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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 85
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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80. Das berühmte Rendezvous Josephs und Catharinens;
von dem französ. Bothschafter Ludw. Philipp Grafen v. Segur.

SegurVater Paul Philipps, Marechal de Camp, als Schriftsteller ehrenvoll bekannt durch seine Geschichte des rußischen Feldzuges 1812 &c. in seinen pittoresken und anmuthigen Denkwürdigkeiten schildert jene illustre Zusammenkunft leicht, heiter und geistreich und das, als mithandelnde Person in viel höherem Grade, als alle gleichzeitigen, wie selbst der unvergleichliche Prinz de Ligne, der ebenfalls Genosse gewesen, und nachherigen Federn. Hören wir sonach den Franzosen!

Der Plan dieses Monarchen war gewesen, die Kaiserinn auf ihrer Galeere zu besuchen; allein der Fürst Potemkin, der nach Kaydak vorausgegangen war, benachrichtigte seine Gebietherinn bey Zeiten. Sie ließ sich ans Land setzen, ließ uns fast alle auf der Flotte, stieg geschwind in den Wagen und fuhr dem Kaiser entgegen, dem sie bey dem einfach stehenden Hause eines Kosaken begegnete, wo sie sich wenige Stunden aufhielten und darauf zusammen nach Kaydak fuhren, wo wir am andern Morgen, den 19. May1787. wieder zu ihnen trafen.

Zu Kamirz hatte ich einen König gesehen, ohne Macht und Ansehen, aber mit dem Glanz und der Pracht des größten Monarchen umgeben; zu Cherson sah ich (ein merkwürdiger Contrast!) einen mächtigen Kaiser, der einfach in seinem Äußern, bescheiden in seinen Manieren, vertraulich im Umgang, jedem Zwange feind war, über alle mögliche Gegenstände Gespräche anknüpfte, und durch nichts glänzen wollte, als durch ausgebreitete Kenntnisse, treffendes Urtheil und einen gebildeten Geist.

Als Katharina II. in Kaydak mich ihm vorstellen wollte, sagte er zu ihr: »Gnädige Frau, ich bin hier nur der Graf von Falkenstein, und ich bin es daher, der dem französischen Gesandten vorgestellt werden muß.«

Dieser Fürst war in einer einfachen Kalesche nach Rußland gekommen, von einem General und zwey Bedienten begleitet. Das strenge Incognito, welches er beobachtete, war ihm ebenso bequem als nützlich, um mehr zu sehen und zu hören; auch wollte er durchaus, man sollte ihn wie einen Reisenden, nicht wie einen Monarchen behandeln.

Alle Morgen kam er zum Lever der Kaiserinn, mischte sich unter uns, und wartete mit uns, bis die Fürstinn erschien. Den Tag über durchstreifte er die Umgegenden der Orte, in welchen wir uns aufhielten, und da ihm zufällig meine Unterhaltung gefiel, so machte er oft lange Spaziergänge mit mir, indem er vertraulich Arm in Arm mit mir ging.

Er zeigte sich in seinen Gesprächen nicht geneigt, den Ehrgeiz Katharinens zu unterstützen. Die Politik des Königs schien ihm in diesem Puncte sehr weise. »Constantinopel,« sagte er, »wäre ein Zankapfel welcher eine Vereinigung der großen Mächte, zu einer Theilung des türkischen Reichs immer unmöglich machen würde.«

Ich bemerkte, daß er wenig Verwunderung über das Fortschreiten der russischen Unternehmungen zeigte. »Ich sehe darin mehr Glanz,« sagte er, »als Reelles; der Fürst Potemkin ist thätig, aber mehr geeignet, große Unternehmungen anzufangen, als sie zu vollenden. Übrigens scheint Alles leicht, wenn man Geld und Menschenleben verschwendet. Wir in Deutschland oder Frankreich können nicht versuchen, was man hier ungehindert wagt. Der Herr befiehlt; Schaaren von Sclaven arbeiten. Man bezahlt ihnen wenig oder nichts; man ernährt sie schlecht; sie wagen nicht zu murren und ich weiß, daß seit drey Jahren in diesen neuen Gouvernements, durch die Strapazen und die verderblichen Ausdünstungen der Moräste 50,000 Menschen zu Grund gegangen sind, ohne daß man sie beklagte, ja, ohne daß man nur von ihnen sprach.«

Da an einem andern Tage das Gespräch auf den Fürsten Potemkin kam, so sagte er: »Ich begreife wohl, wie trotz seiner Bizarrerien dieser sonderbare Mensch eine große Gewalt über die Kaiserinn erlangt und behauptet hat; er hat einen starken Willen, einen scharfen Blick; hierdurch wird er nicht nur nützlich, sondern sogar nothwendig; denn Sie kennen die Russen und müssen gestehen, daß man nicht leicht unter ihnen einen Mann finden würde, der fähiger wäre, ein noch so rohes Volk im Zaum zu halten, dem die Civilisation erst seit so kurzer Zeit näher gerückt ist, und einen Hof zu zügeln, der seit so lange an Verschwörungen gewöhnt ist.«

Je mehr Herr von Cobenzl sah, daß mich der Kaiser mit seinem Wohlwollen beehrte, desto offener wurde das Vertrauen, das er mir erwies; er versicherte mich zwar, daß er wirklich Befehl habe, meine Schritte zur Erhaltung des Friedens zu unterstützen, schien mir aber zu fürchten, der Kaiser lasse sich doch endlich zum Kriege verleiten, wenn die Kaiserinn ihre Forderungen auf Oczakow und Acjerman beschränke und ihn über die Idee einer weiteren Vergrößerung beruhige.

»Übrigens,« sagte er, »würde der Monarch nur mit dem äußersten Widerwillen, die Hände dazu bieten, weil er befürchtet, ein Bruch mit Preußen und eine Spannung mit Frankreich möchten die Folgen dieser Nachgiebigkeit gegen seine Verbündeten seyn.«

Indessen waren Herr von Bulgakow, der Gesandte der Kaiserinn, und Herr von Herbert, der Internuntius des Kaisers, von Constantinopel angekommen und es eröffneten sich einige Conferenzen zwischen ihnen, dem Grafen Bezborodko und mir.

Ein neuer Zufall befestigte die Hoffnung zur Erhaltung des Friedens: der Kaiser bekam einige beunruhigende Nachrichten aus den Niederlanden, wo sich große Gährung zeigte. Diese neuen Unruhen mußten ihn natürlich von dem Gedanken abbringen, der Kaiserinn beyzustehen, wenn sie die Türken angreifen wollte.

Am Abend, als sie den Cirkel entlassen hatte, wollte der Kaiser den schönen Abend genießen, und nahm mich beym Arm; wir verließen das Lager, und lustwandelten lange auf der ungeheuren, grünen Ebene, wo das Auge keine Grenze finden konnte.

Beym Anblick mehrerer Kamehle und einiger tatarischen Hirten, welche in der Ebene herumschweiften, sagte der Fürst zu mir: »Welch' sonderbare Scene! wer hätte geglaubt, man würde mich mit Katharina II. und dem Gesandten von Frankreich und England in der Tatarenwüste herumirren sehen. Das ist ein ganz neues Blatt in der Geschichte.«

»Mir,« antwortete ich, »scheint es eher ein Blatt aus Tausend und einer Nacht; ich bin Giafer, und gehe mit dem Kalifen Harun-al-Reschid spazieren, der nach seiner Gewohnheit verkleidet ist.«

Als wir wieder herauskamen, sahen wir eine ziemlich starke Abtheilung tatarischer Reiterey, reichlich gekleidet und bewaffnet, welche der Kaiserinn entgegen kam, um ihr als Ehrenwache zu dienen. Diese Fürstinn, deren Ideen alle großartig, erhaben und kühn waren, wollte während ihres Aufenthalts in der Krimm keine andere Eskorte, als eben von diesen Tataren, welche ihr Geschlecht so verachteten, die Christen so tief haßten, und erst so kurz von ihr besiegt worden waren. Diese unerwartete Probe von Vertrauen glückte, wie fast Alles, was kühn ist.

»Gestehen Sie, lieber Segur,« sagte der Prinz von Ligne lachend zu mir, »daß es ein sonderbares Ereigniß wäre und großen Lärm in Europa verursachen würde, wenn die 1200 Tataren, die uns hier umgeben, sich es einfallen ließen, uns Hals über Kopf in einen benachbarten Hafen zu schleppen, sich dort mit der erhabenen Katharina, so wie mit dem mächtigen römischen Kaiser Joseph, einzuschiffen, und sie nach Constantinopel zu führen, zur Unterhaltung und zum Vergnügen Sr. Hoheit Abdul-Hamids, Beherrschers der Gläubigen, und diese List hätte durchaus nichts Unmoralisches; denn sie könnten ohne Scrupel zwey Monarchen wegcapern, die mit Verletzung aller Verträge und alles Völkerrechts, ihr Land geraubt, ihren Fürsten entthront und ihre Freyheit in Fesseln geschlagen haben.« Glücklicherweise kam diese Tollheit den loyalen Kindern Mahomets nicht in den Sinn. –

Zu Baschtschi-Sarai kam der Prinz von Ligne zu mir, und sagte lachend: »Wissen Sie wohl, mit was sich gegenwärtig unsere beyden großen Reisenden beschäftigen, der gewaltige römische Kaiser und die erlauchte Selbstherrscherinn aller Reußen? Ich habe einige Worte von dem Gespräch dieser beyden großen Despoten abgelauscht. Sollte man es glauben, mein Lieber? sie unterhielten sich freundschaftlich von einem sehr schönen Project, von der Wiederherstellung der griechischen Republiken.«

»Sie sehen mich nicht so sehr in Erstaunen, wie Sie glauben,« versetzte ich, »umsonst will man sich der Luft seines Jahrhunderts entziehen; man muß sie athmen und wird von ihr durchdrungen. Die Luft des unsrigen ist die der Philosophie und der Freyheit; sie breitet sich ganz in der Stille aus und dringt in die Palläste wie in die Hütten. Man kann sie nicht wegdrücken, und wenn man es mit Gewalt versucht, wie England in Amerika, so verwandelt man sie nur in einen furchtbaren Sturmwind.« Der Fürst von Ligne spottete über diese philosophische Träumerey. Wir ahnten damahls nicht, daß es eine Prophezeihung war, die in Erfüllung gehen sollte.

Während des letzten Theils unserer Reise wiederholten wir in den Steppen unsere gewohnten Spaziergänge; der Kaiser erlaubte mir, mich mit ihm über die constantinopolitanischen Angelegenheiten zu unterhalten, und sprach sehr offen von seinen und von Katharinens politischen Absichten. Ich halte es nicht für unnütz, hier in wenigen Worten dieses Gespräch zu wiederholen, um zu zeigen, welche Idee er von dem Character, dem Ehrgeiz und der Macht der Kaiserinn hatte.

»Sie sind jetzt zufrieden, wie ich hoffe,« sagte er eines Tags zu mir, »Herr v. Bulgakow und Herr von Herbert werden der Pforte die von Ihnen gebilligten Vorschläge vorlegen: Halten Sie in diesem Augenblick nicht den Frieden für wahrscheinlich?«

»Herr Graf,« antwortete ich (denn er wurde ernstlich böse, wenn mir manchmahl das Wort Sire oder Eure Majestät entschlüpfte), »Alles hängt von der Art ab, wie die Kaiserinn selbst diese Vorschläge betrachtet, und von dem Ton, in dem sie vorgebracht werden; vielleicht sieht sie darin nur gute Materialien zu einer Kriegserklärung. Ich fürchte, der Anblick ihrer versammelten Land- und Seemacht haben in ihrem Geist die Furcht vor den Hindernissen zerstreut, auf die sie bey ihren Vergrößerungsplänen stoßen könnte.«

»Alles ist bereit, und sobald sie will, kann unter dem Vorwand, daß die Türken mit der Abstellung ihrer Beschwerden zögern, ein Theil ihrer Truppen Oczakow und Akjerman anstreifen. Diese Plätze sind unfähig, lange zu widerstehen, und werden leicht erobert werden. Zugleich kann ein anderer Theil der Armee sich auf der Flotte zu Sebastopel einschiffen, eine Landung an der Küste zwischen Constantinopel und Warna machen, und so die Hauptstadt des türkischen Reichs bedrohen, ja, sie vielleicht selbst erobern, wenn Schrecken den abergläubigen Geist der Muselmänner ergriffe. Die Türken dagegen, welche die Krimm nicht mehr haben, müßten, ehe Sie die Russen angreifen könnten, durch die Bulgarey, Bessarabien, die Moldau, die Wallachey, Neu-Serbien ziehen, wo kaum eine disciplinirte Armee bestehen kann. Überdieß würden 15,000 Russen hinreichend seyn, sie am Bug oder Dnieper aufzuhalten. Ich sehe nur ein politisches Hinderniß, das diese Fürstinn aufhalten konnte, und Sie wissen besser als ich, bis zu welchem Punct sie dieses Hinderniß zu fürchten hat.«

»Ich verstehe Sie recht gut,« erwiederte der Kaiser, »meine Nachgiebigkeit zur Zeit der Eroberung der Krimm, flößt Ihnen Furcht ein, ich möchte sie noch in neuen Vergrößerungs-Planen unterstützen. Sie irren sich, ich wünsche aufrichtig die Erhaltung des Friedens, die Besitznahme der Krimm durch die Russen brachte mir keinen Nachtheil; die einzige Folge davon war, daß die Türken friedlicher wurden, weil ihnen das Mittel benommen war, einen Offensiv-Krieg anzufangen.«

»Überdieß gewann ich dadurch unberechenbare Vortheile: erstlich den, meine eigenen Staaten vor jedem Angriff der Türken zu schützen, weil sie die Truppen und Schiffe in der Krimm fürchten, die zur Rache bereit sind, und dann die Gewißheit, den Petersburger Hof mit dem Berliner zu entzweyen, und so dem letzteren einen mächtigen Allirten zu rauben.«

»Dieß hat mich in der That bestimmt, Tauris durch die Pforte an Katharinen abtreten zu lassen; aber jetzt hat Alles eine andere Gestalt; ich werde nicht dulden, daß sich die Russen in Constantinopel niederlassen. Die Nachbarschaft der Turbane wird für Wien immer weniger gefährlich als die der Hüte. Übrigens kann dieser durch die erhitzte Einbildungskraft der Kaiserinn ausgebrütete Plan nicht ausgeführt werden, und bedürfte sie auch nur einer Ukase, um sich Constantinopels zu bemächtigen, und ihren Onkel Constantin krönen zu lassen, so könnte sie sich nicht gegen die türkischen Streitkräfte in Klein-Asien und gegen mehrere große Mächte halten, die sich der Türken annehmen würden; überdieß müßte sie in diesem Falle ihr ganzes Reich von Truppen entblößen, die Hälfte davon verlassen und die Hauptstadt wechseln.«

»Ich glaube in der That,« versetzte ich, »daß man sich über die Existenz von Constantinopel beruhigen kann, dessen Erhaltung dem Wiener Hof so wichtig ist, als dem französischen; aber nach den ungeheuren Rüstungen, von welchen wir Zeugen waren, muß man wohl über ein anderes viel wahrscheinlicheres Project beunruhigt seyn, nämlich die russischen Grenzen bis zum Dniester auszudehnen. Wenn dieser Plan ausgeführt würde, so würde er unvermeidlich einen für unsere Interessen sehr ernstlichen Krieg herbeyführen.«

»Was ich noch hoffe,« sagte ich, »ist, daß die Weisheit des Kaisers und seine Freundschaft für den König ihn bewegen werden, seine Bemühung zur Erhaltung des Friedens fortzusetzen und alle Maßregeln zu ergreifen, die einen Bruch verhüten können. Es scheint mir, der König habe ein Recht, darauf zu zählen, denn zur Zeit der Invasion in die Krimm hat er die Türken nur in der Absicht zur Abtretung dieser Halbinsel an Rußland bewogen, um etwas zur Ruhe und zur Beförderung der politischen Interessen seines Schwagers und Allirten beyzutragen.«

»Ich thue, was ich kann,« versetzte der Kaiser, »aber sie sehen selbst, daß diese Frau exaltirt ist, die Türken müssen in den Streitpuncten nachgeben. Wenn sie Katharinen durch eine Weigerung herausfordern, wie kann man sie hindern, sich durch Wegnahme einiger Städte zu entschädigen? Sie hat zahlreiche, abgehärtete, unermüdliche Truppen. Man kann sie hinführen, wo man will.«

»Sie sehen, wie wenig man sich hier aus dem Leben und den Strapazen der Menschen macht; 800 Stunden von der Hauptstadt legen sie Straßen an, graben Häfen, bauen auf Moräste, errichten Palläste, pflanzen englische Gärten mitten in Wüsten, Alles dieß ohne Bezahlung, ohne Bett, oft ohne Lebensmittel und immer ohne Murren.«

»Die Kaiserin ist der einzig wahrhaft reiche Souverain in Europa: sie braucht viel überall und ist nichts schuldig, ihre Papiere gelten so viel sie will; wenn ihr der Gedanke käme, sie könnte Geld aus Leder schlagen lassen. England liegt unter einem Berg von Papiergeld begraben. Frankreich machte das öffentliche Geständniß von dem schlechten Zustand seiner Finanzen, und ich kann kaum aufbringen, was mich meine Kollonien in Gallizien und die Festungen kosten, die ich dort habe bauen lassen.«

Ich erwiederte, daß alle diese nur zu gegründeten Umstände eben so viele Gründe seyen, die Anstrengungen zu verdoppeln, um nicht in einen kostspieligen Krieg verwickelt zu werden.

Da wir verschiedene Mahle auf denselben Gegenstand der Unterhaltung zurückkamen, so suchte ich ihm zu beweisen, daß die colossale Macht Rußlands mehr in die Höhe steige, als eine feste Grundlage habe. »Sehen Sie,« sagte ich, »Alles hat hier mehr Glanz, als Realität; Alles wird angefangen, nichts vollendet. Der Fürst Potemkin läßt schnell wieder liegen, was er mit Feuer unternommen hat; keiner seiner Plane ist gerecht und ganz ausgeführt. Er hat Sie zu Ekaterinoslow den Grundstein zu einer Hauptstadt legen lassen, die man nicht bewohnen wird; zu einer Kirche, so groß, wie St. Peter in Rom, in der vielleicht nie eine Messe gelesen werden wird. Er hat zur Gründung dieser neuen Katharinens-Stadt einen Berg gewählt, auf dem man eine sehr schöne Aussicht hat, dem es aber gänzlich an Wasser gebricht. Cherson, das eine schlechte Lage hat, hat 20,000 Menschen gekostet; es ist von verpesteten Sümpfen umgeben. Schiffe können beladen gar nicht einfahren. Seit sechs Jahren sind die Steppen öder, als sie es je waren. Die Krimm hat zwey Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Kaffa liegt in Trümmern und wird sich nicht wieder erheben. Sebastopel allein ist jetzt schon ein bedeutender Platz; aber es braucht noch eine gute Zeit, bis eine wahre Stadt daraus wird.«

»Man hat sich bestrebt, Alles zu schmücken, Alles zu verschönern, Alles augenblicklich vor den Augen der Kaiserinn zu beleben; aber wenn Katharina abgereist seyn wird, verschwinden mit ihr die Zaubereyen aus diesen weiten Gegenden.«

»Ich kenne den Fürsten Potemkin: er hat seinen Theaterstreich ausgeführt, der Vorhang ist gefallen; jetzt will er sich mit neuen Scenen beschäftigen, sey es in Polen oder in der Türkey. Die Verwaltung und Alles, was anhaltende Thätigkeit verlangt. ist unverträglich mit seinem Character; der Krieg selbst, wenn er ihn je anfängt, wird ihm bald beschwerlich fallen, und hat er einmahl das Großkreuz des St. Georgen-Ordens gewonnen, so werden wir ihn eben so eilig sehen, wieder Frieden zu schließen, als jetzt, ihn zu brechen.«

»Ich gebe dieses Alles zu,« sagte der Kaiser, »man hat uns von Täuschung zu Täuschung geführt: Das Innere hat hier große Fehler, aber die äußere Macht ist eben so reel, als glänzend. Der Soldat, der leibeigene Bauer sind Werkzeuge, deren man sich bedient, um abzutreiben, was man will. Der sclavische Adel kennt kein anderes Gesetz, als den Willen seiner Monarchinn, keinen andern Zweck, als ihre Gunst. In Rußland findet keine Zwischenzeit zwischen einem Befehl, so launenhaft er seyn mag, und seiner Ausführung Statt. Wäre ein Carl XII. das Haupt dieser Nation, er würde mit 600,000 Mann ganz Europa in Schrecken setzen.«

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