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Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes - Kapitel 13
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Mannes
authorWilhelm von Kügelgen
year1993
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1236-6
titleJugenderinnerungen eines alten Mannes
pages3-666
created19990323
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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3. Abermals eine Lustreise

In der politischen Welt gab's ausnahmsweise Frieden, aber wie Napoleon ihn zu machen pflegte, einen Frieden, der die Keime neuen Krieges in sich trug. Die beiden Machthaber jener Zeit, Napoleon und Alexander, hatten sich zwar zu Erfurt mit brüderlicher Liberalität um den Weltteil vertragen, aber die Folgen dieses Vertrages schienen beiden bald nicht mehr erträglich. Schon im folgenden Jahre entfremdete man sich wieder, denn weder hatte Rußland während des österreichischen Krieges von 1809 den französischen Erwartungen genuggetan, noch entsprach der Wiener Frieden den russischen. Die darauf folgenden Übergriffe Frankreichs in Norddeutschland endlich sowie die fortgesetzte Umgehung der Kontinentalsperre von seiten Rußlands waren nicht geeignet, das gegenseitige Vernehmen wieder herzustellen. Zwischen beiden Mächten erfolgte ein unfruchtbarer Notenwechsel, und unsere estländischen Verwandten mahnten schon im Sommer 1810 ernstlich zur Rückkehr, damit mein Vater von seinen Kapitalien, die in Rußland standen, nicht abgeschnitten würde.

So geschah es denn, daß die alten Pläne wieder auftauchten. Der gelbe Wagen wurde abermals aus seiner Remise gezogen, genau geprüft und dem Sattler behufs einiger noch anzubringenden Bequemlichkeiten übergeben. Man sprach davon, das Mobiliar samt allem Entbehrlichen unter dem Hammer zu verkaufen, und wegen der Spedition der Bilder und anderer Sachen, von denen man sich nicht trennen wollte, ward mit Sachverständigen beraten. Daß die Reise mit nächstem Frühjahr fortgehen werde, konnten wir Kinder daher kaum bezweifeln, und unsere Phantasie entzündete sich im voraus an den Freuden und Gefahren weiter Wanderung.

Indessen lag es in der Eigentümlichkeit des Vaters, daß er, durch augenblickliche Eindrücke angeregt, Pläne entwerfen und bis ins Detail verfolgen konnte, die sich nachher ganz von selbst verzettelten und vergessen wurden. So entsinne ich mich, daß etwa im Jahre 1808 mit großer Entschiedenheit von einer Übersiedelung nach Rom geplant und alle Freunde dadurch alarmiert wurden; ja, sogar von Konstantinopel war die Rede, als von dem schönsten Fleck der Erde, wo man wohnen müsse, nur daß man warten wollte, bis die Russen es erobert hätten.

Mein Vater war ein selbständiger Mann; er konnte wohnen, wo er wollte, und es mochte ihn erquicken, sich dieser seiner Freiheit von Zeit zu Zeit bewußt zu werden. Im Grunde aber war er doch mit seinem dermaligen Aufenthalte so zufrieden, daß er sogar einen sehr vorteilhaften Ruf an die Berliner Akademie ausschlug, es vorziehend, in Dresden Titularprofessor ohne Gehalt zu werden. So waren denn auch die russischen Pläne, als die Zeit herankam, wieder verdampft, diesmal vielleicht, wie immer, aus sehr vernünftigen Gründen, denn bei näherer Erwägung mochte es einleuchten, daß der Aufenthalt in einer voraussichtlich friedlich bleibenden Stadt einer Ansiedelung auf dem Kriegsschauplatze mit Kind und Kegel vorzuziehen sei.

Ich freilich, in den bereits die Unruhe des Wandervogels gefahren war, dachte anders. Die Lust nach einer Ortsveränderung war mir in Saft und Blut gedrungen, und das gewohnte Leben hatte ich bereits so ausdrücklich zu Grabe getragen, daß mir diese wiederauflebende Leiche fast entsetzlich war. Ich griff daher mit Freude nach einer kleinen Schadloshaltung, die mir die Gunst der Umstände gewährte. Mein Lehrer Senff wollte nämlich seine Eltern besuchen, die in Halle lebten, und hatte sich's erbeten, mich mitzunehmen. Das gab doch wenigstens eine Reise, und wie ich heute glaube, war es die genußreichste, die ich in meinem Leben machte.

Wohl mancher geht zu seinem Vergnügen nach Paris und London und kehrt enttäuscht zurück, weil er, wie Nicolai in Italien, wohl Hitze, Unbequemlichkeit und Flöhe, aber nicht das gefunden hatte, was er suchte, nämlich das Vergnügen. Ich dagegen fand davon viel mehr, als ich erwartet hatte. Halle ist zwar eigentlich ein Ort, den keiner zum Vergnügen aufsucht. Wenn man die berühmten Namen einiger Lehrer der Hochschule abzieht, möchte wenig Nennenswertes übrigbleiben, und Lehrer sind kein Gegenstand des Verlangens für Knaben meines Alters. Die Güte und Freundlichkeit aber, welche ich damals dort erfahren, hat mir die düstere Braunkohlenstadt so lieb gemacht, daß mir das Herz noch heute warm wird, wenn mein Weg mich durchführt.

In einem leichten Korbwägelchen, das Senff selbst regierte, verließen wir Dresden an einem schönen Sommermorgen des Jahres 1811. Wir rollten vergnügt zum weißen Tore hinaus, die Elbe entlang bis Meißen, wo wir Mittag machten und den berühmten Dom besuchten, dessen Inneres mir, trotz meines Unverstandes, ja vielleicht auch gerade wegen dieser Eigenschaft, den lebhaftesten Eindruck machte. Ganz besonders nämlich interessierte mich ein Gegenstand, der von Kennern sonst nicht sonderlich beachtet wird und auch uns nur im Vorübergehen gezeigt ward. Es war dies ein altes Tabernakel des hohen Chors, dessen Schmucklosigkeit sich von einem gewöhnlichen kleinen Wandschränkchen, um Brot und Käse zu verwahren, in gar nichts unterschied. Aber sehr deutlich vernahm das Ohr zu jeder Zeit in seiner Höhlung einen sonderbaren Ton, sehr ähnlich dem Wogen und Wallen gewaltiger Feuerflammen. In katholischen Zeiten, erzählte der Küster, habe man geglaubt, es sei dies ein vermauerter Zugang zum Fegefeuer, während man jetzt nicht wisse, wie jener Ton entstehe. Nun behauptete zwar Senff, daß alles ganz natürlich sei. Es könne angenommen werden, meinte er, daß sich hinter der Rückwand dieses Schränkchens ein unterirdischer Gang hinziehe, der einen Luftzug ermögliche, durch welchen der flackernde Ton veranlaßt würde, vielleicht eine Vorrichtung aus alter Zeit, das abergläubige Volk zu schrecken. Aber die erbaulichen Eindrücke des alten Doms, unter deren Einflüssen ich stand, schienen mir so profane Deutung nicht wohl zuzulassen, und weil ich überdies meinte, Luftzüge von Feuerflammen unterscheiden zu können, neigte ich mich still für mich jener katholischen Ansicht zu und entsinne mich kaum, daß mir in meinem späteren Leben je eine Bußpredigt tieferen Eindruck gemacht hätte als diese demonstratio ad aures, die alle Zweifel über den Haufen warf. Fegefeuer und Hölle verwechselte ich freilich, und warum, dachte ich, sollte es nicht möglich sein, daß die Alten einen Zugang zur Hölle gefunden? Und warum auch hätten sie sonst den Schlund vermauert, der sich nach Senffs Meinung hinter der Nische befand?

Ich war nicht wegzubringen von dem Loche. In vorgebeugter Stellung, mit verhaltenem Atem, mit runden Augen und offenem Munde horchte ich in die rätselhafte Höhlung hinein, dem gespenstischen Lodern unsichtbarer Flammen lauschend, bis Senff mich bei der Hand ergriff und wegzog. Aber wie ein Träumender durchwanderte ich fortan die weiten Räume, indem meine Gedanken einzig bei jenem schauerlichen Orte weilten, da keine Liebe mehr ist, kein Glaube und keine Hoffnung.

Der Pfarrgarten

Nach drei Tagen, die sehr heiß und staubig waren, langten wir mit unserem Pferdchen in Halle bei Senffs Eltern an, die mich freundlich bei sich aufnahmen. Senffs Vater war der erste Pastor, den ich Gelegenheit hatte, von nahem zu besehen, und der erste und älteste einer langen Reihe guter Männer, die ich später in diesem Stande kennen lernte. Die heitere Würde seines Wesens wie die sorgfältige Güte seiner Frau ließen mich so schnell heimisch werden, daß ich die beiden lieben Alten nach ihrem Wunsche schon am ersten Abend Großvater und Großmutter nennen konnte.

Nicht minder gefiel mir ein drittes Figürchen, ein niedlicher Backfisch von etwa dreizehn Jahren, namens Lorchen, wenn ich nicht irre, eine verwaiste Verwandte des Senffschen Hauses, an der die treue Sorgfalt der Großmutter Senff sich für spätere Jahre Trost und Stütze erzog. Lorchen nahm mich bald bei der Hand und führte mich durch die Hintertür des Hauses in den Garten, dessen Schönheit mich höchlich überraschte. Die abendliche Kühle, die einem hier entgegenduftete, durchwürzt vom Wohlgeruch der weißen Lilien, die in niegesehener Fülle zwischen Zentifolien blühten, war nach der heißen Fahrt auf staubigen Chausseen so erquicklich, daß man denken konnte, ins Himmelreich versetzt zu sein. «Hier wollen wir alle Tage spielen», sagte Lorchen, «und ich will dir alles zeigen.»

Der Garten mochte in der Tat recht schön sein, wenigstens war er im Vergleich zu unserem Dresdner Holzstall ein Paradies. Von hohen Mauern eingefriedigt, glich er jenen kleinen, traulichen Klostergärtchen, deren Hauptreiz in ihrer Heimlichkeit besteht. Im Rücken hatte man das Pfarrhaus mit seinen Nebengebäuden. Rechts lief eine Langwand der altersgrauen Moritzkirche hin mit ihren Spitzfenstern und Strebepfeilern, deren tiefe Winkel mit Syringen und anderen Gesträuchen ausgepflanzt waren. Dem gegenüber erhoben sich ein paar mit Efeu verkleidete Brandmauern benachbarter Gebäude, und geradeaus war es ein Teil der alten krenelierten Stadtmauer, der das Ganze von der vorübergehenden Saale abschloß. Das Innere des Gärtchens war seiner altertümlichen Einfassung ganz angemessen. Rechtwinklige, mit Buchsbaum eingefaßte Kieswege, an die sich blumige Rabatten schlossen, durchschnitten die üppigen, hier und da mit Zwergbäumen bestandenen Erdbeer- und Gemüsequartiere, und um das Lusthäuschen, das sich an die obberegte Stadtmauer lehnte, standen in Kübeln Myrten, Oleander und Lorbeerbäumchen. So wenigstens schwebt mir die Örtlichkeit noch vor.

Wir gingen den breiten Hauptweg hinunter und traten in das Gartenhäuschen. Ein süßer Blumenduft erfüllte das kleine Gemach, und auf dem Tische stand ein Tellerchen mit Erdbeeren, die Lorchen vorsorglich für mich gepflückt hatte. Sie lehrte mich auch, die zarten Früchte mit steifem Grashalm spießen und zierlich verspeisen, und half selbst dabei getreulich. Dann erkletterten wir miteinander die Stadtmauer, uns umzublicken. Wir nahmen Platz in einer alten, halbverfallenen Schießscharte, aus deren Gestein eine Fülle wilder Blumen, Kamillen, Kampanulen und wilder Salbei hervorwucherten, und waren bald die besten Freunde. Lorchen erklärte mir die Aussicht auf Strom und Vorstadt, deren wir uns hier erfreuten, und wußte von den Halloren Erstaunliches zu erzählen, bis mein Auge und meine Fragen endlich an der alten Kirche hafteten. Die wollte sie mir auch noch zeigen, und wir durchschritten abermals den Garten, im Vorübergehen die dicken Stachelbeeren prüfend, die eben zu reifen begannen. Durch ein kleines Seitenpförtchen, welches Lorchen öffnete, traten wir in die Kirche ein.

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