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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 30
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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8. Hummelshain

Von dem Städtchen Kahla aus, wo wir Mittag gemacht hatten, führte unser Weg unausgesetzt durch Hochwald, der die Aussicht erst dicht vor dem Ziele unserer Reise freigab. Wir fuhren durch das wohlgelegene Dorf nach dem herzoglichen Schlosse, welches Herr von Ziegesar als Amtswohnung innehatte, und wurden von diesem aufs beste empfangen. Die Tante freilich fanden wir nicht. Sie war bei einem Besuche am weimarischen Hofe gewissermaßen auf dem Herzen der Erbgroßherzogin gestrandet. Diese hatte die Freundin nicht entlassen wollen, und es sei da nichts zu machen, wurde gesagt; man müsse warten, bis sie wieder flott werde.

Ich freute mich, daß wenigstens die Kinder zu Hause waren, die uns mit Wohlwollen begrüßten. Sie standen uns an Zahl und Jahren gleich und waren die ersten einigermaßen verwandten Altersgenossen, die wir mit Augen sahen. Der älteste Sohn, Hermann, ging uns zwar eigentlich nichts an, da er aus einer früheren Ehe seines Vaters stammte, doch wurde er als vollgültig mit angenommen. Sein gutes Aussehen wie sein ehrenfestes Wesen gewannen mich auf der Stelle, und auch die beiden jüngeren Geschwister, Otto und Mariechen, ließen das Beste erwarten.

Mariechen lebte noch wie meine Schwester im Kinderparadiese zwischen Traum und Wachen. Sie war jedoch sehr niedlich und lebendig und rühmte sich, daß der Riese Goliath Gevatter bei ihr gestanden habe. Als wir's nicht glauben wollten, fing sie an zu weinen und sagte, es wäre wahrhaftig wahr. Da gaben wir es zu.

Es war ein wahres Vergnügen, sich so anzusehen und miteinander bekannt zu werden. Aber, o wie bedauerten wir die arme Tante, daß sie an dieser Lust behindert war; hatte Hermann doch gesagt, daß sie sich so auf uns gefreut habe. Wir sprachen ziemlich lieblos über diejenigen, die sie zurückhielten, und wie denn Kinder ganz ernstlich von den untunlichsten Dingen handeln können, so entwarfen wir für den Fall, daß sie nicht bald käme, die abenteuerlichsten Pläne gewaltsamer Befreiung. Des Umstandes, daß hierzu scharfe Hirschfänger nötig waren, die von den Jägerburschen geliehen werden sollten, erinnere ich mich noch deutlich.

Unter solchen zum Teil sehr aufregenden Gesprächen durchwanderten und besichtigten wir die Räumlichkeiten des Hauses. Das Hummelshainer Schloß komponierte sich damals aus dem Corps de logis oder dem eigentlichen Schloß, das mit seiner altertümlichen Einrichtung für gewöhnlich leer stand, und einem modernen Seitenflügel, den Ziegesars bewohnten. Beide Schloßteile umfaßten mit den dazu gehörigen Ställen und Remisen drei Seiten eines weiten steinernen Hofes. Die vierte begrenzte das Staket eines freundlichen Gartens.

In diese Lokalitäten wurden wir Neuangekommenen so eingefügt, daß meine Eltern mit der Schwester einige wohlgelegene Piecen des alten Schlosses bezogen, wir Knaben aber ein erwünschtes Unterkommen in den Mansarden des Seitenflügels fanden, wo die Vettern mit Herrn Bäring, ihrem Lehrer, hausten. Da wir uns alle vier in ein und dieselbe Kammer gebettet fanden, so war die Aussicht auf die Nächte sehr erfreulich, denn Kinder lieben beim Einschlafen die größtmögliche Geselligkeit, weil sie gerade in den Augenblicken, die dem Verluste der Besinnung vorhergehen, am stärksten leben. Auch lärmten und spektakelten wir entsetzlich, warfen uns die Kissen an die Köpfe und pflegten uns erst zu beruhigen, wenn Herr Bäring dräuend eintrat.

Jagdfreuden

Gleich in der ersten Nacht trug sich ein Umstand zu, der sich in Raffs Naturgeschichte nicht ganz unvorteilhaft würde ausgenommen haben. Ich erwachte von dem Schelten meines Bruders, der sehr ungehalten schien und mir auf Befragen mitteilte, es habe ihn was gebissen. Ich entgegnete, es möchte eine Wanze gewesen sein. Er sagte aber: «Nein, etwas ganz Großes!» und Hummelshain wäre ein Nest.

So lamentierte er und wollte sich nicht beruhigen, bis Herr Bäring aus der Nebenstube mit Licht eintrat. Da fand sich denn die strotzende Backe des armen Herrn Schäfer zunächst dem Auge blutig geschunden und geschrunden, daß es häßlich zu sehen war, und der Mörder fand sich auch, nämlich eine frisch verreckte und noch warme Maus. Der Kleine hatte sie, vom Schmerz geweckt, noch halb bewußtlos, ergriffen und an die Wand geschleudert.

Daß diese Maus – es war eine ganz natürliche mit scharfen Schneidezähnen, klaren Ohren und perfidem Geruch – nirgend anders als zur Tür hereingekommen und daß es draußen auf dem Boden viele gäbe, darüber waren Herr Bäring und die Vettern einig. Wir eröffneten daher vom nächsten Morgen an den schonungslosesten Vertilgungskrieg gegen dieses menschenfressende Ungeziefer. Nicht allein stellten wir zahlreiche Studentenfallen auf, sondern lagen in unseren Mußestunden persönlich im Hinterhalt mit Armbrüsten und Blaseröhren. Die Sache wurde zur Passion, und wir erlegten viele Mäuse.

In der Folge stellten wir zu unserem Beistand sogar noch einen Unterförster an, einen Igel nämlich, den wir im Walde aufgegriffen hatten. Wir mästeten ihn nebenbei mit Milch, damit er stärker und kühner würde, und bauten ihm eine bequeme Höhle, so daß es ihm eigentlich an nichts gebrach. Dennoch war er eines Morgens aufs unheimlichste verschwunden.

Zu wissen, daß sich ein Igel irgendwo an einem bestimmten Fleck aufhält, hat wenig auf sich; weiß man dagegen nur, daß einer im Hause ist, so ist's bedenklicher, weil man ihm ganz unvorbereitet an den allerunpassendsten Orten begegnen könnte. Durch diese Vorstellung war namentlich die weibliche Hausgenossenschaft geniert, und wir suchten den Entschwundenen tagelang, um ihn wieder in den Wald zu tragen, aber er wollte sich nicht finden lassen. Übrigens wäre es gut, daß wir den Schweinigel los wären, sagte die Köchin, denn wenn er böse würde, schösse er seine Stacheln auf zehn Schritt und weiter, und wohin er träfe, wäre ihm egal. Daß dies eine im thüringischen Volke verbreitete Annahme war, erfuhr ich später.

Der Hetzgarten

Da ich doch einmal wie Wachs in vieler Meister Händen war, so freute ich mich jetzt, in keine schlimmeren als in die Herrn Bärings gefallen zu sein. Er war ein Informator, den man sich gefallen lassen konnte, ein weicher, liebenswürdiger Mensch und tüchtiger Lehrer, bei dem wir wacker lernten. Überdem empfahl er sich noch dadurch, daß es ihm nicht einfiel, unsere Spiele zu beherrschen, was ich nach Senffs Analogie am sichersten erwartet hatte; er ließ uns vielmehr darin frei gewähren und begnügte sich bloß, uns fleißig vom Mäuseboden zu verscheuchen, um sich Ruhe und uns an die Luft zu schaffen.

Wir verfügten uns dann gern in den sogenannten Hetzgarten, einen weiten, von Mauern eingefriedigten und an die Rückseite des Schlosses angelehnten Plan, zwar lediglich zum Zwecke fürstlicher Sauhetzen bestimmt, in Ermangelung jagender Prinzen aber wie geboren zum freien Tummelplatz für Knaben, die man hier sorglos dem Schutze der Waldgötter anvertrauen zu dürfen glaubte. Es war dies eine herrliche Wildnis, weglos, steglos, nur Anger, Busch und Gestrüppe, voll Disteln, Kletten und jeglichen Unkrauts. Da gab's nichts zu verderben, jedweder mochte sich behaben, sich Bahn brechen und herumwüsten, wie er wollte: ein guter Ort für jede Art von kriegerischen Manövers.

Hermann und ich pflegten uns beim Soldatenspiele kreuzweis in unsere Brüder zu teilen. Ich kommandierte den kleinen Otto, der sich in den Spiegelwänden seiner und meiner Phantasie zu einer ganzen Schwadron Dragoner multiplizierte, während Hermann an meinem Bruder den gleichen Schatz besaß. Damit kam jeder auf seine Rechnung; wir älteren Brüder waren mächtiger, die jüngeren waren mehr. Auf Stöcken einhersprengend, suchten wir uns zu beschleichen und prallten dann mit Furie aufeinander. Köstliche Stunden verlebten wir so, das Übermaß der Kräfte in heftigster Bewegung verwertend.

Zu solchen Spielen fand sich täglich noch ein fünfter Held von unserem Alter ein, dessen Vater, ein Herr von Schmerzing, in Hummelshain begütert war. Wie alle Schmerzings, hieß er Hannibal, wozu wir, da er immer zur Hand war, noch den Beinamen Anteportas fügten. Hannibal Anteportas war ein braver Junge, an dessen Umgange wir Geschmack fanden, hatte gediegene Fäuste und prügelte sich, an unseren spielen teilnehmend, wacker mit uns herum. Er repräsentierte dann die dritte Macht, war Schwadron und Kommandeur in einer Person, und seine Bundesgenossenschaft war sehr gesucht. Dieser Hannibal brachte eines Tages noch anderweitigen Besuch mit, einen Verwandten, namens Stockhausen, der preußischer Kadett war, einen kleinen Schleppsäbel trug und, obgleich nur wenig Jahre älter als wir, doch schon mit aller Anmut und Würde eines jungen Offiziers geziert war. Natürlich konnte in Gegenwart eines so gesetzten Fremden von kindischem Soldatenspiel nicht wohl die Rede sein. Wir schlenderten vielmehr mit ihm ganz wohlanständig und gesetzten Wesens im Hetzgarten umher und unterhielten uns von großen Dingen, wobei es denn auf mehr oder weniger kleine Prahlereien nicht gerade ankommen mochte.

Bei dieser Gelegenheit erzählte ich, daß während unseres Aufenthaltes zu Ballenstedt ein gewaltig großer Adler durch das offenstehende Fenster der Schloßküche auf einen toten Hasen gestoßen sei und diesen vor der Nase des bestürzten Kochs, der ihn eben abziehen wollte, entführt habe. Von der Wahrheit dieser interessanten Geschichte war ich so überzeugt wie von meinem Leben, weil sie im Barduaschen Hause erzählt worden, und daher recht wesentlich verletzt, als Stockhausen sie als Aufschneiderei ins Lächerliche zog. Darüber gerieten wir in Wortwechsel, die Freunde hetzten, und ich, an Umgang mit Offizieren nicht gewöhnt, mochte die Worte wenig wählen. Da schlug mein Gegner an seinen kleinen Schleppsäbel, beteuernd, daß, wenn ich Soldat wäre, er nicht umhinkönnen würde, mir auf der Stelle einige Unzen Blutes abzuzapfen.

Sogleich wollte ich zu Dienst sein, rannte ins Schloß, entlehnte meines Vaters Stocksäbel, denselben, mit dem ich schon vor acht Jahren den Bayern abgetan, und stellte mich zum Kampf. «Macht keine Dummheiten!» gebot Hermann; auch Anteportas suchte zu vermitteln; aber Stockhausen zog und spottete. Da drang ich mit Schwadronhieben auf ihn ein, er deckte sich, und die Klingen zischten aneinander hin wie giftige Schlangen. Daß wir uns nicht verletzten, war wunderbar; aber es mochte doch noch ein Rest von Vorsicht in der Wut sein. Ein zufälliger Treffer freilich würde diese so gesteigert haben, daß ohne die Dazwischenkunft einer höheren Macht notwendiges Unheil erfolgt wäre.

Unter diesen Umständen erschien Herr Bäring wie gerufen. Von einem Spaziergange heimkehrend, durchwandelte er den Garten, und da er den Klang der Waffen hörte, sprang er zu und riß uns auseinander. Der Zweikampf hatte übrigens die gewöhnliche Wirkung. Stockhausen reichte mir die Hand, und wir waren wieder die besten Freunde.

Oheim und Muhme

Nach etwa acht bis zehn Tagen, die wir uns ohne sie behelfen mußten, war denn auch die Tante von Weimar zurückgekehrt und mit einem Jubel empfangen worden, als sei sie von der Leuchtenburg entsprungen. Auch zweifelte ich nicht, daß es ihr selber so zumute sei, denn als sie uns in tiefer Bewegung und mit Tränen in die Arme schloß, glaubten wir, sie weine nachträglich noch darüber, daß man sie so lange von uns zurückgehalten habe.

Die Tante war eine noch sehr junge Frau von einnehmendstem Äußeren, mehr anmutig als regelmäßig schön, mehr herzlich als geistreich, mehr leidenschaftlich als beweglich, eine ursprüngliche Natur, harmonisch in sich selbst und durchaus wahr. Ein eigentümlicher Kontrast, in welchem ihre lebhafte, fast stürmische Empfindung zu der wohltuenden Ruhe ihrer Sprache und aller ihrer Bewegungen stand, gab ihrer Erscheinung das höchste Interesse. Wie meine Mutter, stammte auch sie aus einer jener deutschen Familien, die, obgleich seit Jahrhunderten in Estland ansässig, sich dennoch ihre vaterländische Sprache und Art erhalten haben. Sie hatte das Glück, im Schoße der Ihrigen aufzuwachsen, jedoch nicht genossen, sondern war schon als Kind dem kaiserlichen St. Katharinenstift in Petersburg übergeben worden, das sie erst verließ, um die nach Weimar heiratende Großfürstin Marie Pawlowna als Hofdame zu begleiten. Am weimarischen Hofe lernte sie Ziegesar kennen und folgte ihm auf sein einsames Waldschloß.

Meine Mutter befreundete sich schnell mit dieser ihr bis dahin persönlich fremd gebliebenen Cousine, deren offenes, ungeschminktes und doch so graziöses Wesen jedermann anzog. Beide Frauen fanden in ihren Ansichten und Erlebnissen reichliche Berührungspunkte und regten mit ihrer Geistesfrische auch die Väter an. Die Unterhaltungen am Teetisch oder des Abends nach dem Essen in des Onkels Zimmer mögen guter Art gewesen sein, wenigstens war keine Langeweile dabei, und wenn meine durch Arbeit und Spiel sehr reichlich besetzte Zeit es erlaubte, so lauschte ich gern dem Gespräch der Alten. Wenn aber die Tante sich ans Instrument setzte und mit ihrer glockenreinen Stimme ein geistliches Lied intonierte, dann vergaß ich vollends jedes Spiel und hockte mich still in eine dunkle Ecke. Wie ist das deutsche Kirchenlied doch so voll Kraft und Seele! Man hörte damals im Gesellschaftsleben nicht viel anderes als Goethesche Lieder, für welche Kinder, mit Ausnahme des «Erlkönigs», kein Verständnis haben; das Kirchenlied war aus den Häusern ausgewandert. Diese Art des Gesanges trat mir hier als etwas Neues entgegen und machte auf mich vielleicht gerade deshalb um so tieferen Eindruck.

Frau von Ziegesar hatte durch ihre Erziehung, durch Erinnerung und Familienbande zwar warme Sympathien für Rußland behalten, aber aus deutschem Blut entsprossen und mit einem deutschen Mann verbunden, teilte sie die vaterländische Begeisterung des Volkes, dem sie nun auch bürgerlich angehörte, um so aufrichtiger, als die später aufgekommene Idee, Rußland als den Erbfeind Deutschlands anzusehen, noch nicht erfunden war. Das deutsche Bewußtsein setzte sich damals vornehmlich französischer Nationalität wie deren Eigentümlichkeit entgegen, welche mit jeder denkbaren Untugend identifiziert wurde. Deutsch sein hieß dagegen tadellos sein, unerschrocken, wahrhaftig, treu fromm und wohlanständig. Dies Deutschtum pflegte die Tante, im Gegensatz zu dem, was man französisch nannte, mit Sorgfalt in uns Kindern und wußte uns dermaßen für Vaterländisches zu begeistern, daß wir uns sogar der allereingebürgertsten französischen Worte schämten. Mein Bruder und ich nannten sie daher nicht Tante, sondern Muhme, und konnten gewiß sein, ihr damit zu gefallen.

Ebenso ließ Herr von Ziegesar sich gern Oheim nennen. Um eine halbe Kopflänge höher als andere große Gestalten, mochte er jener Riese Goliath gewesen sein, dessen Mariechen sich von ihrer Taufe her erinnern wollte. Dieser treffliche Oheim war ein Ehrenmann von altem Schrot und Korn, als welcher er auch weit und breit im Lande respektiert ward. Mir imponierte er vornehmlich als Hausherr, da er ein strenges Regiment führte und sich, ganz im Gegensatz zu meinem Vater, um alles kümmerte, was vorkam. Die kleinste Unordnung und Ungehörigkeit ward auf der Stelle gerügt, wenn auch mit großer Ruhe und ohne Poltern, doch mit sehr anzüglicher Satire.

Vernachlässigte Körperhaltung war streng verpönt. Wir mußten vor jeder Mahlzeit einen langen, vom Speisezimmer auslaufenden Korridor mit methodisch auf dem Rücken verschränkten Armen in gerader Haltung dreimal auf und nieder marschieren, ehe wir uns setzen durften, und dann erst wurden wir für genügend ausgestreckt gehalten, um bei Tisch gerade zu verbleiben. Vergaßen wir uns dennoch, so saß uns auch schon der Gabelstiel des Oheims auf dem Rücken, oder wenn er uns etwa nicht erreichen konnte, so hörte man ihn von Schneidergesellen, Fiedelbogen und anderen krummen Dingen murmeln und fuhr betroffen auf. Ich saß und wandelte damals so gerade wie ein Ladstock, da doch früher die mannigfachen Ermahnungen meiner treuen Mutter niemals etwas Aufrichtendes für mich gehabt hatten. Gewiß ist auch mit Spott und Gabelstielen mehr auszurichten.

Nach gleicher Methode wurde man auch zu jeder anderen Wohlanständigkeit gezwungen. Wer mit Tintenflecken, langen Nägeln oder sonst nicht ganz probemäßig bei Tisch erschien, konnte nicht lange ausdauern. Der Oheim sprach dann etwa von Leuten, die aussähen, als wären sie hinter dem Zaun geboren, und der Getroffene machte, daß er fortkam, um sich zu korrigieren. Flatterhaftigkeiten, Prahlereien, leeres Geschwätz und gefräßiges Schmatzen dämpfte er schnell durch vergleichsames Reden von Franzosen, Unaufmerksamkeit und Verdrossenheit bewunderte er als eskimosche Temperamentsvorzüge, und ließen wir es an irgendeiner Ehrerbietung fehlen, so erkundigte er sich höflich, wo wir studiert hätten, in Flegelstädt oder Lümmelburg.

Dergleichen Korrektionen waren kurze Zügelgriffe mit rascher Wirkung, obgleich der Oheim uns kein saures Gesicht dabei zeigte. Nur einmal hatte ich den Eindruck, als sei er wirklich aufgebracht gewesen, und zwar bei folgender Gelegenheit.

Herr Bäring hatte spartanische Geschichte mit uns getrieben, bei welcher Gelegenheit wir für Abhärtungen aller Art begeistert wurden. Insonderheit bewunderten wir die Standhaftigkeit, mit welcher die Knaben ihre periodischen Geißelungen ertrugen. Dem Schmerz so ohne Zuck und Muck zu trotzen, erschien sehr männlich, und wir verlangten nach ähnlicher Übung. Da aber Herr Bäring hierauf nicht eingehen wollte, so bläuten Hermann und ich uns gegenseitig mit einer alten Reitpeitsche ab, wobei die jüngeren Brüder als Ephoren gegenwärtig sein und aufpassen mußten, ob wir Schmerz verrieten. Zur Belohnung wurden sie dann auch gedroschen.

Nun wohnte im benachbarten Försterhause ein Jagdjunker von Ende, der uns mancherlei Vergnügen machte. Er fertigte uns dreieckige Hüte von Pappe, schenkte uns altes Riemenzeug zu Koppeln für unsere Schwerter, lehrte uns Sporen von Weidenzwieseln schneiden und dergleichen mehr. Hermann und ich besuchten ihn daher fleißig, um ihm Gelegenheit zu geben, uns durch irgend etwas zu erfreuen, und fanden in der Regel unsere Rechnung dabei.

Bei einem dieser Besuche zeigte uns Herr von Ende ein paar Ordenskreuze, die er aus Blei gegossen und mit bunten Bändern versehen hatte. Diese Dekoration, sagte er, wolle freilich verdient sein, und nur der könne Anspruch darauf erheben, der, ohne mit den Augen zu zwinkern, drei markige Hiebe mit seinem Kantschu ertrüge. Das war das richtige Wasser auf unsere Mühle. Wir hatten gute Vorstudien gemacht, drängten uns zur Probe und wurden beide dekoriert.

Beim Abendessen fragte der Oheim, was wir da für Kreuze hätten, und ich erzählte den Hergang. Da legte jener den Löffel weg und sagte in fast melancholischem Tone, daß ihm jeder Appetit vergehe. Dann aber fuhr er auf und fragte, ob wir denn Türken oder Schranzen oder was wir wären, daß wir uns für unseren Vorteil malträtieren ließen. O der greulichen Schande, sich schlagen zu lassen um solchen Tand! Und daß er das an seinen eigenen Kindern und Tischgenossen erleben müsse, sei entsetzlich.

Wir waren wie mit Blut übergossen und zerrten an unseren Bändern, um die fatalen Kreuze loszuwerden, die jetzt wie Feuer brannten. Bäring zwar nahm uns in Schutz. Jedes Ding, sagte er etwa, habe zwei Seiten, sei Ehre oder Schande, je nachdem man es begriffe, und er könne nichts so Entsetzliches drin finden, wenn wir uns bestrebten, jenen welthistorischen lazedämonischen Knaben nachzueifern. Der Oheim aber erwiderte: was für ein Pack die Spartaner gewesen, könne man schon aus ihrer schwarzen Suppe sehen, und er glaube, daß die polnischen Wölfe sie in jeder ihrer Tugenden bei weitem überträfen. Wir aber wären Deutsche, wir hätten uns deutschen Begriffen von Ehre und Schande zu bequemen.

Wir hatten eine ausreichende Lehre empfangen und waren ganz einverstanden damit, daß unsere Orden durch Herrn Bäring mit dem Ersuchen zurückgesandt wurden, uns für die Folge mit derlei Auszeichnungen zu verschonen.

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