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Jugend in Breslau

Karl von Holtei: Jugend in Breslau - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeautobiography
authorKarl von Holtei
titleJugend in Breslau
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann GmbH
isbn3-87584-227-8
editorHelmut Koopmann
year1988
firstpub1843-1850
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Künstlerleben in der Provinz

Wir hatten unseren Lohnfuhrmann bis Liegnitz angenommen; dort wurden wir überrascht durch die Nachricht, daß ein Gesetz existiere, welches entschieden untersage, Reisende vor Ablauf von drei Tagen weiter zu befördern, weil derlei Beförderung unter die Vorrechte der Postanstalten gehöre. Wir standen verblüfft und erschreckt. In Liegnitz schon aufzutreten, paßte nicht in unseren Kram, es war uns noch zu nahe an Breslau. Anstatt nun Extrapost zu nehmen, worauf wir in unserer Dummheit nicht kamen, mußten wir mit dem Breslauer Kutscher aufs neue unterhandeln und ihn, da er uns in seinen Händen sah, unsinnig teuer bezahlen. Ich erwähne diesen dem Leser gewiß sehr gleichgültigen Umstand nur, um anzudeuten, wie ratlos ich noch in der Welt, wie unerfahren im Leben stand, und wie ich mir so ganz und gar nicht zu helfen wußte. Bei meinem Reisegefährten war solche Unerfahrenheit verzeihlich, denn er hatte noch keinen Weg gemacht als von Glogau bis Breslau. – Aber ich! der Deutschland retten helfen – wollen!

*

An einem Sonnabend Nachmittag langten wir in Flinsberg an, wo unser erstes Geschäft war, die polizeiliche Erlaubnis zu unseren Künsten nachzusuchen und aus dem Koffer die für solchen Zweck bereits in Breslau auf Vorrat gedruckten Anschlagezettel zu nehmen, um gewisse leer gelassene Stellen mit Tinte auszufüllen. Wir unterzogen uns diesen niedrigen Handwerksvorbereitungen, ich wenigstens, mit einer so freudigen Empfindung, als ob sie noch so poetisch wären.

Sonntag klebten unsere Zettel an Bäumen und Pfählen, und wir zwei saßen vor dem Fremdenhause im schönsten Sonnenschein, Vogelstellern ähnlich, welche jeden vorüberziehenden Leser unseres Programms wie einen Vogel betrachten, der ihnen ins Garn gehen soll. Den Nachmittag brachten wir schlafend zu, – vielleicht um den Kummer zu verschlafen, den uns der Gedanke, daß noch kein Billet geholt sei, erregen mußte. Abends um 6 Uhr saßen wir an der Kasse vor dem Saale, wo bereits die Stühle für ein zahlreiches Auditorium im Halbkreise standen. Doch das Auditorium blieb aus. Keine Seele ließ sich blicken, kein Vogel wollte sich fangen. Nur der Kellner flatterte um uns her mit dem schwermütigen Gesang, der uns verkündete, daß die ganze Bade- und Brunnengesellschaft, worunter viele vornehme Leute, eine Lustpartie »zum grünen Hirten« gemacht habe. Da klappten wir unsere kleine Kassette mit den nagelneuen, ungebrauchten Eintrittskarten wieder zu, schlossen die Thüren des Saales und begaben uns, ich den Kasten, Julius die Guitarre unterm Arme, still und stumm nach unserem Zimmer, wo wir uns dann auch ohne weiteres begannen auszuschälen, um die Staatsgewänder mit Schlafröcken zu vertauschen. Doch ehe wir uns noch völlig entkleidet, stürzte der Kellner mit dem Jubelrufe: »Sie kommen!« zwischen uns. – »Wer kommt?« – »Die Herrschaften, alle, sie wollen in den Saal!«

*

Noch war es möglich, die zerstörte Toilette in kurzer Frist wieder herzustellen und beizeiten den Harrenden die Pforten zu öffnen. Sie hatten sich denn auch redlich eingefunden, und was in dieser Saison zur Flinsberger »Gesellschaft« gehörte, war gegenwärtig. Mein unheilbringender Scharfblick ließ mich in den meisten Gesichtern, die bei uns vorüberzogen, den unverkennbaren Ausdruck höhnischen Zweifels an unseren Gaben wahrnehmen. Natürlich war mein Name, als der eines in Breslau halb verunglückten Schauspielers, auch in diesen Kreisen bekannt genug, und von meinem Gefährten konnte niemand etwas Besseres wissen, als daß er eben mein Gefährte war. Diese Stimmung schien nichts weniger als günstig.

Der Saal war gefüllt, – ich begann. Die Hörer hatten das schlechteste erwartet, und sie fanden sich getäuscht. Freudige, teilnehmende Überraschung that sich unverhohlen kund. Meine Gedichte und der natürliche Vortrag derselben wirkten günstig. Rochow's Gesang entzückte. Seine Stimme war jung und frisch; er sang die kleinen Lieder mit Gefühl und Ausdruck. Wir wurden mit Beifall überschüttet. Als wir geendet, drängte man sich um uns. Alt und jung zog uns ins Gespräch, die Unterhaltung währte bis in die Nacht. Auf meine Äußerung, daß wir am nächsten Tage bis Liebwerda, einem Bade in Böhmen, reisen wollten, erbot sich Baron Rudolf von Stillfried, Meines Wissens der nämliche, der später die Statuten oder die Geschichte des Schwanenordens geschrieben. ein sehr freundlicher junger Mann, uns einen Empfehlungsbrief an den Schwiegersohn des alten Grafen Clam-Gallas, des Besitzers von Friedland und Liebwerda, mitzugeben, den er uns auch noch vor Mitternacht in unser Dachstübchen brachte. In Wonne gewiegt schlummerten die Sänger selig ein, in meine Träume klang der Beifallsruf der schönen Gräfinnen und anderen Damen.

Zeitig genug langten wir in Liebwerda an, um vom Kammerdiener des Grafen Clam zu vernehmen, daß Se. Excellenz samt Familie noch beim »Fruhstuck« wären, und daß wir ihn nicht eher sprechen könnten, als bis er von dort in seine Gemächer zurückkehren würde. Man placierte uns in eine Art von Korridor oder Vorflur, wo wir, den günstigen Moment abzuwarten, angewiesen wurden. Rochow fand die Scene komisch, in mir aber regte sich ein Gefühl zwischen Beschämung und Zorn; ich hielt es meiner unwürdig, wie ein Bettelmann auf solche Weise behandelt zu werden. Bevor mein Ingrimm noch zum Ausbruch kam und einen raschen Entschluß veranlassen konnte, erschien der alte Graf. Er nahm meine fest an ihn gerichtete Frage, ob wir die Ehre haben könnten, in Liebwerda eine Soiree zu geben, teilnahmlos hin und fertigte mich mit einem nicht unfreundlichen, doch kurzen »Nein« ab, indem er noch hinzufügte: »Wir haben Theater hier, und ein Deklamatorium ist nicht ›unterhaltlich‹.« – Da standen wir und starrten ihm nach! Rochow schlug eine laute Lache auf, wegen welcher der Sr. Excellenz nachfolgende Kammerdiener uns einen Drohblick zurückschickte. Endlich lachte ich auch, und lachend suchten wir das Freie. Unten angelangt, ging ich aus dem Lachen ins Fluchen über. »Also das«, rief ich aus, »ist der berühmte Mäcen, der große Gönner aller Künstler, das ist derselbe Graf Clam, der in Prag einem adligen Gesellschaftstheater vorsteht, und in dessen Hause alles heimisch ist, was Talent zeigt? Nun so schlag« – – Rochow unterbrach mich mit der richtigen Bemerkung, der Mann sei gründlich zu entschuldigen, da gewiß das verworfenste Gesindel ihn täglich überlaufe, und da er, ohne irgend etwas von uns zu wissen nach der Art unserer durch den Kammerdiener angeordneten Präsentation, unmöglich einen günstigen Begriff von uns habe gewinnen können. »Hätten wir nur wenigstens«, setzte er hinzu, »den Brief vom Baron Stillfried vorher abgeschickt!« Diesen Brief hatte ich ganz vergessen. Ich nahm ihn aus dem Portefeuille, und während ich die Adresse noch einmal studierte, trat ein stattlicher Mann, in welchem trotz seiner bürgerlichen Kleidung der Offizier sogleich zu erkennen war, aus dem Schlosse. Ich ging auf ihn zu, mit der Frage, wo wohl Graf Nostitz zu finden sei. »Der bin ich«, war die Antwort. Ich überreichte mein Schreiben. Nachdem er flüchtig gelesen, fragte er: »Sie wünschen meinen Schwiegervater zu sprechen?« Ich stattete Bericht ab von der bereits gehabten Morgenunterhaltung. Der Graf schwankte zwischen Lächeln und Verlegensein, erkundigte sich nach unserer Wohnung und schied von uns, mit raschem Schritte ins Schloß zurückkehrend.

Na, das wird auch zu nichts führen, meinten wir beide, begaben uns nach dem Gasthofe, bestellten unsere Küche für den Mittag, einen Wagen für den Nachmittag und waren fest entschlossen, den Staub von unseren Stiefeln zu schütteln und fürbaß zu wandern. Bei trüben Stimmungen habe ich stets geliebt, zu singen, oder, – wenn ich es haben konnte, – singen zu hören. Ein Besuch störte uns. Es war der Direktor der kleinen Schauspielertruppe, die in Liebwerda unter gräflicher Protektion ihr Wesen trieb. Ihm war » anbefohlen«, sich mit uns über eine zu gebende Abendunterhaltung zu einigen, die im Schauspielhause stattfinden sollte. Er entledigte sich dieses Auftrags mit vielen Bücklingen und sichtbar besorgt, welche Forderungen wir machen würden. Dieses Auskunftsmittel schien mir fast noch kränkender, als der Empfang am Morgen. Ich sagte dem armen Teufel, wir wären bereit, seinen Vorschlag anzunehmen, aber nur unter der Bedingung, daß die ganze Einnahme, – hier hielt ich inne, und er hörte auf zu atmen, – ihm allein gehöre! Wir machten auf nichts Anspruch! – »Und dies müsse«, fügte Rochow hinzu, »auch auf dem Zettel vermerkt sein.« »Alles, wie Ew. Gnaden schaffen«, – weiter vermochte der Prinzipal in seiner Freude nichts zu entgegnen, – und er eilte, seine Anstalten zu treffen. »Das sei unsere Rache!« sagte ich zu Rochow. – Unser Diner wurde serviert, wir aßen und fühlten uns groß. Mittlerweile hatten die Leute im Gasthofe Wind bekommen, daß wir »Künstler« seien; der altersgraue Kellner nahm allsogleich einen anderen Ton an, er wurde vertraulich, gesprächig, witzig; er weihte uns in tausend kleine Verhältnisse der gräflichen Familie ein; er erzählte uns von Prag, wo er im Winter zu amtieren pflege; er brachte uns die besten Bissen und brannte vor Neugier, zu erfahren, wie er mit uns daran sei, und was wir eigentlich unseres Zeichens, ob wir simple Künstler oder ob wir wirkliche Spieler wären. Mit jeder Schüssel, die er heraufbrachte, – denn wir standen in den Jahren, wo man zur Not einen ganzen Speisezettel durcharbeitet, – kam er freundlicher. Gegen Ende unseres Essens vernahmen wir unten, vor und in dem Hause Geräusch von Wagen und Kommenden, – wir warfen einen Blick durch die geschlossenen Jalousieen, – und was sahen wir? Den größten Teil unseres gestrigen Auditoriums! Flinsberg war uns nachgefolgt, um uns noch einmal zu hören. Über, neben, um und unter uns ward es jetzt lebendiger. Thüren gingen auf und zu, Dienstboten liefen treppauf, treppab – unsertwegen! Welch' ein Gefühl!

Der Kellner bringt den Kaffee. Sein Auge glänzt, sein faltenreiches Antlitz drückt ungeheuchelte Verehrung aus. Er hat den Flinsbergern entlockt, was sie heute nach Liebwerda führte. »Ach!« ruft er begeistert aus: »Meine Herren, Se hab'n an'n Ruf, an'n schröcklichen!«

Dieser »schreckliche Ruf« bestätigte seine Wirkung, denn das verhältnismäßig gar nicht kleine Theater war angefüllt. Wir behaupteten auch unsern Ruf, denn wir ernteten »schrecklichen« Beifall. Doch entging mir nicht, daß der Sprecher in der öffentlichen Gunst hinter dem Sänger zurückbleiben müsse. Als wir geendet und ich in einem zarten Epiloge sämtliches Auditorium aufs »Wiedersehen im Lande ewiger Lieder« verwiesen, als wir den Dank der Schauspieler, – diese hatten ein kleines Stück gespielt, – für die ihnen überlassene, durch den Flinsberger Zufluß angewachsene Einnahme empfangen, als wir uns endlich auf den Weg machten, tauschten wir gegenseitig die Meinung aus, es wäre doch klüger gewesen, unsere Großmut zu halbieren und wie billig mit den Schauspielern zu teilen, da jene an der Hälfte für ihre Verdienste und Ansprüche hinreichend genug, wir aber einen brauchbaren Zuschuß zur Reisekasse haben würden. Es war zu spät, und wir schickten uns an, die Brücke zu überschreiten, welche über den kleinen rauschenden Bergbach führt, an dem das Theater zu Liebwerda steht. Im Dunkel des Abends erblickten wir jenseits eine Gestalt, die uns entgegen trat; auf dem Steige trafen wir zusammen. Es war der Graf, der den Empfehlungsbrief uns des Morgens abgenommen. »Meine Schwiegereltern und alle«, hub er an, »lassen Ihnen sagen, daß Sie Ihnen große Freude gemacht haben, und der Vater läßt Sie auf morgen einladen, um den Empfang von heute früh wieder gut zu machen.« Es lag eine unverstellte Herzlichkeit, die heute noch in meinem Herzen nachklingt, in jenen Worten. Wir hätten sehr wohl gethan, der ehrenhaften Einladung Folge zu leisten. Aber wir trotzten noch ein bißchen und schoben erlogene Abhaltungen vor, die uns nötigten, mit Anbruch des nächsten Tages weiter zu reisen. »Nun«, sagte der Graf: »Wenn Sie müssen, so reisen Sie, Sie werden überall willkommen sein! Vielleicht führt Ihr Rückweg Sie in unsere Gegend.« – Er ging, und indem er sich zum Gehen wendete, fühlte ich etwas von schwerem Gewicht in meinen Hut fallen, den ich während des Gesprächs in der Hand gehalten. Es war ein Paketchen, die verschiedensten Goldstücke, wie sich bei häuslicher Untersuchung ergab, an Form und Wert verschieden, enthaltend. Offenbar hatte der Chef der gräflichen Familie, wie aus den unter sich harmonierenden Goldmünzen hervorging, diese schon ganz anständige Summe mit ins Theater genommen, um sie uns zustellen zu lassen. Während wir deklamierten und sangen, hatte er, Gefallen an uns findend, beschlossen, das uns zugedachte Honorar mit seiner Teilnahme steigen zu sehen, und zu diesem Zwecke war von den Angehörigen eine allgemeine Goldlieferung ausgeschrieben worden, die in ihrem bunten Gemisch ein freudiges Zeichen günstigen Erfolges gab und den etwaigen Verlust der Tageseinnahme an der Kasse zehnfach aufwog. Ich muß es bekennen, daß kein Geld, welches ich im Laufe meines Lebens und Treibens erwarb, mir so viel innerliche Freude gewährt hat, als dieses kleine Münzkabinett, und daß der Abend in Liebwerda noch immer einen poetischen Nachglanz auf die Tage meiner Jugend wirft.

Für mein Leben gern möchte ich jetzt noch einmal die Städte und Städtchen besuchen, die wir damals durchzogen. Rochow gehörte zu den seltenen Menschen, die auch auf Reisen verträglich, harmlos und ohne wilde Lustigkeit stets heiter sind. Ich räumte ihm, dem Sänger, sein Übergewicht willig ein; er suchte niemals von diesem Vorrecht Gebrauch zu machen, und ein Mißverständnis konnte zwischen uns nicht aufkommen. Lebenslustig waren wir beide; wir gaben viel Geld aus, nicht mehr, aber auch nicht weniger, als wir einnahmen. Der schöne Nachsommer, auf der Wanderung unser bester Freund, ward des Abends an der Kasse unser Gegner. In seinem Duft und Zauber gelangten wir bis Teplitz, wo es von Gästen wimmelte; dort aber schien es unmöglich, eine Soiree zu stande zu bringen, weil der Saal bereits auf vierzehn Tage von Virtuosen und Tanzlustigen in Anspruch genommen war. Hätten wir Geduld gehabt, die Sache abzuwarten, wer mag wissen, was aus mir geworden wäre? Eine Unzahl bedeutender und einflußreicher Personen befand sich noch in Teplitz. Unser Erscheinen und Auftreten, die Anordnung unserer Gedichte und Lieder hatten unleugbar etwas Eigentümliches. Wir würden Bekanntschaften gemacht, Empfehlungen erworben haben, würden vielleicht nach Wien verschlagen, dort in die Mode gekommen sein ... Wer mag es wissen? Wir verließen Teplitz, verletzt durch die Gleichgültigkeit des Badekommissars, der uns kurz abfertigte, und ließen uns über Pirna nach Schandau rollen. In Schandau, von wo aus wir in den nächsten Tagen einige Ausflüge nach der Sächsischen Schweiz machten, fand ich am Abende unserer Ankunft als Tischnachbar den liebenswürdigen Dichter Wilhelm Müller. Dieser stellte sich unserem Umhervagabundieren mit vernünftigen Gründen entgegen, fragte Rochow, ob er damit enden wolle, vor den Thüren zu singen, mich, ob ich die qualvolle und andere quälende Lebensbestimmung erwählt habe, als reisender Deklamator Städte und Marktflecken zu bedrohen, redete uns eindringlich zu, baldigst auf die Bühne zu steigen, ehe wir in diesem faulen Reiseschlendrian völlig erschlafften, und wies uns zunächst auf das nahe Dresden hin. Rochow hatte schon immer die Absicht gehegt, seinen Gesang für die Oper zu bilden. Er trat gar bald auf Müller's Seite, und ich gab nach. Wir trafen in Dresden ein.

Außer einer alten Freundin meines pflegeelterlichen Hauses, die ich sogleich aufsuchte und fand, kannte ich persönlich keinen Menschen in Dresden. Theodor Hell, mein Abendzeitungsredakteur, bekleidete nebst hundert anderen Ämtern und Posten, die er damals inne hatte, auch jenen eines Theaterdichters und Sekretärs und empfing seinen jugendlichen Mitarbeiter sehr freundlich. Er versprach, meinem Wunsche gemäß uns irgend einen Saal, ich weiß nicht welcher Gesellschaft, für eine Abendunterhaltung zu verschaffen, empfahl mich in einem Briefchen dem Polizeidirektor der Residenz und zeigte sich auch in Beziehung auf künftige theatralische Absichten und Versuche wohlwollend und liebevoll.

Daß Ludwig Tieck in Dresden lebe, wußte ich durch Steffens und Schall. Ich würde mir von beiden Briefe für ihn, viel mehr für mich an ihn, erbeten haben, wenn ich nicht so zu sagen aus Breslau entwichen wäre. Tieck's Werke hatte ich wohl gelesen. Für vieles in seinen Dichtungen, hauptsächlich was Ironie heißt, fehlte mir wahrscheinlich das Verständnis. Aber ich hatte ihn von Löbell, Steffens, Schall nie anders als »Meister« nennen hören und eine Verehrung für ihn eingesogen, die, ob sie gleich an Anbetung grenzte, im Grunde nur eine nachbetende war. Deshalb kämpfte ich lange mit mir, ob ich es wagen dürfe, mich auf gutes Glück einem poetischen Halbgott vorzustellen. Vielleicht würde ich mich gar nicht dazu entschlossen haben, wenn nicht Julius mir Mut eingesprochen und meine Schüchternheit lächerlich gemacht hätte. Als »Schauspieler« ließ ich mich bei ihm anmelden, und als ich eintrat, wurde mir schwarz vor den Augen. Kaum vermochte ich etwas von Steffens und den anderen zu stammeln. Meine Verlegenheit mag nicht zu meinen Gunsten gesprochen haben, denn Tieck sah mich zweifelnd an; kaum aber hatte ich einige seiner Fragen auf eine Weise beantwortet, die es gewiß machte, daß ich die Personen, auf deren Umgang ich mich berief, wirklich genauer kannte, so munterte mich auch des Zauberers gewaltiger Blick zur Vertraulichkeit auf, und binnen einer Viertelstunde war ich bei ihm wie zu Hause, das Gespräch im besten Gange. Ich bezweifle, daß es auf Erden noch eine so gewinnende, so siegreiche Persönlichkeit giebt, als Tieck sie damals entfaltete, – wenn er wollte. Ich ward mit Leib und Seele sein eigen. Die Wirkung, die er auf mich ausübte, verfehlte nicht, wie dies gewöhnlich der Fall ist, auf ihn zurückzuwirken. Er sah mich gern bei sich und verschwieg es nicht; er erlaubte mir, ihn lesen zu hören; sein Vortrag machte mir einen unbeschreiblichen Eindruck. Das edle, schöne Gesicht, das geistvolle Auge, die goldreine, kräftige Stimme bemächtigten sich meiner ganzen Seele. Ein Zweifel an der Meisterschaft, die ihm die Welt zuerkannte, hätte in mir nicht entstehen können. Aber ich mußte, mochte ich wollen oder nicht, stets an Schall denken, an Schall mit seiner kupfrigen Nase, mit seinem Rhinozerosantlitz. Ich wagte nicht, mir einzugestehen, daß ich jenen für einen größeren Künstler hielt als Tieck; daß Schall, von Manier frei, drastischer wirkte und ohne die Harmonie der vollkommenen Ausbildung in dieser wundersamen Kunst, ohne die Geschmeidigkeit der Form, wie sie bei Tieck nur das Resultat täglicher Übung sein konnte, doch an genialen Zügen reicher, an Schöpfungen der augenblicklichen Eingebung vielseitiger war. Ich wagte nicht, mir das einzugestehen, und es ist mir erst klar geworden, als ich auf der Bahn nach ähnlichem Ziele die Schwierigkeiten näher kennen lernte, die sich dem Strebenden entgegenstellen. Ich war versunken in hingebende Verzückung, wie nur ein Jüngling hingebend, gläubig, selig in seinem Glauben an einen großen Mann sein wird. Es ist eine schöne Zeit, diese Zeit poetischer Religion! Beginnst Du erst zu protestieren, so ist sie auf immer entschwunden. Unser Wunsch, vor dem Publikum einer größeren Stadt das bißchen Licht, welches wir aus Breslau mitgebracht, leuchten zu lassen, ging denn auch in Erfüllung. Durch Winkler's (Th. Hell's) Vermittelung war uns ein schöner Saal eingeräumt worden, und diesen füllte ein zahlreiches, elegantes Auditorium, welches mit seinem Beifall nicht karg war. Tieck empfing mich am andern Tage mit den Worten: »Wer hat Sie denn gelehrt, so gute Verse machen und dieselben so gut zu sprechen?« Ich glaubte, jetzt müßte ich in die Wolken steigen!

Th. Hell wiederholte, was Wilhelm Müller mir in Schandau gesagt, und erklärte sich bereit, beim Intendanten des Hoftheaters mein Probespiel und daraus folgendes Engagement einzuleiten. Und damit gar kein Zweifel übrig bliebe, ob die Wanderer Rochow und Holtei sich trennen, ob sie ihre zweispännige Laufbahn beschließen sollten, wurde mein guter Julius sauber eingepackt und zum Stadttheater nach Leipzig geschickt, wo man junge, frische Stimmen so nötig brauchte wie Brot. Wir trennten uns mit heißen Thränen.

Der Intendant des K. S. Hoftheaters, Graf Vitzthum, wo mir recht ist, hörte nicht gar gut. Meine Aufwartung war mit Schwierigkeiten verknüpft, mich ihm verständlich zu machen, doch kamen wir erträglich auseinander. Drei Proberollen wurden mir zugesagt: als erste »Juranits, in Zriny«.

Die Rolle hatte ich noch nicht gespielt, das Stück liebte ich nicht, Körner's tragischer Pathos war mir zuwider. Aber ich hatte in Breslau unseren Anschütz als Juranits den Nachmittagsprediger Nagel als Zriny in Grund und Boden spielen sehen, und da meinte ich denn, durch Tieck und Winkler angefeuert, es müsse gehen!

Schon lebte mir in Dresden ein einflußreicher Gegner, ohne daß ich mir irgend etwas gegen ihn zu schulden kommen lassen: der Regisseur des Hoftheaters, Herr Helwig. Dieser Mann hatte drei Gründe, mein Widersacher zu sein: Erstens bestritt er meinem Gönner Theodor Hell das Recht, einen Protegee zu haben, weil er in der Person eines anderen Aspiranten diesen seinen Protegee in die leere Stelle schieben wollte. Zweitens fand er meine Verehrung für Tieck höchst lächerlich und verspottete, als ich derselben in einem Gedichte Luft gemacht, mich und jenes Gedicht, wo er nur meinte, daß ich es hören könnte. Drittens sprach er unverhohlen aus, daß die jungen Schauspieler meiner Gattung, die gewisse Ansprüche mitzubringen sich berechtigt wähnten, das Metier nur verderben könnten! – Herr Helwig galt für einen guten Schauspieler, war sehr beliebt und wußte die Regie im Parterre vielleicht besser zu führen, als auf der Bühne. Auch gehörte er unter die gefährlichen Menschen, die mit derber Bonhommie ihre heimlichen Machinationen umhüllen und, den biederen Deutschen spielend, unter der Maske zutraulicher Redlichkeit nicht nur andere, sondern auch sich zu täuschen vermögen, als ob sie es noch so ehrlich meinten. Bei mir gelang ihm das vortrefflich. Ich hielt ihn für einen derben Ehrenmann; – vielleicht ist er's auch gewesen!

Mit einer flüchtigen Probe mußte ich ins Feuer gehen. Wie ich mich auf der Bühne benommen, wie ich mich bewegt, wie ich die festgelernten Worte hergesagt? – Ja, wenn ich das wüßte! Ich war bewußtlos. Daß ich in den Liebesauftritten mit Helene vorzugsweise so ungeschickt und hölzern gewesen, ist mir leider noch erinnerlich. Auch rief mir die gute Frau, die das Unglück hatte, mich als ihren Geliebten betrachten zu müssen, mehrmals leise zu: »Mehr Feuer!« – Aber sie hatte gut rufen! Ich war wieder in die Lethargie des Lampenfiebers versunken, aus der kein Gott mich wieder emporrütteln konnte. Das Ende vom Liede war: ich fiel durch und ging ohne eine Spur günstiger Teilnahme vom Kampfplatz, während alle übrigen um mich her, vor allen Herr Helwig-Zriny, mit Beifall überschüttet wurden.

Kaum glaube ich, daß es in der Brust eines Tischgastes im »kleinen Rauchhause« so traurig ausgesehen, als in der meinen, wie wir uns nach »Sigeth's Fall« an die Krippe begaben. Warum ich auch nicht mit Schmach bedeckt in meinem Kämmerlein blieb, und wo ich die Frechheit hergenommen, mich in meiner tiefsten Vernichtung an die Wirtstafel zu setzen, das mag Gott wissen. Sicher bleibt, daß ich es gethan; ja, daß ich sogar im stande gewesen bin, zu essen, – wenngleich gesenkten Blickes. Mir gegenüber an der Tafel saßen zwei junge Männer, die mich forschend fixierten. Jedesmal, wenn mein Auge sich ein wenig hob, begegnete es dem ihrigen, fest auf mich gerichtet. Das Angesicht des einen that einen milden Ernst kund, der mich anzog. Nun erhob sich ein Gast nach dem andern, alle suchten ihr Zimmer, der Speisesaal ward leer, wir drei blieben sitzen. Sie ließen sich Wein geben und forderten mich auf, mit ihnen zu trinken; ich gehorchte fast willenlos. Bald war ein Gespräch begonnen. Sollten sie, fragte ich mich hoffend, nicht im Theater gewesen sein? Sollten sie nicht wissen, wer ihnen gegenübersitzt? Ein Weilchen konnte ich die Täuschung nähren, bald jedoch gingen sie ohne Umschweife auf mein Elend ein. Beide schienen erstaunt, mich so mutlos, der Verzweiflung nahe zu finden; dazu, meinten sie, hätte ich keinen Grund. Sie trösteten mich und suchten mich durch sinnige Worte aufzurichten. Der eine gab sich als Arzt, der andere als angehender Jurist zu erkennen, doch erkannte ich in letzterem sehr bald auch den Poeten. Er bestätigte sich als solchen. Gegenseitig tauschten wir Bekenntnisse über projektierte Arbeiten. So kamen wir auf Tieck, und daß ich bei ihm aus- und einginge. Ich erbot mich, meine neuen Freunde dort einzuführen, – und dachte in diesem Moment freudiger Aufregung nicht daran, daß ich beim Nachhausegehen von der Bühne mir vorgesetzt hatte, mich nirgends mehr blicken zu lassen. Der Arzt lehnte es ab, weil er reisen müsse, der Jurist nahm es begierig an. Ich versprach, ihn am andern Morgen für den nächsten Abend zu melden. Dann bat ich um beider Namen. Der Arzt nannte sich Adersbach (ich bin ihm nie mehr begegnet), der Jurist war Karl Immermann. Wir plauderten bis tief in die Nacht. Immermann sagte, ich sollte mich meinen Martern entreißen, aus mir könne doch noch ein guter Schauspieler werden, denn es fehlte nur die Form, der Stoff sei vorhanden, und das Publikum wisse den Teufel! »Aber«, sagte er, »ich wäre merkwürdig ungelenk, und zwischen den Stellen, wo es über mich käme, und jenen, wo ich leblos bliebe, ein Unterschied, daß man glauben müßte, es wären unserer zwei Personen.« So hatte noch niemand mit mir gesprochen. Schall hatte diesen Ton nicht getroffen. Es that mir unendlich wohl, und ich ging beruhigt zur Ruhe. Anders gestalteten sich die Dinge, als ich unter andere Menschen kam. Mein alter Breslauer Argwohn wurde lebendig, in jeder Begrüßung sah ich Hohn, aus jedem Worte hörte ich Spott gegen mich, wo zwei die Köpfe zusammensteckten, meinte ich, Juranits sei der Grund ihres Flüsterns. Die Mitglieder des Theaters sahen mich über die Achsel an, nur der Herr Regisseur zeigte sich süßer als vorher, ein Zeichen, daß er mich schon für halb beseitigt hielt. Theodor Hell blieb freundlich, aber daß die Hoffnungen, die er auf mein Engagement gesetzt, durch den Fall der ungarischen Festung erschüttert, wenn nicht zusammengestürzt waren, ließ sich nicht verbergen. Tieck's Lächeln spielte um meinen Gram wie ein blaues Flämmchen um die Stelle, wo ein Schatz versunken ist. Er war erstaunt, wie er sagte, daß ich nicht sicherer auf den Brettern sei, er hätte mich für einen fertigen Schauspieler gehalten, aber einige Stellen hätte ich »hinreißend schön« gesprochen. Solche Worte waren für mich, was ein paar scharfe Sporen für ein ermattetes Pferd sind; schon wollte die arme Kreatur nicht mehr weiter laufen, dann rafft sie sich wieder auf. [...]

Einen Abend bei Tieck werde ich nie vergessen, nicht nur weil er an diesem Abende den »Othello« mit furchtbar tragischer Wirkung vortrug, sondern auch weil das bei ihm versammelte Auditorium ein nicht gewöhnlich zusammengestelltes war. Außer uns befand sich dort: Tieck's Schwester mit Gemahl, Herrn von Knorring aus Curland und ihren beiden Söhnen, die einheimischen Grafen und Poeten: Freiherr von Kalkreuth und Löben (Isidorius), der hessische Ernst von Malsburg, Ludwig Robert mit seiner jungen schönen Frau, der Herr von Schütz (Lakrimas), der damals gerade den Casanova verdeutschte, Professor Hegel mit Fr. Förster und endlich Thorwaldsen, den ich schon des Morgens auf der Bildergallerie hatte nachdenklich und andächtig sein Lockenhaar schütteln sehen, wie er vor Raffael's Madonna zum erstenmal in seinem Leben stand.

Tieck überbot sich selbst in Leidenschaft und Gewalt; im fünften Akte ließ er den Othello zu einer Raserei ausbrechen, die um so tiefer wirkte, als er besonnene Macht behielt, den Jago in kalter Festigkeit dagegen kontrastieren zu lassen. Seine Absicht bei Versinnlichung des Jago ging sichtbar darauf hinaus, diesen gemeinen Gesellen keineswegs zum schlauen, feinberechnenden Propheten zu machen, der das ganze Spiel vorher durchschaut, sondern vielmehr zum plumpen Schurken, der nur Rache üben, nur Böses thun, nur schaden will, der erst mitten in der Aktion einsieht, wie sehr das Schicksal ihm zu Hilfe kommt, und der eben nur um seiner Plumpheit willen oft in einen groben, biederherzigen Ton verfällt, welcher treuherzig klingt und zu täuschen vermag. Diese Absichten schienen mir aus Tieck's Auffassung des Jago hervorzugehen. Als der Vortrag beendet war, und jeder der Hörer seinen schuldigen Beitrag in die Kollektenbüchse des geselligen Dankes stecken zu müssen glaubte, näherte sich auch Hegel dem Leser und dozierte in die Rede, die er hielt, komischer Weise gerade die entgegengesetzte Ansicht des Jago'schen Charakters hinein, Tieck preisend, mit wie unendlichem Geist er die Feinheit des vom ersten Auftritt gesponnenen Gewebes enthüllt u.s.w. Ich stand wie versteinert. Denn ohne von dem hochberühmten Manne etwas anderes zu kennen, als seinen Namen, kannte ich doch eben diesen und seinen Ruhm. Tieck's Gegenrede war, – ich will nicht sagen tückisch, – doch tieckisch, verbindlich ironisch.

Ich müßte sehr irren, wenn es nicht dieser Abend gewesen wäre, von dem der Groll herrührte, den der Philosoph so lange gegen den Dichter bewahrte.

Gegen mich war Tieck unverändert. Mein unglücklicher Auftritt als Juranits hatte ihn nicht kälter gemacht. Immer, wenn ich kam, hieß er mich ebenso freundlich willkommen, als früher, wo er gehofft hatte, in mir ein siegreiches Schauspieltalent aufsteigen zu sehen.

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