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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 33
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der S. C.

Der Senioren-Konvent oder S. C. war der Bundesrat der Korps, den sie mit ihren Senioren beschickten. Er vertrat sie in allen gemeinschaftlichen Angelegenheiten, war ihre oberste ausführende und richterliche Behörde auf der Grundlage des Komments und beanspruchte zugleich die Leitung der ganzen Studentenschaft und das oberste Richteramt in allen Ehrenhändeln der Kommilitonen. – Auch die Philister ließ er nach Umständen seine Macht fühlen, steckte sie in Verruf und entzog ihnen bald mit, bald ohne Verhör die Kundschaft.

Seine angemaßte Suprematie über die »Wilden« stützte der S. C. auf die Fiktion: wer bei den Korps nicht eintrete, verzichte damit freiwillig auf seine studentischen Rechte zu ihren Gunsten. Gegen diesen merkwürdigen Rechtssatz hatten die Wilden bisher keinen ausdrücklichen Protest erhoben. Noch am 1. April 1840 hatten sie sich bei der Beerdigung Thibauts fast vollzählig eingestellt und den Anordnungen der Korps willig Folge geleistet. Seit dem unglücklichen Duell jedoch, das dem Rhenanen W. das Leben gekostet und die maßlose Verachtung vieler Korpsburschen gegen die Wilden aufgedeckt hatte, war dies anders geworden; es bemächtigte sich dieser eine wachsende Erbitterung, die zuletzt zur offenen Rebellion führte.

Im Winter 1840/41 beschickten den S. C. nicht weniger als sieben Korps. Ich zähle sie nach ihrem Alter auf: Schwaben, Westfalen, Hanseaten, Rheinländer, Saxoborussen, Nassauer und Schweizer.

Das jüngste und kleinste Korps, das sich immer nur für kurze Zeit auftat und dann wieder verschwand, war die Helvetia. Drei 146 Schweizer waren bei den Schwaben eingetreten, zwei davon halfen im November 1843 die Helvetia aufs neue stiften, nachdem sie schon in meinem ersten Semester sich aufgelöst hatte; der dritte, der treue Fehrli aus dem Kanton Schaffhausen, brachte es nicht über sich, die Suevia zu verlassen. Er war Mediziner, jedoch kein Freund der Kollegia, was Anlaß gab, daß ihm seine deutschen medizinischen Korpsbrüder eines Tags als freiem Bürger der Schaffhauser Republik gratulierten, weil diese den Zwang einer ärztlichen Staatsprüfung nicht dulde. Er belehrte die Spötter eines besseren: der Kanton habe freilich ein ärztliches Staatsexamen, sogar in Chemie, und der Examinator sei ein »ganz verflixter Chaib« von Apotheker.

Eine angesehene Verbindung waren die Hanseaten, die der nachmalige Hamburger Bürgermeister Petersen gestiftet hatte. Es gehörten ihr viele Hamburger an, meist sehr feine und fleißige Leute; sollten ihre Bestimmungsmensuren mit wichtigen Kollegien zusammenfallen, so bestanden sie auf Verlegung der Mensuren; kein anderes Korps folgte diesem löblichen Beispiel. Außer den Hamburgern gehörten der Hanseatia einige andere Norddeutsche an, namentlich Mecklenburger.

Innere Zerwürfnisse der Verbindung führten 1841 zu ihrer Auflösung, die Hamburger traten alle aus und ein Mecklenburger, stud. jur. Franz Howitz aus Rostock, gründete an ihrer Stelle mit einigen Landsleuten und Niedersachsen die noch heute blühende Vandalia. Die Hamburger, lauter Leute in hohen Semestern, kneipten bis zu ihrem Abgang von Heidelberg mit den Schwaben. Infolge dieser Vorgänge lernte ich den ebenso fleißigen, als geistvollen Mediziner Eduard Cohen kennen, der in den Osterferien 1842 die allgemeine Chemie und hauptsächlich die Stöchiometrie in Art eines freundschaftlichen Privatissimum mit mir durchnahm; wir benützten dazu die frühesten Morgenstunden. Er ist einer der gesuchtesten Aerzte Hamburgs geworden und Arzt in Bismarcks Familie, wenn der Fürst in dem nahen Friedrichsruh verweilte. Wie hoch ihn dieser schätzte, lehrt ein Brief dankbarster Anerkennung, den er nach Cohens am 4. Dezember 1884 erfolgtem Tode den Hinterlassenen schrieb.

Franz Howitz, der Stifter der Vandalia, war ein Korpsbursche von dem Schlag unseres Bernhard Beck, ein von seinen Freunden 147 sehr respektierter und von dem Segen des Korpswesens felsenfest überzeugter Mann. Im Gesichte hatte er etwas von einer Bulldogge, seine Vandalen hütete er, wie eine Henne ihre Küchlein. Die Vandalen nannten ihn die alte Hanne, warum, ist mir unbekannt. – Von seinen Vandalen ist am berühmtesten geworden Rudolf von Bennigsen. Obwohl ich nie vorher ein Wort mit diesem prächtigen Mann gesprochen hatte, auch nachher auf der Hochschule seine Bekanntschaft nicht gemacht habe, kreuzten wir doch die Waffen pro gloria patriae, wurden jedoch nach einigen Gängen von den Pedellen verjagt.

Die Nassauer waren eine große Verbindung, fast ausnahmslos von dem Herzogtum Nassau und der freien Stadt Frankfurt beschickt. Sie hielten mit den Schwaben gute Freundschaft.

Die Westfalen, meist Norddeutsche und Kurländer, auch einige Süddeutsche, Rumänen und ein Schweizer waren darunter, hatten im Sommer 1844 den liebenswürdigen stud. jur. Gustav Gans zu Putlitz, den bekannten Dichter, als Senior an ihrer Spitze.

Von den Saxoborussen, die damals mehr Bürgerliche in ihren Reihen hatten, als heute, ist mir der nachmalige Kunst- und Literaturhistoriker Hermann Hettner in Erinnerung.

Bei den Rhenanen waren mehrere meiner früheren Schulkameraden eingetreten, was mir bei der großen Feindschaft zwischen Schwaben und Rhenanen mitunter peinlich wurde, doch blieben wir einander treu. Vielleicht der witzigste von allen Korpsburschen war ein Rhenane, stud. jur. Ludwig Knapp aus Darmstadt. Er verließ die Universität schon an Ostern 1841 und kehrte als Dozent des Rechts zu ihr zurück (1848–1858). Er hat sich durch ein »System der Rechtsphilosophie« (1857) bekannt gemacht und starb 1858. Knapp, als Dozent ein hervorragendes Mitglied des Engeren, befreundete sich innig mit Scheffel, der ihm in seinen Rodensteinliedern als Knappen des weinfröhlichen Ritters ein Denkmal gesetzt hat.

Die Rhenania löste sich im Herbst 1842 auf. An ihre Stelle trat das Korps Palatia, meist Mannheimer mit dem früher erwähnten (S. 41) Freiherrn Götz von Berlichingen als Senior an der Spitze.

Da die Korps nur geduldet, aber nicht amtlich anerkannt waren, mußten die Universitätsbehörden, wenn sie mit ihnen verhandeln 148 wollten, sich durch Mittelspersonen an den S. C. wenden. Ein so ungehöriges Verhältnis untergrub den Rechtssinn der akademischen Jugend, schwächte das Ansehen der Behörden und steigerte die Ueberhebung der Korps auf der einen Seite und die Erbitterung der Wilden auf der andern.

Die Geschichte des Fackelzugs zu Ehren des am 3. Mai 1842 in Karlsruhe vermählten hohen Paares, des Erbprinzen Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha mit der Prinzessin Alexandrine von Baden, mag zur richtigen Beleuchtung dieser merkwürdigen Zustände an der Hochschule dienen. Die Neuvermählten wollten auf der Reise nach Koburg in Heidelberg übernachten, und der Amtmann ließ den S. C. durch die Pedellen wegen eines Fackelzugs befragen. Die Korps zeigten keine Lust, diese Huldigung darzubringen, denn sie waren übler Laune, weil der Amtmann seit einiger Zeit alles aufbot, um das Pauken auf der Hirschgasse unmöglich zu machen. Vermutlich handelte er auf höhere Weisung. Das Treiben in dem berüchtigten Pauksaal war zum europäischen Skandal geworden, namentlich englische Reisende berichteten Schauergeschichten von den blutigen Szenen, denen sie als Gäste zugeschaut hätten. Diesem Aergernis sollte ein Ende gemacht und der S. C. gezwungen werden, seine Turniere an andere Orte zu verlegen. Zu diesem Ende schickte der Amtmann die Pedellen fast täglich über den Neckar, ließ die Paukanten verjagen oder abfassen und in das Karzer sperren, das kostspielige Paukzeug wegnehmen. Deshalb verweigerten die Korps den Fackelzug und blieben auch auf des Amtmanns ausdrückliches Appellieren an ihre erprobte Loyalität störrisch, denn in Pauksachen hörte selbst diese auf.

So standen die Dinge, als Howitz dem S. C. den Vorschlag machte, dem Amtmann zu bedeuten, man würde den Fackelzug unter der Bedingung bringen, daß er das Pauken auf der Hirschgasse wieder wie früher zulasse. Sein Vorschlag fand Beifall, nur die Schwaben und Rhenanen rieten von diesem Vorgehen ab. Sie waren diesmal der gleichen Meinung, man solle bei dem abschlägigen Bescheide verharren; der Amtmann dürfe sich einen solchen Hohn nicht bieten lassen, auch werde der Fackelzug dürftig ausfallen, die Wilden seien ebenso unzufrieden mit den Korps wie mit den Behörden und 149 würden keine Heeresfolge leisten. Sie wurden aber überstimmt und der Vorschlag zum Beschluß erhoben. – Der Amtmann gab nur schöne Worte und keine bindenden Versprechen; zuletzt kam der Fackelzug wirklich zustande, fiel aber, wie vorausgesehen war, dürftig aus, und der Amtmann blieb dem S. C. seinen Dank schuldig. Den Korps blieb nichts übrig, als den Paukplatz zunächst nach Ziegelhausen in den Adler und von da später nach Neuenheim in die Rose zu verlegen.

Obwohl die Korps der Politik fern blieben, beschlossen sie doch, dem Geiste der Zeit ein Zugeständnis zu machen und bei den Verhandlungen des S. C. die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit einzuführen. Bisher waren die Sitzungen insofern geheim gewesen, als ihnen außer den abgeordneten Senioren niemand hatte beiwohnen dürfen, wie wenn es sich darin um die wichtigsten Staatsgeheimnisse handelte. Auch wurden die Verhandlungen, namentlich in Klagesachen, schriftlich geführt und schleppten sich, wie im seligen Reichskammergericht, endlos hin mit Repliken und Dupliken, wobei die älteren Juristen in spitzfindiger Rabulisterei schon für die künftige Praxis ihre Federn übten. – Es wurde eine Kommission niedergesetzt, die Reformvorschläge ausarbeitete. Die Korps nahmen sie an, und die Reform wurde sofort ins Werk gesetzt. Jeder Korpsbursche hatte von nun an das Recht, den Verhandlungen des S. C. in ehrfurchtsvollem Schweigen zu lauschen, und das schriftliche Verfahren wurde durch ein abgekürztes mündliches ersetzt.

In der Kommission hatte auch ich gesessen und hier die nähere Bekanntschaft des Seniors der Westfalen v. Putlitz gemacht. Wie wichtig wir die Sache nahmen, erhellt aus einigen Zeilen unter seiner Silhouette, die er mir nach dem Schluß des Semesters von Berlin schickte: »Wenn unser gemeinsames Werk fertig ist, so mache ich es dir zur Pflicht, mir ein Exemplar als Andenken an die Stunden zu schicken, die mir immer eine freundliche Erinnerung sein werden.« 150

 

 

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