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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 79
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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74. Josephs Sorge für das Studienwesen.

Der Kaiser war mit dem bestehenden Studienplane, wie man leicht denken kann, keineswegs zufrieden; und wie sehr es ihm am Herzen lag, ihn zu verbessern, und dem Geiste der Zeit, so wie den höhern Anforderungen, die er an die Aufklärung und Bildung seiner Unterthanen stellte, mehr anzupassen, geht aus seinem Erlaß vom 9. Februar 1790 (also gleichsam an der Pforte des Todes, 11 Tage vor seinem Hintritt), an den obersten Kanzler, Grafen von Kollowrat hervor. Dieses Schreiben lautet:

»Schon mehrmahl habe ich der Hofkanzley die von mehreren Seiten eingegangenen Klagen über die bey der jetzigen Einrichtung der Studien in der Monarchie bestehende Anhäufung der Lehrgegenstände mit Abbruch der zur Bildung tüchtigen Beamten für jede Geschäftsabtheilung höchst wichtigen Berufsstudien zu erkennen gegeben. Seitdem sind diese Klagen so allgemein geworden, daß umsichtsvolle Ältern es für Pflicht halten, ihre Söhne dem öffentlichen Unterrichte zu entziehen, weil dieser größtentheils nur im Memoriren, also in einem leeren Gedächtnißwerke, besteht, keineswegs aber die Jugend zum eigenen Nachdenken und Reflectiren anleitet; weil man nur die Außenseite zu schmücken sucht, und durch Beybringung oberflächlicher Kenntnisse und witziger Gedanken die Zeit verschwendet, wodurch der Jugend für das Erste, für die eigentlichen Berufsstudien und die dazu nöthigen Vorbereitungen keine Zeit übrig bleibt, auch ihr Geschmack dafür nicht gebildet wird, sondern vielmehr eine ganz falsche Richtung erhält. Auf diese Weise muß der größere Theil nach hinterlegter Studienzeit eben so schnell das, was er bloß herzusagen gelernt hat, wieder vergessen, oder wenn auch dieses der Fall nicht ist, einsehen lernen, daß er mit denjenigen Kenntnissen, die brauchbaren Staatsbeamten unermäßlich sind, nicht ausgerüstet ist. Da ein wesentlicher Punct in Erziehung und Bildung der Jugend, Religion und Moralität viel zu leichtsinnig behandelt, das Herz nicht gebildet, und eben so wenig das Gefühl für seine Standespflichten entwickelt wird, so vermißt der Staat dadurch den wesentlichen Vortheil, redliche, denkende und wohlgebildete Bürger sich erzogen zu haben.

Alle diese Betrachtungen haben mich bereits vor einigen Monathen veranlaßt, dem Hofrath Heinke, dessen Kenntnisse und Rechtschaffenheit vielseitig erprobt sind, den Auftrag zu ertheilen, einen mit aller Freymüthigkeit verfaßten Vorschlag zur Beseitigung dieser Gebrechen in den hiesigen Schulanstalten auszuarbeiten.

Ich überschicke Ihnen daher denjenigen Theil davon, der die Grundsätze enthält, welche festgestellt werden müssen, bevor der Plan für jeden einzelnen Zweig bearbeitet werden kann. Sie werden diese in einer bey der Kanzley abzuhaltenden eigenen Zusammentretung reiflich erwägen, wozu Sie nebst den Hofräthen Heinke und Birkenstock, dann dem im philosophischen Fache mir als besonders geschickt bekannten, für die Niederlande zur Direction dieses Studiums bestimmt gewesenen Mayer, noch ein oder das andere Individuum von der Studiencommission, so wie von der Hofkanzley, wenn Sie einige Räthe dazu geeignet finden, beyziehen werden.

Wenn die Commission über die Grundsätze sich vereiniget haben wird, so werden Sie dann die Bearbeitung der verschiedenen Lehrfächer einleiten, und die dazu verwendeten Individuen vorzüglich auf den wichtigen Umstand, von dessen genauer Ausführung allein ein glücklicher Erfolg von dem umgearbeiteten Studienplane zu erwarten ist, aufmerksam machen, daß eine genaue Verbindung der verschiedenen Lehrfächer in einem angemessenen Stufengange bestehe; daß die Schüler der Normalschulen für die Gymnasien vorbereitet werden, die Schüler der Gymnasien dagegen in der Philosophie nicht als in eine neue, ihnen bisher unbekannte Welt eintreten, und auch die philosophischen Lehrzweige in einer genauen Verbindung zu den höhern Wissenschaften stehen, und eine lehrreiche Vorbereitung für diese seyn sollen. Sie werden dann den ganzen neuen Plan mit der schließlichen Wohlmeinung dieser Commission Mir zur Entscheidung vorlegen, damit alsdann das Ganze der Studien-Commission gleich zur Ausführung könne vorgelegt werden.

Da es aber höchst wichtig ist, daß so wesentliche Gebrechen in kürzester Zeit beseitiget, und die angegebenen Verbesserungen um so gewisser schon im nächsten Schuljahre benützt werden, so trage Ich Ihnen auf, diejenigen Individuum, welchen diese Arbeit aufgetragen wird, in meinem Nahmen aufzufordern, alle ihre Kräfte aufzubiethen, um ein Geschäft zu beendigen, welches das Wohl ganzer Nationen wesentlich berührt.

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