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Carl Hauptmann: Judas - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Landstreicher und andere Erzählungen
authorCarl Hauptmann
year1912
publisherDie Lese Verlag
addressStuttgart
titleJudas
pages11-31
created20040126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Carl Hauptmann

Judas

Oben am Berge war ein Schuß gefallen, der in dem herbstlichen Zuge der Lüfte sonderbar verhallte über See und Stadt. Und dann ging das Leben dem Abend zu. Ungestört und in Nebeln spinnend sank es aus der Höhe und umwob die Stadt. Und es stieg aus dem See, bis die Nacht kühl und mit Reif hereingebrochen.

Erst am andern Tage fand man ihn.

Ein Student, der oben einsam auf dem Berge spazierte, fand ihn – dort, wo schlanke Lärchen wie Schatten und Schemen gegen Luft und Tal sich in zartem Linienwerk erhoben im Dunstgespinst, und wo man mit seinen Gedanken ganz einsam in Wiesen und Heiden schritt – fand ihn im Grase liegen, die Schläfe zerschossen, die Hand gekrampft und von fallenden Blättern bestreut, die über ihn blinkten und ihn nicht weckten.

Er hatte ihn auch sogleich erkannt. Denn die Studenten kannten ihn alle.

Er hatte ihn erkannt an den Augen, von denen eins noch halb geöffnet, wie lauernd blinzelte, und an dem seltsam ärmlichen, verschabten und doch würdig scheinenden Rocke, dem man die Stellen ansah an Rücken und Ärmeln, mit denen er seit einigen Jahren die Bänke der Hörsäle drückte. Dann vor allem erkannte er ihn gleich, weil er nur einen Arm hatte und den Ärmel des anderen mit dem Handende in der Tasche trug. Niemand kannte ihn recht, niemand wußte groß von ihm mehr als seinen Namen. Jedermann floh ihn, grundlos fast und doch aus einem tieferen Grunde des Blutes und Lebens, wie er uns nicht klar als Wort und Entschluß, wie er uns als Schmerz und Abscheu, als Mißtrauen oder Widerwillen heimlich anpackt.

Und der junge, einsame Student, der dort oben im Jungholz, das herbstlich raschelte, und nebelumsponnen Morgengedanken in seiner Seele geweckt hatte, die Gestalt des Herrn Sue hatte liegen sehen, empfand einen plötzlichen Schauer – als er von seiner Betrachtung zu sich kam, die ihm eine Last von Leiden, ein unsagbar peinigendes Gefühl von erduldeter Schmach und stummen, unausgesprochenen Kämpfen in kurzer innerer Schau offenbart hatte.

Er lief eilig und wie gescheucht zu Tale, um Leute zu holen und die Polizei von dem Vorkommnis zu unterrichten.

Dann kamen Beamte an die Stelle im Walde und untersuchten – und hoben den längst erkalteten und schon starren Leichnam, und sahen, daß der Schädel zertrümmert war. Das dunkle Haar war rauh und glanzlos und mit Blut beklebt, und das Gesicht, das voller Stoppeln stand, verriet, daß er die letzten Wochen noch einsamer gelebt, sich gar nicht mehr aus seiner Stube herausgewagt und nicht mehr unter Menschen gekommen war.

Er hatte keinen Kragen, nur ein seidenes Tuch um den Hals, das schwarz und verblichen war. Eine Uhr in der linken Tasche besaß er noch, aber sonst kaum etwas Nennenswertes. nicht ein Messer – nicht einen Bleistift – nicht einen Brief. – Ein kleines Geldstück fiel aus dem Rock, als man ihn aufzuheben versuchte.

Die Polizisten standen und überlegten.

Sie kannten ihn auch gleich.

Sie erkannten ihn auch an seinem Armstummel. Und er wurde dann ins Leichenhaus übergeführt, und weiß Gott an welcher Ecke des Kirchhofs, ohne Sang und Klang, ohne Namen und Stein, ohne ein Kennzeichen beerdigt. Vielleicht auch erst in der Anatomie auseinandergelegt, wo man Herz und Nieren und Muskeln und Nerven und alles in bester Ordnung fand, alles am rechten Orte, alles in dem schönen, geheimen Ebenmaß der Glieder, und nicht ahnte, welches unergründlich Lastende an Irrungen von sich und Menschen hier einst als Blutwelle und Erlebnis durch die Adern und Nerven geflossen, und endlich den Revolver gegen sich selbst erhoben hatte.

Aber die Polizisten forschten dann bald auch nach seinen Papieren und seinen Antezedentien, wie man mit einem fremden Namen den Namen und Lauf des Schicksals nennt, wenn man ein Beamter und Registrator ist. Und deshalb kamen zwei in Uniform zu der alten Wirtin und fragten sie aus.

Ja – zu hören konnten sie auch hier nicht viel bekommen. Die Wirtin war armselig. Der enge Korridor, in dem die Polizisten standen, war dunkel. Man konnte kaum sehen, wen man vor sich hatte. Und es roch abscheulich nach Fett und Rauch und Staub.

Sie erzählte, daß Herr Sue ein stiller Mieter gewesen, daß er nur selten mit ihr gesprochen hätte, daß er nur oft in seinem Zimmer hin und her gegangen wäre, stundenlang, und manchmal ganz lebhaft mit sich allein gesprochen hätte. Aber so sehr sie sich auch bemüht hätte, einmal zu hören, was er spräche – weil gerade ihr Bett an der Zwischentür gestanden und sie dadurch oft im Schlaf sei gestört worden – niemals hätte sie deutlich und klar etwas enträtseln können. Und wenn sie versucht hätte, ihn am andern Morgen zu fragen, niemals hätte er ihre Fragen groß beachtet. Er wäre immer fremd und fast feindselig geblieben, die ganzen Jahre.

»Ich habe mich immer vor ihm geängstigt«, gab sie noch am Schlusse zum besten.

Die Polizisten standen und sannen und fragten, ob er bezahlt hätte.

Zuerst verstand es die Wirtin nicht, weil sie nicht wußte, was nun mit ihrem Mieter vorgegangen. Sie hatte gedacht, er wäre in irgendwelche politische Umtriebe verwickelt, und man hätte ihn gefangen gesetzt, was hier öfter vorkam, weil viele Ausländer sich in der kleinen Republik und an der Hochschule zusammenfanden.

»Bezahlt? Mein Gott, was sollte er denn bezahlen?« meinte sie.

»Nun,« sagte einer der Beamten, der weniger versonnen und phlegmatisch war und einen frischen Zug um die Augen und einen roten Kinnbart besaß, »wenn Sie noch was von ihm zu fordern haben, ist es wohl damit nichts, denn er ist tot, er hat sich selber das Leben genommen, und in seinen Taschen ist nichts als eine alte, elende Uhr – wenn nicht etwa in seiner Wohnung hier noch was zu finden ist.«

Und damit traten alle drei aus dem Dunkel des Korridors in die kalten, armseligen, grauen Mauern seines schmalen, langen Stübchens.

Oh, man fühlte, wie er mochte hin und her gegangen sein, wie ein Gefangener in der Zelle.

Ein Bett stand an der einen Wand, das sie untersuchten. Sie fanden nichts. Dann suchten sie im Spind, aber nichts war da. Was er an Kleidern besaß, trug er am Leibe. Wäsche lag einiges zerschmutzt und zerbraucht unten, offen im Spindschube. Das war alles. Und ein Tintenfaß und Feder stand auf dem kleinen Tischchen am Fenster, und ein paar zerrissene, leere Papierfetzen und Zeitungen lagen herum.

Sie dachten, er müsse doch Papiere zurückgelassen haben.

Im Ofenloch lag Zunder. Der Papierruß flog auf, wie man das Feuerloch öffnete. Er hatte offenbar alles noch vor seinem letzten Herbstgange ins Feuer geworfen, und mußte wohl in den Flammen, wie ein jedes letztes Zeichen seines Erdenganges auflohte, noch einmal gekostet haben, daß er das Leben wegwerfen könnte, ruhig und ohne Bedenken.

Schließlich kam die Wirtin und brachte aus der schmutzigen Wäsche eine kleine, schwere Rolle. Zum Erstaunen – Goldstücke! – Er hatte sie offenbar nicht angerührt. – Und dann fand man am Kopfende in die Bettstatt eingeklemmt ein kleines, vernutztes Glanzlederheftchen, in dessen Blättern ärmlich und liederlich, in ungleichmäßiger, nervöser Schrift, Seltsames, Böses und Gutes, wahre Leiden verzeichnet standen. Denn das war kurz und furchtbar die letzte seiner Spuren.

 
Das Heft

(Das Heft war ganz vergriffen. Er hatte es offenbar einmal ordnungsmäßig begonnen. Auf der ersten Seite stand mit Tinte geschrieben:)

1. Juni 86.

Ich haßte den Mann. Er hatte mir gesagt, daß ich einen lauernden Ausdruck hätte und mich in Geheimnisse einstehlen könnte, ohne es zu wissen. Er grub mir ein Zeichen in meine Seele, das ich nicht mehr wegwaschen kann seither. Ich haßte ihn – und wollte ihn treffen, und im selben Augenblick traf seine Kugel auch mich und machte mich zum Krüppel. Aber er ist tot, und ich lebe.

(Als Nachschrift:)

Ich hatte sein reines Verhältnis zu ihr getrübt. Aber der Tod kam zuvor und ließ es dunkel, und das war meine Rache.

(Auf der zweiten Seite:)

Im Januar 87.

Ich weiß nicht, was ich tun soll? Alle meine Studien in Natur, Geschichte, in Philosophie, alles ist zu friedlich, zu sanft, zu sicher. Nur für Geduldige und Abgeklärte, und ich finde keine Ruhe mehr. Ich treibe mich unter der Jugend herum in sinnverwirrender Sehnsucht, als könnte ich etwas längst Verlorenes wiederfinden. O mein Gott!

(Auf dasselbe Blatt zugefügt:)

Daß ich Gott anrufe! Der mich doch in den Tagen, wie der Haß und die Tat kamen, nicht zurückhalten konnte. Ich rufe ihn nicht. Er wirkt nicht. Er läßt dich laufen: »Sieh, wie du dich selber zurechtfindest.« Ich finde mich schon. Wenn nicht im Glanz, dann in Dunkel. Er schuf auch Nachttiere, oh!

(Ein anderes Blatt:)

Oh, es ist unsäglich öde. Ich muß den Ort verlassen. Früher ging ich auch »im Zuge« – ich meine so fünf – sechs – zehn junge Männer, die ernstlich und leidenschaftlich streiten und erwägen, ob »Ursache« nicht nur ein Bild aus vergangenen Zeiten wäre, das uns irreführe über das ewige, verschlungene Ineinander der Dinge. Die streiten – nur um miteinander zu gehen, weil sie sich und die Wahrheit lieben. Ich – liebe – keinen – und was ist Wahrheit?

(Ein weiteres Blatt:)

Ich muß nur fort von hier, wo alle wissen, daß ich den Feind erschossen habe. – Komisch, ich kann niemanden mehr lieben, weil ich keinem mehr traue. Sie sehen mich alle so seltsam fragend an. Und auch wenn sie höflich sind, sehen sie mich grausig an. Das machen die Augen der Menschen für sich. Das machen die heimlichen Kräfte, die man nicht achtet, wenn man nur höflich und menschlich sein will. Die blicken dann für sich aus den Augen und lassen sich nicht stören. Dann ist mir, als wenn ich umstellt wäre.

(Ein weiteres Blatt:)

Nein, ich muß fort aus den Bekanntenkreisen aus der Stadt. Ich muß fort. – – Aber da kommt der verfluchte Brief! – Seht ihr! So reckt der Teufel seinen Arm aus nach der Seele, die ihm einmal einen Finger gab. Ich will also gar noch – pfui – meine Freunde belauern? Und ein Späher sein? Er sagte es mir ja, ich hätte Anlage. Und außerdem bin ich arm. Die Eltern haben sich losgesagt, weil ich – – Mord – es wäre doch ein Mord. Meine Eltern sind einfache Leute. – Ach, ich habe gar keine Verpflichtungen gegen die Freunde. Was mißtrauen sie mir! – Aber ich werde sehen, ob ich so weit bin, das Geld zu nehmen, oder ob ich mir den Weg ins Leben noch offen lasse.

(Das weitere Blatt war mit Bleistift geschrieben. Und dann kehrte der Bleistift oft wieder.)

Im April 87.

– Ah – gut – ich gehe. Es muß ja nicht hier sein. Wenn mir offen steht, zu wirken, wo ich will, nehme ich das Anerbieten an. Ich kann ja studieren dabei. Ich will meinen Lauersinn ausbilden. Es gibt wunderbare Einblicke. Jeder muß werden, wozu ihm Gott Fähigkeiten gegeben. O Gott. O Gott! Warum bestimmtest du mich zum Heimlichen und zum . . .

(Hier hatte er nicht ausgeschrieben.)
(Nach einigen leeren Blättern war neu begonnen:)

Im Mai 87.

Nun also bin ich hier. – Ja – nein – ja – nein! – Ich kann noch immer zurück. Was ich bekam, ist quitt gemacht. Ich habe ihnen auf die Spur des jungen Russen geholfen. Nun könnte ich hier ein neues Leben beginnen. Es ist eine Stadt wie ein Paradies. Fast schien mir, als fiele Licht in meine Seele, als ich die Berge sah und den See. Die Menschen in den bunten Kähnen schienen so frei, und die Luft ist unsäglich frisch und weich. Nein – nein – weg damit! Der Teufel soll mich nicht haben! Das Leben ist so wonnesam. Es ist wieder Frühling. – Ich versuch's neu.

(Alles und das Weitere stand in freudigen Schriftzügen fast zierlich auf einer Seite:)

Im Kolleg – ein humorvoller Mann mit einem feinen, überlegenen Blick, und wenn er eine Formel an die Tafel malte, einer Glatze wie ein Mönch – lehrte uns die Wirklichkeit sehen. Haha, er hat Recht – man muß die Namen verachten und das Wirkende greifen. Das gibt auch Kraft. Reden und Meinen wollen uns über das wahre Wertvolle irreführen. – Ich bin und bleibe auf dem neuen Wege. – Neben mir saß ein Fräulein, die jung und schmal schien – aber heiter auf den Professor und noch heiterer plötzlich auf seine Glatze sah – die mich freundlich und arglos anblickte und mich um einige Bücher fragte. Ich besitze die Bücher. Ich gehe zu ihr.

(Auf einer folgenden Seite:)

Ach – da kommt nun der Mann und schreibt mir dasselbe. Ich soll doch die Gelegenheit wahrnehmen. Diese jungen, dunklen, leidenschaftlichen, haßbereiten Russen und Polen wären alles Verschwörer. – Was gehen mich denn eure Verschwörungen an? – Ich gehe heute hin zu ihr. Sie hat mir's erlaubt. Ich soll kommen und ihr die Bücher bringen.

(Auf einer folgenden Seite:)

Ich fange an, aufzuatmen. Ich saß in dem kleinen Raume bei ihr, und sie erzählte – und ihr schmales, leidvolles Gesicht bekam einen Ausdruck von leidenschaftlicher Schönheit, einen Glanz, daß ich kaum noch zuhörte, was aus ihren Worten kam, und nur sie ansah. Ich gehe oft zu ihr – sie ist so arglos – und so kühn und frei.

(Später:)

Heute machte sie Tee – und behandelte mich überhaupt wie einen guten Freund. – – Ob sie nicht merkt, daß ich einarmig bin? – Sie ist freundlich und außer Maßen klug und sanft wie eine Frühlingsblüte. Es ist ein Zauber um sie, der mich ganz frei macht.

Heute will ich einmal an meinen Vater schreiben, daß er mir Geld schickt. Wenn ich seinen Sinn umkehren kann! – – Dann nehme ich teil am Seminar. Dort ist auch sie . . .

(Auf einem beliebigen leeren Blatt war nur gekritzelt:)

Ich liege darnieder.

(Und dann war später geordneter darunter fortgefahren:)

Wie kam denn das? Ja – ich mußte doch nun suchen, Geld zu machen und den Leuten wieder einen Dienst leisten. Wovon soll ich denn leben?

Oh – eine Kette schleppe ich mit mir, die ich immer klirren höre.

(Auf einem späteren Blatte:)

Also, ich hatte mich nicht getäuscht. – Seht ihr! – Diese Dame ist klein und zart – und wie eine Lichtträgerin kam sie! – Jetzt umstehen sie diese dunklen, leidenschaftlichen Landsleute und nehmen ihren Frieden. Sie kam aus einem ländlichen Idyll und war arglos. Nun fiebert schon ihr Blick, und sie schaut nach den andern, die haßbereit an Völkerschicksalen sinnen und arbeiten. Sie sehen mich heimlich an und blicken weg. Und ich fühle, daß ihre Augen in sich sinnen, wer mich gezeichnet hat – oh –

(Später auf dasselbe Blatt hinzugefügt:)

Nein, sie ist doch arglos. – Es war nur mein Mißtrauen. Sie fragte mich, warum ich nicht mehr käme.

(Auf das folgende Blatt:)

I – so geht nun allmählich das Leben seinen Gang. Ich fühle doch, wie sie ihre Stille und ihren eigenen Sinn verliert und sich von Freunden zermartern läßt. Ich fühle es ja. – Was denn? Was ist es denn sonst? Es wäre nicht gut, an sich zu denken. Man müßte alles gegen Leid und Elend der anderen tun. Das haben ihr die finsteren Verschwörer eingelernt. Ich täusche mich nicht. Auch ihr Blick verliert sich manchmal auf meinen Arm und sucht nach Antwort. Ich wette – sie will mich fragen. Sie beginnt zu mißtrauen.

(Später:)

Heute sah ich sie wieder. Sie grüßte mich kalt von ferne und saß unter ihren Landsleuten. Nein, es quält mich. Warum? – Was sind das für Leute? Ich will ihnen nachspüren. Ich kann meine Menschenkenntnis bewähren.

(Auf ein folgendes Blatt mit großen, energischen Zeichen:)

Das ist doch eine tolle Geschichte. Heute – werfen diese Leute Bomben – um den Stoff zu versuchen – und so unvorsichtig, daß einer dabei zerrissen wird. Freilich kenne ich sie. Sie ist ja ewig mit ihnen, und ich weiß ja auch, wo sie ihre Rezepte heimlich brauen. Nun kann man das Nest ausnehmen. Gut – das bringt gutes Geld –

(später dazu geschrieben:

– und dann Selbstquälerei. – Nein – man muß auch dazu Mut haben –

(Und dann auf demselben Blatt fortgefahren:)

Lächerlich. Auch das alles geht vorüber – mit einem jeden. Und außerdem hasse ich diese Leute. Ich fühle zu sehr, wie sie mich ansehen. Ich kann ihnen kaum unter die Augen, so klein und erbärmlich machen sie mich vor mir. Weil sie das Leben um einer guten Sache willen wagen, und ich das Leben um einer schlechten willen wegwerfe – und stehe wie ein heimlicher Büttel. Pfui Teufel! – Aber was machen sie sie mir abwendig. Ich hatte meine Hoffnung auf sie gesetzt. So mag sie mein Haß heimlich treffen.

(Später:)

Der andere junge Russe kam ins Krankenhaus. Nun ist er im Gefängnis. Sie werden unschädlich gemacht. Und sie erzählt mir noch dazu arglos, daß sie in des Mannes Zimmer gerannt und, ehe hausgesucht wurde, eine vergessene Bombe in der Hand hinausgetragen und in den See geworfen habe. O Unschuld!

(Auf einer folgenden Seite gekritzelt und fast unleserlich:)

Nun – könnte ich – wenn ich wollte – aber ich verachte mich. – Ich versuche immer noch – Geschichte – zu studieren. Ich begreife gar nicht, wer mich so zwangsweise kann in so schiefe Lagen bringen? Ich kann doch alles abschütteln! Was geht mich denn meine Vergangenheit an! Auch selbst, daß ich nur den einen Arm habe. Ich bin im Kriege blessiert worden. Damit gut. Warum mache ich nur immer eine Miene, daß jeder sehen muß, wie ängstlich ich lauere?

(Später der Seite noch hinzugefügt in fast ruhiger Schrift:)

Nein – ich finde es sehr schön, daß der Mensch all die friedlichen Begriffe studiert, die der Professor so anstandslos über das Leben, über das Lebendige zieht. Alle so reinlich und gar nicht mehr Staub und Asche. Man kann dann aus diesem Leben flüchten wie in eine Panoramabude. Aus diesem Leben, das so ganz ein anderes, ganz unheimlich und mächtig ist.

(Auf einer späteren Seite in aufgeregten Zügen:)

Gott, Gott! Sie sind dieser ganzen Verschwörung auf der Spur! Vaterlandsliebe sagen sie und sind innerlich erwärmt wie brennende Herdfeuer. Es könnte meine eigene Seele ganz hell und froh machen. – O Gott! Und ich sollte wirklich weiter gehen müssen mit meinen heimlichen Angaben.

(Später zitterig zugefügt:)

Wer A sagt, muß B sagen! Pfui – pfui – und abermals pfui – über mich. Ich bekomme Geld und verrate!

(Nach einigen leeren Blättern neu angefangen:)

Gestern war ich wieder bei ihr. Nein – man begreift nicht. – Sie denkt nur an sie. Sie weinte fast vor Zorn und Rache. Und sie fragte mich, ob ich nicht mit ihr fühlen könnte? Man wird die jungen Freunde nach Sibirien bringen, wenn sie je heimkommen. Und auch hierzulande wird man sie lange polizeilich plagen. Die russische Regierung hätte es verlangt. Und dann machte sie anmutig einige Witze, die sie trösten sollten, und neckte mich mit meinem Arme, den ich wohl auch im Kampfe fürs Vaterland verloren hätte! Es gab eine gute Gelegenheit, mich ins Licht zu setzen. Sie ist gut und vertraulich zu mir.

(Kurz danach zugefügt:)

Aber nun sie arglos ist, verrät sie mir weiter und weiter. O, wenn sie schwiege! – Ich muß mich fürchten.

(Auf der nächsten Seite:)

Und ich verrate auch weiter – und bekomme Geld – und lasse es im Schube liegen wie Blutgeld – und wage mir nicht einmal einen neuen Rock zu kaufen, so ekelt es mich schon an!

(Das letzte ist eckig und groß und fast im Zorn geschrieben. Dann folgen einige leere Blätter. Dann steht energisch:)

Heute beim Professor im Seminar waren aller Augen auf mich gerichtet, daß es mich stach. Ich wollte es immer herausschreien: Ich verrate euch alle. Auch ihr ins Gesicht, daß sie gleich vor Schreck über ihre Arglosigkeit gestorben wäre. Alle sahen mich an. Alle sahen auf meinen Arm. Alle sahen heimlich, als säße ein Aussätziger da, den sie fürchteten. Und ich blickte immerfort vor mich und konnte meinen Blick nicht in die Höhe bekommen. Ich war wie verwirrt. Fortwährend begannen meine Augen zu tränen, wenn ich ein Wort zu sagen hatte. Und ich stotterte auch und sah lieber auf den Tisch vor mich nieder, und war dann froh, hinaus zu sein. – Ich verliere mich ganz.

(Auf einer folgenden leeren Seite steht ganz feierlich und allein:)

Jeder Weg, den du gehst, ist der richtige in Gott, aber noch lange nicht der richtige in dir. Und Gott wird dich durch Mund und Blick anderer über dich lehren. Aber alle eure Münder können Gott nicht über sich lehren. O Gott – wohin? – ich –?

(Auf einer späteren Seite in ruhigerer Schrift:)

Ich lud mir heute den neu angekommenen, jungen Mann, einen langen, ernsten Menschen, ein, der es auch mit dem Denken ernst nimmt und mich auch auf dem Heimwege vom Seminar nicht losließ wegen der letzten Ansicht des Professors, als gäbe es kein Mysterium. Mein Gott! – Im Wirklichen ist alles so offenbar, scheint mir. Es wäre eine Erlösung für mich, wenn es aus der Tiefe noch einmal herausbräche. was mich heilte. Aber was ich lebte, ist so klar – scheint's – und so gemein – weil es heimlich sein mußte. – Der Gute ist ein Schwärmer. Er vergißt den Menschen und die Selbstsucht und alle Süchte.

(Später:)

Der Mensch war wieder bei mir. Er kommt gerne. Er hat nur den Sinn auf sein Denken gerichtet und gebraucht weder Augen noch Ohren. – Ich glaube, er hat noch nicht einmal gesehen – daß ich einarmig bin. – Er will nur mit mir reden. Das lenkt mich auch ab von dem Peinlichen, wovon er nichts zu wissen scheint, der Glückliche!

(Auf einer weiteren Seite in froher Schrift:)

Heute kamen nun beide zusammen. – Da hatten wir's. Sie – oh – ist Feuer – voll Begeisterung – noch in Harm und Sorge um die Freunde erst. Sie hält jeden Menschen für anständig – und für einen Vaterlandsfreund. An Verrat denkt sie nie. Man müßte alles gegen das Elend tun. Aber er nun fand, daß man nichts anfangen könne, solange man im Dunkeln tappe. Dunkel heißt soviel als unetikettiert. Und klar heißt sichere Etiketten – und wo in der Apotheke die einzelnen Rezepte fürs Leben stehen. Du Tor! Da kannst du lange warten! Du selbst – du mußt sicher schreiten aus Blut und Leben. Die anderen sind dabei nur schwache Stützen. Da kommst du noch dahinter. – Und ich vergaß mich ganz, und vergaß ganz, daß sie vor einem Verräter sprach. Beide ahnten nichts. – Sie waren ganz in ihren Ideen. – Sie nahmen mich mit wie einen Kameraden, dessen man sicher ist, den man gar nicht mehr ansehen braucht, wenn man zu ihm sagt: »Komm auf den See – es ist Feierstunde, und die Sonnenflut schillert über die Wellen. Wir fahren und träumen!«

Und ich ging mit – o Gott – und unten hält mich ein Polizist an und fragt mich leise etwas. – –

Wie wir dann im Kahne saßen, war es ganz stumm unter uns.

(Auf einer späteren Seite:)

Ich verrate – ich verrate – ich bekomme Geld und verrate. Ein Verräter bin ich und werde es auch bleiben.

(Auf der folgenden Seite fast schön geschrieben:)

Jeder erkennt mich auch. Selbst der in seinen Ideen, der gar nicht sah, daß ich einarmig bin, selbst der hat mich erkannt. Er meidet mich. Er geht mit ihr und meidet mich. Sie meidet mich auch. Und sie vergißt ganz, daß ich alles Mögliche von ihr weiß. – Oh, man muß Mut haben. Auch zum Verraten gehört Mut. – Und nun gerade will ich ganz arglos tun und selbst einmal zu ihnen gehen – und lachen. Ja – heute will ich hingehen und sie abholen – und arglos tun und lachen. – Er wird bei ihr sein.

(Auf der folgenden Seite:)

Hahaha – nein, nein – sie sind ja argloser als je. Gar nichts ahnen sie. Und sie klagte mir nur, daß heimliche Angeberei immer mehr um sich fräße wie ein Geschwür. Es sei wieder einer verhaftet worden. Ein Chemiker, ein junger Jude, ein ausgezeichnet aufgeklärter und unbeugsamer Mensch, der sein ganzes Vermögen hingegeben. »Oh – haha – das wußte ich. Ich gab ihn selber an.« Ich lachte. Du selbst hattest mir ja alles schon haarklein erzählt – so arglos – und hattest mir nicht angesehen, daß ein Kummer durch meine Seele ging – daß ich ein Verräter sein muß – – wie einer, der weint, wenn er nüchtern ist: »Ich bin ein Trinker« und der heimlich hingeht und nicht von der Flasche kann. Ich habe keinen Beruf – ich lauere nur – auf mich und auf jeden – auch auf dich. Ja, ja, es ist wie eine peinigende Wollust – auch auf dich! – Pfui, pfui rufe ich und nehme Geld – und lauere – und sehe, daß ihr mich alle verachtet – und dann gehe ich aus Rache hin, um euch anzugeben – um eure Begeisterung anzugeben, die mir warm macht, wie ein Herdfeuer, das mir eine Wollust ist, auszulöschen! Ha, nun brennt nur weiter –! Hahaha – ein Gezeichneter bin ich – ein Verräter bin ich – ein Judas bin ich.

(Auf einer nächsten Seite:)

Und ich kann das Leben nicht lange mehr ertragen. Das ist mir heute klar geworden. Schon gestern. Gestern saßen wir wieder alle beim Professor. Ich glaube, der Überlegene hatte mich von vornherein erkannt. Er machte Anspielungen. Er sagte immer: »Herr Sue, wir kennen uns.« Er meinte ja nur meine philosophischen Meinungen, aber er sagte es, daß es mir ins Blut drang. Und die anderen empfanden es, wie wenn er mit den Fingern auf mich wiese, wie er sagte: »Wir kennen uns!« Es verwirrte mich ganz. Ein paarmal mußte ich auf meinen Arm sehen – und ich versuchte, nach der Lüge zu suchen, daß ich in einem ehrenhaften Handel, im Kriege, blessiert sei. Es fiel mir nur nichts Rechtes ein. Sie machten mich alle mit ihren Blicken so hündisch klein und erbärmlich – daß ich hin und her um mich alles vergaß – und tausendmal eine reine Auferstehung feierte – jedesmal, wenn ich aus dem Inmichhineingraben einen Augenblick endlich wähnte . . . daß ich doch nur unter disputierenden Menschen saß. Sie disputierten fortwährend über friedliche, reinliche Begriffe, und ich lebte wahrhaftig unterdessen ein schaurig unheimliches Leben.

»Wir kennen uns, Herr Sue.«

(Zwischen leeren Blättern steht auf einer Seite hingekritzelt:)

Ich könnte jeden verraten.

(Dann auf einer späteren Seite:)

Ich kann das Leben nicht mehr lange ertragen. Das kam mir heute noch deutlicher ein. Ich fuhr mit ihr allein. Ich hatte sie unten am See getroffen, und sie lud mich ein, mit ihr in die blinkenden Wasser hinauszufahren. Sie wollte rudern. O Gott – ich rufe dich! – Ich sah sie an – ein Glanz umspielte ihren feinen, lächelnden Mund, und ein Glanz lag in ihren grauen Augen. – Die seidigen, braunen Haare löste der Wind – und ihren lichten Strohhut warf sie sich zu Füßen in den Kahn – und so schlank und zart – sie ruderte kräftig – sie lachte mich an in ihrer schönen, freien, seligen Bewegung – immer wieder. Der Kummer ihrer Seele war verstrichen. Sie begann umherzublicken – in die Sonnenlichter der Wellen, worein Perlen von dem Ruder fielen – und sah auf. Möwen zogen im rosigen Licht vorbei und tauchten nieder in die funkelnde Flut. – Ich genoß eine Welt, die ich lange nicht gesehen. Ich begann zu steuern wie einer, der der Sonne nach will. – Sie hatte mich vergessen. – Sie sah mich nicht. – Und – ich – fühlte – ich fühlte – daß ich zum – Mörder werden könnte – mein Gott! – Ich starrte sie an wie ein Wahnsinniger. – Ich versuchte alles mit Gewalt in mir niederzuringen. – Ich dachte an sie mit allen Sinnen. – Sie sah nur ins Licht. Sie hat immer nur den Blick im hellen Himmel und Himmel im Auge. – Und ich sehnte mich – furchtbar. – Ich dürstete – sie sollte mich emporheben – sie sollte mich retten! Ich wußte, daß sie mich retten könnte. Daß in ihrer freien Seele voller Licht und Vergessen ich baden könnte wie in einer lauteren Flut! – – – Aber sie sagte auf einmal ganz erschrocken: »Um Gotteswillen, was ist Ihnen? Was tun Sie? Wie sehen Sie aus? Was machen Sie? Wie sehen Sie aus?« Und ich lachte greulich. – Wie ein Blödsinniger lacht! – Ohne einen Klang, ohne ein Wort. Es war ja auch wahrer Wahnsinn, so etwas zu denken. Wo dachte sie denn an mich? Wo hatte sie denn je an mich gedacht! Und sie lächelte über mich gezwungen kindlich – daß sie mich in mein ganzes Dunkel ärger zurücktrieb, und sagte schließlich ganz fest mit bleicher Miene: »Aber warum sind Sie so stumm? Sie lauern ja fast und sehen dann immer nach der Erde – warum?«

(Das Vorherige war in einem Zuge über mehrere Seiten geschrieben. Dann war später noch hinzugefügt:)

O du mein Täubchen! – Das hast du erst jetzt erkannt? – O du Strahlende! – Ich bin ja ein Verräter – – und ich kann das Leben nicht mehr aushalten.

(Auf einer der letzten Seiten steht unleserlich und gleichgültig:)

Ich bin immer zu Hause. – Ich komme gar nicht mehr auf die Straße. – Ich mag mich nicht sehen lassen. Wenn ich sie sehe, ermorde ich sie. Sie ist ein Kind – nun entdeckte sie, daß ich lauere, und daß ich sie begehre, wild, wie ein Vieh nach dem Wasser schreit – wie ein Feuer, das sonst sich selbst verzehrt – wie eine elende Krankheit, Haß und Wahnsinn und Taumel.

(Später:)

Ich mußte alle verraten. – Ich wollte sie kränken, weil sie nicht auf mich achtete. Ich wollte sie einsam machen. – Ich wollte sie besitzen – ach – ich Elender – ich Unsinniger – dessen Augen selbst den Sonnenstrahl und die Wellen im Scheine des Abends nicht sehen können, ohne sie zu belauern – heimlich und tückisch. – Ich – mag nicht mehr unter die Menschen – – ich muß zu Boden blicken – ich verbrenne alles – ich vernichte mich.

(Auf einer weiteren Seite:)

Es trieb mich gestern heimlich vor ihr Fenster. Da sah ich eine Mannesgestalt als Schatten gegen das Fensterkreuz gelehnt. Sie hatte Licht. Und ich hatte meinen Revolver bei mir. Es war gut, daß einer bei mir war.

(Darunter mit fast anderer Schrift:)

Ich bin zu feige zu allem.

(Später geschrieben:)

Ich habe nur zum Verrat noch Mut. So mag sie verraten sein. Wenn ich sie nicht töten kann.

(Auf der vorletzten Seite steht, als wenn sich jemand im Schreiben hätte üben wollen, viele Male untereinander derselbe Satz:)

Sie haben sie auch in Untersuchung gezogen.
Sie haben sie auch in Untersuchung gezogen.

(Immer dasselbe:)

Sie haben sie auch in Untersuchung gezogen.

(Darunter war eine hundertfältig verschlungene Bleistiftlinie, wie Kinder sie hinmalen in sinnlosen Figuren, wenn sie dazu gähnen und sich unsäglich langweilen. Und dann stand mit fast jugendlicher Schrift wie im Anfang:)

Man hat sie ausgeliefert.

(Und darunter stand:)

Heute – Heute – Heute –

(Und das heute immer größer und ein paarmal ganz groß geschrieben:)

Heute . . .

(Das mochte sein letzter Tag gewesen sein.)








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