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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 14
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Gelehrtes über die Moritzkirche

Ob die Moritzkirche, die ich seit jener Zeit nicht wiedersah, dem Bilde gleicht, das mir von ihr geblieben, weiß ich nicht zu sagen; sie imponierte mir aber damals sehr. Das Halbdunkel des weiten Raumes, die hohen Gewölbe, der Hall unserer Tritte, die alten Fahnen und Epitaphien wie das rote Licht der scheidenden Abendsonne, das hin und wieder am Gestein der alten Pfeiler spielte, das alles erfüllte mich mit ehrfurchtsvollem Staunen, so daß ich unwillkürlich meine Mütze zog und schweigend neben der hellen Gestalt der Führerin hinschritt, die meine Empfindung nicht zu teilen schien und, als wäre sie hier zu Hause, von einem Gegenstand zum anderen eilend, mich mit lauter Stimme auf alles Bemerkenswerte aufmerksam machte. Da fiel mir eine in Mannshöhe an einem Pfeiler befestigte dunkle Figur auf, ein schwarzer Ritter, schwer gewappnet vom Kopf bis zu den Füßen, der mit seinem bestäubten Antlitz gleichgültig in den Raum hinausstierte. An dem ausgezackten Saume seines Waffenrockes hingen nach dem Geschmack des Mittelalters viele kleine Glöckchen oder Schellen. Lorchen erhob die Hand und sagte, das sei der Ritter Moritz; der habe die Moritzkirche erbauen lassen.

Ich fand, daß er ein schlechtes Gesicht habe, und Lorchen wollte wissen, daß er auch gar kein guter Mann gewesen sei. «Aber warum», fragte ich, «hatte er denn die vielen Klingeln an seinem Rock?» Lorchen erwiderte, das wäre nötig gewesen, damit man sich vor ihm habe hüten können, und das wolle sie mir erzählen. Zu diesem gegenseitigem Genusse des Erzählens und Sicherzählenlassens machten wir es uns so bequem als möglich; wir ließen uns nebeneinander in einem Kirchstuhl nieder, gerade vor dem bösen Ritter, den ich mir mit Muße ansah, während meine liebenswürdige Begleiterin sich etwa folgendermaßen vernehmen ließ:

«Der Ritter Moritz wohnte drüben auf der Moritzburg, einem alten Schlosse, das wir uns auch besehen wollen. Er war ein störriger Mann, der in der Gegend hier herum viel Unfug trieb und mit jedermann in Feindschaft lebte. Er hatte aber eine fromme Schwester, namens Elsbeth, die ging umher, beschenkte die Armen, heilte die Kranken, und wenn der böse Bruder einen beschädigt hatte, suchte sie es wieder gutzumachen.

Nun traf es sich, daß der Ritter einst bei Tafel mit seinem Burgkaplan in Streit geriet. Der war nicht weniger störrig als der Ritter, aber ein alter, gebrechlicher Mann, und da sie nun beide vollauf gegessen und getrunken hatten, fing der Ritter an, über Pfaffen und Kirche zu spotten und zu lachen. Der Alte entgegnete mit harter Rede. Da gab ein Wort das andere, bis beide wie wütende Truthähne aussahen und Fräulein Elsbeth vor Angst und Schrecken bleich ward. Endlich schlug der Ritter mit seiner Eisenfaust auf den Tisch, daß die Becher umstürzten, nannte den Pfaffen einen Schlauch und schrie ihn an, daß, wenn er je wieder Klöße essen wolle und einen Trunk dazu tun, so solle er zusehen, wo der Zimmermann das Loch gelassen. Der Pfaffe aber fürchtete sich weder vor Gott noch Menschen; vielmehr verachtete er den Ritter, weil der weder lesen noch schreiben konnte und in der Beichte vor ihm knien mußte, richtete sich auf, so hoch er es vermochte, streckte dem Burgherrn seine kralligen Finger entgegen und sprach einen Fluch über ihn aus, der so schrecklich gewesen sein soll, daß Fräulein Elsbeth fast den Tod davon hatte. Da warf der Ritter den ganzen Tisch um, ergriff den Pfaffen, hob ihn in die Luft und schleuderte ihn mit solcher Macht gegen eines der Saalfenster, daß Fensterrahmen, Glasscheiben, Pfaffe und alles miteinander hinunter in den Burggraben polterten. Als er das getan hatte, blieb er, ohne sich zu rühren, wie versteinert mitten im Saale stehen.

Da stand er wie eine Rolandssäule, bis die gute Elsbeth, die hinuntergeeilt war, wieder eintrat. ‹Der Pfaff ist tot›, sagte sie. Dann brach sie in einen Strom von Tränen aus, rang die Hände und beschwor den Bruder, er solle eilig seinen Frieden mit der Kirche machen, sonst werde man ihn von Land und Leuten bringen, noch ehe der Wind über die Haferstoppel gehe.

Als das der Ritter hörte, schüttelte er sich, daß die Ringe an seinem Panzerhemde klirrten, ließ seinen Rappen satteln und ritt hinauf nach dem Petersberge, wo sonst ein großes Kloster stand. Da lebte ein alter, heiliger Abt, dem beichtete er alles und verlangte die Absolution von ihm. Der Abt entsetzte sich und schwur bei seinem Schutzpatron, dem heiligen Petrus, daß der Ritter gebannt sein solle und ausgeschlossen von aller christlichen Gemeinschaft für Zeit und Ewigkeit, bevor er nicht zu Gottes und des heiligen Moritz Ehren eine Kirche aufgerichtet hätte, so lang und so breit, daß sie weder im Thüringer noch im Meißner Lande ihresgleichen hätte.

Fortan wurden die Bauern aus allen Dorfschaften des Ritters aufgeboten und mußten Steine schleppen mit ihrem Fuhrwerk; die Maurer und Steinmetzen schwangen ihre Hämmer, die Zimmerleute ihre Äxte, und der große Bau stieg wie ein Wunder in die Höhe. Der Ritter aber stellte sich zu allen Stunden auf dem Bauplatze ein und trieb die Arbeiter zur Eile an, denn er hatte keine Ruhe in seiner Seele und konnte es nicht erwarten, daß die erste Messe in der neuen Kirche abgesungen und der Bann von ihm genommen würde. Wenn er dann die Leute nicht beim Werke oder auch nur lässig fand, so warf er einen nach dem anderen nieder und prügelte sie windelweich.

Da sann die gute Elsbeth auf eine List, wie die armen Bauleute schützen möge. Sie nähte dem Ritter kleine Glöckchen an seinen Harnisch, und weil sie ihm sagte, das klinge kriegerisch und schön, so ließ er sich's gefallen. Wenn er nun aus seiner Moritzburg heraustrat, konnte man's auf dem Bauplatze gleich hören, und alles war in voller Arbeit, wenn er angeklingelt kam. Aber trotz der größeren Ruhe rückte die Arbeit jetzt schneller fort als vordem, wo die Arbeiter vor lauter Angst zu keiner Überlegung kommen konnten, und nach drei Jahren war der große Bau vollendet. Darauf hielt der Ritter eine Rede und belobte den Baumeister über alle Maßen; in der Nacht aber ließ er ihn heimlich aufgreifen und im hohen Chor vermauern, so daß man lange Zeit nicht wußte, wo er geblieben war.»

Die Geschichte schien hiermit zu Ende, denn Lorchen stand auf und führte mich ins Chor, wo ich den leichenhaften Kopf eines Menschen mit einer viereckigen kleinen Mütze aus der Mauer herausstarren sah. «Hier steckt er drin», sagte sie. Auf meine Frage, was denn der Baumeister getan habe, erwiderte sie, daß sie's nicht wisse; aber möglicherweise habe der Ritter besorgt, daß der geschickte Meister irgendwo anders noch eine schönere Kirche bauen könne, die größer und breiter als die Moritzkirche sei. Übrigens sei dies das letzte Verbrechen gewesen, das er begangen habe, nicht wegen eingetretener Besserung, sondern während der Einweihungsfeierlichkeit der neuen Kirche habe er so viel Wein getrunken, daß ihn der Schlag gerührt und er der Länge nach tot hingeschlagen sei.

Ich sah nun auch den Leichenstein des Ritters Moritz, und die langgestreckte Figur eines geharnischten Mannes in halberhabener Arbeit schien mir die Worte meiner Führerin: «der Länge lang hingeschlagen», zu bestätigen. Auf einem benachbarten Steine lag die vermummte Gestalt der guten Elsbeth, die ebenfalls ein ziemlich schlaggerührtes Aussehen hatte, und dann verließen wir die dunkelnde Kirche.

Lorchen

Die Tage in Halle verflossen angenehm und schnell. Mit Arbeit pflegte mein Lehrer mich nicht zu übernehmen, zu meiner und wohl auch seiner Schonung. Ich schrieb des Morgens mit halbzölligen Buchstaben an meinem Tagebuch, welches von Zeit zu Zeit unter Senffs witziger Aufschrift: «Meister Wilhelms Wanderjahre» an meine Eltern abging. Das war alles; und übrigens tat ich, was ich wollte, wenn ich's nicht vorzog, zu tun, was Lorchen wollte, die sich gern mit mir befaßte und deren sanftem Kommando ich willig unterlag.

Unter diesen Umständen geschah es, daß ich eines schönen Nachmittags beim Kaffee, den ich nicht trinken durfte, und gelangweilt vom Gespräch der Großen, das ich nicht verstand, mit der Hand in meine Tasche fuhr und darin ein Stück Bindfaden fand. Das gab sogleich Ideen. Ich verlief mich in den Garten, zäumte eine zerbrochene Bohnenstange als Reitpferd auf und wandelte ein Nelkenstäbchen mittels angehefteter Parierstange zum Schwert um. Für die Koppel wollte der Faden nicht mehr reichen. Ich steckte daher die Waffe bloß durchs Knopfloch, und so ausgerüstet, sprengte ich meiner Freundin ritterlich entgegen.

Lorchen besah mein Schwert, lobte es und schenkte mir ein schönes himmelblaues Band, das sie mir als Wehrgehenke um die Achsel schlang. Dann brach sie einen Lilienstengel voll duftend weißer Glocken und gab ihn mir mit dem Bemerken, daß Ritter Lilien in der Hand haben müßten. Übrigens – sagte sie – wohne sie dort im Gartenhäuschen, und wenn ich mich müde geritten, sollt' ich sie besuchen.

Ich warf mein Pferd herum, tummelte es durch alle Wege, ließ es über die Rabatten springen und war noch gar nicht müde, als ich schon zum Gartenhäuschen einschwenkte. Lorchen saß mit einem Buche auf der Schwelle. Ihre frischen Farben und ihr dunkles Haar, in das sie mittlerweile ein weißes Röschen eingeflochten, harmonierten lieblich mit ihrem himmelblauen Kleide, und ich sah zum ersten Male, daß meine Freundin schön war.

Sie habe da eine herrliche Geschichte, rief sie mir entgegen, die wolle sie mir vorlesen; wenn ich's möchte. Wohl mochte ich das und ließ mich gern an ihrer Seite nieder, während sie mit heller Stimme den «Handschuh» von Schiller vortrug und mich damit die erste Bekanntschaft des großen Dichters machen ließ. Oh, wie umhüpften diese wohlklingenden Verse mein Ohr, so leicht und lieblich, und umgaukelten die Phantasie mit buntem Wechsel der lieblichsten Bilder. Etwas Schöneres glaubte ich nie gehört zu haben und täuschte mich auch schwerlich.

Lorchen fragte, wie mir's gefallen. «Hübsch», sagte ich, schwang mich auf die Bohnenstange und jagte wieder durch den Garten. Ich war natürlich der Ritter Delorges, Lorchen die Kunigunde; aber ich dachte: verlassen werd' ich sie deswegen doch nicht. Als ich zurückkam, sollte das Lesen zur Abwechslung an mir sein. Ich nahm das Buch und las standhaft wie ein Kantor, während Lorchen gefaßt gen Himmel blickte und den Lilienstengel, den sie mir abgenommen, auf und nieder wiegte. So ging es Tour um Tour, und ich fand Wohlgefallen an so gelehrter Unterhaltung.

Ähnliche Spiele wiederholten sich fortan fast täglich. Ich raste durch den Garten mit einer Hast, als hätte ich meilenweite Strecken zurückzulegen, um zu dem Pavillon zu kommen, wo Lorchen mich empfing, mich mit Erdbeeren, Stachelbeeren, Pflaumen stärkte und wir dann miteinander in den Zauberhain der Dichtung traten. Wir lasen Schillersche und Bürgersche Balladen und anderes, was ich vergessen habe. In der Tat weiß ich es nicht, wo jenes gute Mädchen die Geduld hernahm, so ausdauernd mit mir dummem Jungen zu verkehren. Freilich stand sie selbst damals den träumerischen Phantasien der Kindheit wohl noch näher als den Interessen reiferer Jahre, und in der Einsamkeit ihres zurückgezogenen Lebens mit zwei alten Leuten mochte meine Gesellschaft ihr lieber sein als keine. Ohne sie wäre ich damals schwerlich vom Heimweh freigeblieben, zu dem ich immer neigte; sie aber gab jenen Tagen in der Fremde Blumenduft und Schimmer und war so allerliebst und gut mit mir, daß ich ihrer freundlichen Gestalt noch heute nicht ohne Rührung denken kann.

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