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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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V. Kaiser Joseph, Feßler und die Capuzinergräuel in Wien.

Der nachmals so berühmte Schriftsteller Ignaz Aurel Feßler (geb. 1754 zu Czundorf in Ungarn, † 1839) war bekanntlich Mitglied des Capuzinerordens zuerst in Möding, dann in Wien auf dem neuen Markte. Hier sah und hörte er so entsetzliche Dinge, daß es ihn trieb und drängte, den Kaiser davon in Kenntniß zu setzen, und er that das schriftlich unterm 24. Februar 1782 mittelst eines verläßlichen Bothen, direct an die Person des Monarchen.

Feßler erzählt über diesen Hergang Folgendes:

»Seit dem 23. Februar singe ich mit David ohne Unterlaß in meinem Innersten: Gelobt und gepriesen sey der Herr, der meine Feinde in meine Hände gab! Hier die wunderbare Art und Weise wie dieß geschah. In der Nacht vom 23. zum 24. Februar nach der elften Stunde, wurde ich von einem Layenbruder geweckt.

»Nehmen Sie,« sprach er, »Ihr Cruzifix und folgen Sie mir.«

Erschrocken fragte ich: Wohin?

»Wo ich Sie hinführen werde.«

Was soll ich?

»Das werde ich Ihnen dort sagen.«

Ohne zu wissen wohin und wozu, gehe ich nicht.

»Der Guardian hat Kraft des heiligen Gehorsams befohlen, daß Sie mir folgen, wohin ich Sie führe.«

Sobald von der Kraft des heiligen Gehorsams die Rede ist, muß unbedingt geschehen, was befohlen wird, jede weitere Weigerung ist Capital-Verbrechen. Mit Schaudern nahm ich mein Cruzifix und folgte dem Layenbruder, der mit einer Blendlaterne vorausging. Vor der Zelle eines meiner vertrauten Mitschüler vorbeygehend, trat ich schnell hinein, schüttelte ihn aus dem Schlafe, und sagte ihm lateinisch zweymal in das Ohr: »Man führet mich, Gott weiß wohin; erscheine ich morgen nicht, so melde es an Rautenstrauch.«

Unser Weg ging in die Kirche, aus dieser durch ein Paar Kammern; bey Eröffnung der Letzteren rief mir der Bruder zu: »sieben Stufen hinunter!« Mir ward es enge um das Herz, es schien mir entschieden, daß ich kein Tageslicht mehr erblicken sollte. Wir gingen einen langen schmalen Gang, in dem ich rechts in der Mitte des Ganges einen kleinen Altar, links einige mit Hängeschlößern verschlossene Thüren erblickte. Mein Führer schloß eine derselben auf und sprach: »Da liegt ein Sterbender, Frater Nicomedes, ein Ungar, der deutschen Sprache nur wenig kundig, dem sollen Sie die Seele aussegnen. Ich bleibe hier, ist er hingeschieden, so rufen Sie mich.«

Vor mir lag ein langgestreckter Greis, in abgenutztem Habit, unter wollener Decke, auf einem Strohsacke; die Kapuze deckte sein graues Haupt; sein schneeweißer Bart reichte ihm bis an den Gürtel. Neben der Bettstelle ein alter, elender Strohstuhl, ein alter schmutziger Tisch, darauf eine brennende Lampe. Ich sprach einige Worte zu dem Sterbenden; er hatte die Sprache bereits verloren, gab mir jedoch Zeichen, daß er mich verstände. An eine Beichte war nicht zu denken; durch leises Zusprechen half ich ihm Liebe zu Gott, Reue über seine Sünden und Hoffnung auf göttliche Barmherzigkeit in seinem Innern erwecken, und als er mir durch kräftigen Händedruck seine innerliche Rührung zu erkennen gab, ertheilte ich ihm die General-Absolution. Durch die übrige Zeit sprach ich ihm, langsam und pausenweise, Worte des Trostes und der Hoffnung auf ewige Seligkeit ein. Gegen drey Uhr, nach viertelstündigem schweren Todeskampfe, war er dort, seine Leiden hienieden geendigt.

Bevor ich den Layenbruder herbeyrief, besah ich das Gefängniß genau, denn bey der Hülle des Entseelten schwur ich, diesen Gräuel dem Kaiser anzuzeigen. Auf meinen Ruf trat der Layenbruder ein, und im kältesten, gleichgültigsten Tone sagte ich: »Bruder Nicomedes ist weg.«

»Der mag froh seyn, es überstanden zu haben,« erwiederte mein Führer eben so kalt.

Wie lange war er hier?«

»Zwey und fünfzig Jahre.«

Nun da hat er seine Vergehungen hinlänglich gebüßt.

»Ja, ja. Indessen war er doch nie krank. Erst gestern Abends indem ich ihm seinen Krug Wasser und seine Collation vorsetzte, rührte ihn der Schlag.«

Wozu ist der Altar im Gange?

»Dort liest ein Pater alle heiligen Zeiten die Messe für die Löwen, und reicht ihnen die Communion. Sehen Sie, da ist in jeder Thür eine kleine Öffnung, die da aufgemacht wird, durch sie verrichten die Löwen ihre Beichte, hören die Messe und empfangen die Communion.«

Sind mehr solche Löwen hier?

»Ich habe noch vier Stück, zwey Priester und zwey Layenbrüder zu warten.«

Wie lange sind diese hier?

»Der eine 50, der andere 42, der dritte 15, der vierte 9 Jahre.«

Warum?

»Das weiß unser einer nicht.«

Warum werden sie Löwen genannt?

»Weil ich der Löwenwächter heiße.«

Ich hielt es nicht für rathsam, noch mehrere Fragen an diesen Löwenwärter zu thun. Ich ließ mir von ihm in meine Zelle leuchten und überdachte ruhig, was, und wie es nun zu thun sey.

Am 24. Februar schrieb ich eine nachdrückliche Anzeige an den Kaiser mit meines Namens Unterzeichnung. Bald nach meiner Ankunft in Wien hatte ich an einem alten weltlichen Studenten, Bokorny genannt, Böhme von Geburt, von aufgeweckter Gemüthsart und treuem Sinne, einen behutsamen und gewandten Freund gefunden, dessen ich mich ohne alle Gefahr zu geheimen Sendungen an meine Freunde in der Stadt bedienen konnte. Am 25. Februar des Morgens gab ich ihm nach eidlich angelobtem Schweigen meine Schrift an den Kaiser; um 8 Uhr war er damit auf der Burg in dem Courirgange, wo gewöhnlich eine Anzahl Menschen mit ihren Bittschriften der Erscheinung des Monarchen harrten. Joseph nahm das Papier meinem Bothen ab, sah es schnell durch, verwahrte es von den andern Eingaben abgesondert, und entließ meinen Mann mit drohender Ermahnung zur strengsten Verschwiegenheit.

Der Schlag ist nun gefallen; was weiter geschehen ist, oder daraus werden wird, weiß ich heute noch nicht. So wie sich etwas näheres entwickelt, gebe ich Ihnen Nachricht. Unterdessen erzählen Sie diese Geschichte, als wäre sie irgendwo im benachbarten Lande geschehen, meiner Mutter; damit ihr Glaube an die Heiligkeit der Pfaffen allmählig erschüttert werde &c.« So weit Feßler selbst.

Welchen Eindruck die Kunde jener entsetzlichen Frevel auf das Herz des Menschenfreundes Joseph machen mußte, läßt sich begreifen. Ungeachtet seiner natürlichen Heftigkeit übereilte sich jedoch der Kaiser hier nicht; bedächtig erwog er Alles auch mit Zuziehung des aufgeklärten Prälaten Rautenstrauch, welch letzterer unterdeß auch Anlaß gehabt hatte, Feßlern achten und lieben zu lernen. In Bezug auf die baldig günstige Schicksalswendung Feßlers kam noch ein besonderer Umstand hinzu, der auch den Kaiser vollends für den talentvollen, vielseitig unterrichteten, wahrheitsliebenden und unerschrockenen jungen Capuziner einnahm. Feßler hatte nämlich den Muth gehabt, mitten unter den düstern fanatischen Mönchen eine Schrift zu verfassen und drucken zu lassen, des Titels: »Was ist der Kaiser. Verfaßt von einem Capuzinermönch, herausgegeben von Feßler.« Wie die Capuziner hierüber tobten, läßt sich ermessen, und wie sie Rache brüteten mit den gräßlichsten Strafen; allein sie fühlten wohl, daß sie Ursache hätten, das Opfer vor der Hand noch zu schonen, denn gar Manches war bereits ruchtbar geworden. Inzwischen hatten sie vor, Feßlern nach Ungarn zu transportiren, um ihn dem Gesichtskreis zu entziehen, und desto schärfer züchtigen zu können.

»Anstatt dessen aber,« erzählt Feßler (16. Oct. 1782) weiter, »ereignete sich etwas, das sie nöthigte ihres Opfers auf einige Tage zu vergessen. Ganz unerwartet erschien eine kaiserliche Commission, an ihrer Spitze der Regierungsrath Hägelin in dem Kloster; der Guardian ward vorgerufen, und nach Klostergefängnissen gefragt. Seine Antwort war: »Von Gefängnissen wisse er nichts; nur eine Correctionszelle wäre da, in welche widerspänstige Geistliche auf einige Zeit gesetzt würden.« – Von ihm hingeführt, fand Hägelin in der Reihe der übrigen bewohnten Zellen eine, von den andern nur durch ein eisernes Gitter vor dem Fenster unterschieden, Hägelin damit nicht befriedigt, fragte dreymal den Guardian auf sein Gewissen und im Namen des Kaisers ob keine andern Gefängnisse im Kloster wären? und dreimal antwortete er mit »nein.« »Führen Sie uns in die Küche,« sagte Hägelin; und trotz aller Wendungen mußte der Guardian voraus fort. In der Küche wandte sich die Commission sogleich rechts in die Waschkammer, aus dieser weiter. Die kleine Thür mußte aufgeschlossen werden; da schien den Guardian eine Ohnmacht anzuwandeln. Der Locus delicti war nun entdeckt, eine Beschreibung davon wurde zu Protokoll genommen, worauf einige Layenbrüder die Gefangenen in den Speisesaal hinausführen mußten. Dort blieb die Commission mit den Unglücklichen allein, um sie zu verhören. Dabey ergab sich, daß drey, die Patres Florentinus und Paternus und der Layenbruder Nemesian bereits in völligen Wahnsinn gerathen waren. Da wurde der Löwenwärter gerufen, um an ihrer Stelle zu antworten. Aus seiner Aussage ergab sich, daß Nemesian, durch die Lehre seines Novitzmeisters, er müsse in allen Menschen Gott ehren und lieben, anfänglich in Schwärmerey, dann in die Thorheit verfiel, zu Hause und auf den Straßen vor jedem Menschen auf die Knie zu fallen und ihn um den Segen zu bitten. Um dieser Thorheit willen war er eingesperrt worden, er saß, 71 Jahre alt, im fünfzigsten Jahre.

P. Florentinus hatte, nach der Aussage des Löwenwärters, ein ungeheures Verbrechen begangen; er hatte, mehrmaliger Beschimpfungen wegen, seinem Guardian ein Paar Ohrfeigen versetzt: jetzt 73 Jahre alt, saß er im zwei und vierzigsten.

P. Paternus ging Nachmittags immer ohne Erlaubniß des Guardians aus dem Kloster, um Besuche zu machen, kam jedoch immer zur rechten Zeit nach Hause. Dieß willkührliche Auslaufen konnte ihm aber nicht gestattet werden, und da er es nicht lassen wollte, wurde er festgesetzt. Von 56 Jahren seines Alters verlebte er 15 im Gefängnisse.

Da die zwey übrigen bey vollkommenem Verstande waren, so wurde der Löwenwärter entlassen. Der Layenbruder Barnabas war, seiner Aussage nach, Kaufmannsdiener in Wien, hatte sich in seines Prinzipals Tochter verliebt, dieser ihm das Mädel verweigert; der Verliebte wurde aus Verzweiflung Capuziner. Während seines Probejahrs starb der Kaufmann; die Tochter schrieb ihrem Geliebten, er möchte austreten, kommen, und sie glücklich machen. Der Novitzenmeister unterschlug den Brief. Barnabas verpflichtet sich in seiner Unwissenheit durch die unauflöslichen Gelübde dem Orden. Bald darauf sieht ihn das Mädel bey der Messe dem Priester dienen, ruft ihn zur Pforte, erzählet was geschehen ist, überhäuft ihn mit Vorwürfen über seine Treulosigkeit. Er weiß von Allem nichts, läuft in äußerster Verzweiflung zu dem Guardian, wirft ihm Rosenkranz und Regel zu Füßen, mit der Erklärung, er wolle nimmer bethen, beichten noch von einem Pater dieses verdammten Ordens das Abendmal nehmen. Der Guardian ließ ihn ohne weiterm einschließen; er saß 9 Jahre und ist 38 Jahre alt.

P. Thuribius hatte mit Lust Wieland's, Gellert's, Rabener's &c. Schriften gelesen, und sich dieselben angeschafft. Der Guardian nahm sie ihm, als ketzerische und verbothene Bücher weg. Er fand Mittel sie nocheinmal zu bekommen. Der Guardian nahm sie zum zweiten Male. Zum dritten Male raufte er sich darum mit dem Guardian, es kam zum Handgemenge; Thuribius wurde nun in abgelegenem Klostergemach eingesperrt, so oft der Guardian mißlaunig war, in die Bibliothek geführt, auf den großen Tisch hingelegt, von Layenbrüdern gehalten, und vom Guardian mit Ochsensehnen geschlagen. Auf diese Weise hatte der arme Mensch gegen 600 Streiche in einem Jahre bekommen, bis der Layenbruder Florentianus Eder sich drohend vernehmen ließ, des Guardians Grausamkeiten gehörigen Ortes anzuzeigen. Thuribius wurde nach Wien gebracht und in das Gefängniß gesetzt. Er saß 5 Monate, 10 Tage und ist 28 Jahre alt.

Der Provinzial und der Guardian wurden sogleich von der dazu ermächtigten Commission, bis zur weitern Entscheidung des Kaisers, ab officio suspendirt, dem Kloster-Vicarius P. Isaak die Regierung übertragen, die fünf Unglücklichen an demselben Tage noch den barmherzigen Brüdern zur Pflege überliefert. An eben diesem Tage waren auch in allen andern Mönchs- und Nonnenklöstern durch die ganze Monarchie kaiserliche Commissionen erschienen; die Berichte derselben werden noch erwartet.

Den Capuzinern ahnet nichts Gutes.«

Feßler war dem Kaiser bald persönlich bekannt geworden. Joseph würdigte den so vielfach ausgezeichneten, jungen Mann und ernannte ihn zum Lector, alsbald dann zum Professor an der Lemberger Hochschule.

Noch während seines Aufenthaltes in Wien wurde Feßler mit Sternen ersten Glanzes näher bekannt z. B. mit Gebler, Born, Greiner, Sonnenfels &c.; Alle erkannten seinen hohen seltenen Werth.

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