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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 17
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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5. Von den kleineren Größen

Die Franzosen waren abgezogen, und hinter ihnen wirbelte der Staub auf, wenigstens in unserem Hause. Es ward mit Besen gefegt, gescheuert und gelüftet; dann erfreute man sich wieder der altgewohnten Lebensordnung und des ungestörten Verkehrs mit zahlreichen Freunden und Bekannten, deren Gemeinschaft die Last der Zeit erleichterte.

Konventionellen Umgang waren meine Eltern so glücklich, nicht zu kennen, und doch auch waren sie so wenig als irgendjemand in der Lage, sich ihre Gesellschaft ganz willkürlich zu wählen; was ihnen aber davon zufiel, war meistens von der Art, daß sie Genuß daran hatten, den zum großen Teil sogar wir Kinder mitempfanden. Unter den künstlerischen Freunden unseres Hauses aber stand uns Kleinen jedenfalls der Landschaftsmaler Professor Friedrich obenan, vielleicht weil er sich am meisten mit uns einließ und, was mich anbelangt, seine Eigentümlichkeit mir schon damals nichts weniger als unverständlich war und mich ganz besonders anzog.

Friedrich war ein sehr aparter Mensch. Mit seinem ungeheuren Kosakenbarte und großen, düsteren Augen hatte er ein treffliches Modell zu einem Bilde meines Vaters abgegeben, das den König Saul darstellte, über den der böse Geist vom Herrn kommt. Doch wohnte in ihm vielmehr ein Geist, der keine Fliege kränken, viel weniger geneigt sein konnte, den frommen Harfenisten David zu erlegen, ein sehr zarter, kindlicher Sinn, den Kinder und kindliche Naturen leicht erkannten, mit denen er daher auch gern und zutraulich verkehrte. Im allgemeinen war er menschenscheu, zog sich auf sich selbst zurück und hatte sich der Einsamkeit ergeben, die je länger, je mehr seine Vertraute ward und deren Reize er in seinen Bildern zu verherrlichen suchte.

Dergleichen Bilder waren früher nicht gewesen und werden schwerlich wiederkommen, denn Friedrich war ein Einundeinzigster in seiner Art wie alle wirklichen Genies. Es ist schade, daß man Kunstwerke nicht beschreiben kann; man kann eben nur ihren Stoff andeuten, und es war sonderbares Zeug, was Friedrich malte. Nicht paradiesische Gegenden voll Reichtum und lachender Pracht, wie Claude sie liebte und alle diejenigen gern sehen, die nur Stoff und Machwerk ansehen. Sehr einfach, ärmlich, ernst und schwermutsvoll, glichen Friedrichs Phantasien vielmehr den Liedern jenes alten Keltensängers, deren Stoff nichts ist als Nebel, Bergeshöhe und Heide. Ein Nebelmeer, aus dem eine einsame Felsenkoppe ins Sonnenlicht aufragt, ein öder Dünenstrand im Mondschein, die Trümmer eines Grönlandfahrers im Polareise – so und ähnlich waren die Gegenstände, die Friedrich malte und denen er ein eigentümliches Leben einzuhauchen wußte.

Mein besonderer Liebling unter diesen Bildern war ein junges Kiefernbäumchen im wirbelnden Schneewetter. Dichter Schnee lag oben darauf und fußhoch darum herum. Darunter aber, im Schutz des Nadeldaches, war es sehr heimlich, da war der Schnee nicht hingelangt, da schliefen die Kinder des vergangenen Sommers, Heidekraut und welke Halme und ein paar zusammengekrochene Schneckenhäuschen, im tiefsten Frieden. Das war das ganze Bild.

Mit so einfachen Mitteln große Wirkungen zu machen, vermag nicht jeder, und doch liegt es so nahe, Einfaches und Bekanntes darzustellen, wenn man verstanden sein will. Ein Kiefernbäumchen ist uns jedenfalls verständlicher als ein Palmbaum, den wir nie gesehen. Inzwischen hatte Friedrich doch immer nur ein kleines Publikum, weil er, wennschon mittels bekannter Formen, dennoch etwas zur Anschauung brachte, was die meisten Menschen fliehen, nämlich die Einsamkeit. Hätte mein Vater die Fremden, die seine Werkstatt besuchten, nicht regelmäßig auf Friedrich verwiesen und überall Lärm für ihn geschlagen, so würde der bedeutendste Landschaftsmaler seiner Zeit gehungert haben.

Dieser originelle Meister entstammte traditionell einem alten Grafengeschlecht, das, evangelischen Bekenntnisses wegen, vorzeiten aus seinem Stammsitz Friedrichsdorf in Schlesien ausgewiesen, sich nach Pommern gewandt und dort der Seifensiederei ergeben hatte. Auch unser Friedrich war der Sohn eines Greifswalder Seifensieders, und von den Eigenschaften seiner Ahnen hatten sich nur die inneren Werte tapferer Wahrheitsliebe, stolzen Freiheitssinnes und einer hohen moralischen Selbständigkeit auf ihn vererbt. Im übrigen war er so arm wie Kepler, von dem der Dichter singt: «Er wußte nur die Geister zu vergnügen, drum ließen ihn die Leiber ohne Brot.» Auch Friedrich kam aus seiner bedrängten Lage nie heraus, weil er zu menschenscheu und unbeholfen, vielleicht zu gut für diese Welt war. Namentlich nach dem Tode meines Vaters gestaltete sich sein Leben immer trüber, aber der Adel seiner Seele blieb ungebrochen. Die Felsenkoppe, die aus Nebeln nach der Sonne schaut, das war sein Bild.

Näher noch als Friedrich, mit dem er nicht allzuviel Berührungspunkte hatte, stand meinem Vater ein anderer namhafter Maler, der geist- und kenntnisreiche Professor Hartmann, derzeit Direktor der Akademie, um die er große Verdienste hatte. Wie Friedrich und wie fast alle Menschen, stammte auch Hartmann aus einem Hause, das seine Adelstitel abgelegt hatte, nämlich von dem alten, durch Leier und Schwert berühmten schwäbischen Geschlecht der Hartmann von der Aue. Hoch und stattlich gewachsen, von freier Haltung und feinen Manieren, gewandt und liebenswürdig, ehrenhaft in allen Beziehungen und sehr wohlgeordnet in seinen Finanzen, trug er von Kopf bis auf die Füße das Gepräge eines vornehmen Mannes. Er war auf der Karlsschule zu Stuttgart erzogen, für den Staatsdienst vorgebildet und besaß einen Schatz gelehrter Kenntnisse, den er fortwährend mehrte. Als Künstler hatte er sich einen Namen gemacht, und obgleich seine Bilder mehr meditiert als erfunden waren, so hielt mein Vater ihn doch sehr hoch als gründlich durchgebildeten Historienmaler und bediente sich gern seines Rates. Ebenso schätzte er ihn als tüchtigen Menschen und liebenswürdigen Gesellschafter, kam fast täglich mit ihm zusammen und freute sich seines sprudelnden Witzes. Hartmann gehörte zu den treuesten Freunden unseres Hauses, übernahm nach meines Vaters Tode die Vormundschaft über uns Kinder und hat uns, solange er lebte, seine Teilnahme nicht entzogen.

Außer den beiden Obengenannten sprachen auch noch andere Kunstgenossen im «Gottessegen» ein und wurden wert gehalten. So der bekannte Sepiazeichner und Erfinder dieser Manier, Professor Seidelmann, und seine geistvolle Frau, eine Venezianerin, die ebenfalls malte, ein schwarzes Schnurrbärtchen und sogar auch den Professortitel hatte, den irgendeine Akademie ihr aus Courtoisie verliehen haben mochte. Dann der bekannte Schlachtenmaler Sauerweid, der namentlich des Abends auf dem Weinberge als geschickter Feuerwerker sehr geschätzt war, die talentvolle Therese aus dem Winkel, der bescheidene Bildhauer Kühne, Friedrichs Spezialfreund, und der Galerieinspektor von Demiani, ein Ungar, der sich indessen mehr durch Sachkenntnis und Gefälligkeit in seiner amtlichen Stellung als durch eigene künstlerische Leistung hervortat. Ein größeres Bild sollte er jedoch gemalt und auch ausgestellt haben, welches im Kataloge als eine Hagar in der Wüste bezeichnet worden. Es war eine öde, mannigfach zerklüftete Berglandschaft, so wie man etwa geneigt ist, sich die sinaitische Wüste vorzustellen; im Hintergrunde aber sonnte sich auf moosigem Felsen ein auffallend dickes Hippopotamus. Auf die Frage, wo denn die Hagar wäre, wurde man auf jenes ferne Ungeheuer verwiesen, welches sich denn auch bei näherer Besichtigung als die Gruppe einer Frau mit einem Kinde auswies.

Unter den Künstlern habe ich hier noch des berühmten Kupferstechers Professor Müller zu gedenken, der gerade damals mit Ausarbeitung seines bekanntesten Blattes, der Sixtinischen Madonna, beschäftigt war. Mein Vater hatte den Umriß dazu selbst gezeichnet; er interessierte sich sehr für diese Arbeit, besuchte Müller fleißig und nahm auch mich bisweilen mit. Da konnte ich mich denn nicht satt sehen an den edlen Gestalten jenes Bildes, das ich zwar zu Hause täglich vor Augen hatte, das mir aber hier aus hell poliertem Kupfergrunde mit ganz neuem Reiz, wie aus einem Lichtmeer, entgegentrat. Der Abdruck auch des besten Stiches hat mehr oder minder immer etwas von dem kalten und sterilen Charakter der Federzeichnungen; auf der Platte aber ist Wärme, Licht und Leben, man vermißt die Farbe nicht und empfindet einen Zauber, der wenigstens in meinen Augen die Wirkung bunter Bilder noch übertrifft oder doch nur ausnahmsweise und nur von den größten Koloristen erreicht worden ist.

Bei einem dieser Besuche schenkte mir Müller eine kleine Kreidezeichnung, die er in Rom nach Raffael gemacht hatte. Es war dies ein jugendlicher Kopf aus der «Schule von Athen», mit wenigen Strichen meisterhaft aufs Papier geworfen und vollendet. Die Zeichnung sah so leicht und selbstverständlich aus, daß ich dachte, es könne dergleichen keine Hexerei sein, und mich ans Kopieren gab. Aber wohl zwanzigmal, zuletzt mit Tränen, habe ich das schöne Köpfchen nachgezeichnet und es in allerlei Fratzen verwandelt, die weder mit dem Original noch untereinander die geringste Ähnlichkeit hatten, bis ich endlich erkannte, daß es doch eine Hexerei war, und mich mit der gewonnenen Einsicht meines Unvermögens begnügen mußte. Das Müllersche Original aber verwahre ich noch heute als ein teures Andenken an den Geber und bewundere es jetzt mehr als damals.

Unter den wissenschaftlichen Zelebritäten Dresdens mochte meinem Vater der als einer der ersten Archäologen seiner Zeit bekannte Hofrat Böttiger am nächsten stehen, ein Mann, dessen hervorragendste Eigenschaften nächst einer überaus großen Gelehrsamkeit seine Freigebigkeit mit derselben und eine Dienstfertigkeit waren, die alle Vorstellung überstieg. Es sei ganz unmöglich, wurde gesagt, auch nur fünf Minuten lang mit Böttiger zu verkehren, ohne irgend etwas gelernt oder einen dankenswerten Dienst von ihm empfangen zu haben.

Andere gelehrte oder literarische Freunde waren: der alte, freundliche Bibliothekar Dasdorf, der meine Mutter mit jeder gewünschten Lektüre aus der Königlichen Bibliothek zu versorgen pflegte, der Professor Hasse, nochmaliger Biograph meines Vaters, der Graf von Loeben, in seinen Poesien Isidorus orientalis geheißen, der Minister von Nostitz, der sich Artur von Nordstern nannte, der Hofrat Winkler, Herausgeber der «Abendzeitung», der nachmalige Dichter des «Freischütz», Hofrat Kind, und der durch seine Erfindung künstlicher Mineralwasser sehr bekannt gewordene Apotheker Dr. Struve.

Letzterer beschäftigte sich damals mit Versuchen einer Zuckerbereitung aus Kartoffeln, um den immer teurer werdenden Rohrzucker zu ersetzen. Eines Abends brachte er uns ein Pröbchen davon mit. Da aber der Hals des Fläschchens zu eng war, den dicken Sirup zu entlassen, war man genötigt, eine Rabenfeder hineinzutauchen, die wir der Reihe nach ableckten, erst die Großen, dann die Kinder. Die Mutter zwar zog es vor, davonzubleiben; alle anderen aber waren sehr befriedigt und nicht weniger verwundert, wie es möglich gewesen, der herben Knolle eine solche, wenn auch etwas brenzlige Süßigkeit zu entlocken.

Weniger bekannte Namen als die vorgenannten übergehe ich hier und will in folgendem nur einzelner gedenken, die auf die innere Entwickelung meiner Eltern und durch diese auch auf uns Kinder einen für alle Zukunft maßgebenden Einfluß übten.

Christliche Influenzen

Die durch Geist und Herz, wie durch jeden persönlichen Wert gleich ausgezeichneten Brüder Joseph und Karl von Zezschwitz, beide im höheren Staatsdienst und etwa um jene Zeit durch Amt und Beruf nach Dresden geführt, hatten sich meinen Eltern schnell befreundet. Sie sowohl als ihre liebenswürdigen Frauen gehörten nach Geburt und Neigung der Brüdergemeinde an, welche damals vorzugsweise eine Trägerin reiner und gesunder Gotteserkenntnis war, und nach dieser Richtung hin erschlossen sie jetzt auch unserem Hause ganz neue Kreise von Ideen und Menschen. Durch sie wurden die Eltern mit einer Klasse von Personen bekannt, welche die Welt zu allen Zeiten mit den unliebsamsten Bezeichnungen, als Heuchler, Frömmler usw., zu brandmarken und zu kreuzigen pflegt, und namentlich war meine Mutter aufs freudigste überrascht, gerade unter solchen die trefflichsten Menschen zu finden, einem Geschlechte angehörig, nach welchem sie bis dahin in unbestimmter Herzensahnung vergeblich ausgesehen hatte.

Die hervorragendste Erscheinung unter diesen neu gewonnenen Freunden und Bekannten war eine hochgestellte Dame, eine Burggräfin zu Dohna, geborene Gräfin zu Stollberg-Wernigerode, in welcher meine Mutter die Realisierung ihres höchsten Ideals von weiblicher Anmut und Würde zu erkennen glaubte und die sie daher bald und zumeist vor allen Frauen ihrer Bekanntschaft liebte und verehrte. Wir Kinder blickten zu ihr auf wie zu einem höheren Wesen, und mein Vater wünschte sie katholisch, damit der Papst sie kanonisieren könne.

Auf dem schönen Gute Hermsdorf, zwischen Dresden und Königsbrück, lebte die Gräfin in häuslicher Stille und Zurückgezogenheit mit ihrem gleichgesinnten, streng kirchlichen Gemahl, mit welchem sie nur selten in die Stadt kam, dann aber immer bei uns vorsprach. Sie war eine Frau in ihren besten Jahren, von einnehmendstem Äußeren, mit weichen, dunkeln Augen, etwas bräunlichem Teint und einem Gesichtsausdruck so still und würdig, wie etwa Perugino ihn seinen heiligen Frauen zu geben wußte. Auf ihrer ganzen Erscheinung lag eine Weihe, die mehr oder weniger alle berührte, die sich ihr nahten, und wer von ihr ging, nahm sicherlich auch einen Segen mit.

Nicht daß diese teuere Gräfin gepredigt hätte wie ihre berühmte Zeitgenossin, die Frau von Krüdener, aber die wunderbare Hoheit ihres durchaus demütigen Wesens, die herzliche Teilnahme im Ausdruck ihres schönen Auges, die Treuherzigkeit im Ton der Stimme und am rechten Fleck ein gutes Wort der Aufmunterung, des Trostes, der Anerkennung oder Bitte, sowie auch eine stets sich gleichbleibende Heiterkeit des Geistes, das waren ebenso unabsichtliche als starke Zeugnisse von der Kraft und Herrlichkeit des Glaubens, der in ihr lebte und Gestalt gewonnen hatte. Die Leiden und selbst die Sünden anderer, auch die an ihr begangenen, fühlte sie als ihre eigenen. Sie hatte daher Entschuldigung für alles und herzliches Erbarmen für jeden Irrenden, insonderheit auch für die Feinde des Namens Jesu, deren Feindschaft sie doch auch selbst nicht selten traf. Denn so hoch die Gräfin von denen verehrt ward, die das Glück hatten, ihr persönlich nahen zu dürfen, so traf dennoch auch sie die Schmach Christi von seiten so mancher, die sie nicht kannten, und die Verleumdung ward nicht müde, recht bösartige Gerüchte über sie in Umlauf zu setzen. Sie war aber darüber weder verwundert noch erbittert, da es ja ihrem heiligen Herrn und Meister nicht anders ergangen und ihr, als seiner Jüngerin, nichts Besseres verheißen war. Dergleichen Persönlichkeiten aber predigen durch ihr bloßes Dasein eindringlicher und besser als alle Eloquenz der Kanzeln; doch wußte die Gräfin auch zu reden, wo sich's paßte, und Rechenschaft zu geben von ihrem Glauben. Zu ihren Freunden sprach sie gern von dem, was ihr das Herz erfüllte, und meiner Mutter öffnete sie den Blick in eine selige Welt trostreichen Erkennens.

Es ist mancherlei geredet und gestritten worden über den Begriff und Wert der Tradition in christlicher Kirche. Man hat einerseits eine Kette von Menschensatzungen als Zeugnisse des Heiligen Geistes dem Worte Gottes gleichgestellt, andererseits ebenso irrtümlich angenommen, daß die Heilige Schrift an sich schon genügsam zu ihrem Verständnisse ausreiche, für solche wenigstens, die den guten Willen zu verstehen hätten. Doch habe ich mehrfältig erfahren, wie der Sinn des geschriebenen Wortes selbst dem reinsten Willen verborgen bleiben konnte, bis das lebendige Zeugnis der gläubigen Gemeinde dem Verständnisse zu Hilfe kam.

Dieses persönliche Zeugnis lebendiger Menschen von ihrem Erkennen, Glauben, Lieben und Hoffen möchte ich mir erlauben, die rechte, zum Verständnisse der Schrift unerläßliche Tradition zu nennen. Sie ist nicht bei dieser oder jener Konfession, wenigstens nicht zu allen Zeiten und nicht immer in gleicher Reinheit: sie ist bei der ganzen gläubigen Christenheit aller Konfessionen, mit anderen Worten, bei der allgemeinen christlichen Kirche. Sie ist das Licht und das Zeugnis des Heiligen Geistes, der bei der Gemeinde bleiben und durch sie zeugen wird bis an das Ende aller Tage.

Meine Mutter war eine jener glücklichen Naturen, die eine natürliche Affinität zum Worte Gottes haben. Von ihrer Kindheit an hatte sie sich mit wunderbarer Liebe zu der heiligen Person des Kinderfreundes Jesu hingezogen gefühlt, dessen Vorbild und Geboten sie nachzuleben strebte, so gut sie konnte. Obschon sie im väterlichen Hause unter Einflüssen hatte leben müssen, die ihrem Verlangen nach geistlichem Wachstum die Nahrung möglichst entzogen, hatte sie dennoch die vereinzelten Strahlen christlicher Wahrheit, die an sie herandrangen, immer ohne Widerstreben in sich aufgenommen. Sie glich einer harmonischen Saite, die mitklingt, wenn verwandte Töne angeschlagen werden, hatte ein sehendes Auge und hörendes Ohr und lernte in der Regel, wo sie gute Lehren fand.

Demungeachtet aber, und obgleich meine liebe Mutter die Quelle in der Hand hielt und die Bibel fleißig las, besonders seit ihr diese durch manches, was sie von Herder gelesen, lieb und wert geworden, hatte sie doch bis dahin gerade die beseligendsten Aussprüche derselben kaum bemerkt, und erst jetzt im persönlichen Verkehr mit gereifteren Christen, und durch diese hingewiesen auf eine spezifisch christliche Literatur, begann ihr allgemach die Decke von den Augen zu fallen. Sie wurde angesteckt durch das Kontagium einer ewigen Heilung und trat ein in die Vorhallen des auf Golgatha erbauten Heiligtums, da Jesus Christus selbst das Hochamt hält.

Wesentlich aus der Hand jener unvergeßlichen Gräfin nahm meine Mutter den Schlüssel zu dem offenkundigen Geheimnis der Erlösung, und nun erst fing sie an, die Heilige Schrift auch zu verstehen, sie als Wort Gottes zu begreifen und zu glauben. Nicht daß sie damals gleich von vornherein zu einer fertig abgeschlossenen theologischen Ansicht gelangt wäre, zu der sie es überhaupt nie brachte: es waren eben nur Anfänge christlichen Anschauens und Erkennens, das seiner Natur nach niemals abschließt.

Inwiefern nun meine liebe Mutter bei solcher Bereicherung ihres inneren Lebens einer Selbsttäuschung erlegen oder nicht, darüber mochten die Ansichten ihrer älteren Freunde auseinandergehen. Ich kenne es aber nicht anders, und zwar nach einer langen Reihe von Erfahrungen, als daß alle diejenigen, denen es durch Gottes Gnade gelang, den Christenglauben zu ergreifen, eine köstliche Perle gefunden zu haben meinten, in deren Besitz sie sich beseligt und versöhnt mit Gott und Menschen fühlten. Umgekehrt aber habe ich es auch stets erfahren, daß Gläubige, die in ihrem Glaubensleben gestört werden, dies immer auch in ihrem Seelenfrieden waren. Was meine Mutter anbelangt, so bekannte sie selbst von sich, nicht etwa, daß sie besser und vollkommener geworden, sondern daß sie in ein Element geraten, in welchem es ihr wohl war und da sie volles Genügen fand. War das Täuschung, so möchte ich allen Menschen solche Täuschung wünschen.

Die stillen Sonntagmorgen, die wir Kinder bei der Mutter zu verbringen pflegten, wurden jetzt immer segensreicher für uns. Wir saßen dann um den runden Tisch, wir Brüder zeichnend, die Schwester mühsam Strümpfe strickend für ihre Puppe, während die Mutter uns irgend etwas Erbauliches vorlas, etwa aus den damals erscheinenden Krummacherschen Kinderschriften, dem «Sonntage», dem «Festbüchlein» und anderen, oder auch Geschichten aus der Heiligen Schrift. Dann unterhielt sie sich mit uns über das Gelesene auf eine Weise, die wir wohl verstehen konnten, und in solchen Stunden schlang sich um die natürliche Liebe der Familie noch ein anderes, heiligeres Band, das unser aller Herzen trotz mannigfaltiger späterer Verirrung nicht nur untereinander, sondern, wie ich hoffe, auch mit unserer ewigen Heimat auf immer fest verknüpft hat.

Auch der Vater fand sich jetzt bisweilen, namentlich wenn wir auf dem Lande waren, mit irgendeiner leichten Arbeit zu diesen kleinen Hausgottesdiensten ein. Er hatte keinen Widerspruch in seiner Seele und hörte freundlich zu, sich anfänglich wohl nur des ruhigen Beisammenseins mit den Seinen freuend. Da kam es auch über ihn, und allgemach ward auch er von jener wunderbaren Ansteckung ergriffen, die aus tugendhaften Leuten arme Sünder macht und das Herz zu einer Liebe entzündet, die nicht von dieser Welt ist. Doch es mögen dies aber auch nur die ersten Lockungen der Gnade, die ersten Anfänge himmlischer Berufung gewesen sein. Das entschiedene Eingreifen der geoffenbarten Wahrheit blieb einem späteren Lebensabschnitt vorbehalten.

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