tages bereits seine Proselyten gemacht. Unterstützt von dem leichtbetörten reformierten Prediger Stieffelius, dem er sich zuerst anvertraute, war es ihm gelungen, mehrere junge Damen zu überreden, sich bei dem projektierten Aufzuge zu beteiligen. An ihrer Spitze stand ein uns bekanntes liebenswürdiges Mädchen, eine junge Bremerin, die sich in Dresden aufhielt, um sich zur Malerin auszubilden. Diese, von Müllers nächtlicher Exkursion nichts ahnend, begab sich folgenden Morgens zu ihm mit Proben weißen Zeuges, in das die Prozession sich kleiden sollte. Zu ihrem Schrecken fand sie den Propheten streng bewacht und in ärztlicher Behandlung. Den obstinaten Doktor aufzuklären, wollte ihr nicht gelingen. Sie war außer sich. Ob man denn niemals aufhören werde, hatte sie gefragt, die Werkzeuge des Himmels zu kreuzigen und zu verfolgen? Da sie aber hörte, daß ihr Heiliger sich rühmte, meine Mutter geheilt zu haben, faßte sie schnell den Plan zu einer Rettung.

Wir saßen noch beim Frühstück, als das arme Mädchen in Begleitung des Herrn Pastors Stieffelius, von dessen Existenz wir bis dahin nicht die geringste Kenntnis hatten, bei uns einbrach und sich, durch Tränen lächelnd, der genesenen Mutter um den Hals warf.

«Sie sind gesund?» rief der gleichfalls entzückte Geistliche, und da die Mutter dies nicht leugnete, bestürmten beide sie mit aller Wut der Überredung, sogleich mit ihr aufs Stadtgericht zu eilen, um durch ihr Zeugnis den verkannten Müller zu befreien. Schon warte die mitgebrachte Portechaise in der Hausflur, fügten sie hinzu.

Es waren tolle Augenblicke: meine Mutter war ebenso entsetzt über die Verworrenheit ihrer Gäste, als diese vor Freude berauscht waren über das Wunder, das sie vor Augen sahen. Und stand die gestern noch halbtot gewußte Frau denn nicht in Wahrheit frisch und gesund vor ihnen? Und mußte Müller nicht aufs glorreichste triumphieren, wenn sie als lebendiger Beweis von Müllers hoher Wunderkraft vor der Obrigkeit erschiene?

Die guten Menschen kannten meine Mutter wenig, die ebenso gern im Ballett aufgetreten wäre, als sich in der Eigenschaft eines Wunderobjektes vor der Obrigkeit zu präsentieren. Zudem erklärte sie sich ihre Genesung ganz natürlich. Zwar war sie weit entfernt, es in Abrede stellen zu wollen, daß Gott auch heute noch Propheten erwecken könne; aber den Professor Müller hielt sie für keinen solchen, sondern nur für einen Kranken, den man beweinen, nicht aber in seiner Tollheit bestärken möge. Verletzt durch solche Skepsis, zogen sich endlich die beiden Proselyten samt ihrer mitgebrachten Portechaise wieder zurück, und meine Mutter klagte, daß die ganze Welt verrückt geworden sei. Es wären ja nur drei im ganzen, erlaubte ich mir zu bemerken, aber sie entgegnete, es reiche das schon aus, und wie viele außerdem noch angesteckt wären, könne man gar nicht wissen.

Unsere Wohnung glich nun einem Jahrmarkt, so drängte sich's und wogte, da sich Bekannte und Unbekannte von dem stattgehabten Wunder persönlich überzeugen wollten, und vielleicht hätte es nur von meiner Mutter abgehangen, dem armen Thaumaturgen eine Gemeinde zu gewinnen. Müller selbst versank unterdessen immer tiefer in die schauerlichen Abgründe des Wahnsinns. Mit seinem Prophetenamte begnügte er sich nicht mehr, hielt sich für Christus, fing an zu toben und mußte auf den Sonnenstein gebracht werden, wo er bald verstorben ist.

So endete einer der harmlosesten und liebenswertesten unserer Dresdener Bekannten. Er machte den Eindruck eines stillen, bescheidenen Menschen, dessen Leben keinerlei Ausschweifung darbot und dessen Denkungsweise von Schwärmerei weit ablag. Vielleicht aber, daß die Riesenarbeit seines letzten Werkes, der so berühmt gewordene Kupferstich nach der Sixtinischen Madonna, an welchem er sieben Jahre lang mit rastlosem Fleiße gearbeitet, durch Überanstrengung sein Nervenleben gestört und ihm das erste Trugbild zugeführt hatte.

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