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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 84
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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79. Wie Trenck auf Kaiser Joseph zu sprechen ist; und die Prozeßsache.

»Kaiser Joseph war nicht mein Mann«; so, unter Anderm ruft der malcontente Trenck aus. Wir sagen: »Der malcontente«, und darinn liegt Alles. Trencks Ansicht vom Character des Kaisers war rein individuell, folglich schon dadurch einseitig und partheyisch, um so mehr, als der durch Mißgeschicke aufgereizte Mann nie die Ruhe gewann, sich zu einer gerechten phylosophischen Anschauung einer Erscheinung zu erheben, wie jene des Kaisers Joseph war. Daß Trenck dessen ungeachtet nicht alle Lichtseiten ingrerirt, versteht sich wohl von selbst; eben sowohl, daß Alles, was er sagt, Geist und Kraft athmet. Es ist also jedenfalls sehr der Mühe werth, ihn zu vernehmen, und zwar besonders in Dingen, die seine eigenen Verhältnisse angehen. Was hier geliefert wird, ist ein Auszug seiner größern LebensgeschichteEinen biographischen Abriß des höchst merkwürdigen Abentheurers biethet nachstehender Artikel aus der National-Encyklopädie, Friedr. Freyherr von der Trenck, Herr der Herrschaften Zwerbach und Grabeneck in Österreich, und Erbherr auf Groß-Scharlach in Preußen, Vetter des Panduren-Obersten Franz, durch seine sonderbaren Schicksale allbekannt, war geboren 1726 zu Königsberg und widmete sich daselbst frühzeitig den Studien; bey dem Ausbruche des zweyten schlesischen Krieges trat er jedoch in preußische Kriegsdienste, und war 1744 Adjutant Friedrich's II. Wegen eines Liebeshandels mit einer vornehmen Person und einer Correspondenz mit seinem Verwandten, dem kaiserl. Panduren-Obersten, wurde T. auf die Festung Glatz gefangen gesetzt. Nach mehrmahligen vergeblichen Versuchen zur Flucht, die ihm jedesmahl engere Haft und Vermehrung des Unwillens des Königs zuzog, wußte er sich doch endlich fast romanhafter Weise zu befreyen, und machte unter tausend Gefahren eine Fußreise von 169 Meilen durch Mähren, Polen und Preußen nach Königsberg zu seiner Mutter. Von da aus wandte er sich an seinen Vetter, um eine Anstellung im österr. Heere zu erlangen, dieser saß jedoch bereits auf dem Spielberge, und empfing ihn äußerst übel, doch erlangte T. eine Anstellung als österr. Rittmeister. Auf erhaltenen Urlaub machte T. eine Reise nach Moskau, und begab sich sodann nach Danzig, um mit seinen Geschwistern das Erbe seiner mittlerweile verstorbenen Mutter zu theilen. Hier wurde er jedoch auf Ansuchen Friedrich's II. verhaftet und trotz seines Ranges als kaiserl. Officier nach Magdeburg in ein eigenes für ihn zubereitetes Gefängniß gebracht. Seine verschiedenen Befreyungsversuche mißglückten, und hatten jedesmahl härtere Verwahrungsmaßregeln zur Folge. So wurde er z. B. seinen Angaben nach, an Händen, Füssen und Leib mit eisernen, 68 Pfund schweren Fesseln angeschmiedet. Beym Ausbruche des siebenjährigen Krieges wurde er, womöglich, härter noch behandelt, alle, mit großem Erfindungsgeiste erdachten Befreyungsversuche scheiterten, und er wurde erst im December 1763 aus dem Gefängnisse entlassen, und nach Prag gebracht. Nun begann T. ein wanderndes Leben zu führen; er zog sich jedoch an mehreren Orten, nahmentlich in Wien, Aachen, Spaa und Mannheim durch seine zu freymüthigen und vorlauten Reden und Schriften viele Verdrüßlichkeiten zu, und verlor auch dadurch einen großen Theil seines Vermögens. Nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's II. erhielt er seine in Preußen eingezogenen Güter wieder zurück, wodurch er sich, hätte es sein unruhiger Geist zugelassen, eines sorgenfreyen Lebens hätte erfreuen können. Beym Ausbruche der Revolution aber eilte er, von den Ideen einer ungezügelten Freyheit berauscht, unverzüglich nach Paris, wo ihn jedoch Robespierre 1794 als einen angeblichen Geschäftsträger auswärtiger Mächte verhaften, und im July desselben Jahres guillotiniren ließ. Er hatte im Drucke hinterlassen: Sämmtliche Gedichte und Schriften, 8 Bde. Leipzig (Wien) 1786. – Seine Lebensgeschichte, 4 Bde. Berlin, Altona und Wien 1786–92. (Ein 5. von anderer Feder erschien 1796, zu Bautzen.) Dieselbe wurde von ihm auch ins Französische übersetzt und erschien zu Paris, 1789.. Trenck schreibt:

Kaiser Joseph war nicht mein Mann, dessen Beyfall ich jemahls suchte, dem ich auch nicht in den ersten Ehrenstufen zu dienen verlangte. Seine Biographen dürfen die Wahrheit nicht schreiben, und man mögte meine Feder der Partheylichkeit beschuldigen, wann ich sie bekannt mache. Genug für mich, er war ein wirklicher Feind der Literatur, verachtete alle Gelehrte, und hatte ein Gelübde gethan, so lange er lebte, nie ein gedrucktes Buch zu lesen.

Despot war er im höchstmöglichsten Grade, folglich gefiel ihm mein macedonischer Held und freie Schreibart gar nicht. Er gestattete nur die Preßfreyheit, weil er sein Volk zu tief im Schlamm der gröbsten Unwissenheit versenkt sahe, um verbundene Aufklärung zu befürchten

Bey einer andern Erziehungsart hätte er können ein großer Regent, aber nie ein großer Mann werden. Anstrengung war aber nie seine Sache, deßwegen schien er in der Oberfläche Kenntnisse zu besitzen, zur Gründlichkeit war niemahls Anlage bey ihm. Seine Schwäche war der Stolz, sein Herz grausam, unerbittlich; seine Gesichtszüge verriethen den Spötter, den Gebieter, der sich über Alles erhaben glaubt. Gerecht wollte er scheinen, ohne es zu seyn. Meister seiner Leidenschaften war er nicht; und die vorgesetzte Heldenrolle zu spielen, war er weder geboren noch gebildet. Mißtrauisch von Natur, mußte er bey einer Nation streng, unempfindlich werden, die wirklich bis zum tiefstmöglichen Grad von Corruption und Niederträchtigkeit gefallen ist. Ehre, Vaterlandsliebe, Menschenpflicht, Großmuth, Tugend, Redlichkeit sind in Wien nicht einmahl dem Namen nach bekannt.

Joseph konnte also keine Hauptreformen ausführen, denn in einem so tief gefallenen Lande nützen Befehle und Ausprügel, auch Scharfrichter nicht. Es muß der ganze Nationalcharacter geändert und gebildet in eine andere Form geschmolzen werden. Im Erziehungsplan müssen Theologen ausgeschlossen bleiben, denn diese lehren nach römischen Vorschriften, diesen gemäß nähret man Dummheit und Laster, weil der Kluge dem Priester wenig glaubt, der Tugendsame hingegen keinen Ablaß bedarf. Nun fehlen in österreichischen Staaten die guten Lehrer, folglich kann man keine gute Pflanzschule errichten. Hierzu werden wenigstens zwey neue Generationen erfordert, und wenig Monarchen leben so lange wie Friedrich, um dieselbe keinem, wachsen und blühen zu sehen, auch für jedes Fach im Staatsgebäude brauchbare Männer hervorzubringen. Joseph aber war zur Ausführung solcher Entwürfe ganz unfähig. Er wollte alles über die Knie brechen. Er durchdachte nichts gründlich, kannte die wahren Quellen des Übels nicht, und machte Gesetze und Verordnungen, ehe er die Hindernisse aus dem Wege geräumt hatte, und die Möglichkeit der Ausführung bestimmen konnte. Was folgte? Eine ungeheure Menge Auslegungen, weil seine Handbillete sehr dunkel und zweydeutig von Mutterleibe erschienen, dann aber wenig Ernst in der Ausführung, endlich aber gleichgültig Stillschweigen bey Übertretung, oder wohl gar Widerrufung, oder ganz neue Verordnungen, die eben das Schicksal hatten.

Nie ist der dummste Fürst mehr verspottet, weniger geschätzt, noch geliebt und gehorsamet worden, als der in seiner Art gewiß kluge Joseph, der aber bald in seiner Arbeit müde, abgeschreckt, unwillig und unzufrieden wurde, weil seine Minister und Räthe bey dem alten, gewöhnlichen Schlendrian blieben, und kein geschickter Kopf mit ihm arbeitete, weil er allein wissen und ohne Hilfe ausführen wollte. In solcher Lage wurde er wirklich Menschenfeind und wäre stufenweise der fühlloseste Tyrann geworden, wenn er länger gelebt hätte.

Sein täglicher Umgang war mit solchen Leuten, die noch weniger Einsicht besaßen, als er, Kenntnisse, die zur Regierungskunst gehören, hatte er nie gesammelt. Er wollte sich hin und wieder von groben Vorurtheilen losreißen; sie unterjochten aber bald seinen natürlichen und nicht ausgearbeiteten Verstand, und die, welche er zu Rathgeber wählte, bemeisterten sich bald aller seiner umwölkten Begriffe, benutzten seine Schwäche, waren selbst Menschenfeinde oder ehrgeitzige Despoten, führten ihn am Leitfaden, und ließen ihn im wirbelnden Verwirrungsstrome vergebens das Ufer suchen. Je mehr Widerstand er überall fand, je mehr versteinerte sich sein Herz zum Gefühl des Edeln und Erhabenen. Seine gewählten Mithelfer mußten Despoten, gefühllose Menschen, Tyrannen seyn. Sie schmeichelten seiner natürlichen Neigung zur Unfehlbarkeit, verstockten sein Herz gegen alles sanfte Gefühl, das allein Fürsten im Wohlthun glücklich machen kann, und tyrannisirten die Völker unter seinem Nahmen. Sein Stolz gestattete keine Widerrede. Schmeichler, Betrüger drängten sich zum Throne, und umnebelten die Wahrheit. Da nun alle die, welche seinen Eigensinn, Standhaftigkeit hießen, und die willkührliche Eigenmacht himmelhoch als das einige Mittel erhoben, wodurch er des größten aller Fürsten, des großen Friedrichs Ruhm verdunkeln, und ihn folglich übertreffen könnte, so wollte er auch schon unfehlbar scheinen, und diese Unfehlbarkeit allen Gerichtsstellen, Präsidenten, und in der Armee vom General bis zum Corporal mittheilen.

Nichts konnte ihn mehr beleidigen, als wenn man ihm erwies, daß ein Referent einen Schurkenstreich begangen hätte. Mir selbst gab er zur Antwort, da ich bey ihm den berüchtigten Regierungsrath, Edlen von Zetto, als Betrüger schilderte:

Ein Referent kann und muß nicht Unrecht haben, sonst verliert die ganze Stelle ihre Ehrfurcht, ihre Wirkkraft, und wer ganze Gerichtstellen beleidigt, der beleidigt mich.«

Ich verlor hierbey 13000 Franks, mußte schweigen, Zetto hingegen wurde mir zum Curator gesetzt, hat mich noch 12 Jahre barbarisch geschoren und gerupft, bis er endlich wegen neuer Verbrechen, mit dem Besen in der Hand die Straßen in Wien reinigen mußte, und im Zuchthause starb.

Um der ganzen Welt die Manipulation einer Wiener Gerichtsstelle aufzudecken, werde ich besser unten das damahlige Juditium militari mixtum in wahrer Gestalt schildern; wobey der ehrliche Mann gewiß zurückschaudern und die bedauern wird, die bey dergleichen Richter Gerechtigkeit suchen müssen.

Hier glaubte er nun durch eine ungeheure Menge neuer Verordnungen, Gesetze und Rescripte dem Übel abzuhelfen; da aber alles unverdaut, undeutlich, unausführlich erschien, so wurde kein Befehl manutenirt noch vollzogen: das alte Sprichwort . . . Wiener Geboth gilt nur 3 Tage . . . bestättigt, und Alles blieb nicht nur beym Alten, sondern die Verwirrung wurde noch größer, die Ränkemacher, Betrüger gewannen offenes Feld, und der Despotismus wüthete ungezähmt bey Hofe, in den Gerichtsstellen und in der Armee.

Kaiser Joseph sahe den Verlust der besten Provinz, hier war er so klein, daß er ein Bittschreiben an den Papst ergehen ließ, welcher eigentlich das ganze Rebellionsfeuer angefächelt hatte. Er möchte die Brabanter durch angedrohte Excommunication zu ihrer vorigen Pflicht zwingen. Er wurde in Rom ausgelacht, und von allen Staatsklugen bedauert.

Er schrieb sogar an die grobgereizte Nation, daß alle Gewaltthätigkeiten des commandierenden Generals d'Alton und seines Ministers Trautmannsdorf, wider seinen Befehl geschehen wären, und daß er ihnen diese beyden Männer zur Bestrafung überliefern wolle. Welches unglaubliche Verfahren für einen Monarchen! Graf Trautmannsdorf hat sich in Wien im öffentlichen Drucke gerechtfertigt, und alle Briefe und Ordres des Kaisers, die seiner Versicherung widersprechen, bekannt gemacht. D'Altons Adjutant desertirte, und brachte denen Brabantern des Kaisers Originalbriefe, laut welchen er das Kind im Mutterleibe nicht schonen, alles verheeren, und die Gefangenen nach Tartarenbrauch an Pferdeschwänze binden solle. So unveränderlich, so wankelmüthig, so kriechend, so zweydeutig handelte dieser Monarch, da wo er seine Fehler vermänteln und anders scheinen wollte, als er wirklich war.

Des Berliner Hofes Hauptbeschäftigung war, ihn genau zu beobachten, um alle Gelegenheit zu benutzen, Österreich zu schwächen, und Josephs Entwürfe zu vereiteln.

Man hatte seinem Stolze geschmeichelt, und ihm irrige Begriffe von der Unüberwindlichkeit seiner Armee beygebracht. Deßwegen sprach er bey allen Gelegenheiten nur von seinen dreymahlhunderttausend Kriegern Josephs, und suchte Händel überall.

Schmeichler hatten ihm glauben gemacht, daß er geschaffen sey, um Friedrichs Ruhm zu verdunkeln. Er selbst glaubte, daß bey seinem ersten Auftritte auf dem Schlachtfelde, Friedrichs Sonne untergehen müsse. Joseph würde aber allein die Welt unterjochen, und allen Monarchen Gesetze vorschreiben. Die deutschen Reichsfürsten, die er gar nicht leiden konnte, weil Fürst Kaunitz sie ihm so ohnmächtig, so verächtlich geschildert hatte, wollte er, wie Cäsar seine Besiegte, in Wien im Triumphe aufführen.

Diese Gesinnung wurde ruchbar, die Falle ihm gelegt, in welche er unvorsichtig fiel und zum Gespötte diente. Der pfälzische Gesandte in Wien, Baron Ritter, wurde zum Hauptwerkzeuge vom Berlinerhofe gebraucht, um ihn zu dem Hauptschritte zu bewegen, welcher ihn als Usurpator der deutschen Freyheit auftreten ließ.

Dieser arglistige Mann, welcher in Wien alle Gesandtschastsstuffen bis zum Minister erlangt hatte, kannte durch 26jährige Erfahrung die Wiener Manipulation genau, war ein angenehmer Gesellschafter in weiblichen, auch in gelehrten Gesellschaften; ein wahrer Hofmann, den der alte Minister Becker gebildet, und den sein großer Einfluß bey den Hof-Damens und Beichtvätern so beliebt machten, daß er wirklich das Organ aller auswärtigen Gesandten wurde, die große Entdeckungen und Entwürfe ausführen wollten. Er wußte sich als Menschenkenner so gut bey dem Kaiser Joseph einzuschmeicheln, daß er sein unbegränztes Vertrauen gewann. Da nun Ritter Busenfreund des Minister Becker, welcher seinen Herrn am Leitfaden führte, und dem an Bayerns Wohlfahrt weniger als an der seinigen gelegen war, so wurde durch diese zwey, von dem Berliner Hofe wohl instruirten Männer, die Convention zwischen dem Kaiser und dem schwachen Churfürsten auf eine solche Art geschlossen, daß Joseph dabey als ein wahrer Usurpator und deutscher Reichsfeind auftreten mußte, um eigentlich dem schlauen Friedrich Gelegenheit zu geben, ihn in dieser Gestalt zu schildern, anzugreifen, und den deutschen Fürstenbund hervorzubringen.

Dieses war die Hauptintrigue, und sie gelang nach dem Plane, den Ritter zu bewerkstelligen wußte, um den Kaiser in das Garn zu locken. Mit Einverständniß des Berliner Hofes, hätte Joseph seinen Zweck erreichen können. Man wollte aber die Sache just so und nicht anders einleiten, und sie gelang durch Ritters Ränke nach dem Wunsche der Feinde Österreichs, der den Kaiser so zu lenken wußte, daß er bis zu seinem Tode in Wien verehrt, auch unentdeckt blieb, seinen Beutel auf allen Seiten spickte, und die brillanteste Ministerrolle an einem Hof spielte, den er hinterging. Was die aufgeklärten Bayern von ihm, und vom Tode ihres Churfürsten urtheilen, der gleich nach der Unterschrift der Convention in eine redlichere Welt überging, ist nicht meine Sache, zu beurtheilen, noch bekannt zu machen. Genug, der Krieg mit Preußen brach los, und Joseph wollte nach seinen damahls sehr umnebelten Begriffen schon gerade nach Berlin marschieren.

Mir war damahls die ganze Intrigue, die Ritter spielte, durch einen Zufall genau bekannt. Der Erzherzog Leopold; nachmahliger Kaiser, kam eben nach Wien, da der Kaiser nach Böhmen zur anrückenden Armee abgereiset war.

Ich hatte diesen Herrn lieb, war eben von Paris und Mannheim nach Wien gekommen, ging zu ihm, und entdeckte ihm das ganze Geheimniß, auch die große Gefahr, in welche dieser Krieg Österreich verwickelte, und die mir genau bekannten Anschläge, welche in den Operationen verdeckt lagen, und überall besonders von unzufriedenen Ungarn ohnfehlbar ausbrechen würden. Seine Entscheidung war: Mein lieber Trenck, ich muß Morgen dem Kaiser nach Böhmen folgen. Schreiben sie mir einen Brief, als ob ich ihnen befohlen hätte, sie sollten Morgen zu mir kommen. Sie hätten mich aber nicht mehr gefunden, und schickten mir deßhalb diesen Brief per Estaffette nach, dessen Inhalt sie dem Monarchen bekannt zu machen wünschten. In diesem Briefe sagen sie mir alles, was sie mir heute mit so warmem Diensteifer vertraueten, ich werde davon Gebrauch zu ihrem Vortheile zu machen wissen.

Ich erfüllte diesen Befehl buchstäblich, und expedirte mit diesem Briefe eine Estaffete, die ich selbst bezahlte.

Bey der Zurückkunft nach Wien sagte mir Leopold: Er habe den Brief eben erhalten, da er mit dem Kaiser zu Pferde stieg, um das Lager zu bereiten. Der Monarch habe nach dem Inhalte dieses Briefes gefragt, den er ihm zur Durchlesung übergeben: Er habe ihn mit Aufmerksamkeit lächelnd durchforscht, ihn zurück gegeben, und nichts anders gesagt als:

»Es ist doch sicher, der Trenck schreibt scharmant.« Dieß war also die Folge und Wirkung einer Entdeckung der äußersten Wichtigkeit. Die Folge hat erwiesen, daß ich alles richtig vorsagte, was bald darnach geschah, und noch sicher ausgebrochen wäre, wann die scharfsichtigste Theresia nicht Wege zum Frieden gefunden hätte. Das ist der österreichische Lohn für rechtschaffene Handlungen. Joseph war auch viel zu sehr von seinen großen Kriegskenntnissen eingenommen, um einen Augenblick zu zweifeln, daß er ganz Europa Gesetze vorschreiben und unterjochen werde. Maria Theresia hatte Erfahrung, sie mußte nur von ihrem nach Ruhm, Blut und Krieg lechzenden Sohne gereizt, halb gezwungen nachgeben, und ihre Armee marschieren lassen, negotirte aber immer heimlich den Frieden in Berlin.

Joseph hingegen schrieb ihr noch 3 Tage vor der wirklichen Einrückung der Preußen in Böhmen:

»Nimmermehr würde der vor dem großen bewaffneten Joseph zitternde Friedrich den wirklichen Krieg wagen. Es wären alle seine Anstalten nur Schreckbilder, um ihm die Besitzung Bayerns zu hindern. Er würde schon andere Saiten aufziehen, sobald er Ernst sehe.«

Große Dinge hat er unternommen, mehr als man möglich glaubte, weit mehr als alle seine Vorfahren.

Da er die Hierarchie mit wahrem Heldenmuthe angriff, und alle unsichtbare Fesseln Roms zu zertrümmern schien, der Entschluß war aber nicht anhaltend: Er wankte in der Ausführung, griff das Werk auf der unrechten Seite an, und ob zwar wirklich unglaubliche Dinge in Österreich geschahen, wo sogar schon einige Hofräthe und Minister wirklich anfingen, vernünftige Bücher zu lesen, ohne den Beichtvater um Rath zu fragen: so rollte doch viel in das alte Chaos zurück, da man den Kaiser wieder als einen reumüthigen Sünder vor dem Priester knien, und sogar Rosenkränze bethen, und bekuttete Gaukler öffentlich begleiten sahe.

Mönchsklöster wurden zwar aufgehoben, aber die Mönche selbst nicht nach Rom getrieben, sondern auf den Dörfern und Städten als Pfarrer und Vikäre angestellt, wo sie itzt mehr als vertriebene Märtyrer darstellen, und Controvers-Gaukelspiele verbrüllen. Josephs Ruhm würde unsterblicher als aller möglichen Helden seyn, wenn er das angefangene heilsame Werk für das Wohl seiner Staaten männlich ausgeführt, und die römische vielköpfige Hydra gar erwürgt hätte. Er quetschte der Geistlichkeit aber nur etwas Geld heraus, und hinderte nicht, daß sie es auf der andern Seite wieder doppelt bey mitleidigen Dummköpfen herauslocken konnte.

Sein Schild war aber zu schwach, um im Kampfe des Aberglaubens gegen Menschenverstand zu siegen. Er unterlag der Arglist und wurde erst ein heimlicher Fanatiker, weil er sich seiner Schwachheit schämte. Ich kannte diesen Kopf schon im ersten Anblicke, nirgends fand er aber Hilfe, weil er keine zu suchen wagte. Die schlauen Kundschafter Roms benutzten die Gelegenheit. Hierzu kam noch, daß alle seine Entwürfe mißlangen, dieses schrieb sein schwacher Geist nicht seinem eigenen Betragen, sondern der Rache der im Himmel und auf Erden beleidigten heiligen Ordensstifter zu. Er wankte, unterlag und wenn er länger gelebt hätte, so war das spanische Inquisitions-Gericht ohnfehlbar in Wien eingeführt, wobey er selbst die neuesten Arten von Martern erfunden hätte. Gottlob! kann man also sagen, daß er mit solchen Gesinnungen noch zur rechten Zeit starb, ehe die geheim vereinigte Geistlichkeit eine Bartholomäusnacht in den Erblanden ausführen konnte, wobey er selbst gelacht, und der Protestanten Güter pro indemnisatione der Pfaffen Raubsucht überlassen hätte. Indessen hat Joseph doch die Ehre, daß er in die Zahl der großen Reformatoren auftreten kann, die Dank und Ehrfurcht der Nachwelt verdienen und Licht zu verbreiten anfingen. Diese große Unternehmung löscht schon wirklich große Flecken in seiner wahren Biographie aus, und ich ehre allein deßwegen seine Asche, weil er nach einer so blödsüchtigen Erziehungsart mitten unter fanatischen Wienern dennoch Muth genug hatte, den Angriff zu wagen, der mit mehr anhaltendem Ernste hätte die glücklichsten Folgen für den Menschenverstand, für das Wesentliche der österreichischen Macht hervorbringen können. Gott lohne ihn für seinen guten Willen! und behüthe seinen Nachfolger, in eben die Grube zu fallen, worinnen die römische Politik so viele gute Könige, als niederträchtige Sclaven gefesselt hielt.

Joseph verdiente aber doch ein besser Schicksal, weil seine Absicht bey vielen Unternehmungen dennoch gut war, ob er gleich in der Art der Ausführung sehr fehlte, besonders da der Brabanter ganz anders als der kriechende Österreicher, und der stolze Ungar anders als der hartnäckige Böhme behandelt werden muß. Der Ungar sollte sogar seine Muttersprache vergessen, alle seine Fundamentalgesetze, seine Nationalprivilegien verlieren. Ihre Krone, ihr Palladium des Aberglaubens wurde mit Schmach durch Polizeysoldaten gewaltsam aus Preßburg nach Wien gebracht, und ein so unbedeutendes Ding empörte das ganze Königreich.

Des Monarchen Eigensinn, der überall ein militärisch-sclavisches Gouvernement einführen wolle und Völkerrechte mit Füßen trat, verursachte allein die Empörungen, und alle Schmach, die er in seinen letzten Tagen erdulden mußte. Seine Staats- und persönliche Feinde benutzten diese Gelegenheit und seine despotischen Rathgeber spotteten des Monarchen, der alle Volksliebe verloren hatte, und sich in solcher Lage in auswärtig verderbliche Kriege mischte. In Böhmen, in Tyrol spuckte es auch schon, die Galizier befanden sich in Umständen, wo sie nichts mehr zu verlieren hatten, und am Rande der Verzweiflung zur Nothwehr gegen ihre Büttel greifen mußten, die man ihnen vom Schaum der niederträchtigst dümmsten und raubgierigsten Wiener geschickt hatte, um das Land zu regieren. Die Folgen waren handgreiflich vorherzusehen, und Joseph starb just zu rechter Zeit, um die Trennungen aller österreichischen Provinzen zurückzuhalten. Das sind die Folgen des eisernen Scepters, wenn der Despot die Priester nicht auf seiner Seite, und die Armee mit auswärtigen Feinden zu kämpfen hat. Noch just zu rechter Zeit trat ein sanftmüthiger Leopold auf den Thron, der durch Nachgiebigkeit, Menschenliebe und Großmuth das drohende Wetter zurückhielt, die aufgebrachten Gemüther besänftigte, und sich selbst und seine gährenden Staaten zu beruhigen Mittel fand. Wogegen Joseph die Peitsche der Erde heißen konnte, wenn seine herrschsüchtigen Entwürfe in der Ausführung möglich gewesen wären.

Seine wirklich heldenmäßige Unternehmung gegen die römische Hierarchie würde ihm eine ewige Ehrensäule unter den größten Menschen bauen, wenn er nicht in der Ausführung gewankt hätte. Das Eis war gebrochen, die Hindernisse schon aus dem Weg geräumt, der Sieg über Aberglauben gewiß, die Preßfreyheit bewirkte bereits Wunder . . . aber die brabantische Revolution machte ihn schüchtern, er sahe, daß ein Despot Pfaffen-Mitwirkung bedarf. Die französische Revolution schreckte ihn, die arglistigen wohlinstruirten Beichtväter mahlten seinen wankenden Begriffen die Teufel schwarz, und er gerieth selbst in den tiefsten Schlamm des Fanatismus. Indessen hätte der Staat große Summen durch Aufhebung vieler Klöster gewonnen, wenn die hierzu gebrauchten Commissarien ehrliche, uneigennützige Leute gewesen wären. Seine unbedachtsam angefangenen Kriege verschwendeten aber dieses Geld doppelt, und seine wirklich kostbaren Reisen, die weder ihm noch dem Lande nutzten, vereitelten alles und machten die Cassen leer. Seine Liebeshändel kosteten ihm wenig, weil er ganz gemeinen Dirnen wenig zahlte. In Paris und Venedig allein wurde er von ihnen geschröpft. Dagegen richteten ihn venerische Krankheiten zu Grunde, die ihm den schmerzhaftesten Tod und ein zu frühes Grab verursachten.

Nun will ich auch die versprochene treue Schilderung eines wienerischen Justiz-Collegio hier anbringen, wozu ich Beweise und legale Documente in Händen habe. Dann wird jeder Leser, der eine gerechte Sache zu suchen hat, gewiß mit Abscheu zurückbeben und sagen . . . Trenck, warum hast du so lange in Österreich gelebt? Dorthin gehört kein Mann wie du.

Das Judicium militare mixtum, eine vom Hofkriegsrathe abhängige Stelle, war mein Forma competens, weil ich Uniform trug, und bestand aus Militärpersonen und Regimentsräthen oder Justitiarien.

Der Präsident war der Fürst Carl Liechtenstein, ein edelfühlender und gerechter Herr, der aber nur sehr selten den Rath besuchte. In seiner Abwesenheit präsidirte der 80jährige Greis General Faber, ein wahrer Menschenfreund und rechtschaffener auch geschickter Mann. Er war aber Invalide, und von Wunden so zugerichtet, daß er den größten Theil des Jahres von der Gicht gefoltert im Bette liegen mußte, folglich erschien er selten. Dann präsidirte der General, Baron Kösporn, ein ehrlicher Mann, der aber die Rechte nicht studiert hatte, und gegen die zankenden Rabulisten den Mund nicht öffnete, weil er gleich überstimmt wurde. Er saß als ein friedliebender Mann demnach im Rathe unwirksam und widersprach selten, weil er der einzige Soldat in demselben war, hatte auch nur Eine Stimme. Die sogenannten Justitiarien, oder Rabulisten waren folgende: Herr Regierungsrath Zetto, Edler von Kronsdorf, war der Wortführer und erster Referent. Dieser Mann war in ganz Wien öffentlich als der größte Spitzbube und Rechtsverdreher bekannt, der liederliche Streiche, Falsa machte, alles im Hurenleben verschwendete, und Weib und Kinder darben ließ. Er hatte aber eine schöne Tochter, die dem Kaiser Besuche abstattete, hierdurch saß er als Referent in der Gerichtsstelle. Fürst Liechtenstein, ein unmäßiger Liebhaber des schönen Geschlechtes, schützte ihn auch aus eben der Ursache, und hat dreymahl seine Schulden bezahlt, auch zweymahl ihn vom Galgen errettet, um seine unglückliche Familie zu retten. Dieser böse Mensch regierte damahls die ganze Stelle, weil er Arglist, Maulwerk, Vortrag, Justizpractik im vollkommensten Grade besaß, und ein vortrefflicher Referent gewesen wäre, wenn er ein ehrlicher Mann hätte seyn können. Der Andere war ein gewesener Auditor, Nahmens Demscher. Dieser Mann war nicht reich genug, um seine Hausverschwendung zu bestreiten; er benutzte eine schöne Tochter, welche der Jude Wetzlar geschwängert hatte, auch unterhielt. Sein Haß gegen mich war unbegrenzt, weil er als Fanaticus Gott ein Opfer zu bringen glaubte, wenn er mich als Ketzer verfolgte. Er war in einer Gerichtssache mein Referent, las sein Referat im Rathe vor. Es wurde gut geheißen und er unterschob ein andres ganz widriges. Da dieses von der Oberstelle decratirt erschien, erkannte es kein Beysitzer für das vorgelesene. Es war schändlich und ehrenrührig gegen mich und meinen Agenten, Nahmens Dorfner. Es mußte uns zugestellt werden. Ich schrie laut um Gerechtigkeit, und mein Agent foderte öffentliche Satisfaction. Er erhielt sie auch, weil es geschehen mußte, und Demscher bath ihn um Verzeihung. Ich aber erhielt gar keine, und das Urtheil wurde zu meinem größten Nachtheile vollzogen.

Jetzt sitzt eben dieser Mann als Hofrath und Referent im großen Hofkriegsrathe, und Gott behüthe mich, jemahls in demselben Gerechtigkeit für mich zu suchen.

An seine Stelle trat der Regierungsrath Baron Waldstätten. Dieser Mann, der arm war, hatte seine Frau dem reichen Lieferantensohn, Baron Grechtler genannt, ordentlich verpachtet. Er unterhielt sie und das ganze Haus, gab dem Manne jährlich 6000 fl. Recrationsgeld, und lebte öffentlich mit ihr als seiner Maitresse. Er starb vor zwey Jahren, und hinterließ ein Vermögen von mehr als zwey Millionen der 3jährigen Tochter dieser Maitresse, die er von seiner eignen Fabrike glaubte, und dennoch den Nahmen des Verpachters führt.

Ob aber ein solcher Mann, der so niederträchtig mit seinem Weibe wuchert, in den ehrwürdigen Richterstuhl gehöre; ob von ihm Gerechtigkeit zu erwarten sey, da er ohne Ehre lebt, und sein Eigennutz erwiesen ist; dieses überlasse ich dem Urtheile meiner Leser, und besonders dessen, welcher seine Räthe für Justizstellen wählt.

Der Secretär in diesem Collegio, eines arglistigen Advocaten Sohn, Nahmens Edler von Fillenbaum, dirigirte das ganze Collegium, und sprach mehr im Rathe als alle Beysitzer, weil er mit Zetto gemeinschaftliche Sache machte, mit ihm negocirte und mit ihm alle Beute theilte. Fürst Liechtenstein protegirte ihn besonders, weil seine schöne Frau ehemahls seine Maitresse war. Fillenbaum zeigte sogar Jedermann seinen ältesten Sohn mit Stolz als einen Sohn des Fürsten, dem er vollkommen ähnlich war, und versicherte, der Fürst habe ihm als Taufzeuge 300 Ducaten geschenkt.

Zetto der Bösewicht, arbeitete mit ihm gemeinschaftlich, und verschaffte diesem schlauen Rabulisten die besten Curatelen, bey denen sie sich beyderseits mästeten.

So wurde mir auch durch Zettos Anordnung eben der Fillenbaum zum Fideicommiß-Curator ernannt, der mir binnen zwey Jahren mehr als 4000 fl. aus dem Beutel schröpfte, und noch dreymahl mehr Schaden verursachte.

Hatte Zetto etwas für mich zu referiren, so blieb die Sache liegen, bis ich dem Fillenbaum 50 Ducaten oder eine Kiste Champagner behändigte, um den Herrn Referenten zur Beschleunigung aufzumuntern. Der Raub wurde sodann unter ihnen brüderlich getheilt.

Wie es denen armen Pupillen bey solchen Curatoren geht, will ich hier erklären.

Der Herr Curator legt alle Jahre seine Rechnung ab, und übergibt sie im Rathe. Dann erhält sie ein Zetto zum Revidiren und Referiren, folglich ist der Curator immer gepriesen und vom ganzen Collegio absolvirt.

Ein in ganz Wien bekanntes Beyspiel.

Eine Officierstochter, ein schönes Mädchen, stand unter Curatel mit 16 bis 20000 fl. Vermögen. Der Herr Curator verstand sich mit einem Vagabunden, der sich für einen Grafen ausgab, eigentlich aber ein Montenegriner-Räuber und ein abscheulicher Kerl war. Der Herr Curator war mit ihm einig, und der Heirathscontract wurde unter ihnen geschlossen, der Braut auch ein großes Gegenvermächtniß bestimmt. Diese wurde nun nebst der rechtschaffenen Mutter vor Gericht citirt. Die ehrwürdige Frau widersprach der Heirath, forderte Sicherheit für ihr einziges Kind mit aller möglichen mütterlichen Beredsamkeit . . . Die Tochter that eben das, warf sich auf die Knie, und erklärte, daß sie ohnmöglich einen so barbarischen Mann heirathen könne. Nichts half . . . nichts erregte Erbarmen. Zetto drang durch, die Heirath wurde gerichtlich decretirt. Der Bräutigam empfing aus Zetto und des Curators Händen das Capital, gewiß nicht ohne merklichen Abzug, und reisete schleunigst mit seiner Frau nach Ungarn. Hier lebte er drey Monathe mit ihr bey oft wiederhohlten Karbatschenstreichen in prächtiger Livree von seinem Raubgesindel bedient. Endlich ließ er sie nackt und bloß, schwanger und ausgeplündert sitzen, und flüchtete aus dem Lande.

Nun erschien die Mutter in Wien, schrie laut um Gerechtigkeit und Erbarmen; nichts half. Sie flohe zum Kaiser. Dieser schickte nach Wiener Brauch die Sache ad referendum an eben die Gerichtsstelle, wo die Schandthat begangen war. Man kann sich leicht vorstellen, was diese referirte um sich zu rechtfertigen. Der Curator ward gerichtlich absolvirt, und gegen alle Klage hierdurch gedeckt, der Monarch wurde betrogen, und wehe dem der eine Gerichtsstelle anzugreifen wagt. Der Monarch muß ihr glauben, und alle Rettung blieb verloren. Die weinende Mutter wurde noch dazu als eine frevelnde Klägerinn aus dem Controllorgange getrieben, ihre Bittschrift vor die Füsse geworfen, und die unglückselige schwangere Tochter lebt jetzt im tiefsten Elende. Ich selbst gab ihr ein Almosen zum Kindbette. Noch ärger.

Sie hatte noch 1000 fl. anliegen, die dem Bräutigam nicht gleich konnten baar erlegt werden, weil sie nicht sogleich eingetrieben werden konnten. Sie warf sich auf die Knie vor dem Gerichte und bath um ihr Geld zur Unterstützung. Der infame Curator protestirte aber und sagte, ihr Taufschein sey falsch, und sie sey noch nicht majoren. Zetto fiel bey und sagte: dieses Geld gehöre dem Kinde, und ihr nicht. Und sie erhielt keinen Groschen. Dieß devertirte eben der Mann, der nicht sagte, daß sie noch nicht majoren sey, da er ihre Person und ganzes Vermögen einem Spitzbuben übergab. So verfährt man in Wien mit Pupillen, und solche Vorfälle ereignen sich überall häufig. Und was das ärgste ist, so werden immer Advocaten oder Agenten zu Curatoren und Vormundschaften gewählt, die von denen Richtern Protection erkaufen können. Ich kenne einen Agenten, der 43 Curatelen hatte, und ohne zu betrügen, seine Procenten von allen zog, auch ausserdem für Sporteln gute Rechnung zu machen wußte. Auch sogar der berüchtigte Zetto und Fillenbaum hatten eine Menge Vormundschaften zu verwalten. Ich selbst mußte noch in meinem 60sten Jahre ihr Pupille seyn, und mich von solchen Kerlen chicaniren lassen.

Die übrigen Beysitzer außer denen Benannten im Judicium militare mixto waren ein alter guter, aber immer schweigender Regierungsrath, und ein achselzuckender Actuarius. Fillenbaum aber führte Protocoll und Feder.

Über das ebenfalls tragische Ende (wir sagen »ebenfalls,« da der Major im July 1794 zu Paris guillotinirt wurde) seines Verwandten, des berüchtigten Panduren-Obersten und nebenbey über die famose Erbschaft äußert sich unser Held im 1. Band seiner Selbstbiographie (ausführlich jedoch im 3. Bande). Wir glauben aus Gründen, es werde manchem unserer inländischen Leser nicht unwillkommen seyn, diese Äußerung hier angebracht zu finden; und sie folge also:

Der Vater dieses auf dem Spielberge verstorbenen Trenck, hatte im Jahre 1743, da er als Commandant und Obrister zu Leitschau in Ungarn starb, als ungarischer Cavalier und Güterbesitzer ein solennes Testament errichtet, in welchem er mich als seines Bruders Sohn, seinem eigenen Sohne substituiret, falls dieser ohne männliche Erben sterben sollte.

Dieses Testament war vom Domcapitel zu Zips verfertigt, von 7 Capitularen unterschrieben und vom Palatino Grafen Palfy ratifiziret, folglich ohne Widerspruch gültig.

Der alte Trenck starb zu Leitschau 1743. Sein Sohn war damahls Panduren-Oberst im bayrischen Kriege.

Das Zipser Capitel schickte dieses Testament an den kaiserl. Hofkriegsrath nach Wien ad exequendum. Dieser übergab dem Sohne die Verlassenschaft simpliciter, ohne für die Sicherheit des Substituirten den rechtlichen Curatoren anzustellen. Durch dieses Versehen konnte aber meinem Substitutionsrechte gar nichts präjudicirt noch vergeben werden. Der Trenck übernahm die Erbschaft seines Vaters, hat auch niemahls gegen diese klare Substitution protestirt. Er starb im Jahre 1749 wirklich ohne Kinder, folglich konnte er auch nie in praejudicium meines per substitutionem erlangten Rechtes über sein Vermögen disponiren noch testiren noch clausuliren. Ich war allezeit haeres ab intestato; ja sogar in causa confiscationes, hätte ich die Güter seines Vaters niemahls verlieren können. Diese in Rechten gegründete Wahrheit, wird gewiß kein Richter zernichten noch widerlegen.

Mein Spielberger Testator wußte alles nur gar zu wohl. Er war, wie ich bereits erzählt habe, mein ärgster Feind, der mir sogar nach dem Leben getrachtet hatte. Nun will ich auch das eigentliche Räthsel seines arglistigen Testamentes entwickeln.

Dieser in sich selbst böse Mann wollte nicht länger im Gefängnisse leben; er wollte auch nicht um Gnade bitten, wodurch er, wie landkündig ist, sogleich seine Freyheit hätte erhalten können. Er war keineswegs als überzeugter Übelthäter auf den Spielberg verurtheilt. Seine mächtigen Feinde fürchteten seine Rache mit Recht, er hatte schon im Arrest zu Wien gedroht, sie fanden aber Mittel, ihm den Willen zu fesseln. Deshalb allein war er das Opfer ihrer Kunstgriffe bey Hofe.

Sein Prozeß hatte schon viel gekostet, sein Geiz, seine einmahl verlorne Hoffnung, den Schaden zu ersetzen, oder noch reicher zu werden, erniedrigte seine raubgierige Seele bis zur Verzweiflung. Seine Ruhmbegierde war unbegrenzt und diese konnte nicht besser befriedigt werden, als wann der Pandur als ein Heiliger starb und nach dem Tode Mirakel machte. Dies war wirklich sein Entwurf, denn er war einer der ärgsten Atheisten, glaubte nichts nach dem Tode als Überzeugung und gestattete sich alles, weil er ein böses Herz im Busen nährte. – Hierzu kam noch dieses.

Er wußte, daß ich nach seinem Tode sogleich die Verlassenschaft seines Vaters fordern, auch gewiß erhalten würde. Dieser hatte bereits im Jahre 1723 die Herrschaft Prestowacz und Pleterniz in Sclavonien von seinen aus Preußen erhaltenen Familiengeldern erkauft. Und noch bey Leben kaufte der Sohn mit 40000 Fr. von des Vaters Capitalien die Herrschaft Pakraz. Diese drey Herrschaften waren also Güter, die auf mich directe derolvirt waren, und worüber er so wenig als über die übrigen ererbten Gelder, Mobilien und Häuser seines Vaters testiren noch clausuliren konnte.

Alles Vermögen, das er selbst erworben hatte, stand in Administration, aber 100,000 Fr. waren schon für den Prozeß verloren gegangen und 63 Prozesse und Forderungen waren noch wirklich gegen ihn bey Gericht anhängig.

Nun wollte er auch gerne für die 80,000 Fr. Legate machen. Wenn ich also nach Wien gekommen wäre, und meine bona avica von seinem Vermögen weggenommen, mich aber um die anhängigen 63 Prozeße gegen seine Masse nicht angenommen hätte, so sah er wohl voraus, daß für seine Legatarien gar nichts überbleiben würde.

Er errichtete demnach ein doloses Testament, um mich noch nach seinem Tode unglücklich zu machen. Deshalb ernannte er mich allein zum Universalerben, machte gar keine Erwähnung von seines Vaters Testament, welches ihm die Hände gebunden hätte, verordnete gegen 80,000 Franks Legate und Stiftungen und suchte sowohl durch die vermäntelte Art seines Todes, als besonders durch folgende Bedingungen die Monarchie zur Protection seines Testamentes zu bewegen: daß ich

  1. Die katholische Religion annehmen.
  2. Keinem andern Herrn als dem Hause Österreich dienen sollte, und
  3. machte er seine ganze Verlassenschaft ohne das väterliche Vermögen auszunehmen zum Fideicommiß.

Eben hieraus wuchs mein ganzes Unglück und dieses war seine Absicht. Denn noch kurz vor seinem Tode sagte er dem Commandanten Baron Kottulinsky: Jetzt sterb ich mit der Freude, daß ich meinen Vetter noch nach meinem Tode chicaniren und unglücklich machen kann. –

Sein in Wien geglaubter mirakulöser Tod erfolgte auf folgende Art; wodurch er besonders viele Kurzsichtige, ganz für seine Absichten lenkte, die ihn wirklich heilig glaubten.

Drey Tage vor seinem Tode, da er vollkommen gesund war, ließ er dem Commandanten sagen, er wolle seinen Beichtvater nach Wien schicken, denn der heilige Franciscus habe ihm offenbaret, er würde ihn an seinem Nahmenstage um 12 Uhr in die selige Ewigkeit abholen. Man schickte ihm den Capuziner, den er nach Wien abfertigte und lachte mit den übrigen.

Am Tage nach des Beichtvaters Abreise, sagte er – Gottlob! Nun ist meine Reise auch gewiß. Mein Beichtvater ist todt und mir bereits erschienen.

Dieses bestätigte sich am folgenden Tage wirklich. Der Pfaff war gestorben. Nun ließ er die Officiere der Brünner Garnison zusammen kommen, sich als Capuziner tonsiren, auch in die Kutte einkleiden, hielt seine öffentliche Beicht und dann eine stundenlange Predigt, worinnen er alles zum heilig werden aufmunterte, und den größten aufrichtigsten Büßer spielte. Dann umarmte er sie alle, sprach von der Nichtigkeit der Erdengüter lächelnd, nahm Abschied und kniedete nieder zum Gebeth, schlief ruhig, stand auf, kniete, bethete wieder, nahm um 11 Uhr Mittags am 4 October die Uhr in die Hand und sagte: Gottlob! die letzte Stunde nahet. Jedermann lachte über dieses Gaukelspiel eines Mannes seiner Art, man bemerkte aber, daß sein Gesicht auf der linken Seite weiß wurde. Hier setzte er sich nun an den Tisch mit aufgelehntem Arm, bethete, blieb aber ganz still mit geschlossenen Augen. Es schlug zwölf Uhr, er bewegte sich nicht, man redete ihn an, und er war wirklich todt.

Nun erscholl das ganze Land von dem Mirakel, der heilige Franciscus habe den Panduren Trenck in den Himmel geholt.

Die Auflösung des Räthsels und Mirakels ist aber eigentlich diese, und mir allein gründlich bekannt.

Er besaß das Geheimniß des sogenannten Aqua Toffana und hatte beschlossen, nicht länger zu leben.

Seinem Beichtvater, den er nach Wien schickte, hatte er alle Geheimniße vertraut und ihm viel Kleinodien und Wechselbriefe mitgegeben, die er an die Seite geschafft wissen wollte. Ich weiß positiv, daß er einem gewissen großen Prinzen damahls seine Wechsel pr. 200,000 Fr. zurück geschickt und cassirt hat, der mir als rechtmäßigen Erben keinen Groschen wieder gab. Der Beichtvater sollte aber außer Stand gesetzt werden, ihn jemahls zu verrathen, deshalb nahm er seine Giftdose mit auf die Reise und ward bey der Rückkehr todt gefunden. Er selbst hatte dieses Gift genommen und wußte daher die Stunde seines Todes. Nun spielte er seine tragische Rolle als Heiliger, um dereinst dem Florianus oder Crispinus den Rang streitig zu machen. Da er auf Erden nicht mehr der Reichste und Größte werden konnte, wollte er im Grabe angebethet seyn. Versichert war er, daß Mirakel bey seinem Grabe erfolgen würden, weil er eine Kapelle erbaut, eine ewige Stiftmesse fundirt, und den Capuzinern 6000 Franks vermacht hatte.

So starb eigentlich dieser ganz besondere Mann im 34. Jahre seines Alters, er, welchem die Natur keine Gabe, kein Talent versagt hatte, der die Geißel der Bayern und das Schrecken der Franzosen war, der mit seinen verächtlich geglaubten Panduren sogar gegen 6000 preußische Gefangene geliefert hat. Er lebte als Tyrann und Menschenfeind und starb als heiliger Schurke.

So war nun die Lage des Trenckischen Testamentes, da ich im Jahre 1750 nach Wien kam.

Ich erschien nicht, so wie einige Verläumder unlängst in Gesellschaft gesagt haben, als ein Dienst- und brotsuchender Bettler. Nein, ich hatte die russischen Dienste verlassen, wo ich glücklich war. Der kaiserl. Gesandte hatte mich überredet, mein gewisses Glück zu verlassen, um mein Unglück in Wien zu finden.

Ich brachte von meinem russischen Gelde noch gegen 20,000 Fr. baares Geld und in Schmuck nach Österreich.

Ich habe während der Wienerprozesse noch gegen 15,000 Fr. aus Berlin, Petersburg und von meiner Familie in Wien erhalten, und aufgeopfert, folglich vom Trenck nicht nur nichts geerbt, sondern noch über 120,000 Fr. von meinem eigenen Gelde, und von dem auf mich decretirten Vermögen seines Vaters verloren und zugesetzt.

Daß aber der Hofkriegsrath im Jahre 1743 die väterliche Verlassenschaft dem Sohne simpliciter übergab, und die sonnenklare Substitution mit höchst strafbarem Stillschweigen überging, das hat dem Trenck gewiß ein paar hundert Ducaten Geschenk gekostet. Ich war aber das schmähligste Opfer dieser rechtlosen Prozedur, weil der jetzt neue Hofkriegsrath die Fehler des Alten niemahls aufdecken, noch vermitteln wollte, und mich deshalb unterdrückte, weil seine Vorfahren keine Richterpflicht erfüllt hatten.

Man läugnete mir sogar im Jahre 1764 das ganze Original-Testament, bis ich eine eigene hofkriegsräthliche copiam vidimatam vom Jahre 1751 gezeichnet, aus Preußen und den Empfangschein desselben aus dem Zipser Capitel erhielt, welches das Original dem Hofkriegsrath übergeben hatte.

Doch endlich fand sichs auch im Protocoll – half mir aber nichts mehr, weil mir niemand wollte Gerechtigkeit wiederfahren lassen, wär ich aber in Magdeburg gestorben, so hätte meine Familie gewiß nichts mehr im Protocoll gefunden.

So verfährt man bey Gerichtshöfen in Wien ungestraft. Wehe dem ehrlichen Manne, welcher sich daselbst nicht in Zeit und Umstände zu schicken weiß.

Ein Hofrath Zetto verfälschte ja ein Testament für etliche Ducaten Remuneration. Und solche Zetto's leben noch viele außer dem Zuchthause in Wien.

Nun weiter zur Geschichte.

Bey der ersten Audienz konnte die Monarchinn nicht gnädiger sein als sie zu seyn schien. Sie sprach von meinem Vetter mit gerührter Achtung, Sie versprach mir allen Schutz und Gnade und sagte, das Graf Bernes mich Ihr besonders empfohlen hätte. Da Judicium delegatum wurde allein für die Trenckische Verlassenschaft angeordnet. – Sobald ich aber den bestimmten Präsidenten und die Räthe kennen lernte, sobald ich 63 wirklich anhängige Prozesse sah, die ich in Wien ausführen sollte, wo ein ehrlicher Mann eine Lebenszeit bedarf, um nur für einen Recht zu finden; – beschloß ich sogleich die ganze Erbschaft abzulehnen, auf das Spielberger Testament Verzicht zu thun, und nur allein meine bona avita zu fordern.

Zu dem Ende begehrte ich copiam vidimatam von dem Leitschauisch Alt-Trenckischen Testamente. Ich erhielt sie. Hiermit erschien ich vor Gericht in Person, erklärte, daß ich von Franz Trenck nichts verlange, keine Prozesse noch Legate von ihm übernehmen wolle und allein das Vermögen seines Vaters laut produzirten legalen Testamentes von der Massa im voraus fodre, welches die drey Herrschaften Pakraz, Prestowaz und Pleterniz ohne die Capitalien und Mobilien betraf. Nichts war billiger, nichts unwidersprechlicher als diese Forderung.

Wie erschrack ich aber, da man mir ganz entscheidend im öffentlichen Rathe antwortete: Ihro Majestät die Kaiserinn haben ausdrücklich befohlen.

»Daß falls Sie nicht alle Bedingungen des Franz Trenckischen Testamentes erfüllen wollen, Sie absolut und entschieden von der ganzen Massa abgewiesen werden, und gar nichts zu hoffen haben!« –

Was war zu thun? Ich wagte einen Schritt bey Hofe – ward aber ebenso abgewiesen.

Es war einmahl beschlossen, ich sollte römisch-katholisch werden, und so war ich schutz- und hilflos.

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