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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 38
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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4. Franz

Nach der Rückkehr meiner Eltern aus dem Bade war die Mutter mit einer Dame bekannt geworden, welche sich mittlerweile auf dem eine Viertelstunde weiter aufwärts gelegenen Schmidtschen Weinberge – demselben, den wir früher innegehabt – eingemietet hatte, um für einige Monate Landluft zu genießen und Eselsmilch zu trinken. Krank und trostbedürftig, wie sie war, lebte sie hier in ziemlicher Verlassenheit, da sie ohne alle Bekannte in den Bergen war und von den Ihrigen nur ein kleines Töchterchen im Alter meiner Schwester bei sich hatte, während ihre beiden Söhne durch die Schule, und ihr Mann, ein Dresdener Beamter, durch seine Geschäfte an die Stadt gebunden blieben. Inzwischen war doch Fräulein Lore, die Freundin aller Hilfsbedürftigen, wahrscheinlich auf Sanitätswegen mit ihr bekannt geworden, hatte sie sehr krank gefunden und meine Mutter für sie interessiert, welche sie ihrerseits nun auch aufsuchte, um ihre Dienste und jede Hilfe anzubieten, deren sie etwa bedürftig sein möchte. Die Mutter ward mit solcher Freude aufgenommen, daß sie ihre Besuche von jetzt an täglich wiederholte, das ganz vereinsamte Töchterchen aber, namens Marie, auf den besonderen Wunsch der Kranken soviel als möglich in unser Haus zog.

Mariechen Kriegel war sehr niedlich. Sie sah aus wie Milch und Blut, hatte wundervolle kornblumblaue Augen, dunkles Haar und ein gar fröhliches Gemüt. Als sie das erstemal bei uns war, führten meine Schwester und ich sie ins Bohnenlabyrinth, wo ich den Mädchen die Schröpferschen Geschichten zum besten gab. Sie waren sehr erbaut davon, und meine Schwester, die kein geringeres Vertrauen in mich setzen mochte als jener Herzog in den Teufelsbraten Schröpfer, verlangte, ich solle auch einen Geist erscheinen lassen. Ich versprach's auf Mariens nächsten Besuch und empfahl den Mädchen mittlerweile strenges Fasten, was sie aber nicht genehmigten; ich sollte es umsonst tun.

Um einen Geist erscheinen zu lassen, muß man vor allen Dingen erst einen haben, und so war es denn auch meine erste Sorge, mir einen zu verschaffen. Sehr wohl entsann ich mich, wie die Mutter einmal Puppenbälge aus Lappen fabriziert hatte. Dergleichen, dachte ich, könne keine Hexerei sein, suchte mir einige Lumpen zusammen und wickelte, knetete und nähte daraus ein fingerlanges Männlein, dem ich ein lächerliches Gesicht anmalte.

Als nun die Beschwörung beginnen sollte, zog ich einen Kreis in den Sand, deklinierte mensa mit halblauter Stimme ganz durch, und dann überlaut schreiend – «Erscheine, Franz!» schleuderte ich mir das Püppchen von hinterrücks über den Kopf, daß es hoch in die Höhe wirbelte und zwischen den Mädchen niederfiel. Diese warfen sich sogleich darüber her, prüften es genau und lachten über die Mißgestalt und über das Gesicht, und daß der Geist ganz nackt sei. Sie wollten ihm ein Röckchen machen; ich aber meinte, er sei viel vollständiger bekleidet als wir, die wir die Leinwand nur auswendig hätten, während er durch und durch daraus bestehe. Das Spiel wurde häufig wiederholt. Franz konnte prächtig erscheinen und lernte es immer besser. Er flatterte wie ein Vogel durch die Lüfte, immer höher und weiter, endlich so weit, daß wir ihn nicht wiederfinden konnten.

Wir hatten das häßliche Alräunchen schon vergessen, als eines Abends der sonnengebräunte Winzer zu unserem Spiele trat und fragte, ob denn die kleinen Fräuleins nichts verloren hätten; er hätte beim Hacken was gefunden. Damit langte er den Franz hervor.

Das Gespenstchen wurde mit Lachen und Geschrei begrüßt. Ob es wohl noch fliegen könne? Ich warf es hoch in die Luft. O ja! es ging noch gut. Nur beim Niederwirbeln hatte es das Unglück, in den Brunnen zu fallen. Das war insofern merkwürdig, als nur eins der Bretter, die das Wasserreservoir der Plumpe deckten, schadhaft war und Franz gerade durch den Schaden durchflog. Wenn er das gewußt hätte, sagte der Winzer schmollend, so hätte er sich's lieber für seine Kinder ausgebeten, es sei ja schade darum. Wir aber machten weiter keinen Lärm von der Geschichte, damit der Vater sich nicht vor dem Wasser ekeln sollte.

Nun hatten wir damals ein geistreiches Dienstmädchen, die, weil sie mitunter an etwas anderes dachte als an das, was sie gerade machte, bisweilen Dinge machte, an die niemand gedacht hätte. «Was ist denn das?» sagte meine Mutter nicht ohne Entsetzen, als sie eines Tages beim Aufgeben der Suppe die Selleriewurzel für den Vater ausfischte. Dieser fuhr mit der Gabel danach: «Ein Homunkulus!» rief er; ich aber erkannte augenblicklich meinen Franz.

Vielleicht, daß die Köchin, indem sie den Eimer unter der Plumpe hatte, an den Sellerie dachte, beim Ansetzen der Suppe aber an die Plumpe. Als sie endlich die Wurzel zutun wollte, fand sie, daß dieselbe schon drin war, und beruhigte sich. Es war, als wenn der Geist, seitdem er einmal heraufbeschworen, nicht wieder zu bannen und zum Plagegeist der Familie geworden sei.

Jetzt wurde die Köchin hereinbeschworen und durch Vorzeigen des schauderhaften Wurzelwerks vernichtet; doch lachte mein Vater des Fischzuges und ging zum Braten über. Franz aber wurde gedörrt und wie ein Zauberer an freier Luft verbrannt.

Der Tod

Die kleine Marie kam jetzt täglich zu uns. Gewöhnlich holte ich sie ab und sah dann auch ihre Mutter. Diese war eine schöne Frau, aber die Hand des Todes hatte sie gezeichnet. Von Blumen umgeben, lag sie abgezehrt und fiebernd unter einem offenen Zelte und blickte mit ihren hektisch klaren Augen hinaus in die weite sonnige Gotteswelt, die sie verlassen sollte.

Noch hoffte man freilich; das Aussehen war bisweilen besser, der Zustand erträglicher, aber der Weg, der eine Weile aufwärts führte, fiel immer wieder um desto tiefer ab. Die Kranke glich der kleinen Ameise, die bisweilen dem Zaubertrichter fast entronnen schien, durch erneute Anfälle des Unholds in der Tiefe aber stets von neuem zurückgeschleudert ward, bis jener sie mit seinen grauen Fangarmen ergriff und ihr das Leben aussog.

Wohl sah ich, daß Madame Kriegel recht sehr krank war, aber ich sah den Tod nicht, der aus der Tiefe nach ihr langte. Wenn ich, Marien abzuholen, an ihr Lager trat und sie mich an sich zog, mich streichelte und mir mit ihrer leisen Stimme schmeichelnde Worte sagte, konnte ich mir nicht denken, daß sie in wenigen Tagen unter der Erde sein werde. Noch weniger Ahnung hatte Marie von dem lebensgefährlichen Zustande ihrer Mutter. Sie küßte ihr fröhlich die Hand beim Abschied und wanderte dann in ihrem feuerroten Kleidchen und weißen Hütchen wohlgemut mit mir von dannen, um unter unserem alten Nußbaum am Begerhäuschen mit uns zu spielen und zu lachen.

Bald zog Mariechen ganz zu uns. Ihre Mutter, deren Krankheit so ernste Wendung nahm, daß niemand im Hause auf das kleine Mädchen achten konnte, hatte darum gebeten. Bei uns empfing sie die Todesnachricht und weinte sich satt in den Armen meiner Mutter.

Als nun die Beerdigung geschehen sollte, nahm mein Vater mich mit ins Trauerhaus und trat mit mir vor den offenen Sarg. Die Leute sagten, es wäre eine schöne Leiche; ich aber starrte sie schaudernd an. Aus diesen einst so freundlichen Zügen grinste jetzt der kalte Hohn des Todes mit scheußlichem Triumph. Mir war's zumute, als wenn mein eigenes Leben stocke, als sei überhaupt alles Leben nur Lug und Trug, der Tod die einzige Wahrheit. Die kaum überwundenen Beängstigungen des Winters kehrten mit doppelter Kraft zurück.

So folgte ich dem Leichenzuge, der sich in glühender Mittagshitze zwischen niedrigen Weinbergsmauern langsam durch heißen Sand zog. Die Brombeersträucher am Wege, der Gundermann, der wilde Hopfen und die Kletten, die an den Mauern wucherten und rankten, gaben keinen Schatten, ebensowenig als die verworrenen Phantasien, die mein erhitztes Hirn erzeugte, Trost gewährten. Zwischen den beiden Söhnen der Verstorbenen einhergehend, sah ich den hochgetragenen Sarg in unmittelbarer Nähe vor mir hinschwanken. Ich träumte, sie trügen meine Mutter fort oder den Vater, und sah mich um, ob er noch folge. Dann war ich selbst in dem engen Kasten mit kaltem Blut und starren Gliedern, aber mit vollem Bewußtsein, und wer konnte wissen, ob es mit anderen Toten anders sei. Auch stellte ich mir vor, die Leiche möchte plötzlich, das hintere Giebelbrett des Sarges durchbrechend, mit wildem Scheinleben herausfahren, und dergleichen Unsinn mehr, welchen die voranziehende Dorfschule mit öden Grabgesängen begleitete.

Auf dem Gottesacker fanden wir die halbe Bevölkerung versammelt, das Grab neugierig umdrängend; aber gern wichen alle einer auffallenden Gestalt aus, einer kleinen mageren Figur im weißen Kleide, weißen Schal und einem hohen, gleichfalls weißen zylinderförmigen Turban, aus dessen Spitze lange kohlschwarze Locken ringelten.

«Eine Böhmsche!» – «Zigeunerin!» – murmelten die Winzer; ich aber erkannte unschwer schon von weitem die schwarze Tante. Sie war mit der Verstorbenen etwas bekannt gewesen und jetzt von Dresden herausgewandert, ihr die letzte Ehre zu erweisen. Mir war ihr Anblick tröstlich, sie erinnerte mich an lebensfrohe Tage, und ich freute mich zu hören, daß sie uns ins Begerhaus begleiten wollte, um einige Tage dazubleiben.

Die Anwesenheit der schwarzen Tante zerstreute mich indes nur wenig; die Gespenster des Todes und der Verwesung folgten mir auf Schritt und Tritt, hetzten mein Gemüt wie Furien, gingen zu Bett mit mir und peinigten meine Träume. Ich scheute mich vor dem Essen, konnte namentlich kein Fleisch ansehen, weil es ja alles Leichenfleisch war, und meine Kräfte schwanden um so mehr, als ich, von Angst und Unruhe getrieben, den ganzen Tag umherlief. Ich durchrannte aber die herrliche Gegend wie ein Blinder. Die Natur sowohl als die tröstlichen Glaubensworte der Mutter waren mir zur inhaltslosen Phrase geworden, und der Tod, diese größte der Lügen, blieb immer die alleinige und ausschließliche Wahrheit.

Aus dieser Hölle führte mich endlich die Hand meines Vaters auf gar wunderliche Weise. Er kannte wohl den Köder, nach dem ich schnappen würde, als er mir eines Abends aus der Stadt allerlei Utensilien zum Feuerwerkern mitbrachte. Das war eine Freude! Wenn ich saß und kleisterte oder die wohlgeratenen Patronen lud, so wich die Angst von mir. Es war mir dann zumute wie einem, den seine Mutter tröstet, während doch der wirkliche mütterliche Zuspruch ganz ohne Wirkung blieb. Es war eine kindische Heilung einer sehr kindischen Krankheit.

Noch wirksamer aber erwies sich jenes Mittel, als ganz unerwartet mein alter Freund Alfred Volkmann bei uns eintrat. Er kam von der Meißner Fürstenschule, um seine Ferien bei uns zuzubringen, und da auch er sehr passionierter Feuerwerker war, so war es doppelt lohnend, mit ihm gemeinschaftlich zu arbeiten. Wir machten Frösche, Schwärmer, Bombenröhren, Erdschläge und sogar Feuerräder, welche letzteren sich zwar immer nicht recht drehen wollten. Zwischendurch liefen wir auf die Höhen der Berge, entdeckten Aussichten, suchten Pilze und fütterten die Ameisenlöwen, über deren merkwürdige Lebensart wir nicht aus dem Erstaunen kamen. Auch schlichen wir mit meines Vaters preisgegebener Sattelpistole auf die Jagd und hätten mancherlei erlegen können, einmal sogar eine prachtvolle Ohreneule, die fest auf niederem Aste schlummerte, wenn die Pistole nicht fast regelmäßig versagt hätte. Davon war denn zu Hause viel Erzählens.

Unter so angenehmen Zerstreuungen verschwanden die beängstigenden Fratzen meiner kranken Phantasie, und die gewohnte Lebenszuversicht kehrte zurück. Dennoch aber erkrankte ich im späteren Leben mehr oder weniger jedesmal von neuem, sooft ich eine eingesargte Leiche sah, und immer waren es leichte mechanische Beschäftigungen, durch welche ich mich wieder heilte.

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