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Judith Trachtenberg

Karl Emil Franzos: Judith Trachtenberg - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleJudith Trachtenberg
authorKarl Emil Franzos
firstpub1891
year1992
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M
isbn3-548-30283-1
titleJudith Trachtenberg
pages3-197
created20060218
sendergerd.bouillon
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Karl Emil Franzos

Judith Trachtenberg

Roman

Erstes Kapitel

Vor etwa zwei Menschenaltern, in der Regierungszeit des Kaisers Franz, lebte in einer kleinen Stadt Ostgaliziens ein wackerer und vom Geschick reich gesegneter Mann, Nathaniel Trachtenberg mit Namen und seines Zeichens ein Lichtzieher. Er hatte dies Gewerbe von seinem Vater in bescheidenem Stande übernommen, es aber allmählich durch Tatkraft und Ausdauer hoch empor gebracht, indem er auch die Erzeugung von Wachskerzen hinzufügte und durch die Gediegenheit seiner Ware, vielleicht noch mehr durch die weise Mäßigung im Einfordern der Zahlungen fast alle Vornehmen des Landes zu seinen Kunden zu machen wußte. Mit dieser Festigung seines Reichtums hielt auch die innere Klärung des Mannes gleichen Schritt. Von der Natur mit guten Gaben ausgerüstet, erwarb er in stetem Verkehr mit den Adeligen und Beamten und durch die zahlreichen Reisen, welche er zu Geschäftszwecken nach dem Westen unternahm, im Lauf der Jahre größere Bildung, als damals den meisten seiner Glaubensgenossen gegönnt war. Er sprach und schrieb das Deutsche rein und geläufig, las regelmäßig die Wiener Zeitungen und in seinen Mußestunden sogar zuweilen einen Dichter, Lessing oder Schiller. Aber wie sehr sich dadurch seine Ansichten über Ziel und Zweck des Lebens von denen seiner armen, umdüsterten Glaubensbrüder entfernen mochten, so blieb er doch mit ihnen durch Tracht und Lebensführung eng verbunden und kam nicht bloß jedem Gebote des Glaubens, sondern auch jeder Satzung der Rabbinen mit ängstlicher Treue nach. »Sie kennen die Luft nicht, in der wir atmen müssen!« pflegte er seinen aufgeklärten jüdischen Geschäftsfreunden in Wien oder Breslau zu erwidern, wenn sie ihm leise Vorwürfe darüber machten. »Ob ich es wirklich für sündhaft halte, am Sabbat einen Stock zu tragen, ist gleichgültig; wesentlich aber ist, unsere Leute durch das Beispiel eines Mannes, den sie achten müssen, darüber zu beruhigen, daß man deutsche Bücher lesen, mit den Christen in reinem Deutsch sprechen und dabei doch ein frommer Jude bleiben kann. Darum wäre es fast ein Frevel, wenn ich heute meinen Talar zu einem deutschen Rock verschneiden ließe – und glauben Sie, daß mich dies meinen Edelleuten oder dem Herrn Kreiskommissär näherbrächte? Mitnichten, sie würden derlei nur als den ohnmächtigen Versuch verhöhnen, mich ihnen gleichzustellen! So müssen denn wir wenigen Gebildeteren im Lande vorläufig nach außen bleiben, wie wir sind!« Dies, fügte er stets hinzu, sei seine innerste Überzeugung, und wie ernst es ihm damit war, bewies er auch durch die Art, wie er seine heiligste Pflicht erfüllte, die Erziehung der beiden Kinder, welche die frühverstorbene, zärtlich geliebte Gattin hinterlassen.

Es war dies ein Knabe, Rafael, und ein um zwei Jahre jüngeres Mädchen, Judith, welches sehr schön zu werden versprach. Beide erhielten durch einen Lehrer, Herrn Bergheimer, welchen Trachtenberg aus Mainz in sein Haus berufen, eine sorgliche, den Anforderungen der neuen Zeit entsprechende Erziehung, aber mit nicht geringerer Sorge wachte der Vater über ihren Unterricht im Hebräischen und den Gebeten. »Ich will«, sagte er dem Lehrer, »nicht entscheiden, ob es ein Glück oder ein Unglück ist, als Jude geboren zu sein; ich habe darüber meine besonderen Gedanken, welche Sie, den kindlich frommen Mann, vielleicht tief erschrecken würden. Aber ein Schicksal ist es, und sein Schicksal soll der Mensch unverbittert tragen lernen. Darum suche ich meine Kinder in der vollen Pietät für das Judentum zu erziehen; die Demütigungen, welche ihnen aus ihrer Abstammung erwachsen werden, kann ich ihnen nicht lindern oder gar fernhalten, so suche ich ihnen wenigstens als Wegzehrung den Trost ins Leben mitzugeben, daß sie für etwas leiden, was ihrem Herzen teuer und der Schmerzen wert ist.« Diesen Gesinnungen entsprach es auch, daß er zwar jeden Keim des Christenhasses im Gemüte der Kinder mit Eifer bekämpfte, aber sie dennoch früh mit dem Gedanken vertraut machte, einst ihres Glaubens, ja ihrer Gesichtsbildung wegen schwere Kränkung erdulden zu müssen. »Sie sollen sich daran gewöhnen«, pflegte er mit traurigem Lächeln zu sagen und ließ es vielleicht nur darum geschehen, daß Rafael und Judith mit den Kindern einiger christlicher Honoratioren verkehrten. Allerdings gestatteten dies nur jene Familien, welche guten Grund hatten, dem reichen jüdischen Fabrikherrn die kleine Gefälligkeit zu erweisen, aber deren gab es, wie nun einmal die Verhältnisse der Landstadt lagen, nicht wenige.

Nathaniel Trachtenberg maß diesem Verkehr geringe Bedeutung bei, und vollends kam ihm nie zu Sinn, daß derselbe jemals in anderer Art, als ihm vorschwebte, Einfluß auf die Gemüter seiner Kinder üben könne. Und dennoch lag es hauptsächlich an diesen Eindrücken, wenn die Geschwister in einer ganz seltsamen Atmosphäre emporwuchsen, gleichsam auf der Grenzscheide, wo sich der dumpfe Brodem des Ghetto mit einer anderen, nicht reineren Luft mischte, welche von dem Weihrauchduft eines fanatischen Glaubens, von dem Moderdunst verfallener polnischer Adelsherrlichkeit geschwängert war. Von den Judenkindern der Stadt durch Sitten, Sprechweise und Wissen geschieden, standen sie ihren christlichen Gespielen nicht minder fern durch jenen anerzogenen Instinkt, jene tausend Äußerungen des Vorurteils, welche sich hüben und drüben fast unwillkürlich regten und jeden wahrhaft herzlichen Verkehr unmöglich machten. Aber wer je in ein Kindesherz geblickt, weiß ja, daß es auf die Stillung jedes Bedürfnisses verzichten kann, nur nicht des Dranges, Liebe zu geben und zu empfangen. Wie eifrig auch der Vater seinen Lieblingen das Gefühl des Alleinstehens in einer fremden oder fremd gewordenen Umgebung zu lindern suchte, so sollte doch die Zeit kommen, wo er sich gestehen mußte, die Bitternis solcher Vereinsamung für ein junges Gemüt nicht voll ermessen zu haben, die Zeit, da der sonst so lebenskundige Mann fast hilflos zusah, wie die beiden den ersehnten Anschluß an ihre Altersgenossen gleichsam mit Gewalt zu erzwingen suchten.

Es geschah dies, als Rafael das einundzwanzigste, Judith das neunzehnte Jahr erreichte. Beide hatten eben den Tanzkursus beendigt, welcher im gastlichen Hause des Kreiskommissärs von Wroblewski, eines der kostspieligsten Freunde Trachtenbergs, abgehalten worden war. Der Jüngling, welcher von Bergheimer durch häuslichen Unterricht für die Hochschule vorgebildet wurde, erklärte nun mit bitterer Entschiedenheit, er habe es satt, sich um seiner krausen Haare und runden Augen willen schlecht behandeln zu lassen; er werde nie wieder ein Christenhaus betreten und seinen Verkehr ausschließlich unter jenen suchen, zu denen er durch Abstammung und gemeinsames Leid gehöre. Im entgegengesetzten Sinne hatten die Erfahrungen dieses Unterrichts auf Judith gewirkt; sie ward in den christlichen Familien immer heimischer und rümpfte ihr Näschen, wenn sie die hebräische Lehrstunde erledigen mußte. Beiden trat das Machtgebot des Vaters entgegen und hinderte sie, ihren Neigungen ganz zu folgen, aber sie fügten sich doch nur so weit, als sie nicht anders konnten, oder vielmehr, wie sich Nathaniel in ruhigen und gerechten Stunden sagte, soweit sie eben konnten. Denn der kluge Mann hatte wohl erkannt, daß in beiden einer der stärksten Triebe der Menschenbrust seinen Willen durchkreuze, hier die befriedigte, dort die gekränkte Eitelkeit. Der arme Rafael war seinen kleinen Tänzerinnen doppelt häßlich erschienen, weil er ein Jude war, wogegen die früh gereifte Schönheit seines Schwesterchens ihre jugendlichen Hofmacher vielleicht um so mehr entzückte, weil sie der Jüdin gegenüber Hoffnungen hegten, deren sie sich bei Mädchen ihrer Kreise nie erdreistet hätten. Das war alles. Und doch kam dem Vaterherzen allmählich und immer öfter die Befürchtung, daß diese »Kinderei« vielleicht dereinst tief und verhängnisvoll auf ihr Los einwirken werde. Aber durch sein eigenes Wesen und Werden darauf hingeleitet, der klugen, scharfen Berechnung mehr zu vertrauen als unbestimmten Ahnungen, fühlte der Fabrikherr alle Sorgen schwinden, wenn er seiner sorglich ausgeheckten Zukunftspläne gedachte, welche durch diese Neigungen zum mindesten nicht durchkreuzt, ja sogar, wie er sich zuweilen selbst zu überreden suchte, gefördert werden konnten.

Er hatte den einzigen Sohn für das Studium der Rechte, den Beruf eines Rechtsanwalts bestimmt, nicht allein deshalb, weil er nach der Anschauung seines Volkes im Doktordiplom die höchste Auszeichnung des Juden erblickte, sondern weil er den Jüngling so recht zum Muster und Vorkämpfer seiner Glaubensgenossen erziehen wollte. Da nun Rafael sein Leben in Galizien verbringen sollte, so war es vielleicht gut, wenn ihn diese früh erwachte Hingebung an die Unterdrückten für seine Aufgabe stählte, während Judith, welche der Vater einem gebildeten, aufgeklärten Juden in Deutschland zu vermählen gedachte, in den christlichen Kreisen am besten jene Kenntnis feinerer Umgangsformen erlangen mochte, deren sie in der künftigen Heimat bedurfte. Durch diese Erwägungen geleitet, ließ Trachtenberg den Dingen, je länger, so lässiger, den Lauf und trat nur insoweit dem frühreifen Eigenwillen beider entgegen, als er hiervon eine Trübung ihrer geschwisterlichen Liebe befürchtete.

In der Tat gestaltete sich das Verhältnis beider nun immer peinlicher, und an wem die größere Schuld lag, war mindestens dem Vaterherzen zu entscheiden unmöglich. Sicherlich aber wurzelte das Zerwürfnis weder im Mangel an Liebe noch, wie es scheinen mochte, in der Verschiedenheit der Naturen. Denn wohl glichen Rafael und Judith einander körperlich in keinem Zuge – er ein linkischer, hagerer Jüngling, dem um das blasse, scharfgezeichnete Antlitz ein Urwald tiefschwarzen, krausen Haares starrte, sie eine weiche, süße, üppige Mädchenknospe, das helle, schöne Antlitz von goldrot schimmernden Flechten gekrönt –, wohl hob sich ihre Heiterkeit und Genußfreude doppelt grell ab von seiner düsteren, grübelnden, schwerflüssigen Art, dennoch wies es sich in ihrem innersten Wesen so deutlich als irgend möglich, daß sie einst unter demselben Herzen gelegen. Beide waren begabt, feinfühlig und empfindlich, beide ehrgeizig bis zur Eitelkeit, selbstbewußt bis zum Trotz und ein jedes dem anderen fast teurer als sich selbst. Aber gerade diese Gleichheit aller seelischen Kräfte mußte sie scheiden und erbittern; jedes hielt die eigenen Neigungen für die einzig trefflichen, vernünftigen und berechtigten, jedes fühlte sich durch den Tadel des anderen unmäßig verwundet, jedes härmte sich mit grimmiger Sorge um die Zukunft des anderen und drückte sich die billigen Stachelreden der Welt selbstquälerisch ins tiefste Herz ein; sie jede höhnische Bemerkung der polnischen Dämchen über den »finsteren Talmudisten«, er jedes giftige Hohnwort des Ghetto über die »Abtrünnige«. So kamen die Geschwister, während ihre Liebe heimlich fortglühte, äußerlich fast in Feindschaft und gerieten allmählich, von Trotz und Eitelkeit getrieben, viel weiter, als sie je selbst für möglich gehalten. Weil Judith jüdischen Verkehr immer hochmütiger mied, darum sagte sich Rafael in offener Feindseligkeit von den Christen los, weil er den tausend Geboten des Rituals immer ängstlicher nachkam, vernachlässigte sie dieselben gänzlich. Nur noch darin äußerte sich die einstige Zärtlichkeit, daß keines des Vaters Ohr und Herz mit Anklagen gegen das Geschwister bestürmte. In seiner Gegenwart fiel nie ein hartes Wort; freilich hielten sie sich für diesen Zwang doppelt schadlos, wenn sie einander allein gegenüberstanden.

Namentlich wurde ihr Verkehr zum Gegenstand unerschöpflichen Haders. Sie bespöttelte seine Freunde im Ghetto, ihre Rede- und Denkweise, ihr Gehaben und ihre Lebensführung, wozu ja allerdings Grund genug vorlag; Rafael wurde nicht müde, verachtungsvoll von dem Kreiskommissär und seinen Gästen zu sprechen, und zur Erfindung brauchte auch er wahrlich nicht zu greifen. Herr Ludwig von Wroblewski war der höchstgestellte, aber keineswegs der geachtetste Mann der Stadt, weil ihm die Leute einige an sich gute Eigenschaften nicht verzeihen konnten. Während andere Männer seines Standes, in veralteten Anschauungen befangen, gleichsam die Vorsehung ihres Sprengels spielen wollten und die Bewohner unablässig zur Verbesserung von Wegen und Brücken drängten, war er der Meinung, daß reife Männer ihre Angelegenheiten selbst am besten ordnen könnten, und während jene, wenn ein Verbrechen geschehen war, dem Schuldigen nachspürten, schien seinem feinen sittlichen Empfinden das Bewußtsein des Frevels eine genügende Strafe für den Missetäter. Auch die Beschäftigung mit den Steitigkeiten um Geld und Gut war ihm peinlich. Waren Kläger und Beklagter ganz arme Leute, so glaubte er am humansten zu handeln, wenn er den Akt ruhig verstauben ließ; wo ihn jedoch solche Bedenken nicht hinderten, wandte er den Prozessen seine volle Tatkraft zu, und während andere Richter es vermieden, mit einem der Streitenden zu sprechen, und sich auf das damals geltende schriftliche Verfahren beschränkten, erkannte er, wie wenig zureichend dies Verfahren sei, und pflegte sich daher von den Parteien unter vier Augen die Gründe aufzählen zu lassen, die für ihr Recht sprachen. Selten noch mag ein Richter Sonne und Wind so gewissenhaft verteilt haben: Hatte zum Beispiel der Kläger bloß fünfhundert, der Beklagte tausend Gründe beigebracht, so ruhte er nicht eher, bis der Kläger das Gleichgewicht hergestellt, was dann freilich die Entscheidung sehr erschwerte; ging es gar nicht anders, so überließ sie Herr von Wroblewski dem Schicksal; er zog für jede der beiden Parteien eine Karte, die höhere gewann. Das darf nicht verwundern; die Karten waren ihm überhaupt sehr vertraut; ein vielbeschäftigter Mann muß seine Zerstreuung haben; allerdings zerstreute sich Herr von Wroblewski nicht bloß allabendlich, sondern auch, sofern er nur Partner fand, auch vor- und nachmittags. Er spielte alles, am liebsten freilich, als liberaler Mann und Feind des Polizeistaates, die verbotenen, die Hasardspiele. Außer Hause wechselte sein Glück oft, an seinem eigenen Tische – er bewohnte das erste Stockwerk in Trachtenbergs Hause – gewann er immer. Dieser merkwürdige Zufall wurde viel besprochen und steigerte die Verehrung für den Kreiskommissär nicht erheblich. Vielleicht jedoch bewährte sich auch hier das alte Sprichwort vom Glück im Spiel und Unglück in der Liebe; Herr von Wroblewski war mancher Dame der Stadt gefährlich geworden, aber in seinen eigenen vier Pfählen hatte er sich geringer Zärtlichkeit zu erfreuen. Seine Gattin, Frau Anna, eine starke Blondine am Ausgang der Dreißig, stammte aus einem alten polnischen Geschlecht, war aber eine warme Anhängerin des Metternichschen Regimes, welches sich bekanntlich auf Kirche und Armee stützte; auch von ihr war es schwer zu entscheiden, ob sie sich lieber auf den dicken Prior der Dominikaner, Pater Hieronymus, oder auf den geschmeidigen Husarenrittmeister, Herrn von Bariassy, stützte. Sie hatte ihre Mädchenjahre im Hause ihrer Tante, der Gattin eines der höchstgestellten Beamten in Lemberg, verbracht und wußte dem kinderlosen Ehepaar das Leben so angenehm zu machen, daß der dankbare Oheim ihr eine Mitgift und den Bräutigam schaffte, auch in der Folge noch für sie sorgte. Auch sie schien ihm ein stetes, dankbares Erinnern bewahrt zu haben, und dadurch erklärte sich auch das Naturspiel, daß ihr ältestes Töchterchen Wanda dem gütigen Oheim sehr ähnlich sah. Der einflußreiche Mann erhielt Herrn Ludwig auf seinem Posten, welche Klagen immer gegen ihn erhoben wurden, und darum erachteten sich auch die Honoratioren der Stadt nicht für verpflichtet, strenger und sittlicher zu denken als die Regierung. Die Empfangsabende des Herrn Kreiskommissärs waren die glänzendsten auf fünf Meilen im Umkreis; freiwillig blieb ihnen niemand fern.

Damit pflegte auch Judith den Bruder zu schlagen, wenn er wieder einmal seine Verachtung über den Mann im ersten Stockwerk aussprach, und im Grunde wußte auch Trachtenberg dem Sohne auf solche Reden nicht viel anderes zu erwidern. »Du bist jung«, sagte er ihm, »und willst die Welt besser machen! Aber wenn du älter wirst, so wirst du erkennen, daß es nur eine Möglichkeit dazu gibt: sich selbst immer mehr zum Guten zu erziehen. Dieser Pflicht ringe auch ich nach; mehr zu tun ist mir – wenigstens in unseren Zeiten und Umständen – nicht möglich. Gewiß, Wroblewski ist ein bestechlicher Richter, ein Falschspieler, ein Schurke. Würde er aufhören, es zu sein, wenn ich den Verkehr mit ihm abbrechen wollte? Ich habe meinen Einfluß auf ihn nie zu einer Schlechtigkeit benutzt; sooft er mir nahegelegt hat, sein Vermittler bei einem unsauberen Geschäft zu sein, ich habe es stets abgelehnt. Er wirbt mir Kunden, dafür wohnt er umsonst; er spricht mir meine Forderung zu, wenn ich sie einklagen muß, dafür bekommt er zwanzig Perzent. Täte ich's nicht, so würde er einen anderen Fabrikanten empfehlen, und ich käme auch zu meinen achtzig Perzent nicht.«

»Gut! Aber Judith?« wandte Rafael ein. »Fordert es auch dein Geschäft, daß Judith jeden Dienstag in dieser Gesellschaft verweilt?«

»Warum sollt' ich ihr das Vergnügen nicht gönnen?« war die Antwort. »Der Hausherr ist verächtlich, die Hausfrau nicht tadellos, aber die Gäste? Auch die Tochter des Physikus, des Apothekers kommen regelmäßig, strenggehütete Mädchen braver Eltern. Jene laufen keine Gefahr – warum deine Schwester?«

»Jene nicht, aber Judith!« Wie oft hatte Rafael diese Worte auf der Zunge, und sie blieben doch stets ungesprochen.

Womit sollte er auch seine Befürchtungen begründen? Er hatte ja keine Tatsachen zu bieten, nur Beobachtungen, die der Vater schwerlich als unbefangen hätte gelten lassen.

In diesen unerquicklichen Stimmungen verfloß ein Jahr. Rafael mußte nun eine Hochschule beziehen, der Vater entschied sich für Heidelberg; Bergheimer sollte den weltfremden Jüngling dahin geleiten und noch einige Monate an seiner Seite bleiben. Auch einen anderen Auftrag gab Trachtenberg dem alten Lehrer mit: einen Bewerber für Judith ausfindig zu machen. Denn da das Mädchen nun herrlicher aufgeblüht war, als selbst er, der zärtlichste der Väter, je zu hoffen gewagt, und er sich zudem seines Reichtums stolz bewußt war, so schien ihm für sie der Beste gerade gut genug, und weil er die Juden Westdeutschlands auf seinen Reisen vor allen anderen schätzen gelernt, so schwebte seinem Ehrgeiz ein gebildeter, angesehener Freier aus jener Gegend als höchstes Ziel vor. Judith ahnte nichts davon, vielleicht weil sie gerade in diesen Tagen von bitterem Kummer erfüllt war: dem Weh über die baldige Trennung von dem trotz alledem so heißgeliebten Bruder. Zwar setzte sie nun gerade ihren Verkehr mit den Christen doppelt eifrig fort und schlug keine Einladung zu einer Landpartie oder einem Tanzkränzchen aus, aber gern hätte sie ein Jahr ihrer lauten Freuden darum hingegeben, wenn ihr Rafael durch ein einziges herzliches Wort die Möglichkeit gewährt hätte, ihm wenigstens jetzt ihre Reue und Liebe zu bekennen. Aber ohne solche Ermunterung dies Geständnis abzulegen, schien ihr unmöglich; war er doch gerade in diesen Tagen düsterer und schroffer als jemals, freilich nur, weil ihm dasselbe Weh schier das Herz abdrückte.

So kam der letzte Tag vor seinem Scheiden heran, ein sonniger Septembertag, und Judith nahm sich am Morgen fest vor, nun endlich ihren Stolz zu bezähmen und die ersehnte Unterredung herbeizuführen. Ein Zufall verhinderte es; der Tag, für das Haus Trachtenbergs betrüblich, war ein festlicher für die anderen Bewohner der Stadt; der neue Gutsherr, Graf Agenor Baranowski, sollte zum ersten Male ihr Weichbild betreten. Von seiner Gunst hing viel für die Bürgerschaft ab; war er doch durch seinen großen Besitz der einflußreichste Mann des Kreises. Darum hatte man ihm zu Ehren die Häuser geschmückt, die Wege ausgebessert, ja sogar – ein seltener Fall – die Straßen blank gekehrt; am eifrigsten waren dabei die Juden gewesen und hatten eine Unmenge von Reisig und buntem Papier verbraucht, nicht weil sie sich den jungen Gebieter besonders wohlgesinnt wußten, sondern im Gegenteil, weil ihm der Ruf schroffen Judenhasses voraufging. Rafael hatte für diese »knechtische Demut« die schärfsten Worte; der kluge Vater dachte anders, sein Haus war am reichsten geschmückt, vom Giebel flatterte sogar eine Fahne in den Hausfarben der Baranowski, Hellblau und Silber. Dem Wunsche Rafaels, die nächsten Stunden auf der Heide zu verbringen, bis die »Komödie« vorüber sei, trat er nicht entgegen; er selbst jedoch begab sich zu der Triumphpforte, die nächst seinem Hause errichtet war, um als Sprecher der Juden den Einziehenden zu begrüßen, während Judith in das obere Stockwerk ging.

Die Wohnung des Herrn Kreiskommissärs präsentierte sich im Sonnenlicht nicht eben günstig; der verschossene Samt der Möbel, der Staub in allen Ritzen und Ecken, das seltsame Durcheinander von Prunkstücken und kümmerlichem Hausrat traten grell hervor. Es paßte dazu, daß Frau Anna, die üppigen Formen in ein Kleid von schwerer, roter Seide gepreßt und ein Turm künstlicher Blumen auf dem Haupte, mit einem Staubwedel hantierte und gleichzeitig ihren Dienerinnen Befehle gab, während sie die Gäste empfing. Denn Herr von Wroblewski, welcher den Grafen von Lemberg her kannte, hatte sich lange vorher die Ehre gesichert, ihn schon an diesem ersten Abend in seinem Hause begrüßen zu dürfen; auch viele Gäste aus der Nachbarschaft waren geladen und ein Teil schon am Morgen eingetroffen; die Herren standen unten an der Triumphpforte, die Damen wollten den Einzug aus Frau Annas Fenstern ansehen. Die stattliche Frau fluchte im stillen und hatte doch für jede ein freundliches Wort, sogar für Judith! »Kind, wie schön du dich gemacht hast!« rief sie ihr zu; in der Tat sah das Mädchen in dem Kleide von blauem Kattun reizend aus; wie gesponnenes Gold schimmerten die Flechten um die feine Stirn; den Hals hatte sie mit einem weißen Seidenbande geschmückt, dessen Schleifen weit hinabfielen.

»Die Hausfarben!« Frau Anna hob schelmisch drohend den Finger. »Wie schlau du bist!«

»Ein Zufall!« stammelte Judith, von dunkler Röte übergössen, und sie log nicht.

Frau Anna lachte. »Du brauchst es nicht zu leugnen. Ich wollte nur, ich wäre für meine Wanda auf den Einfall gekommen! Wie schade, daß ich dich für den Abend nicht laden konnte, aber wir sind ohnehin an hundert Personen, mir graut, wenn ich an das Souper denke. Nun, für jetzt wenigstens habe ich dir einen guten Platz freigehalten.« Und sie führte sie an das entlegenste Fenster, wo sie einige arme Verwandte untergebracht. Die mußten die Einladung ohnehin nur als unverdiente Gnade empfinden und durften nicht murren, wenn man ihnen die Gesellschaft der Jüdin zumutete.

Drunten standen die Leute zwischen dem Spalier, welches die Bauern der Umgebung bildeten, festgekeilt und machten vergebliche Versuche, der Triumphpforte näher zu kommen, wo die Honoratioren Stellung genommen, zur Rechten der Kreiskommissär, der Prior, der Bürgermeister und mehrere christliche Handwerksleute, zur Linken Nathaniel, der Rabbi und einige jüdische Männer, die unter einem roten Baldachin die Thorarollen trugen. Judith konnte nicht allzuviel davon sehen, und Frau Annas Nichten gebrauchten ihre Ellenbogen, zum Glück währte das Harren nicht lange. Die Böller dröhnten, dann fielen die Glocken des Klosters ein, schon wurde das Bauernbanderium[Banderium = Fähnlein] sichtbar, welches den Gebieter eingeholt, dann seine Karosse, der er rasch entstieg. Der Bürgermeister – zur Zeit bekleidete der Apotheker der Stadt diese Würde – begann seine Rede, ein kleiner, hagerer Mann mit einem verschrumpften Gesicht, welcher, wenn er schwieg, einem lebensmüden Hühnchen glich, aber eine Löwenstimme in der Kehle hatte und im ganzen Kreise als Demosthenes berühmt war. Er machte seinem Rufe auch diesmal keine Unehre; mit Begeisterung vertiefte er sich in die Tage der Vorzeit und erörterte die Frage, ob das Geschlecht der Baranowski älter sei oder jenes der Jagelionen, woran sich ein Überblick der polnischen Geschichte knüpfte. Graf Agenor, ein junger, hochgewachsener Mann mit schönem, ernstem Antlitz, welches vielleicht nur durch den tiefschwarzen Vollbart etwas bleich erschien, hörte anfangs aufmerksam zu, dann begann sein Blick umherzuschweifen, er glitt über die Fensterreihe des Trachtenbergschen Hauses und – Judith errötete tief, sie sah deutlich, wie sich sein Antlitz belebte, wie er dann, als müßte es sein, nach ihrem Fenster starrte; galt dies ihr? Auch ihre Nachbarinnen bemerkten es und begannen zu zischeln – »die Hausfarben haben gewirkt« –, sie hörte es deutlich und wollte sich zurückziehen, aber im selben Moment hatte auch der Apotheker endlich seine Rede beendet, die Menge rief Hoch!, der Graf dankte in kurzen Worten und wollte wieder seinen Wagen besteigen, als Nathaniel hervortrat. Sie sah deutlich, wie sich der junge Edelmann ungeduldig abkehrte und seinen Blick nach ihrem Fenster richtete; abermals überflog eine Glutwelle ihr Antlitz. Ihr Vater sprach nur wenige Worte, der Graf dankte durch ein Kopfnicken und fuhr, von dem Banderium geleitet, weiter. Als er an ihrem Fenster vorüberkam, blickte er zu ihr empor und legte sogar, wie zum Gruße, die Hand an die diamantengeschmückte Konfederatka[hohe polnische Mütze].

»Es ist gewiß, daß er uns nicht eben liebt«, sagte Trachtenberg einige Stunden später beim Mittagessen, als aber Rafael wieder eine scharfe Bemerkung machte, fragte er lächelnd: »Hätte er uns lieber gewonnen, wenn wir gegen Brauch und Anstand an seiner Begrüßung nicht teilgenommen hätten?« Rafael erwiderte nichts mehr, er saß nun schweigend da, finsterer als je, und erhob sich sofort nach Schluß der Mahlzeit, um noch, wie er sagte, die Koffer auf seiner Stube in Ordnung zu bringen. Da faßte sich Judith ein Herz und bot ihm ihre Hilfe an, allerdings schnippisch genug und seine Ungeschicklichkeit bespöttelnd. Sie hatte diesen Ton freilich nur angeschlagen, um sich Mut zu machen und im Falle der Abweisung einen gedeckten Rückzug zu sichern, er aber hörte bloß den Hohn heraus, erwiderte bitter, daß er sich wohl auch in diesem Letzten ohne sie werde behelfen können, und verließ zornig das Zimmer. Gleichwohl blieb sie bei ihrer guten Absicht und war froh, als ihr der Zufall später die Möglichkeit einer neuen Anknüpfung bot.

Da kam nämlich, schon in der Dämmerung und kurz nachdem Herr von Wroblewski von der Empfangsfeier im Schlosse der Baranowski heimgekehrt, Fräulein Wanda die Treppe hinabgestürzt und richtete ihr fliegenden Atems die Bitte der Mutter aus, am Abend doch jedenfalls zu erscheinen, da einige junge Damen in letzter Stunde abgesagt. Ähnliches hatte sich schon oft begeben, Judith hatte kein Arg darin gefunden, daß man die Hausgenossin gleichsam zur Aushilfe lade, auch diesmal lehnte sie nur deshalb ab, weil dies ja der letzte Abend war, welchen Rafael daheim verbrachte. Aber Wanda ließ dies nicht gelten. »Du mußt kommen«, bat sie, »du kannst ja Rafael mitbringen.« Er hatte seit einem Jahre die Treppe zum oberen Stockwerk nicht mehr betreten, und daß Frau Anna den »finsteren Talmudisten« zu ihrem glänzendsten Feste lud, war etwas befremdlich. Aber das schoß ihr nur eben durchs Hirn. Sie lädt ihn, dachte sie, weil sie weiß, daß er nicht kommen wird, und richtete danach die Antwort ein, sie werde mit Vergnügen erscheinen, wenn sie Rafael gleichfalls dazu bewegen könne. Als jedoch Wanda darauf förmlich in Erregung geriet und versicherte, mit diesem Bescheid wage sie kaum heimzukommen, es liege Mama so viel daran und Papa auch, ja Papa besonders, kurz, Mama werde sie sehr schelten, war Judith abermals etwas erstaunt, blieb aber desto hartnäckiger bei ihrer Antwort und begab sich, nachdem Wanda unter nochmaligen Bitten gegangen war, zu ihrem Bruder.

Ihr Herz schlug, als sie die Tür aufklinkte. Er saß an seinem nun leeren Arbeitstische, das Haupt auf die Arme gestützt, und starrte trübe in das Licht der Kerzen. Mühsam brachte sie die wenigen Worte hervor.

»Wie taktvoll!« Er lachte höhnisch auf. »Nun, ich gehe natürlich nicht, aber dich will ich nicht hindern. Es wäre dir ein Opfer und mir keine Freude!«

Sein Ton weckte ihren Trotz. »Wenn es dir so gleichgültig ist«, erwiderte sie scharf, »so habe ich dir freilich nichts mehr zu sagen!«

»Aber ich dir«, rief er wild, erhob sich und faßte sie am Arm. »Es ist das letzte Mal, wo ich es noch tun kann, und darum will ich es dir deutlicher sagen als bisher! Du bist kein Kind mehr, Judith, begreifst du noch immer nicht, welche Rolle du unter denen da oben spielst? Du bist eine Jüdin, und darum fällt es ihnen sowenig bei, dich für ihresgleichen zu halten als etwa ich unseren Haushund für meinesgleichen. Und wärest du schön wie Sulamith und weise wie die Königin von Saba und gut wie ein Engel des Herrn, du bist eine Jüdin und darum kein Wesen wie sie. Fühlst du dies nicht? Mein Gott, Mädchen, bist du wirklich fühllos für diese Schmach?«

»Du redest irre«, sagte sie höhnisch, »dich verblendet die gekränkte Eitelkeit! Wer die Ghettoluft in den Salon mitbringt, darf sich freilich nicht beklagen...« Sie suchte ihren Arm frei zu machen.

Aber er ließ sie nicht. »Nur immer zu«, rief er, »sprich, was dir beliebt, du zärtliche Schwester, aber dann höre auch mich! Verstehst du noch immer nicht, warum sie dich laden? Frag das Hauptbuch des Vaters!«

»Das alte Lied!« rief sie und riß ihren Arm los.

»Nun denn«, rief er in höchster Erregung, »dann höre etwas Neues, was ich dir bisher verschwiegen habe! Du bist kein Kind mehr, ein vollerblühtes, ein schönes Mädchen, Judith – schön und eine Jüdin! Ist es dir wirklich noch nicht aufgefallen, daß dich diese Herrchen anders behandeln als ihre christlichen Tänzerinnen, daß sie sich gegen dich solcher Reden erfrechen...«

Sie stand schwer atmend, von Purpurröte übergossen. »Du lügst!« stieß sie hervor.

»Ich wollte, es wäre so«, erwiderte er und rang wie verzweifelt die Hände. »Da könnt' ich morgen ruhiger reisen! Laß dich warnen, Schwester. Der Ehrenmann da oben lädt dich nicht allein deshalb, weil er dem Vater den Mietzins schuldig bleibt, sondern auch, weil es die jungen adligen Herren wünschen, denen er nach dem Tanz ihr Geld im Pharao abnimmt. Die wollen ihren Spaß mit der schönen Jüdin haben! Hüte deine Seele, Schwester, hüte deine Ehre, du wärest die erste nicht...«

So weit hatte sie ihn, wie erstarrt vor Entrüstung, angehört. Nun aber trat sie auf ihn zu, das Antlitz so totenbleich, so wild verzerrt, daß er unwillkürlich zurückwich. Sie setzte an, sie wollte reden, aber die Stimme versagte ihr. »Das verzeihe dir Gott!« stieß sie endlich heiser hervor und verließ wankenden Schrittes die Stube.

Sie eilte auf ihr Zimmer, schob den Riegel hinter sich zu und warf sich auf ihr Ruhebett nieder. Da lag sie wohl zwei Stunden in der Dunkelheit, das ungestüme Gemüt von wilden, kämpfenden Empfindungen zerwühlt. Der Zorn der gekränkten Eitelkeit, der ungerecht erlittenen Schmach durchtobte ihre Pulse; ihre Finger krümmten, ihre Arme erhoben sich, als wollte sie den Beleidiger erwürgen. Aber es war ja Rafael, und daß es ihr Geliebtester auf Erden war, der so ihre unschuldigen Freuden und sie selbst befleckt, trieb ihr die Tränen in die Augen, daß sie wie Bäche über die Wangen stürzten. Aber waren diese Freuden wirklich so unschuldig, wie sie bisher gewähnt? Judith war bis zu jenem Augenblick ein so reines Geschöpf gewesen, wie nur je eines unter zärtlicher Hut emporgeblüht, ihr Blut wußte nichts von Begierden, ihre Phantasie nichts von verlockenden Bildern; wie ein Schleier hatte bisher die einfältige, selige Unschuld ihre sonst so klugen Augen verhüllt. Nun aber – noch riß jener Schleier nicht, aber er ward immer durchsichtiger, je tiefer sie sich in ihr wildes Weh hineinwühlte; heißer als von den Tränen brannten nun ihre Wangen von Scham – und wie hilflos mußte sie sich diesen häßlichen Gedanken hingeben! »Ach«, stöhnte sie, »er weiß nicht, welches Verbrechen er an mir begangen hat!« Aber diese Anklage, so schmerzlich sie war, riß sie doch empor, der Zorn trat wieder in sein Recht, der Zorn gegen den Bruder, und der wilde Trotz dazu und drängten alles zurück. Sie grübelte nicht mehr über sich selbst, sie wollte nicht ergründen, ob er recht gesehen, ob ihr wirklich jene Männer und Jünglinge anders begegneten als den andern Mädchen – er sollte nicht recht behalten, sie wollte es nicht! Ihn verblendete der Christenhaß, und sie war schuldlos, sollte sie sich deshalb in Einsamkeit vergraben, weil es ihm so beliebte? Und als es in diesem Augenblick an ihre Tür pochte und sie Wandas Stimme hörte: »Mama schickt mich noch einmal, sie läßt herzlichst bitten!«, erwiderte sie: »Ich komme!«, wusch sich hastig die Tränenspuren von den Wangen, rief die Dienerin und kleidete sich an.

Als sie eine halbe Stunde später den Saal betrat, kam ihr Frau Anna entgegen, diesmal auf die Kirche gestützt. »Endlich!« rief sie erfreut. »Und bei Gott, heute hast du deinen guten Tag. So schön wie jetzt habe ich dich kaum noch gesehen!« In der Tat gab die Erregung dem schönen Antlitz einen Reiz mehr. Auch der dicke Prior schmunzelte wie ein Faun und strich ihr ums Kinn. »He! He! – und wie ihr die Wangen glühen, pocht das Herzchen so sehr?« Er schien nicht übel Lust zu haben, sich davon zu überzeugen – Judith wurde totenbleich und wich zurück. »Was fällt Ihnen bei!« flüsterte Frau Anna zornig ihrem würdigen Anbeter zu, der offenbar vom Büfett kam, und riß ihn zurück. Sie ließ ihren Blick durch den Saal gleiten, die Paare ordneten sich eben zu einer Quadrille. Da war auch Graf Baranowski, er erfüllte eben eine bittere Pflicht der Höflichkeit, indem er die sehr umfangreiche Gattin des dünnen Bürgermeisters zum Tanze führte. »Wer weiß«, sagte Frau Anna lächelnd, »welche Ehre dir beschieden gewesen wäre, wenn du früher gekommen wärest, nun mußt du dich mit dem jungen Wolczinski begnügen... Wladko!«

Der lange, unbeholfene Mensch stolperte eilig heran. »Sie tanzen mit Fräulein Judith die Quadrille!« Er zögerte. »Ich bin...«, stammelte er, »ich habe...« – »Was? Schon engagiert?« – »Nein, aber...« – »Was sonst? Müde?« Frau Annas Augen blitzten ihn nicht eben freundlich an. »Wird's? Allons!« Er zuckte die Achseln und bot dem Mädchen den Arm.

Judith folgte ihm unsicheren Schrittes, gesenkten Hauptes, wie von der Demütigung erdrückt. Habe ich derlei, grübelte sie, früher nicht erlebt, oder bemerke ich es erst heute? Wladko freilich war schon früher recht unhöflich gegen sie gewesen, er hatte getan, als ob er sie nicht erkenne, ebenso seine Schwestern. Aber sie hatte sich leicht darüber getröstet, weil sie den Grund kannte: das Haupt der Familie, Herr Severin von Wolczinski, dem von den Gütern seines Hauses schließlich nur noch ein kleiner Meierhof in der Nähe des Städtchens gehörte, hatte Nathaniel vergeblich um ein Darlehen ersucht; der Fabrikant hatte erwidert, daß er die Rechnung für die gelieferten Wachskerzen in den Rauchfang schreiben wolle, aber Geldgeschäfte mache er grundsätzlich nicht.

Der junge Herr sprach keine Silbe, er vermied es sogar, seine Tänzerin anzusehen. Dann schien ihm endlich ein Einfall gekommen. »Auf Ehre«, begann er, »ich erkenne Sie jetzt erst wieder! Die Kerzen brennen so dunkel – schlechte Ware, von irgendeinem betrügerischen Juden um teures Geld geliefert!«

Judith atmete tief auf. »Mein Vater hat sie geliefert«, sagte sie laut. »Die Ware ist gut, auch billig, obwohl er bei manchem betrügerischen Edelmann um sein Geld kommt!«

Die Nebenpaare waren aufmerksam geworden. Das stachelte Herrn Wladko auf. »Ein Edelmann betrügt niemals!« rief er.

»Zuweilen doch«, war die Antwort. »Ware beziehen, die man nie bezahlen kann, ist ein Betrug!«

Einige lachten, auch der Prior kam herangewankt; er war eben wieder im Büfettzimmer gewesen, nun hielt er sich kaum mehr auf den Füßen. »Aber Wladko«, lallte er, »was zankst du mit der schönen Jüdin? Küsse sie doch lieber!«

»Meinen Sie?« Der junge Mensch lachte verlegen. Im nächsten Augenblick hatte er seine Arme um die Zitternde geschlungen und sie auf den Nacken geküßt. Lachen und Händeklatschen lohnte die kühne Tat.

Totenbleich, zitternd riß sich Judith los. »Welch feiges Bubenstück!« rief sie außer sich.

»Sie haben recht!« sagte eine tiefe, klangvolle Stimme, so laut, daß sie den Lärm übertönte. »Ein feiges Bubenstück!« Es war Agenor Baranowski.

»Herr Graf!« fuhr Wladko auf.

»Ich stehe gleich zu Diensten... Darf ich Sie um Ihren Arm bitten, mein Fräulein?«

Er führte die Bebende durch die Reihen, die sich lautlos vor ihnen öffneten. »Wohin darf ich Sie geleiten?« fragte er. »Ist Ihre Frau Mutter hier?«

»Nein, ich habe keine Mutter... Aber ich wohne hier im Hause...«

»Ich weiß«, erwiderte er, »Sie sind die Tochter des Herrn Trachtenberg, der mich heute so freundlich begrüßt hat... Also zur Hausfrau...«

»Zur Treppe...« Das Mädchen fühlte seine Kräfte schwinden.

Er geleitete sie in den Flur und verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung.

»Aber Judith!« Atemlos kam Frau von Wroblewska aus einem der Gemächer nachgestürzt.

Das Mädchen hörte sie nicht mehr, auch der Graf war wieder in den Salon zurückgekehrt.

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