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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 16
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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4. Der Komet und Margarete

In Dresden wollte es mir anfangs nicht gefallen; nicht etwa, weil ich nun die Welt gesehen, Halle, Ballenstedt, Brocken und Baumannshöhle, sondern weil ich die gewohnte Häuslichkeit nicht vorfand. Schmerzlich vermißte ich meine Mutter. Sie hatte nach beendigter Kur im Radeberger Bade, das sie jährlich brauchte, auf Verlangen des Arztes noch einen Weinberg bezogen, um dort mit meiner Schwester den Rest des Sommers zu verleben. Der Vater leistete ihr meist Gesellschaft, und da auch Volkmanns von einem Aufenthalte auf ihrem Gute Tschorta bei Leipzig noch nicht zurück waren, blieben mein Bruder und ich vorerst allein in Dresden am Senffschen Schultisch übrig.

So verödet, wie wir waren, hatten weder Studien noch Spiele Reiz. In steter Sehnsucht nach Eltern, Genuß und Freiheit, zählten wir die Wochentage als bloße Nullen ab, den Zähler Sonntag vollzumachen, den wir gemeinschaftlich in Loschwitz auf dem Weinberge zu verfeiern pflegten. Und in der Tat war es kein Hund – wie die Studenten sagen –, nach sechstägiger, heißer, mühsam durchgeplagter Schulzeit am Sonntagmorgen auf freier Bergeshöhe im Paradiese Gottes zu erwachen. Da fuhr man ungeweckt in aller Frühe schon vor 5 Uhr aus dem Bette, während man sich doch in Dresden, trotz Senffs Geschrei und Rütteln, kaum um 7 Uhr ermuntern konnte.

Mein erstes war dann, wie ich war und aus den Federn fuhr, hinaus ins Freie zu treten, wo mich in der Regel schon der Winzerjunge, Gottlieb Braun, ein derber Junge meines Alters, erwartete. Auch er pflegte in dieser frühen Stunde nicht anders als im Negligé, nämlich im bloßen Hemde, zu erscheinen. Wir gingen dann mit nackten Füßen behaglich durch das tauige Gras zum Röhrbrunnen hin, in dessen frischem Wasser wir uns wuschen. Hierin war Gottlieb Meister. Er lehrte mich den Mund voll Wasser ziehen und dieses geräuschvoll in starken Strahlen gegen die ausgebreiteten Hände blasen, von denen es ins Gesicht rikoschettierte. Ich übertraf indes den Meister bald, indem ich mit ganzem Leibe in den Trog sprang, was jener mir nicht nachtun konnte, weil er von seinem Hemde unzertrennlich war. Seine Mutter pflegte ihm nämlich am Johannistage jedes Jahres ein ganz neues Hemd auf den Leib zu nähen, welches er zwölf Monate lang tragen mußte, um es dann als abgenutzten Lumpen über den Zaun zu werfen.

Wenn wir gebadet hatten, drängte eine Lust die andere, und man konnte es radikal vergessen, daß es auch noch Rechenstunde und lateinische Grammatik in der Welt gebe. Um die Mutter freilich, auf die ich mich doch zumeist gefreut, bekümmerte ich mich wenig. Wenn wir Kinder uns herumtrieben, den Abfluß des Röhrbrunnens abdämmten und Überschwemmungen machten oder Höhlen in den Sand des Weinbergs gruben, in denen uns kein Burkhard schrecken durfte, war sie beim Vater und den Freunden, die sie sonntags zu besuchen pflegten; doch aber war es wesentlich das Bewußtsein der mütterlichen Nähe, das mir jene Tage so verklärte, Spiel und Speisen würzte und das Scheiden schwer machte. Wenn dann der spätere Abend herankam und sie mir beim Abschied noch den verwüsteten Hemdkragen glattstrich und mich auf die Stirne küßte, dann fühlte ich's erst recht, wie lieb ich meine Mutter hatte, und schonte meinen Kragen auf dem ganzen Wege, damit er möglichst lange bliebe, wie er von ihrer Hand gelegt war.

Bei diesen nächtlichen Wanderungen in die Stadt, die wir teils zu Fuße machten oder auch in größerer Gesellschaft zu Wasser, erschien dann regelmäßig am Himmel unter tausend und abertausend kleinen Sternen die Feuerrute des riesigen Kometen von 1811.

Gottlieb hatte mir gesagt, daß das Krieg bedeute, und weder Senff noch die übrigen aufgeklärten Freunde unseres Hauses widersprachen, denn leider war der einsame Segler dort oben nicht der einzige Prophet, der damals Unheil und schwere Zeit verkündete. Das mächtige Kaiserreich Napoleons rüstete jetzt offenbar in allen seinen Teilen, und auch Rußland raffte sich auf und wies die Zähne. Es rief die Reichswehr zu den Waffen und konzentrierte imposante Kräfte an den Grenzen. Durch Allianzen suchten beide Mächte sich zu stärken, und im Spätherbst 1811 mochte wohl niemand mehr ernstlich an die Erhaltung des Friedens glauben. Große und kleine Leute fühlten sich beängstigt und zürnten dem Blutmenschen Napoleon und seiner ruhelosen Nation, die in ihrer Tobsucht nimmer müde wurde, die erschöpften Völker in immer neue Händel zu verwickeln.

Da geschah es, daß um jene Zeit des bittersten Franzosenhasses eine blutjunge Pariserin von kaum 17 Jahren nicht nur in unser Haus verschlagen ward, sondern auch festen Fuß bei uns faßte. Wir Kinder, die wir einen eigentlichen Unterschied zwischen Spitzbuben und Franzosen nicht anzunehmen vermochten, sahen dies neue Familienglied mit scheelen Blicken an und mußten unseres ungefügen Benehmens wegen zu mehrerer Artigkeit ernstlich vermahnt werden. Bald aber faßten wir Zutrauen zu dem heiteren Mädchen und überzeugten uns, daß Marguerite Neff, oder Margarete, wie wir sie mit deutscher Betonung nannten, an allen Übeltaten ihres Volkes ebenso unschuldig war als unsere kleine Schwester.

Margarete hatte eine harte Jugendzeit durchlebt. In den Schreckenstagen der Revolution geboren, war sie erst im dritten Jahre, und zwar heimlich im Keller unter Weinfässern, getauft und somit ihr eigener Taufzeuge geworden. Dann hatte sie ihre Eltern verloren, war von unbemittelten Verwandten lieblos erzogen und endlich ins Ausland gejagt worden, um sich mittels ihrer Sprache selbständig zu erhalten. Rat- und freundlos kam sie nach Dresden und, Gott weiß wie, in unser Haus, wo meine Mutter sie aus Erbarmen mit ihrer Jugend zurückhielt, bis sich eine bessere Stelle für sie gefunden hätte. Da ging es denn an ein tüchtiges Parlieren mit Großen und mit Kleinen, und wir Kinder legten, wenigstens in der Aussprache guten Grund zu ferneren Studien.

In unserer Feindschaft gegen Napoleon störte Margarete uns übrigens mit keinem Blick. In ihrem Reiseköfferchen verwahrte sie unter anderem Plunder, den sie uns gern vorwies, auch ein gleich einer Omelette zusammengerolltes Ölbild, ein männliches Porträt mit rotem Kragen, bloß mit Lokalfarben angestrichen und ganz geeignet, die Sperlinge damit zu schrecken. Nichts destoweniger pflegte Margarete diesen Götzen mit zerstörenden Küssen zu bedecken, denn er stellte ihren einzigen Bruder vor, der in Spanien von fanatischen Bauern wie ein Schwein geschlachtet worden war. Er sei so gut und brav gewesen, sagte sie mit heißen Tränen, und habe doch so ganz entsetzlich enden müssen.

Dann wieder hielt sie uns die Fratze neckend vor die Augen, daß wir entsetzt zurückfuhren, und fragte, ob wir nicht fänden, daß man sich davor fürchten könne. Es sei entsetzlich häßlich ausgefallen und gar nicht ähnlich. Aber der Bruder sei zu arm gewesen, einen Maler zu bezahlen, und ein Kamerad hätte es nur aus Gefälligkeit gemacht.

Die traurige Katastrophe des geliebten Bruders gab Margarete übrigens weniger den Mördern als Napoleon schuld. Frankreich, sagte sie, sei schön und groß genug, und man hätte jene spanischen Kannibalen in Frieden lassen mögen; aber der Kaiser bezwecke nicht das Glück der Franzosen, sondern den Ruin der ganzen Welt, und sie hasse ihn de tout son cœur. Das taten wir denn auch so weit als kindermöglich und gewannen Margarete dabei immer lieber, die bald wie eine ältere Schwester unter uns waltete und während der Kriegsdrangsale, die unser warteten, durch ihre Sprache und Landsmannschaft mit dem Feinde dem ganzen Hause von mancherlei Nutzen war. Sie war ein prächtiges Mädchen, französische Beweglichkeit mit deutscher Solidität verbindend, und hat es meine Eltern nie bereuen lassen, daß sie sich ihrer angenommen.

Napoleon

Da wir nun unsere kleine Sauvegarde im Hause hatten, so dauerte es auch nicht lange, als im Westen schwere Wetterwolken aufstiegen, und schon im Frühjahr 1812 wälzten sich die Heersäulen der krieggeübten französischen Armeen nach Norden. Durch Dresden zogen sie in dichtgedrängten Massen. Noch schweben mir die langen, dunkeln Züge der alten Garde mit ihren stolzen Adlern, hohen Bärenmützen und martialischen Gesichtern wie düstere Traumgebilde vor; vorweg der kriegerische Lärm der Trommeln und Pfeifen, dann die gespenstischen Gestalten der Sappeure mit blinkenden Äxten und langen schwarzen Bärten, und hintennach endlose Reihen von Trossen.

So ging es täglich unter unseren Fenstern durch, Mann an Mann und Brigade an Brigade. Ich bekam fast alle Waffengattungen des großen Heeres zu sehen, die hohen Kürassiere mit beschweiften Helmen und goldenen Panzern, die leichtberittenen Chasseurs, Ulanen, Dragoner, Husaren, Voltigeurs, alle Gattungen von Infanterie und Artillerie mit guter Bespannung, endlich lange Züge von Pontons und Kriegsgerät. Es war eine gar treffliche Armee, wie sie die Welt noch nicht gesehen, wohlversorgt und ausgerüstet mit allem Nötigen; sogar an Winterschuhe hatte man gedacht und an grüne Brillen gegen die Blendungen des Schnees. Endlich sahen wir noch ein ganzes Geschwader von jungen Nähterinnen auf kleinen Pferden folgen, vielleicht um die Soldaten im rohen Rußland vor Verwilderung zu bewahren.

Aber auch die deutschen, spanischen und italienischen Truppen, die dem Machtgebot des Zwingherrn folgten, sahen kriegerisch und trotzig drein. Sie hatten seine Siege mit erfochten, teilten die Ehren seiner Armee und sollten mit dieser auch die letzte Katastrophe teilen.

Zu Anfang Mai erschien Napoleon selbst und empfing, von zahlreichen anderen Vasallenfürsten umgeben, auch die Besuche seiner hohen Verbündeten, des Kaisers Franz und Königs Friedrich Wilhelm. Letzterem begegnete ich bei Gelegenheit eines Spaziergangs auf der Brühlschen Terrasse und schloß ihn gleich ins Herz, weil er so würdig aussah und so traurig und Senff mir sagte, er sei ein guter königlicher Herr.

Es gab überhaupt damals recht viel zu sehen in Dresden. Die Anwesenheit so vieler Kriegsheere erfüllte die Stadt mit kriegerischem Pomp; Glocken und Kanonen spielten zum Empfang der Fürsten auf, großartige Paraden und Manöver unterhielten sie, und bei Nacht erstrahlte die Stadt im Zauberglanze tausendfältiger Lampen. Ich weiß es nicht, ob es bei dieser oder einer anderen napoleonischen Gelegenheit war, daß sich ein von bunten Papierlaternen komponierter breiter Regenbogen in allen Farben des Lichtes vom Elbspiegel aus hoch über die Brücke spannte – das Reizendste, was man von nächtlichen Lichteffekten sehen konnte. Auch Feuerwerk durchprasselte die Luft, Tempel und Namenszüge flammten in Brillantfeuer, und jedenfalls mochte man klug tun, im voraus zu triumphieren, da sich nachher keine Veranlassung mehr dazu finden wollte.

Dabei lagen alle Häuser voll Militär, das fast in allen Zungen Europas durcheinander lachte, sprach und fluchte. Auch wir, obgleich nur Mietsleute, hatten einen General im Quartier, der mit seinem Gefolge fast die Hälfte unserer Räume einnahm, und die bedrängte Mutter erschrak nicht wenig, als sich eines schönen Morgens zum Überfluß auch noch ein Flügeladjutant des neben uns residierenden Königs von Neapel einfand. Während ein Arrangement getroffen wurde, ihn unterzubringen, entspann sich zwischen ihm und meiner Mutter die folgende Unterhaltung.

Wenn Madame vielleicht den Kaiser sehen wolle, sagte der Fremde, so möge sie nur ans Fenster treten, er werde gleich vorbereiten.

Vielmehr werde sie sich, erwiderte meine Mutter, mit Erlaubnis ihres Gastes in die Hofzimmer zurückziehen, da sie wenig Neigung fühle, den Mann zu sehen, der im Begriffe sei, ein armes Volk zu zertreten, das ihm nichts getan habe.

Jener lachte und sagte, es würde auch zu nichts führen, als die Augen wieder abzuwenden. Darauf fügte er vertraulich hinzu: «Glauben Sie mir, Madame, ich teile Ihren Geschmack und könnte Sie um solche Hofzimmer wohl beneiden.» Dies Bekenntnis war etwas unerwartet von einem Offizier der großen Armee, und meine Mutter brach das Gespräch ab. Bei näherer Bekanntschaft zeigte sich indessen, daß der vermeintliche Franzose ein Italiener und als solcher vielleicht nicht ganz unberechtigt war, sich den Beglücker seines Vaterlandes aus dem Wege zu wünschen. Mit meinem Vater, der Italienisch mit ihm sprach, wurde er schnell vertraut und wußte beim Glase Wein als Augenzeuge schauerliche Dinge zu berichten. Er nannte Napoleon einen Geist der Finsternis, der im Himmel und auf Erden nichts respektiere als sich selbst. Am besten wüßten das, die ihm am nächsten ständen, seine Marschälle und Verwandten, welche oft versucht sein möchten, sich in Hofhinterzimmer zu wünschen, wenn sie sich für ihre Fürstentitel buchstäblich mit Füßen müßten treten lassen. Bei seinem endlichen Abmarsch sagte er meiner Mutter: «Ich wünsche Ihnen Glück, Madame, zu diesem klugen Kriege, der Ihre Feinde aufessen wird. Sie sehen schwerlich viele von uns wieder.»

Was meine Wenigkeit anlangt, so teilte ich zwar aufrichtig den Widerwillen meiner guten Mutter gegen den Helden des Jahrhunderts, doch hatte mich das nicht abgehalten, mich an jenem Morgen auf die Straße zu begeben, um mir den hochgewaltigen Mann, dessen Name auf allen Lippen war, möglichst von nahem zu besehen. Auch war es mir gelungen, in einem Augenblicke, da er anhielt, um eine Meldung anzuhören, nicht weit von seinem Pferde Fuß zu fassen. Da blickte ich ihm lange in sein gelblich fahles, damals schon gedunsenes Gesicht, das mir den Eindruck eines Leichenfeldes machte. Seine festen, imperatorischen Züge waren kalt und ruhig, sein Auge tot, und gleichgültig ruhte sein trüber Blick ein Weilchen auch auf dem kleinen, ihn neugierig anstarrenden Knaben. Dann ritt er langsam weiter, von seinem glänzenden Stabe gefolgt.

Neben ihm war Murat, der König von Neapel. Er sah phantastisch aus, wie ein Theaterprinz, trug ein Barett mit Straußenfedern, gestickte Schnürstiefel und einen kurzen, reich mit Gold belegten Waffenrock. Aber neben der einfachen Gestalt des Kaisers entschwand er dem Blicke schnell. Jenem blickte ich lange nach, dem kleinen, unscheinbaren, großen Manne in seinem schlichten Überröckchen. Das also war er! dacht' ich.

Napoleon ritt seitdem noch oft vorüber, doch meine Mutter sah ihn nie. Wie nachteilige Speisen ihr nicht schmeckten, auch nicht die delikatesten, so mochte sie auch nichts sehen, was ihr verderblich schien, wenn es auch noch so interessant war. In ihren Augen war jener große Mann nichts anderes als eine dem Abgrunde der Hölle entstiegene Schreckgestalt, ein Dieb, ein Räuber, ein Mörder, ein Vielfraß an Ländern, Blut und eitler Ehre. Seine Größe bewunderte sie am wenigsten. Was sie davon erkannte, schrieb sie lediglich dem Zorne Gottes zu, der ihn als einen giftigen Skorpion vom Staube aufgerafft, die Welt mit ihm zu geißeln. Man kann sich daher ihr Befremden denken, als sie erfuhr, daß eine Dame unserer Bekanntschaft voll Begeisterung ausgerufen habe: «Oh, daß ich ihm die Füße küssen dürfte – und dann sterben!»

«Veder Neapoli – e poi morir!» parodierte mein Vater. Er seinerseits hatte übrigens jede Gelegenheit wahrgenommen, den großen Mann zu sehen, sooft er konnte, nicht, um daran zu sterben, sondern nur, sich seine Züge einzuprägen. Dann malte er ein schönes, düsteres Bild, das er seiner Sammlung von Zeitgenossen einverleibte.

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